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Annette Riedel, Anne-Christin Linde (Hrsg.): Ethische Reflexion in der Pflege

Cover Annette Riedel, Anne-Christin Linde (Hrsg.): Ethische Reflexion in der Pflege. Konzepte – Werte – Phänomene. Springer (Berlin) 2017. 216 Seiten. ISBN 978-3-662-55402-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 31,00 sFr.
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Herausgeberinnen

Prof. Dr. phil. M. Sc. Annette Riedel ist Studiengangsleiterin des Studiengangs Pflegepädagogik und vertritt die Fachgebiete Pflegewissenschaft und Ethik an der Fakultät Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Sie ist Altenpflegerin, Sozialpädagogin, Gerontologin, Master Palliative Care und Ethikberaterin im Gesundheitswesen. Ihre Forschung konzentriert sich auf die Bereiche Ethik, Ethikberatung und Palliative Care.

Ann-Christin Linde ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt LebenBegleiten unter der Leitung von Prof. Dr. Annette Riedel und Prof. M.A. Sonja Lehmeyer. Sie ist Gesundheits- und Krankenpflegerin, Pflegepädagogin (BA) und Pflegewissenschaftlerin (MA).

Thema

Dieses Herausgeberwerk behandelt in 21 Kapiteln, verfasst von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, unterschiedliche Aspekte und Vorgehensweisen der Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in der Pflege und der gesundheitlichen Versorgung.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte.

  1. Der erste Abschnitt beinhaltet, untergliedert in sieben Kapitel, eine übergreifende Darstellung ethischer Grundlagen im Kontext der Pflege.
  2. Im zweiten Abschnitt werden neun pflegerelevante Phänomene und Konzepte aufgegriffen. Dabei erfolgt zunächst eine begriffliche Einordnung des Phänomens bzw. Konzeptes, um im Anschluss daran ethisch relevante Aspekte zu reflektieren.
  3. Im dritten Abschnitt stehen Fragestellungen zur Förderung systematischer ethischer Reflexion in der pflegerischen Versorgungspraxis im Vordergrund. In diesen abschließenden fünf Kapiteln liegt der Fokus auf der Ebene des Pflegemanagements in Organisationen bzw. auf der Ebene der Berufspolitik.

Den Einstieg in das Buch bildet ein Geleitwort des Präsidenten der Akademie für Ethik in der Medizin. Ein Vorwort der Herausgeberinnen erläutert die Zielsetzungen und den Aufbau des Buches. Im Anschluss an die Gliederung befinden sich kurze Informationen zu den Autorinnen und Autoren.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zum ersten Abschnitt

Den ersten Abschnitt eröffnet Hartmut Remmers mit einer übergreifenden Auseinandersetzung ethisch relevanter Ansatzpunkte für Pflege und Medizin. Der sich anschließende Beitrag von Rouven Portz differenziert zwischen Care Ethics und Pflegeethik und zeigt anhand eines von einer Medizinstudentin verfassten Fallbeispiels aus der Praxis Möglichkeiten zur ethischen Reflexion anhand der Prinzipienethik und der Care-Ethics-Perspektive auf.

Constanze Giese reflektiert kritisch geschlechtsspezifische und historische Prägungen der Pflege. Sie weist auf Potenziale aber auch Gefahren durch bisherige Entwicklungen bezogen auf die Ethik-Entwicklung und Professionalisierung der Pflege hin.

Als eine Möglichkeit der strukturierten und begründeten ethischen Entscheidungsfindung veranschaulichen Ruth Baumann-Hölzle, Annette Riedel und Stefan Dinges den 7-Schritte-Dialog von Ethik. Zudem werden erforderliche Kompetenzen Pflegender benannt und Konsequenzen für die professionelle Pflegeversorgung aufgezeigt.

Sabine Wöhlke legt den Fokus auf die Situation beruflich Pflegender. Sie beschreibt Ursachen, Folgen und Lösungswege im Zusammenhang mit moralischem Stress und fordert den Aufbau einer moralischen Widerstandskraft bei Pflegenden.

