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Jens Arnold, Michael Macsenaere u.a. (Hrsg.): Wirksamkeit der Erziehungsberatung

Cover Jens Arnold, Michael Macsenaere, Stephan Hiller (Hrsg.): Wirksamkeit der Erziehungsberatung. Ergebnisse der bundesweiten Studie Wir.EB. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 220 Seiten. ISBN 978-3-7841-2959-4. D: 22,00 EUR, A: 20,60 EUR.

Beiträge zur Erziehungshilfe, Band 45.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Wirksamkeit von Erziehungsberatung im institutionellen Kontext. Im Rahmen der Modellstudie „Wir.EB“ wurde das im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelte Instrument, welches die Wirksamkeit der Erziehungsberatung untersuchen sollte, in fast 100 Beratungsstellen bei mehr als 6.000 Beratungsprozessen eingesetzt. Neben der Wirksamkeit von Beratung aus Sicht der beratenden Fachkräfte als auch der zu Beratenden (Junge Menschen und ihre Eltern) stehen die zugrundeliegenden Wirkfaktoren genauso im Fokus der Modellstudie. Das Buch will die Beratungsstellen dabei unterstützen, ihre Außendarstellung durch den Nachweis der Wirksamkeit der Beratungsarbeit zu legitimieren. Beratungsstellenintern können die Ergebnisse der Studie für das eigene Qualitätsmanagement und die Verbesserung der Beratungsabläufe genutzt werden.

Herausgeber

  • Jens Arnold ist Diplom-Psychologe und Leiter der Fachsektion für Forschungsmethoden und Evaluation am Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz.
  • Prof. Dr. Michael Macsenaere ist Geschäftsführender Direktor am Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz.
  • Stephan Hiller ist Geschäftsführer des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V. in Freiburg.

Gastbeiträge

Folgende AutorInnen haben Gastbeiträge beigesteuert:

  • Prof. Dr. Christian Roesler (Professor für Klinische Psychologie und Arbeit mit Familien an der Katholischen Hochschule Freiburg),
  • Christian Krauß (Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Familien im Landkreis Kronach),
  • Melanie Kögel und
  • Roland Matlok (beide wissenschaftliche Mitarbeiter an der Katholischen Hochschule Freiburg)

Entstehungshintergrund

Die Erziehungsberatung wird von allen Erziehungshilfen am häufigsten in Anspruch genommen. Im Jahr 2014 waren es fast 500.000 Beratungen nach § 28 SGB VIII. Obwohl Erziehungsberatung zunehmend in Anspruch genommen wird, liegen vergleichsweise wenige Studien zu deren Wirksamkeit vor. Zumeist beschränken sich die Studien auf die Erhebung der Zufriedenheit mit der Erziehungsberatung.

2011 begann daher ein breites Bündnis von in der Erziehungsberatung Verantwortung Tragenden das zweieinhalbjährige Pilotprojekt „Wir.EB“ (Wirkungsevaluation in der Erziehungsberatung) ins Leben zu rufen. Aufgrund der Laufzeit des Forschungsprojektes (2014-2016), welches von der Stiftung Aktion Mensch finanziell gefördert wurde, konnten erstmals praktikable Instrumente entwickelt werden, die sowohl eine hohe Beteiligung der Klienten als auch den Erziehungsberatungsstellen eine aussagekräftige wirkungsorientierte Evaluation ihrer Arbeit ermöglichte.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 219 Seiten und ist in acht Kapitel gegliedert. Ein Vorwort und ein umfangreiches Literaturverzeichnis runden das Buch ab.

Im Vorwort verdeutlichen die Herausgeber den Entstehungshintergrund und das Ziel des Buches. Den Abschluss bildet ein Dank des Geschäftsführers des Bundesverbandes katholischer Einrichtungen und Dienste der Erziehungshilfen e.V. (BVkE) Stephan Hiller an alle am Projekt beteiligten Institutionen: die Beratungsstellen, die die mehr als 6.000 Beratungsfälle erhoben haben, den Projektbeirat und die Arbeitsgruppe des Projektes, der Stiftung Aktion Mensch e.V. für die finanzielle Unterstützung, dem Institut für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz für die wissenschaftliche Begleitung sowie nicht zuletzt den fast 100 Beratungsstellen für ihren Eigenanteil am Projekt.

