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Michael Behr, Dorothea Hüsson u.a.: Gespräche hilfreich führen, Band 1

Cover Michael Behr, Dorothea Hüsson, Hans-Jürgen Luderer, Susanne Vahrenkamp: Gespräche hilfreich führen. Band 1: Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie personzentriert – erlebnisaktivierend – dialogisch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 140 Seiten. ISBN 978-3-7799-3165-2. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema

„Gespräche hilfreich führen“ stellt einen Beitrag zur Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie für verschiedene Professionen in psychosozialen Hilfesystemen dar. Theoretische Grundlage dafür ist der personzentrierte Ansatz von Carl Rogers (1902-1987) und seine Weiterentwicklung bis heute. Hierfür steht der Begriff personzentriert-experienziell, dessen Zielrichtungen im Untertitel „personzentriert – erlebnisaktivierend – dialogisch“ anklingen. Die Kernanliegen des Bandes bestehen darin, zu zeigen, was personzentrierte Arbeit aktuell beinhaltet und wie sie sich in der Praxis gestaltet.

Autorinnen und Autoren

  • Prof. Dr. Michael Behr ist Psychologe und Professor für Pädagogische Psychologie und Beratung an der Pädagogischen Hochschule in Schwäbisch Gmünd und wissenschaftlicher Leiter des 1995 gegründeten Instituts für Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung (IGB) Stuttgart. Er publiziert und forscht zur Psychotherapie und Beratung und zu psychosozialen Themen in Erziehung und Schule; weitere Arbeitsschwerpunkte sind Spieltherapie, Gesprächspsychotherapie und Gesprächsführung.
  • Dipl.-Soz.Päd. und Kinder-und Jugendlichenpsychotherapeutin Dorothea Hüsson ist Ausbilderin für personzentrierte Beratung und Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen am IGB und arbeitet im Weiteren in eigener Praxisgemeinschaft sowie an der PH Schwäbisch Gmünd im Studiengang Kindheitspädagogik. Arbeitsschwerpunkte sind Erziehungsberatung, Therapie mit traumatisierten Menschen und Beratung und Kinderpsychotherapie.
  • Prof. Dr. med. Hans-Jürgen Luderer ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und war bis 2014 u.a. als Chefarzt am Klinikum am Weißenhof in Weinsberg tätig. Er ist wissenschaftlicher Leiter und Koordinator des Weiterbildungsbereichs Personzentrierte Psychotherapie am IGB. Arbeitsschwerpunkte sind die Integration des Personzentrierten Ansatz und Psychiatrie und personzentrierte Suchttherapie.
  • Dipl.-Psych. Susanne Vahrenkamp war ebenso als Ausbildnerin und als Supervisiorin am IGB tätig. Sie verstarb im Jahr 2017.

Entstehungshintergrund

Der Band versteht sich als Grundlagen – Buch für die Praxis, Weiterbildung und Training und entstand auf dem Hintergrund der jahrlangen Erfahrung der Autoren in der Leitung von Weiterbildungskursen zur personzentrierten Beratung und Gesprächspsychotherapie.

Aufbau

Das Buch ist in sechs Kapitel gegliedert, die ihrerseits in mehrere Unterkapitel und Abschnitte differenziert sind. Die Kapitel beinhalten viele Praxisbeispiele, die grafisch hervorgehoben sind. Hervorgehoben sind im Weiteren Kernthemen (Box) sowie Zusammenfassungen (Auf den Punkt gebracht), Reflexions- und Diskussionsfragen (Zum Reflektieren und Diskutieren) und Arbeitstipps. Letztere beinhalten Lesetipps, bestehend aus einschlägiger Fachliteratur und Belletristik, zum Teil sind auch Musik-und Filmtipps angegeben. Unter Web-Tipps wird auf Übungsmaterialien des IGB zum jeweiligen Thema verwiesen.

Kapitel 1 „Einleitung“ gibt einen Überblick u.a. über die Absichten des Buches, Entstehung und Zielgruppe. Darüber hinaus beschreiben die Autoren, wie sie ihr Anliegen der leichten Lesbarkeit umgesetzt haben.

Kapitel 2 „Die Persönlichkeitstheorie“ stellt die theoretischen Grundlagen personzentrierter Beratung dar, wie sie von Rogers entwickelt wurden. Eingegangen wird auf die Entwicklungs- und Störungstheorie sowie die Veränderungs- und Interventionstheorie. Damit verbundene zentrale Begriffe wie organismische Erfahrungen, Selbstbild, Inkongruenz, Symbolisierung, Selbstexploration, Non-Direktivität, konstruierte Realität, Aktualisierungstendenz werden prägnant erläutert. Erste Hinweise über Weiterentwicklungen werden gegeben und in den Abschnitten Die dialogische Beziehung (Kap. 2.3.3) und Theorie der seelischen Gesundheit (2.4) diskutiert. Gezeigt wird, in welcher Beziehung die Erweiterungen zur Persönlichkeits- und Veränderungstheorie von Rogers stehen, und deren Anschlussfähigkeit wird verdeutlicht.

