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Wolfgang Stadler (Hrsg.): Stadt - Land - Fluss. Soziales Wohnen in der Zukunft

Cover Wolfgang Stadler (Hrsg.): Stadt - Land - Fluss. Soziales Wohnen in der Zukunft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 160 Seiten. ISBN 978-3-7799-3522-3. D: 20,00 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,00 sFr.

Sonderband TUP - Theorie und Praxis 2017.
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Thema

Bezahlbarer Wohnraum ist inzwischen allemal ein Thema der Tagespolitik. In vielen Großstädten müssen Familien für ihre Miete so viel aufbringen, dass ihnen ein nur noch geringer Teil ihres Einkommens für ihre alltägliche Lebensführung übrig bleibt. Dieser Umstand führt nicht nur zu der Frage nach einem bezahlbaren und lebensstilsichernden Wohnraum, sondern zu der Frage, wie sehr das Grundbedürfnis Wohnen der Marktlogik überlassen werden kann. Sozialverträgliches Wohnen in den Städten kann nicht nur durch soziale Wohnbaugesellschaften in den Kommunen für eine bedürftige Klientel sichergestellt werden, sondern muss auch durch eine Regulierung des Wohnungsmarktes erfolgen. Gerade Großstädte sind zunehmend von einer sozialräumlichen Spaltung bedroht; sozialräumliche Segregationsprozesse führen zu einer zunehmenden Privilegierung und Benachteiligung von Wohnquartieren und deren Bewohnerschaft und zu einer sich immer stärker ausprägenden Ungleichheit im Zugang zur Urbanität der Stadt und zu deren Infrastruktur. Das gefährdet die Integrationspotentiale der Städte und Kommunen.

Herausgeber

Wolfgang Stadler ist Bundesvorsitzender der Arbeiterwohlfahrt (AWO)

Autorinnen und Autoren

Die Autorinnen und Autoren kommen aus den Bereichen der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, der Stadtplanung, der Geographie und der Erziehungswissenschaften, der Psychotherapie und arbeiten zum Teil beim Bundesverband und den Landesverbänden der Arbeiterwohlfahrt.

Aufbau und Inhalt

Nach einem kurzen Editorial des Herausgebers folgen 17 kurze Beiträge, die im Folgenden vorgestellt werden.

Zu: Stadt – Land – Fluss. Soziales Wohnen in der Zukunft. Zum Sonderband 2017 (Peter Kuleßa, Berit Gründler). Dieser Beitrag darf als Einleitungskapitel des Bandes verstanden werden. Die Autorin und der Autor stellen die Problematik der heutigen sozialen Wohnraumversorgung angesichts des Rückzugs des Staates aus der sozialen Wohnbauförderung und den Verwerfungen auf dem Wohnungsmarkt vor allem in den Großstädten vor. Wohnen wird zur Ware. Eigentlich war die Wohnung nie frei von der Frage, was sie kosten soll oder darf. Aber es gab eine Zeit, in der die Wohnung zu einem existenziellen Grundbedürfnis gehörte; ohne eine Wohnung zu haben oder von Wohnungslosigkeit bedroht zu sein, gefährdete die soziale Integration auf existenzielle Weise. Darüber herrschte eine gewisse Einigkeit. Was also passiert, wenn staatliche Wohnungspolitik fehlt und alles dem Markt überlassen bleibt? fragen die Autorin und der Autor weiter und hat nicht Wohnungspolitik eine sozialpolitische Dimension, die weit über das hinausgeht, was die Versorgung mit Wohnraum für die Armen und von Exklusion Bedrohten bedeutet? Es geht also in diesem Sonderband um das sozialverträgliche Wohnen, um die Frage, ob Wohnen mehr ist als nur ein Dach über dem Kopf zu haben und vor den Unbillen der Natur geschützt zu sein und welche Verantwortung haben in diesem Kontext Stadtentwicklung, Stadtplanung und Architektur?

