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Bettina Weidinger, Wolfgang Kostenwein u.a.: Sexualität im Beratungsgespräch mit Jugendlichen

Cover Bettina Weidinger, Wolfgang Kostenwein, Daniela Dörfler: Sexualität im Beratungsgespräch mit Jugendlichen. Springer (Berlin) 2004. 154 Seiten. ISBN 978-3-211-21031-4. 19,90 EUR, CH: 42,50 sFr.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-211-33618-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Zum Thema

Sexualaufklärung findet heutzutage vielerorts statt. In geringem Umfang sicherlich im Elternhaus, als Pflichtprogramm im Rahmen des Sexualkundeunterrichts, in Aufklärungskampagnen der Gesundheitsämter und der BzgA, in nicht immer erfreulichem Maße auch über die Medien von "Bravo" bis "Big Brother" und darüber hinaus - ob geplant oder ungeplant - im Gespräch mit Ärzten, Lehrern und Jugendbetreuern. Dort heißt es häufig "Frag mich einfach, mit mir kannst Du über alles reden", doch nach dieser gut gemeinten Aufforderung ist die oder der Jugendliche schon abgeschreckt. Wenn doch eine/r mal ihren/seinen Mut zusammen nimmt und womöglich sogar in größerer Runde den erwachsenen Gesprächspartner fragt "Bist Du eigentlich schwul?" oder "Was ist eigentlich die ideale Penislänge?" dann bleibt die Seite der "Sexualaufklärer" oft sprachlos zurück.

Die Autoren

Die Autoren Weidinger und Kostenwein leiten gemeinsam das Österreichische Institut für Sexualpädagogik (ISP). Die Rechtsgrundlage des Instituts ist ein gemeinnütziger Verein.

Bettina Weidinger ist diplomierte Sozialarbeiterin und seit rund acht Jahren im Bereich der Sexualpädagogik und -aufklärung tätig. Sie führt dabei sowohl Beratungen von Jugendlichen, als auch Paarberatung, Erziehungsberatung oder auch Fort- und Weiterbildungen, sowie Supervisionen durch. Als Mitautorin hat sie bei der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung 2001 Das erste Mal. Sexualität und Kontrazeption aus Sicht der Jugendlichen (mit W. Kostenwein und G. Drunecky) und 2003 das Methodenhandbuch zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit (mit W. Kostenwein und C. Thallmayer) herausgegeben.

Wolfgang Kostenwein ist Gesundheitspsychologe und bereits seit zehn Jahren im Themenbereich aktiv. Neben der aktiven Sexualberatung für Jugendliche gehört zu seinen Hauptaufgaben auch die Projektkonzeption, sowie die wissenschaftliche Forschung. Neben der Sexualpädagogik ist er u.a. als CliniClown in der Betreuung von Krebspatienten engagiert, gestaltet Gesundheitsvorsorgeprogramme für Kinder und Jugendliche mit und vermittelt Methoden des Improvisationstheaters. Bisher trat er als Autor von Das erste Mal. Sexualität und Kontrazeption aus Sicht der Jugendlichen (2001 mit B. Weidinger und G. Drunecky), Methodenhandbuch zur sexuellen und reproduktiven Gesundheit (2003 mit B. Weidinger und C. Thallmayer) und Die wichtigsten Fragen zur Pille. Projektunterlagen für Ärztinnen im schulischen Bereich (2003 mit D. Dörfler) in Erscheinung.

Daniela Dörfler ist promovierte Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe an der Frauenklinik Wien und arbeitet dort im Schwerpunkt der Kinder- und Jugendgynäkologie, sowie der Organisation der Familienplanungsberatung. Seit 1995 betreut sie außerdem Schulklassen im Rahmen eines sexualpädagogischen Projektes. Gemeinsam mit W. Kostenwein veröffentlichte sie 2003 bei der Wyeth Lederle Pharma GmbH Die wichtigsten Fragen zur Pille. Projektunterlagen für Ärztinnen im schulischen Bereich.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch im DINA5-Format ist in elf Kapitel gegliedert, die zunächst Sexualpädagogik früher und heute (Kap. 1), Grundlagen der Sexualberatung (Kap. 2) und eher organisatorische Fragen zur gynäkologischen / urologischen Untersuchung (Kap. 3) behandeln. Die Kapitel 4 bis 10 greifen inhaltliche Fragestellungen Jugendlicher und junger Erwachsener auf:

  • Biologische Facts
  • Verhütung (Kondom, Pille, Pille danach)
  • Schwangerschaft und Schwangerschaftsabbruch (Krise, Entscheidungsgespräch, Elterngespräch, der Freund, Kinderwunsch bei Jugendlichen)
  • Sexualität und Fragen rund um den Akt (sexuelle Entwicklung von Jungen und Mädchen, das erste Mal, Empfindungslosigkeit, Gerüchte)
  • Beziehungen unter Jugendlichen (Gefühlschaos, ernste Beziehungen, Homosexualität)
  • Ideale (Busengröße, Penislänge, Medien und Pornographie)
  • Krankheiten (Krankheiten und Selbstbefriedigung, sexuell übertragbare Krankheiten, Moral)

Das abschließende Kapitel 11 widmet sich auf zwei Seiten der Problematik der sexuellen Übergriffe. Das Buch schließt mit der sogenannten "Take home message", 14 Gesprächsregeln für die Sexualaufklärung, sowie einer selbstironischen Auflistung von "Pannen" in zehn Jahren Beratung.

