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Dominik Mantey: Sexualerziehung in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe (...)

Cover Dominik Mantey: Sexualerziehung in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe aus Sicht der Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 392 Seiten. ISBN 978-3-7799-3675-6. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Es ist schon erstaunlich. Im Jahr 2017 erscheint zum ersten Mal eine wissenschaftliche Untersuchung zur Sexualerziehung in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe. Da ist sogar die Sonderpädagogik fixer gewesen.

Sexualpädagogische Werke gibt es ja schon viele und viele hat Dominik Mantey schon gelesen. Er beschreibt sie ausführlich. Aber in Einrichtungen für erziehungsbelastete Jugendliche betrat er Neuland. Im Unterschied zu behinderten Untersuchten begegnete er hier sehr mächtigen Interviewpartnern. Sie unterscheiden selber, ob sie kooperieren oder nicht und das ergibt einen ganz anderen Ansatz für den pädagogischen Erfolg als in der Sonderpädagogik.

Autor

Dr. Dominik Mantey ist Professor für Soziale Arbeit an der Internationalen Hochschule Bad Honnef/Bonn, arbeitet allerdings in Hamburg.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung stellt er sein Erkenntnisinteresse vor. Er will von den interviewten Jugendlichen wissen, was Erzieherinnen und Erzieher tun können, damit sie, die Jugendlichen, die Erziehenden erfolgreich sein lassen können. Wobei der Erfolg eine koproduktive Bewältigung ist. D.h., ein Problem eines oder einer Jugendlichen wird in einem Vertrauensverhältnis gemeinsam gelöst.

Zur Einleitung gehören Beschreibungen des Forschungsstandes, des methodischen Designs und zum Aufbau der Arbeit.

Fragestellung und Forschungsperspektive kommen in Kapitel 2 dazu.

In Kapitel 3 und 4 wendet sich der Autor den wissenschaftlichen Beiträgen aus der Sexualpädagogik (3) und der Sozialpädagogik mit dem Schwerpunkt Heimerziehung zu. Was große Denker vor ihm zu Papier gegeben haben also, wird vorgestellt und diskutiert.

Da der Untersuchungsgegenstand fassbar sein muss, wird er vom Forscher eingegrenzt. Zum Beispiel durch das Alter der Jugendlichen, 12 bis 17 Jahre. Ein Zeitraum, der Pubertät genannt wird. Im Kapitel 5 beschreibt er entwicklungspsychologische Grundlagen zur Pubertät.

Die methodische Grundlage seiner empirischen Studie beschreibt der Autor in Kapitel 6.

Im Kapitel 7 „Sexualerziehung aus Sicht der Jugendlichen“ stellt Dominik Mantey die Macht der Jugendlichen klar. Sie sind es, die entweder die Erziehenden nutzen oder unnütz sein lassen. Die Jugendlichen ziehen sich zurück oder öffnen sich. Damit fördern sie ihre Helfer oder lassen sie scheitern. Berufliche Erfüllung oder Burnout. Die Sozialarbeitenden haben keine Macht zu bestimmen. Sie können sich selber und ihr Klientel nur beglücken, wenn sie es den Jugendlichen ermöglichen, sich zu öffnen für eine vertrauensvolle Nutzung des sozialarbeiterischen Angebotes. Zwang, Strafe, Macht, Misstrauen helfen nicht. Wie sozialarbeiterischer Erfolg geht, beschreiben die folgenden Kapitel auf der Grundlage kurzer Interviewausschnitte.

Pubertät/Sexualität in den Erzählungen der Jugendlichen – Kapitel 8.

Die koproduktive Bewältigung der Pubertät – Kapitel 9.

Nun ist alles gesagt und wie sich das bei einer wissenschaftlichen Arbeit gehört, folgen nun Zusammenfassung (10) und Fazit (11).