Zu: Wohnungsmarkt in Deutschland: Lage, Perspektiven und staatliche Regulierung (Konstantin A. Kholodilin). Der Autor beschäftigt sich zunächst mit der Analyse des Wohnungsmarkts, mit der Entwicklung der Immobilienpreise und der wachsenden Nachfrage nach Wohnraum. Er nennt steigende Zahlen der Haushalte und Wohnungsbaukredite und diskutiert dann die Angebotsseite, die von einem wachsenden Wohnungsbau gekennzeichnet ist. Trotzdem deckt der Wohnungsbau den Bedarf nicht. Wie reagiert der Staat auf diese Lage auf dem Wohnungsmarkt? Der Autor spricht vom Regulierungschaos, von einer Politik, die die Preise steigen lässt und die Bautätigkeit senkt. Diese Überlegungen werden mit Argumenten und Zahlen untermauert und ausführlich diskutiert.

Zu: PLACEBOOK. Beobachtungen zu Architektur und Stadt im urbanen Millennium (Nikolaus Knebel). Der Autor stellt eine Reihe von Städten vor, in denen er die Architektur der Stadt, ihre Urbanität und ihre innere Struktur analysiert und die Städte einbindet in die sozialen und kulturellen Eigenheit der Länder, in denen sie stehen. Es handelt sich um Los Angeles, USA; Hatsudai, Japan; Addis Abeba, Äthiopien; Maskat Oman; Shivajinagar, Indien; Casablanca, Marokko; Ang Mo Kio, Singapur; Kopenhagen, Dänemark; Undri Pisoli, Indien und schließlich Johanneskirchen, Deutschland. Das Herausfinden des Trennenden und des Verbindenden ist dem oder der Leser(in) überlassen – wenn dies überhaupt beabsichtigt ist.

Zu: Städte im Datenrausch (Julia Manske). Die Autorin setzt sich mit der Datenflut und ihrer Verarbeitung in den Städten auseinander. Diese hilft offensichtlich weniger den Bürgerinnen und Bürgern als den Wirtschaftsunternehmen, vor allem den Großunternehmen. Die Idee der Smart City ist demnach auch kritisch zu sehen; Städte werden konfigurierbar und die Autorin fragt, ob nicht dadurch der Staat und die Politik obsolet werden. Wie kann angesichts zunehmender datentechnischer Vernetzung die Privatsphäre der Bürger geschützt werden? Die Autorin geht mit dieser Frage kritisch ins Gericht und warnt vor einem allzu großen Nutzen. Deutschland täte gut daran, dem globalen Smart-City-Trend nicht zu folgen, zumal die Idee der vernetzten Stadt aus anderen Kulturkreisen kommt und mit anderen Stadtverständnissen verbunden ist. Sie kommt aus Lateinamerika und Asien.

Zu: Wohnen als Armutsfalle (Werena Rosenke). Die Autorin setzt sich aus der Perspektive der Wohnungslosenhilfe mit der Wohnungsnot und den Folgen des Verlustes der Wohnung für die Betroffenen auseinander. Sie stellt die Definition des Wohnungsnotfalls ausführlich vor und geht dann auf die Armutsfalle Wohnen ein, wobei sie Wohnungsnot und Wohnungslosigkeit als das Ergebnis (sozial-)politischer Entscheidungen und Entwicklungen in den Städten ausmacht. Im Kontext der Verwerfungen auf den Wohnungsmärkten müssen dann auch die Wohnungsnotfälle diskutiert werden, sind es doch die Bezieher niedriger Einkommen, die irgendwann so viel für die Miete ausgeben müssen, dass der Rest nicht mehr zum Leben reicht. Diese Argumentation wird mit Zahlen und Fakten untermauert. Die Autorin geht dabei auf die Wege in die Wohnungslosigkeit ein und beschreibt die Dimensionen sozialer Exklusion von wohnungslosen Menschen. Sie diskutiert dann die ordnungsrechtliche Unterbringung, Formen verdeckter Wohnungslosigkeit und die damit verbundenen Folgen, wie soziale Ausgrenzung und der mangelnde Teilhabe am Arbeitsleben.