Der sich daran anschließende Beitrag von Viola Straubenmüller hebt die Bedeutung von Achtsamkeit als grundlegende Voraussetzung für ethische Sensibilität in der Pflege hervor. Mit Hilfe eines Fallbeispiels greift sie die Beschleunigung und den Effizienzdruck im Pflegealltag auf und weist darauf hin, dass für das Zustandekommen von Achtsamkeit und ethischer Sensibilität sowohl der Einzelne als auch die umgebenden Strukturen verantwortlich sind.

Zum Abschluss des ersten Abschnitts hebt Ann-Christin Linde die Relevanz der Ethik in jeder pflegerischen Situation hervor und zeigt Möglichkeiten zur Entwicklung einer professionellen Identität im Zusammenhang mit ethisch reflexionswürdigen Situationen in der Pflegepraxis auf.

Zum zweiten Abschnitt

Ausgehend von strukturierten begrifflichen Analysen der Konzepte Lebensqualität, Vulnerabilität, Leiden, Hoffnung, Selbstvernachlässigung, Unruhe, Herausforderndes Verhalten, Trauer und Nachhaltigkeit werden im zweiten Abschnitt, vielfach orientiert an exemplarischen Fallbeispielen, Möglichkeiten ethischer Reflexionen aufgezeigt, von denen nun drei exemplarisch vorgestellt werden.

Sonja Lehmeyer setzt sich beispielsweise mit dem Konzept Vulnerabilität auseinander. Dabei unterscheidet Lehmeyer zwischen situativer und pathogener Vulnerabilität und verdeutlicht die Bedeutung von Vulnerabilität für das professionelle Pflegehandeln mit Hilfe von fünf handlungsleitenden ethischen Prinzipien für die Gesundheits- und Kinderkrankenpflege.

Rita Kiemel und Johanna Göpfert analysieren zunächst auf einer theoretischen Ebene das Phänomen Selbstvernachlässigung. Im Anschluss veranschaulichen sie mit Hilfe der Fallgeschichte einer älteren Dame in der ambulanten pflegerischen Versorgung die Möglichkeit der ethischen Fallbesprechung orientiert an der Nimwegener Methode.

Der letzte an dieser Stelle exemplarisch ausgewählte Beitrag von Angelika Daiker betrachtet das Phänomen Trauer u.a. anhand des von der holländischen Trauerforscherin Ruthmarijke Smeding veröffentlichten Trauermodells. Daiker verdeutlicht ethische Konfliktsituationen durch ein Fallbeispiel aus dem Hospiz und greift das eingangs dargestellte Trauermodell im Hinblick auf die ethische Reflexion sowie Bedeutung für das Pflegeteam systematisch auf.

Zum dritten Abschnitt

Der dritte Abschnitt des Buches fokussiert Verfahren zur Unterstützung der Reflexion ethisch-relevanter Situationen in unterschiedlichen pflegerischen Versorgungsbereichen.

In diesem Zusammenhang stellen Annette Riedel, Nadine Treff und Juliane Spank Elemente, Vorgehensweisen und mögliche Konfliktfelder im Hinblick auf das Advanced Care Planning (ACP) in der Hospiz- und Palliativversorgung vor. Bei der Umsetzung dieses Verfahrens verweisen die Autorinnen auf mögliche Schwierigkeiten der freiwilligen Teilnahme von Patientinnen und Patienten und empfehlen das Verfahren des ACP als Basis für ethische Fallbesprechungen zu nutzen.

Annette Riedel und Ann-Christin Linde verdeutlichen, wie der Prozess der Entwicklung von Ethik-Leitlinien angeregt und umgesetzt werden kann und verweisen auf den Nutzen dieses Prozesses als Möglichkeit der ethischen Kompetenzentwicklung.

Die Einführung und Umsetzung von Ethikvisiten in der Intensivpflege wird von Susanne Hirschmüller und Margit Schröer als eine geeignete Möglichkeit dargestellt, um den moralischen Distress Pflegender in diesem Bereich zu reduzieren und die Resilienz der Pflegenden zu fördern.

Im Setting der ambulanten Versorgung und dargestellt am Fallbeispiel einer Patientin mit Heimbeatmung zeigt Stefan Dinges Strategien auf, um eine Pflegeethik in der Organisation zu implementieren. Dabei nimmt er u.a. Bezug auf die Schnittstelle zwischen professioneller Pflege und der Pflege durch Angehörige.