Diskussion

Diese wissenschaftliche Arbeit ist nicht neutral und will das auch gar nicht sein. Wichtiger ist ihr das Postulat der Selbstbestimmung der Zöglinge, nicht als Forderung eher als Feststellung: Diese Jugendlichen, alle schon durch misslungene Erziehungen verunsichert und schwer belastet, sind selbstbestimmt aus Angst um ihren Wesenskern, um ihre Intimität. Sie wollen überleben, kulturkompartibel oder nicht, als Bürger oder auf der Straße, je nach dem, wo sie sicherer sind. Sie haben um ihren Wesenskern Burgen gebaut mit unterschiedlich geschützten Wehranlagen. Je intimer je dicker die Mauern. Wer ihr Wesen erfassen will und hilfreich, muss ihr Vertrauen gewinnen und dauerhaft verdienen. Er muss zum Wesenskern eingelassen werden oder bleibt außen vor.

Wieso muss das noch bewiesen werden? Weil Sozialarbeitende einen noch mächtigeren Auftraggeber haben: Uns, die Bürger*innen um sie herum, und wer zahlt (Gehalt), bestimmt die Musik.Unauffällig sollen die Jugendlichen sein, das will der Auftraggeber. Besonders sexuell. In sozialen Brennpunkten werden frühe Schwangerschaften erwartet, übertragbare Erkrankungen, Gewalt. Gerade deswegen soll Sozialarbeit belastete Jugendliche anpassen, unauffällig machen. Wer will schon neben einem „Erziehungsheim“ wohnen. Wenn was schief geht, sind die Sozialarbeitenden schuld. Sie stehen ständig in der Gefahr, einmal erreichtes Vertrauen zu missbrauchen. Selbst aus dem Innenhof heraus können Burgherrin und Burgherr durch Vertraute ausgeliefert werden. An das Team, an die pädagogischen Vorgesetzten, an das Ministerium. Wer zahlt das Gehalt der Sozialarbeitenden?

Nein, soweit geht Dominik Mantey nicht. Den Auftrag der öffentlichen Meinung untersucht er nicht. Er weist nur kurz darauf hin, dass Sozialarbeit schon immer einen Doppelauftrag hatte: Hilfe und Kontrolle. Sein Verdienst in diesem Werk ist der wissenschaftliche Beleg: Sozialarbeit hat keine Wahl, Vertrauen schaffen und schützen oder scheitern. Nur der Jugendliche hat eine Wahl „Bürger oder Straße“. Wo bietet sich mehr Sicherheit an?

Eine hochspannender Wendepunkt gegen Strafen, Verbote, Macht in der sozialen Arbeit. Allerdings versteckt in einer Dissertation, die ihre Wissenschaftlichkeit ausdrücken muss. Dominik Mantey nutzt dazu eine Reduktion auf ganz wesentliche geradezu allgemein gültige Bausteine, Variablen, Funktionen, Aspekte. Es entsteht eine anstrengende und überforderte Mechanik in der Sprache. Tausende von hölzernen Nomen, die in Regelwerken und zwischen Scharnieren ächzen. Verben scheinen zu beweglich, zu unberechenbar. Das Verb essen zum Beispiel scheint als Nahrungsaufnahme wissenschaftlicher, be-rechen-barer. Interviews sind kurze Ausschnitte von Geschichten. Sie werden zerlegt und jeder Satz hat eine Funktion. Nur mit Geduld und Spucke lesbar.

Fazit

Die Arbeit beinhaltet einen flammenden Appell an die Sexual- und Sozialpädagogik und formuliert Gedanken, die jedem Anhänger von Selbstbestimmung das Herz erwärmen. Allerdings schwer zugänglich und unter feuerfester Folie einer Dissertation, die wissenschaftliche Anerkennung sucht. Hoffen wir auf lesefreundlichere Auslegungen durch weitere Werke von Dominik Mantey. Die Sozialarbeitenden in den Einrichtungen müssen leichteren Zugang zu den Inhalten bekommen. Sie müssen begreifen, dass sie den Auftrag ihres Arbeitgebers (das sind wir Bürger*innen über unsere Institutionen) nur erfüllen können, wenn sie den Jugendlichen helfen, ihre jeweilige Lebensgeschichte zu heilen, ohne uns die Sicherheit einer ruhigen Nacht zu nehmen.


Rezensent
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 08.02.2018 zu: Dominik Mantey: Sexualerziehung in Wohngruppen der stationären Erziehungshilfe aus Sicht der Jugendlichen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3675-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23492.php, Datum des Zugriffs 24.04.2018.


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