Zu: Wohnen im Alter. Antwortversuche auf eine wachsende Herausforderung der Kommunen (Bernadette Bueren, Oliver Klingelberg). Der demographische Wandel, insbesondere die zunehmende Alterung der Bevölkerung stellt Kommunen vor größere Herausforderungen, die die Autorin und der Autor in diesem Beitrag diskutieren. Sie schildern die Situation der Stadt Bielefeld, die zugleich die Folie ist, auf der Bueren und Klingenberg argumentieren. Sie stellen das Bielefelder Modell vor. Es geht um Wohnen im Quartier mit einer gewissen Versorgungssicherheit, aber ohne Betreuungspauschale. Dieses Modell hat das Ziel, ein selbstbestimmtes und quartiersbezogenes Wohnen in einem von den Alten gewünschten Wohnumfeld anzubieten. Dieses Modell wird mit allen Facetten und Aspekten vorgestellt. Weiter werden gemeinschaftliche Wohnprojekte diskutiert, in denen es darum geht, Menschen der Generation 50plus dabei zu unterstützen, ein auf Selbsthilfe basiertes Wohnen in einer verbindlichen Nachbarschaft zu realisieren. Dies alles bedarf der kommunalen Unterstützung.

Zu: Neues Wohnen, neues Leben. Passgenaue Wohnformen und individuelle Unterstützung für das Leben im Alter (Stefanie Fraaß, Thomas Beyer). Nach einer allgemeinen Einschätzung der demographischen Entwicklung bezüglich des Alterns und einer kurzen Analyse der Versorgungssituation im Alter in Deutschland diskutieren Fraaß und Beyer Wohnen und Pflege im Alter vor dem Hintergrund des bürgerschaftlichen Engagements und des Ehrenamts. Dabei spielen nachbarschaftliche Unterstützungssysteme und Seniorengenossenschaften eine entscheidende Rolle; es geht um Hilfe auf Gegenseitigkeit, um Unterstützung derer, die Hilfe brauchen und um verschiedene Modi der Verrechnung. Der Schlüssel ist des Weiteren der Grad der Verbindlichkeit. Dies wird an Hand von Beispielen verdeutlicht.

Zu: Housing First in Wien: Eigenständiges Wohnen und Selbstbestimmung (Claudia Halbartschlager, Elisabeth Hammer). Die Autorinnen stellen eine Wiener Sozialorganisation vor, die in Bereichen Gesundheit und Wohnen Angebote für Wohnungslose bzw. sozial benachteiligte Menschen macht. Neunerhaus wurde 1999 gegründet und betreibt in Wien drei Wohnhäuser, in denen Menschen sozialarbeiterisch unterstützt und mit Wohnraum versorgt werden. Mit Housing First wird das Recht auf Wohnen verbunden, das es umfassend umzusetzen gilt. Es geht um ein gesichertes und eigenständiges Wohnen, das den Schutz der Privatsphäre zusichert und ein selbstbestimmtes Wohnen ermöglichen soll. Auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Diskurse diskutieren die Autorinnen die Deinstitutionalisierung in der Wohnungslosenhilfe; es geht um einen Weg, der weg führt von der institutionellen Unterbringung und hin führt zu einem eigenständigen dislozierten Wohnen. Dies wird ausführlich beschrieben und diskutiert. Es geht des Weiteren um Beteiligung, Selbstbestimmung und Freiwilligkeit als Basis für einen vom Individuum selbst entschiedenen Lebensstil.

Zu: Sozialraumorientierung und wohnortnahe Dienstleistung – ein Ausblick (Brigitte Döcker). Die Autorin versteht hier Sozialraumorientierung als örtliche Ausrichtung Sozialer Arbeit und eines bürgerschaftlichen Engagements in der der Nachbarschaft (72). Gelungene Sozialraumorientierung trägt zum Zusammenhalt auf lokaler Ebene bei und verbessert die Lebensqualität der Menschen. Die Autorin beschreibt zunächst die Situation der Altenhilfe und die damit verbundenen Herausforderungen im Sozialraum vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung einerseits und dem Wunsch der alten Menschen, in ihrer häuslichen Umgebung alt zu werden und ihr Alter zu verbringen andererseits. Kommunen gehen dabei unterschiedlich mit der Situation um, wie die Autorin an Hand einer Studie nachweist. Entweder sind Kommunen darauf eingerichtet, eine institutionelle Versorgung sicherzustellen oder sie bieten ein diversifiziertes Angebot ambulanter häuslicher Pflege und Versorgung. Solche Kommunen können bei der Ausgestaltung ambulanter Pflege auf vier Steuerungsgrundsätze zurückgreifen:

  • Aufbau effektiver Vernetzungsgremien,
  • aktive Nutzung von Gestaltungsmöglichkeiten der Kommunalverwaltung,
  • Beratung kommunaler Träger und Investoren,
  • Auszeiten für pflegende Angehörige durch Tagespflege.