Der abschließende Beitrag von Andrea Kuhn geht der Frage nach, inwieweit die Pflegeethik die Berufspolitik verstärkt beeinflussen kann und sollte. Auf Basis einer Analyse der homepages ausgewählter Berufsverbände spricht sie sich für eine stärkere Verantwortungsübernahme der Berufsverbände für die Stärkung der berufsethischen Identität durch zunehmende Implementation von Bildungsangeboten und Beratungsstellen aus. Auch empfiehlt sie eine deutlichere politische Positionierung zu ethisch brisanten Fragestellungen im Zusammenhang mit Fragen zur Personalbemessung, Ökonomisierung und Kosteneinsparung.

Diskussion

Annette Riedel und Ann-Christin Linde haben ein für die Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in der Pflege und gesundheitlichen Versorgung bedeutsames Buch herausgegeben. Durch das breit gewählte Themenspektrum kann das Buch hilfreiche Anregungen sowohl für die Pflegepraxis und für den Bereich des Managements von Gesundheitsversorgungseinrichtungen als auch die Pflegebildung bieten. Die Erläuterungen zum Aufbau sowie die systematische Gliederung und Unterteilung in drei Abschnitte ermöglichen eine schnelle Orientierung. Darüber hinaus erleichtert ein abschließendes Stichwortverzeichnis einen schnellen Zugriff auf ausgewählte Themen. Besonders gut gelungen ist in zahlreichen Kapiteln die Verknüpfung zwischen forschungsbasiertem Wissen und/oder Modellen mit der Versorgungspraxis.

Fazit

Das Buch unterstützt die Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in unterschiedlichen pflegerischen Handlungsfeldern und bezogen auf ausgewählte Situationen und Pflegephänomene. Ausgehend von der Reflexion individueller und professioneller ethischer Grundhaltungen werden mit Hilfe zahlreicher und sehr unterschiedlicher Fallbeispiele einzelne Fragestellungen und Problemfelder systematisch reflektiert und konkrete Lösungsmöglichkeiten für den beruflichen Alltag aufgezeigt.

  • Die einleitenden fünf Beiträge betrachten Möglichkeiten der Reflexion ethischer Fragestellungen im pflegerischen Kontext auf einer übergeordneten Ebene. Dabei werden grundlegende professionstheoretische Aspekte aufgegriffen und es werden Bezüge zu professionellem Pflegehandeln aufgezeigt.
  • Die Schärfung der eigenen Sensibilität für unterschiedliche Vorgehensweisen zur ethischen Reflexion wird im zweiten Abschnitt orientiert an neun ausgewählten Pflegephänomenen und Konzepten gefördert.
  • Der abschließende dritte Teil des Buches bietet zahlreiche Anregungen, um in unterschiedlichen pflegerischen Versorgungssettings auf strategischer Ebene mit der Reflexion ethischer Fragestellungen umgehen zu können.

Das Buch bietet einen Orientierungsrahmen für die praxisorientierte Auseinandersetzung mit ethischen Fragestellungen in unterschiedlichen pflegerischen Handlungsfeldern und Kontexten. Lehrende, Studierende, Auszubildende und Verantwortliche für die Gestaltung pflegerischer Versorgungsbereiche werden sich unter anderem durch die unterschiedlichen Fallbeispiele und Empfehlungen zu strukturierten ethischen Reflexionen angesprochen fühlen.


Rezensentin
Prof. Dr. Katja Makowsky
Professorin für Pflegewissenschaft an der Fachhochschule Bielefeld.
Krankenschwester, Dipl. Pflegewirtin und Gesundheitswissenschaftlerin (MPH).
Stellvertretende Vorsitzende der Ethikkommission bei der Deutschen Gesellschaft für Pflegewissenschaft.
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Zitiervorschlag
Katja Makowsky. Rezension vom 11.09.2018 zu: Annette Riedel, Anne-Christin Linde (Hrsg.): Ethische Reflexion in der Pflege. Konzepte – Werte – Phänomene. Springer (Berlin) 2017. ISBN 978-3-662-55402-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23493.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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