Kapitel 3 „Die helfende Beziehung: drei Kernbedingungen und zwei Beziehungsangebote“ führt zuerst die Interventionstheorie mit „den berühmten drei personzentrierten Kernbedingungen (.) einfühlend, wertschätzend und echt sein“ aus (S. 38). Nachvollziehbar wird gemacht, dass es sich nicht nur um Haltungen, sondern auch um Interventionen handelt, deren Umsetzung und Erlernen anspruchsvoll ist. Besonders zeigt sich dies im Kapitel „Einfühlend reagieren für Fortgeschrittene“ (Kap. 3.4), in dem unterschiedliche Arten von empathischen Reaktionen, deren Indikation und Wirkung dargestellt werden. Einfühlendes Reagieren wird im Folgekapitel (3.5) als begleitendes Beziehungsangebot bezeichnet und vom dialogischen Beziehungsangebot unterschieden, in dessen Mittelpunkt das Konfrontieren steht. Auch hier werden Indikation, Ziele und Vorgehensweisen ausführlich beschrieben.

Kapitel 4 „Schlüsselstellen im Ablauf von Gesprächen“ konzentriert sich auf den Gesprächsführungsprozess und stellt dazu auf das bekannte Handlungsphasen-Modell bzw. Rubikon Modell von Heckhausen, Gollwitzer & Weinert sowie auf Wirkprinzipien von Therapie gemäss Grawe ab, wonach psychische Veränderungen auf unterschiedlichen psychischen Prozessen beruhen, die entsprechend unterschiedliche Interventionen erfordern. Die klassische personzentrierte Arbeit, der es um Klärung von Gefühlen und Motiven geht, wird somit erweitert und mit Grundsätzen der personzentrierten Arbeit in Verbindung gebracht.

Kapitel 5 „Mehr als drei Kernbedingungen: erlebnisaktivierende Methoden“ fokussiert auf das Gesamt der Erweiterung des methodischen Repertoires personzentrierten Arbeitens. Zur Sprache kommen: die Focusing-Methode, Methoden der Emotionsfokussierten Therapie, die Traumarbeit, Zeichnen und Gestalten, Entscheidungsprozesse unterstützen, Problemlösen aktivieren, Konfliktbearbeitung durch Rollenspiel. Bei der Methodenintegration achten die Autoren darauf, sie möglichst genau zu beschreiben, weisen, wo vorhanden, auf Indikationen der Methoden im personzentrierten Ansatz hin und geben im Weiteren Hinweise für den haltungsadäquaten Einsatz der Methoden.

Kapitel 6 „Das fachliche Umfeld der personzentrierten Beratung und Gesprächspsychotherapie“ greift allgemeine Themen zur Beratung und Psychotherapie auf, wie etwa die Frage nach der Anzahl unterscheidbarer Verfahren oder nach dem Niederschlag der verschiedenen Verfahren in der professionellen Praxis. Hingewiesen wird in diesem Zusammenhang auf den 2. Band, der über Wirksamkeitsforschung berichten soll. Thematisiert wird im Weiteren die Unterscheidung zwischen Beratung und Psychotherapie, die eher marginalisiert und an „Kontext, Institutionen, Selbstverständnis oder juristischen Fragen“ (S. 212) festgemacht wird. Den Abschluss bilden Hinweise auf Bücher, Fachzeitschriften, Organisationen und Websites, Tagungen und Konferenzen, Weiterbildungen und Trainings sowie das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Zur personzentrierten Beratung in der Praxis existieren zahlreiche Publikationen. Das vorliegende Buch hebt sich von diesen zum einen durch seine ausgezeichnete Didaktik ab, zum anderen durch eine erweiterte theoretische und methodische Perspektive. Didaktisch zeichnet sich das Buch aus durch eine sehr klare Struktur, einem ansprechenden und sorgfältigen Schreibstil, einer gelungenen Schwerpunktsetzung und Auswahl von Praxisbeispielen. Leser und Leserinnen werden mit Leichtigkeit sowohl durch die theoretischen Grundlagen des personzentrierten Ansatzes und seiner praktischen Verwendung als auch seiner theoretisch – methodischen Erweiterung geführt. Nicht nur die Praxisbeispiele, sondern auch die Zusammenfassungen und Themenboxen, in denen historische oder theoretische Aspekte vertieft werden, sorgen für eine gute Nachvollziehbarkeit. Insbesondere für die Integration der im fünften Kapitel beschriebenen Methoden in den personzentrierten Ansatz erweisen sich die Themenboxen als ein hilfreiches Mittel. So wird stets deutlich, wie die Prinzipien personzentrierter Arbeit auch bei der Integration anderer Methoden erhalten bleiben. Insgesamt ist den Autoren ihr Vorhaben der leichten Lesbarkeit hervorragend gelungen!