Die Autorin erörtert dann die Grundlagen der Sozialraumarbeit, die mit der Bedeutung von Nachbarschaften und freiwilligen Unterstützungsleistungen verbunden ist. Sie stellt dann die Rolle der AWO in diesem Kontext dar und diskutiert Fragen des Zusammenwirkens mit der Kommune.

Zu: Inklusiver Wohnraum für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen (Sabine Bösing). Auf der Basis eines Projektes, das vom Paritätischen Gesamtverbund, vier Landesverbänden und sieben Trägern der psychiatrischen Versorgung durchgeführt wurde, und vor dem Hintergrund der Anforderung an inklusives Wohnen erörtert die Autorin Fragen, die sich auf die Wohnsituation von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen beziehen. Ziel des Projektes war es, mehr selbstbestimmte inklusive Wohnformen für diese Gruppe zu erreichen. Dieses Ziel wurde in mehrere Teilziele untergliedert, die die Autorin auch benennt. Sie diskutiert dann die ersten Schritte wie die Bildung von Projektteams, stellt erste Ergebnisse der Befragungen vor und erörtert die Durchführung von Fokusgruppen. Weiter wird die Sicht der Träger der psychiatrischen Versorgung dargestellt. Demnach sind viele Träger der Auffassung, dass die ambulant betreute Wohnform in Zukunft die wichtigste Wohnform sein wird und viele Träger sind auch in der Wohnraumbeschaffung eingebunden. Die Unterstützung auf Bundesebene wird kurz angerissen.

Zu: „Die Armut der Nachbarschaft verursacht Stress“. Interview mit Mazda Adli. In einem Interview begründet der Psychiater und Psychotherapeut Mazda Adli diese in der Überschrift formulierte These. Im ersten Teil des Interviews werden Stress und seine Folgen und Ursachen angesprochen. Für das Thema interessant ist dann die These, dass sozialer Stress dann die psychische Gesundheit belastet, wenn soziale Dichte und soziale Vereinsamung oder Isolation aufeinandertreffen und gleichzeitig auf die Menschen einwirken. Das kann im schlecht gebauten Hochhaus ebenso passieren wie in einem Sechs-Parteien-Haus in einem sozial segregierten Wohnquartier. Verstärkt wird diese Situation durch die Armut der Nachbarschaft, die mit der Angst verbunden ist, selbst abstiegsgefährdet zu sein. Die Armut der Nachbarn stresst dann mehr als die eigene Armut. Mazda Adli zitiert dabei Ergebnisse einer Berliner Studie. Wenn die Stadt stresst, ist aber die Alternative auch nicht das Land. Im Gegenteil: Kinder, die in der Stadt groß werden, wachsen nicht nur in der Stadt auf, sondern mit der Stadt, lernen ihre Bedingungen und Strukturen zu verstehen. Außerdem bietet die Stadt insgesamt eine bessere Versorgungsstruktur als das Land.

Zu: Rettet die Dörfer (Gerhard Henkel). Das Dorf ist in Gefahr: Gebietsreformen und eine falsch ausgerichtete Landes- und Bundespolitik haben den ländlichen Raum geschwächt und dem Dorf seine über Jahrhunderte hinweg entwickelte demokratische Kernkompetenz und damit auch seine lokale Integrationskraft genommen. Die Geschichte des Kommunalismus ist zugleich die Geschichte der Demokratie wie Blickle überzeugend darlegt. Henkels Weckruf „Rettet die Dörfer“ will sagen: „Rettet die lokale Demokratie als Basis jedweden politischen Handelns und politischer Verortung“. Der Autor begründet dies an Hand der Bedeutung der Vereine als „zivilgesellschaftliche Selbstorganisationen“ und der seit einigen Jahren sich entwickelten Bürgervereine, die gesamtdörfliche Aufgaben übernehmen und so integrativ über den traditionellen Vereinen im Dorf angesiedelt sind. Dies wird an Hand konkreter Beispiele nachvollziehbar. Hat das Dorf eine Zukunft, etwa als selbstverantwortliche sorgende Gemeinschaft? Henkel entwickelte dazu fünf Thesen, die ausführlich entfaltet werden und verbindet diese mit einem Appell für die Zukunft, der sich an die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung richten. Tenor dieses Appells ist: Stärkung der ländlichen Gemeinden, mehr Respekt und Unterstützung ihnen gegenüber durch die Politik, Erkennen der demokratischen Potenziale des Dorfes und ihre Stärkung.