In Kapitel 1 (Hintergrund, Ausgangssituation und Zielsetzungen der Studie) wird der Forschungsstand zur institutionellen Erziehungsberatung in Deutschland beschrieben (Anzahl, Dauer etc.). Deutlich wird, dass in vielen retrospektiven Studien lediglich die „Nutzerzufriedenheit“ (und diese zumeist in relativ kleinen Stichproben) erhoben wurde. In diesem Kapitel werden die Zielsetzungen der Studie beschrieben, die personelle Zusammensetzung des Projektbeirates aufgelistet, die Phasen des Projektes dargelegt und die Leitfragen des Forschungsvorhabens formuliert, wobei jedem Kapitel mindestens eine Leitfrage zugeordnet wird. Das Kapitel schließt mit der Benennung der Zielgruppe des Forschungsprojektes bzw. seiner Ergebnisse (Erziehungsberatungsstellen und integrierte Beratungsstellen) und den Beweggründen für die Evaluation (Legitimation der Beratungsarbeit in der Außendarstellung, z.B. gegenüber den Kostenträgern).

In Kapitel 2 (Konzeption, Design und Ablauf der Evaluation) wird das prospektive Längsschnitt-Forschungsdesign vorgestellt. Die Autoren greifen dabei auf den sog. „Capability Approach“ nach Amartya Sen und Martha Nussbaum zurück, der die Verwirklichungschancen bzw. Grundbefähigungen für ein gelingendes Leben der Klienten in den Mittelpunkt der Evaluation rückt. Der „Capability Approach“ wurde dabei vom Forschungsteam „übersetzt“, um ihn auf die Bedarfe der Erziehungsberatung anzuwenden. Das neu entwickelte Instrumentarium umfasst insgesamt 13 Capability-Dimensionen, die die von Nussbaum beschriebenen zehn Grunddimensionen vollständig abdecken und sich auf drei Dimensionen (Junger Mensch, Familie und Eltern) aufteilen.

Dimensionen Junger Mensch:

  • Capa 1: Körperliche und psychische Integrität/ Gesundheit
  • Capa 2: Lernen und Leistung, Bildung, geistige Fähigkeiten
  • Capa 3: Fähigkeiten zur Bewältigung und Schutzfaktoren (Resilienz)
  • Capa 4: Sozioemotionale Fähigkeiten
  • Capa 5: Eigenständigkeit (Autonomie) und Teilhabe
  • Capa 6: Freizeitaktivitäten und -kompetenzen

Dimensionen Familie:

  • Capa 7: Wohnen und Leben
  • Capa 8: Zusammenleben/ familiäre Beziehungen
  • Capa 9: Schutz und Versorgung

Dimensionen Eltern:

  • Capa 10: Körperliche und psychische Integrität/ Gesundheit
  • Capa 11: Fähigkeiten zur Bewältigung und Schutzfaktoren (elternbezogen)
  • Capa 12: Werte/ Ethik/erziehungsleitende Vorstellungen
  • Capa 13: Erziehungskompetenz

Zu jeder der 13 Dimensionen wurde im Erhebungsbogen eine konkrete Frage formuliert, die auf sechs Antwortstufen (von gar nicht zutreffend bis völlig zutreffend) eingeschätzt werden sollte.

Kapitel 3 (Datengrundlage und Merkmale der untersuchten Beratungsprozesse) widmet sich der Beschreibung der Datengrundlage. Die Datenerhebung fand in 88 Beratungsstellen statt. Zu zwei Erhebungszeitpunkten (t1 - Beginn der Beratung und t2 - Verlaufs- oder Abschlusserhebung) wurden Erhebungen zur wahrgenommenen Wirksamkeit bei den Jungen Menschen, Eltern und den Beratern bzw. Beraterinnen durchgeführt. Bei ca. 70 % der begonnenen Dokumentationen liegt auch eine t2-Erhebung vor. Die Repräsentativität der erhobenen Daten wurde durch einen Vergleich mit der Bundesstatistik untersucht.

Im Kapitel 4 (Erfahrungswerte bei der Durchführung der Evaluation) steht die Evaluation im Mittelpunkt des Interesses. Es werden einerseits die Rückmeldungen der teilnehmenden Beratungsstellen qualitativ ausgewertet und deren Anmerkungen zu Optimierungsmöglichkeiten skizziert. Des Weiteren werden quantitative Ergebnisse zur Vollständigkeit der Fragebögen dargelegt.