Als Befürworterin eines integrativen Beratungsansatzes hat mir besonders der dazu beschrittene Weg gefallen. Personzentrierte Beratung als integrativen Beratungsansatz zu beschreiben, ist grundsätzlich nicht neu, in der Konkretisierung integrierbarer Methoden jedoch noch wenig ausgeführt. Hierzu legen die Autoren einen ersten plausiblen 'grösseren Wurf' vor, der sich u.a. aus sozialtheoretischen (dialogischer Ansatz), persönlichkeitstheoretischen (pluralistisches Selbstkonzept), handlungstheoretischen (Schlüsselstellen) Erweiterungen des originären Ansatzes speist, was gerade für Beratungsprofessionen, insbesondere auch die Soziale Arbeit, gewinnbringend ist. Freilich bleiben theoretisch Interessierte gewissermassen auf der Strecke. Wohl ist erfahrbar, in welchen theoretischen und methodischen Hinsichten die personzentrierte Arbeit erweitert wurde. Darüber, welcher Integrationsmodus jeweils angelegt wurde und welche Inkompatibilitäten (etwa anthropologisch, erkenntnistheoretisch, ethisch) dabei zu überwinden waren bzw. nicht zu überwinden sind, ist explizit kein Thema. Auf dem Hintergrund eines praxisbezogenen Buches ist das Fehlen dieser Thematik jedoch einsehbar.

Unschlüssig bleibt letztlich die Wahl des Titels. „Gespräche hilfreich führen“, kann, wie der Band selbst zeigt, auf verschiedene Arten und Weisen erfolgen. Der Haupttitel könnte suggerieren, dass nur aufgrund der gewählten theoretischen Perspektiven Gespräche hilfreich sind. Passender erschiene mir insofern, den Titel des Bandes „Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie“ zum Haupttitel zu machen und den Haupttitel „Gespräche hilfreich führen“ zum Untertitel.

Hieran schliesst auch die eher kritische Betrachtung des sechsten Kapitels an. Wenn auch nicht prozessbezogen, so bestehen aus Sicht der Rezensentin gegenstands- und mitunter zielbezogen zwischen Beratung und Psychotherapie doch deutliche Unterschiede, die in ihrer kommunikativen Bearbeitung auch Berücksichtigung finden müssten. Theoretisch-methodische Erweiterungen sind dann nicht nur im Hinblick auf Probleme der Inkongruenz oder anderweitiger psychischer Mechanismen notwendig, sondern etwa auf Probleme der Diskriminierung, der Isolation, der Heteronomie, des tiefen Status u.a.m. Ob, und wenn ja, wie Beratung hier einen Beitrag leisten kann zur Bearbeitung solcher Probleme ist bekanntlich ein Interessensgebiet der Sozialen Arbeit. Was den aktuellen Stand betrifft, kann ein Gespräch dann nicht nur im Sinne der Hilfe zur Selbsthilfe (Beratung) hilfreich sein, sondern bspw. auch auf Empowerment oder Kompetenzentwicklung orientierte Gespräche, die dann vor allem dialogisch ausgerichtet sind. Hier könnten dann andere Ansätze, die gleichwohl die Regeln des Beziehungsaufbaus berücksichtigen müssen, in den Vordergrund treten.

Fazit

Das Buch ist allen Personen zu empfehlen, die sich in personzentrierter Beratung einarbeiten und vertiefen wollen und ein äussert hilfreicher Wegbegleiter in der Aus- bzw. Weiterbildung zu personzentrierten Beratenden. Es eignet sich ebenso für gesprächserfahrene Personen, die ihre Gesprächsführungskompetenzen spezifisch erweitern wollen. In Grundausbildungen psychosozialer Professionen, in deren Mittelpunkt der Aufbau von allgemeiner Gesprächsführungskompetenz steht, empfiehlt sich insbesondere das Kapitel zur helfenden Beziehung.


Rezensentin
Dr. phil. Dipl.- Päd. Petra Gregusch
Dozentin an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW), Departement Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Petra Gregusch. Rezension vom 12.01.2018 zu: Michael Behr, Dorothea Hüsson, Hans-Jürgen Luderer, Susanne Vahrenkamp: Gespräche hilfreich führen. Band 1: Praxis der Beratung und Gesprächspsychotherapie personzentriert – erlebnisaktivierend – dialogisch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3165-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23487.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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