Zu: Die Geister zum Tanzen bringen. Landwirtschaft, ländlicher Raum und Wohnen (Peter Volz). Was hat Landwirtschaft mit Wohnen zu tun? Historisch gesehen war der bäuerliche Betrieb des Ganzen Hauses eine Einheit von Wirtschaft und Familie, von Arbeit und Leben. Aber auch heute wird diese Beziehung wieder virulent. Der Autor nennt englische Quellen, wonach Wohnen und Landwirtschaft auch heute noch (oder wieder) zusammenhängen. Wie organisieren sich Dörfer, wenn sie noch landwirtschaftlich geprägt sind und welche Bedeutung hat Wohnen auf dem Dorf, wenn diese Landwirtschaft nicht mehr dominant ist? Der Autor stellt zunächst diese Frage und geht dann auf die Situation auf dem Land heute ein, die sich grundlegend verändert hat. Zum einen hat sich die landwirtschaftliche Produktionsweise verändert. Bauernhöfe sind Betriebe, wo gearbeitet wird, selten gewohnt wird. Zum anderen ziehen Menschen auf das Dorf, die keinen Bezug zur Landwirtschaft haben, dort nur wohnen, aber in den Städten arbeiten. Oder Dörfer sterben, weil sie für eine zukünftige Bewohnerschaft nicht gerüstet sind und unattraktiv sind und dann ein Gemeinschaftsleben nicht mehr organisiert werden kann. Aber es gibt auch eine Entwicklung, die dadurch gekennzeichnet ist, dass Menschen sich zunehmend mit Landwirtschaft wieder beschäftigen, die nie traditionelle Bauern waren. Der Autor fordert deshalb, neue Ansätze zu entwickeln. Er nennt dazu Beispiele aus den USA. In Deutschland entstehen Bürgeraktiengesellschaften; bei der solidarischen Landwirtschaft wird dies besonders deutlich, was ausführlich erörtert wird. Es geht um veränderte politische Rahmenbedingungen, die diese Revitalisierung der Landwirtschaft auch jetzt schon befördern.

Zu: Regionale Kooperativen. Mehr Selbstbewusstsein durch Stadtland (Kerstin Faber). Die Autorin geht zunächst auf die veränderten gesellschaftlichen Bedingungen des Lebens und Wirtschaftens ein, die mit dem demographischen Wandel und den veränderten Lebensgewohnheiten und Arbeitsbedingungen einhergehen. Diese bewirken, dass der ländliche Raum weniger attraktiv ist; es zieht die Menschen in die Städte mit ihren besseren Chancen, ihrer besseren Daseinsvorsorge und Bedingungen der Lebensstilführung. Nach diesem kurzen einführenden Überblick diskutiert die Autorin verschiedene Kooperationsformen auf regionaler Ebene.

  • Kulturkooperationen: Die Region gestaltet ihr kulturelles Leben selbst, um den Bewohnerinnen und Bewohnern einen Bleibegrund zu geben. Beispiel ist die Kooperation mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin mit Sängerinnen der Hochschulen in Klein Leppin bei Berlin.
  • Wirtschaftskooperationen: Diese haben das Ziel, durch Kooperation von Unternehmen und Betrieben die Lebensqualität der Region zu verbessern. Eine in Freiburg gegründete Bürgeraktiengesellschaft verbindet die Region Freiburg mit der Stadt Freiburg.
  • Versorgungskooperationen: Ein Agrarunternehmen in Thüringen zum Beispiel kümmert sich eigenständig mit verschiedenen Gemeinden um die Verbesserung der Infrastruktur und der Lebensqualität in der Region. In Verbindung damit nennt die Autorin die IBA Thüringen STADTLAND, die auch Konzepte entwickeln und ausprobieren kann.

Die Autorin verbindet mit diesen Kooperationen auch ein anderes Demokratieverständnis, das an subsidiäre Governance-Strukturen anknüpft und auf der Ermöglichung subsistenter Lebensgrundlagen im ländlichen Raum fußt.