Kapitel 5 (Ergebnisse zur Wirksamkeit der Erziehungsberatung) präsentiert die zentralen Ergebnisse der Studie zur Wirksamkeit der Erziehungsberatung auf Basis von rund 4.000 Beratungsprozessen, d.h. Beratungen, die mindestens eine abschließende t2-Dokumentation aufweisen konnten. Fünf Wirkungsindikatoren wurden untersucht:

  1. Prospektiv-längsschnittlich erhobene Veränderungswirkungen auf Gesamtebene
  2. Prospektiv-längsschnittlich erhobene Veränderungswirkungen getrennt nach intendierten und nicht-intendierten Wirkungen
  3. Retrospektive Wirksamkeitseinschätzungen
  4. Retrospektive Wirksamkeitseinschätzungen getrennt nach intendierten und nicht-intendierten Wirkungen
  5. Globale Zufriedenheitseinschätzungen

Das Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse zur Wirksamkeit. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass Erziehungsberatung sehr viele positive Veränderungen in Familien sowie der Lebensqualität der Jungen Menschen und Eltern bewirken kann. Ein interessantes Teilergebnis ist, dass die Einschätzungen von Berater(inn)en, Eltern und Jungen Menschen häufig sehr hohe Übereinstimmungsgrade aufweisen.

Kapitel 6 (Überprüfung der Instrumente) widmet sich der kritischen Überprüfung des verwendeten Instrumentariums der Studie. Neben der Reliabilität wurden auch Beurteilerübereinstimmungen, Trennschärfen und Itemschwierigkeiten überprüft.

Kapitel 7 (Wirkfaktoren der Erziehungsberatung) widmet sich den Merkmalen, die mit den beschriebenen Effekten bzw. der Wirksamkeit der Erziehungsberatung im Zusammenhang stehen bzw. diese „moderierend“ beeinflussen können. Dabei konzentrieren sich die Autoren auf den Qualitätsbegriff von Donabedian und untersuchen die drei zentralen Dimensionen von Qualität: Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität. Auf der Strukturebene zeigen sich folgende Merkmale als wirkungsvoll bei der Erziehungsberatung:

  • Frühzeitige Erstgespräche innerhalb von vier Wochen nach Anmeldung
  • Höhere Anzahl von Fortbildungstagen pro Beratungsfachkraft
  • Multidisziplinarität bzw. Breite der Zusatzqualifikationen
  • Bei den Jungen Menschen eine ausführliche Fachdiagnostik und eine Kooperation mit anderen Diensten/Anbietern nach §§ 29-35 SGB VIII

Als prozess- und einzelfallbezogene positive Einflussfaktoren haben sich herausgestellt:

  • Planmäßige, den Beratungszielen nach einvernehmliche Beendigung der Erziehungsberatung
  • Höhere Anzahl an Beratungssitzungen
  • Initiierung der Beratung durch die Eltern
  • Beteiligung beider Eltern oder der Mütter an der Beratung

Kapitel 8 (Schlussbetrachtung und Ausblick) gibt einen zusammenfassenden Überblick über die zentralen Ergebnisse der Wirkungsevaluation der Erziehungsberatung und geht auf die Perspektiven für den Einsatz der Instrumente (z.B. in den Arbeitsfeldern Online-Beratung und Lebensberatung) und zukünftige Forschungsvorhaben (z.B. Untersuchung von länger laufenden Beratungsprozessen, quasiexperimentelle Forschungsdesigns) ein.

Das Buch schließt mit einem umfangreichen Literaturverzeichnis, das zum Weiterlesen, Weiterstudieren, Weiterdenken anregt.

Diskussion und Fazit

Das Buch ist innovativ und praxisnah. Den Autoren ist es gelungen, ein gut strukturiertes Werk vorzulegen, das dem Leser die methodische Vorgehensweise bei der Durchführung der Studie gründlich und nachvollziehbar beschreibt. Der der Studie zugrundeliegende theoretische Ansatz des „Capability Approach“ wird verständlich beschrieben. Die Operationalisierung dieses Ansatzes im Forschungsdesign der Studie ist gut nachvollziehbar.

Zwar finden sich teilweise einige Wiederholungen bei der Ergebnisdarstellung, aber das Buch überzeugt insgesamt klar durch seine Verständlichkeit in der Darstellung und Ausdrucksweise, das über die Wiederholungen leicht hinweggesehen werden kann, zumal diese auch die Hauptaussagen der Studie zur Wirksamkeit der Erziehungsberatung noch einmal unterstreichen.


Rezensentin
Dr. Anke Höhne
Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hamburger Fern-Hochschule (Fachbereich Gesundheit und Pflege) und freiberuflich tätig in eigener Praxis als Systemische Beraterin und Coach
Homepage www.anke-hoehne.de
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Zitiervorschlag
Anke Höhne. Rezension vom 04.05.2018 zu: Jens Arnold, Michael Macsenaere, Stephan Hiller (Hrsg.): Wirksamkeit der Erziehungsberatung. Ergebnisse der bundesweiten Studie Wir.EB. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-2959-4. Beiträge zur Erziehungshilfe, Band 45. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23484.php, Datum des Zugriffs 21.07.2018.


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