Der Anhang verweist auf die länderspezifischen Institute im deutschsprachigen Raum (Österreich, Schweiz, Deutschland). Ein zweiseitiges Sachregister erleichtert die Orientierung anhand von Schlagwörtern von A wie Aids und Aggression bis Z wie Zwitter und Zyklus.

Zielgruppe

Die Autoren richten sich mit ihrem Buch ausweislich an Ärztinnen und Ärzte, Lehrerinnen und Lehrer, Jugendbetreuerinnen und Jugendbetreuer, sowie interessierte Eltern. Kurzum ist es ein geeignetes Handbuch für alle, die mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Thema Sexualität erarbeiten, sowie für Multiplikatoren im Bereich der Sexualpädagogik.

Einschätzung

Im Vorwort weisen die drei Autoren darauf hin: "Es sind nicht zuletzt jene 'banalen' Überlegungen, die man 'sowieso' zu wissen glaubt, die im Beratungssetting oder im pädagogischen Alltag die Schweißperlen hervortreiben, weil es besonders bei diesem Thema nicht wirklich leicht ist Erklärungsansätze zu finden, die passend sind. Dieses Buch ist als Unterstützung für die eigene Gedankenarbeit gedacht. Hier werden dinge formuliert und konkret angesprochen, die zwar im Wissen vorhanden, aber für die Zielgruppe nicht verwertbar aufbereitet werden können." (S. VII)

Davon ausgehend liefern sie einen eingehenden "Rundumschlag" über die vielfältigen Themen, Sorgen, Gerüchte und Probleme im Beratungsgespräch mit Jugendlichen. Es ist dabei nicht immer das geplante Beratungsgespräch und schon gar nicht die rein medizinische Beratung die dabei im Vordergrund steht. Vielmehr können auch Gespräche "zwischen Tür und Angel", nach dem Schulunterricht, nach der eigentlichen ärztlichen Untersuchung, beim abendlichen Fernsehen mit den Eltern oder Geschwistern oder aber in der Jugendfreizeiteinrichtung oder im Feriencamp unvermittelt den Charakter eines Beratungsgespräches annehmen. Weidinger / Kostenwein / Dörfler zeigen wie unterschiedlich das Vorwissen über die eigene Körperlichkeit und die beginnende und erste Sexualität bei Jungen und Mädchen ausgeprägt ist und greifen dabei auch immer wieder ihre, d.h. die jugendliche Sprache, auf.

Sie helfen dem Leser Fragen wie "Wie funktioniert Blasen? Wie lang muss ich es machen, damit es ihm gefällt?" (S. 23) als Code zu begreifen und dahinterstehende Fragen und Probleme zu entdecken. Auch Gerüchte und Halbwahrheiten, die mitunter schon seit Generationen unter den Jugendlichen weitergegeben werden, greifen die Autoren auf und stellen sie dar und richtig.

So entsteht ein Handbuch sowohl für diejenigen, die sich auf kommende sexualpädagogische Gespräche (besser) vorbereiten möchten, als auch für diejenigen, die rückblickend auf geführte Gespräche das Anliegen der / des Jugendlichen, die eigene Antwort und auch die möglichen Folgen eines oft gutgemeinten Ratschlags neu zu überdenken.

In 14 Regeln werden schließlich wertvolle Tipps für die Praxis gegeben, die damit beginnen, die individuelle Situation der Jugendlichen ernst zu nehmen, u.a. dazu raten Unterstützung zu geben - z.B. durch das Erzählen von den Fragen der 'anderen' - und auch die Wertschätzung beiden Geschlechtern und unterschiedlichen Beziehungsformen gegenüber betonen.

Es ist nicht unbedingt notwendig, das gesamte Buch von Beginn bis Ende zu lesen. Bei Bedarf können auch einzelne Kapitel unabhängig gelesen werden.


Rezension von
Robert Hotstegs
Direktor des Instituts für Jugendleiter und Qualifikation (Institut juleiqua)
Referent für Jugendgruppenleiterschulungen
Homepage www.juleiqua.de


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Zitiervorschlag
Robert Hotstegs. Rezension vom 01.02.2005 zu: Bettina Weidinger, Wolfgang Kostenwein, Daniela Dörfler: Sexualität im Beratungsgespräch mit Jugendlichen. Springer (Berlin) 2004. ISBN 978-3-211-21031-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2349.php, Datum des Zugriffs 04.03.2021.


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