Zu: Genossenschaften – Garantinnen für bezahlbares und gutes Wohnen (David Eberhart). Vor dem Hintergrund der Bevölkerungsentwicklung von Berlin und der damit verbundenen Metropolentwicklung untersucht der Autor die Wohnraumversorgung und die wohnungspolitischen Erfordernisse im Berliner Raum. Nach einigen allgemeinen historischen Anmerkungen widmet er sich besonders den Berliner Wohnungsgenossenschaften, bei denen es um drei Aspekte des Wohnens geht: günstiges Wohnen, innovatives Wohnen und nachbarschaftliches Wohnen. Diese Aspekte werden ausführlich erörtert. Dass diese drei Aspekte gut miteinander kombinierbar sind, liegt an der besonderen Unternehmensform der Genossenschaft. Der Autor nennt als das besondere Kennzeichen der Wohnungsgenossenschaften den „genossenschaftlichen Spannungsbogen“. Dieser Spannungsbogen wird eher als ein „und“ beschrieben als ein „entweder – oder“. Die Ökonomie der Wohnungsbaugesellschaften beruht nicht auf der Profiterwirtschaftung; Wohnungsbaugenossenschaften sind demokratisch organisiert. Damit werden Mittel freigesetzt, die für innovative Ziele eingesetzt werden können. Dies wird überzeugend dargestellt und vor diesem Hintergrund fordert der Autor auch die Ermöglichung von mehr genossenschaftlichem Wohnraum. Dabei geht er auf mehrere Aspekte ein, die dies realistisch erscheinen lassen. Es geht um die Sicherstellung einer bezahlbaren Baulandversorgung, um Steuersenkungen, um die Vereinfachung von Baustandards, und um ein Wachstumsklima und Beteiligungsverfahren.

Zu: „SOZIALER WOHNEN“ bei Genossenschaften? (Berit Gründler). Die Autorin geht noch etwas ausführlicher auf die Fragen ein, was Wohnungsbaugenossenschaften speziell ausmacht, was das Soziale der Wohnungsbaugenossenschaft ist und ob die Wohnungsbaugenossenschaften (noch) zeitgemäß sind. Nach einer kurzen historischen Darstellung der Entwicklung der Genossenschaftsbewegung in Deutschland wird der rechtliche Rahmen vorgestellt und auf drei allgemeine Aufgaben der Wohnungsbaugenossenschaft verwiesen:

  • Errichtung von Wohnungen und Ein-und Mehrfamilienhäusern auf eigene Rechnung, die an Mitglieder vermietet oder veräußert werden,
  • Betreuung der Mitglieder beim Bau der Wohnungen oder Häuser,
  • Bewirtschaftung der Wohnungen der Mitglieder oder Dritter.

Danach stellt die Autorin die Werte und Prinzipien von Genossenschaften vor wie die genossenschaftliche Selbstverwaltung, Selbstverantwortung und Selbsthilfe. Weiter sind es das Identitäts- und Förderprinzip. Mit dem Identitätsprinzip ist die Identität von Anbieter und Mieter gemeint; damit wird die Marktlogik aufgehoben. Mit dem Förderprinzip ist der Zweck der Genossenschaft gemeint, die Mitglieder zu fördern, was im Wesentlichen eine wirtschaftliche Förderung ist. Die Frage, wie sozial das Wohnen bei Genossenschaften ist, wird von der Autorin eher kritisch betrachtet. Wohnbaugenossenschaften unterliegen auch der Marktlogik und es gibt lange Wartezeiten. Die Rechtsform sagt nichts darüber aus, ob Wohnbaugenossenschaften sozialwirtschaftliche Organisationen sind. Dies wird eingehend begründet.

Zu: Vom Mittelalter bis zu Gegenwart – eine kleine Geschichte des Wohnens (Bernd Fuhrmann). Wer wo und wie wohnte, war schon zu allen Zeiten bedeutsam. Der Stadtbewohner wohnte anders als der Bewohner des Landes und innerhalb der Städte hatten nicht alle Orte die gleiche Bedeutung und den gleichen Wert. Fuhrmann schildert die Geschichte des Wohnens seit dem Hochmittelalter und bezieht sich dabei auf die kommunalen Rahmenbedingungen des Bauens und Wohnens. Er geht dabei sehr detailliert auf die Baumaterialen, Bauformen und die Bauorte innerhalb der Städte und Gemeinden ein und leitet daraus auch den sozialen Status oder die soziale Stellung innerhalb der kommunalen Gesellschaft ab.

Eine Zäsur in der Entwicklung des urbanen Wohnens bildet dann der mit der industriellen Verstädterung verbundene Prozess der Großstadtentwicklung, wo es zum ersten Mal zu anderen Siedlungsformen wie den Werkssiedlungen kommt und dann auch zu sozialräumlichen Segregationsprozessen und einer spezifischen Verteilung der Großstadtbevölkerung in einem sozialen Raum. Dies alles wird ausführlich und kenntnisreich dargestellt und erörtert.

Diskussion

Die Entwicklung der Wohnungsmärkte vor allem in urbanen Ballungsräumen lässt die alte Frage wieder aufkommen, ob die Wohnraumversorgung in den Kommunen nur noch für die ganz Schwachen eine Aufgabe der Kommunen ist oder ob sie eine sozialpolitische Aufgabe der Versorgung mit bezahlbarem Wohnraum für breite Bevölkerungsschichten ist, wie sie einst die Grundidee des Sozialen Wohnungsbau war.

Das Heft vereinigt sehr unterschiedliche Aspekte der Wohnraumversorgung und stellt insgesamt die Frage, ob eine Wohnung ein Gut ist, das nur der Marktlogik gehorchen darf oder ob es ein existenzielles Grundbedürfnis ist und die sozialpolitische Zielsetzung heißen muss: bezahlbarer Wohnraum muss für alle gesichert sein. Die Frage ist längst nicht mehr nur die, welche Wohnung man sich in welchem Quartier leisten kann nach dem Motto: „Sage mir wo du wohnst und ich sage dir wer du bist“. Die Frage ist inzwischen die, ob sich eine breite Mittelschicht eine ihrem Lebensstil angemessene Wohnung überhaupt noch leisten kann. Und sicher brauchen wir andere Modelle der Wohnraumförderung und des sozialen Wohnungsbaus, die diese breite Mittelschicht erreichen kann.

Es geht also um soziales Wohnen unter zwei Gesichtspunkten:

  1. Einmal geht es um die Frage des sozialverträglichen und integrativen Wohnens in Wohngebieten, die soziale Verortung ermöglichen, weil man einen Lebensstil führen kann, der identitätsstiftend und integrativ wirkt.
  2. Und zum anderen geht es um die sozialpolitische Ausrichtung kommunaler Wohnraumversorgung, all denen den Wohnraum zu sichern, die auf dem Markt nur schwer oder gar nicht eine Wohnung zu erschwinglichen Preisen finden.

Fazit

Das Heft beschäftigt sich mit einem Thema, das inzwischen zu den aktuellen sozialpolitischen Problemen gehört und weit oben auf der Agenda der sozialpolitisch Verantwortlichen stehen sollte. Der Fokus der Beiträge des Heftes bildet das sozialverträgliche Wohnen als ein Wohnen, das bezahlbar und zugleich angemessen ist. Die Wohnung ist existenzielle Voraussetzung gesellschaftlicher Integration, ohne Wohnung ist jedwede Integration nicht möglich. Die Beiträge beleuchten diese These für die Stadt und den ländlichen Raum und für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen.

Summery

This book deals with a very important social-political topic in the most Western European societies. Above all in the big cities we find the problem that a lot of people don´t find a dwelling to a payable rent. To have a flat is an existential basic of social integration. Without having a flat each form of integration must fail. But to have flat is meanwhile firstly a question of the access to the housing market an al lot of people have no access to it. Therefore we must look for alternatives. One of these alternatives beside the communal social housing policy are the cooperative housing organisations. The articles of this book discuss this form of dwelling against the background of the described problematical development in the perspective of different social stratums and under the aspects of different social groups in the cities and in the rural villages.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 21.11.2017 zu: Wolfgang Stadler (Hrsg.): Stadt - Land - Fluss. Soziales Wohnen in der Zukunft. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3522-3. Sonderband TUP - Theorie und Praxis 2017. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23489.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


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