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Sally Chivers, Ulla Kriebernegg (Hrsg.): Care Home Stories

Cover Sally Chivers, Ulla Kriebernegg (Hrsg.): Care Home Stories. Aging, Disability, and Long-Term Residential Care. transcript (Bielefeld) 2017. 420 Seiten. ISBN 978-3-8376-3805-9. D: 36,99 EUR, A: 38,10 EUR, CH: 45,10 sFr.

Aging studies, volume 14.
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Herausgeberinnen

Die beiden Herausgeberinnen, Protagonistinnen des European and North American Networks on Aging Studies (ENAS & NANAS), sind für ein Buch verantwortlich, welches den Blick auf die Pflegeheimwelt irritiert. Sally Chivers (Trent University, Kanada) und Ulla Kriebernegg (Universität Graz, Österreich) haben eine Reihe von gerontologischen Arbeiten zusammengestellt, welche den vorwiegend medizinisch-psychologischen Blick auf Altern und institutionelle Versorgung durch kultur-, sozial- und literaturwissenschaftliche Perspektiven zu ergänzen verstehen.

Thema

Im Vorwort heißt es: „In this book, we gather imaginative critical and personal essays that challenge stereotypes of institutional care for older adults, that illustrate the changes that have occured over time, and that illustrate the continuities in the stories we tell about nursing homes“ (18).

Warum care, home und stories? Es geht um care und ganz bewusst nicht um medizinisch-professionelles Handwerk im Sinne von nursing. In diesem Sinne steht das, was gesellschaftlich unter guter Pflege, Zuwendung und Betreuung im (hohen) Alter verstanden wird, auf der Agenda. Zweitens wird der Begriff home ins Zentrum gerückt, d.h. letztlich auch ein räumlich-dingliches Design des institutionellen Settings, welches eine fachlich und ethisch angemessene Pflege er- oder verunmöglichen kann. Und drittens werden stories erzählt, denn durch dieses Format können am ehesten persönliche und ästhetische Erfahrungen und verschiedene (subjektive) Perspektiven vermittelt werden.

Aufbau

Der Band besteht aus vier Schwerpunkten, die nur exemplarisch an jeweils einem Text illustriert werden können; insgesamt sind 16 Beiträge versammelt, die immer durch eine Reflexion der amerikanischen Dichterin Betsy Struthers (Past president of the League of Candian Poets) eingeleitet werden.

Ausgewählte Inhalte

Erster Teil: Persönliche Einblicke und Erfahrungen mit dem Leben im Heim. Amanda Barusch, eine akademische Gerontologin, dokumentiert den Umzug ihres Vaters von der häuslichen Umgebung in verschiedene Pflegesettings. Der Beitrag heißt: „A Place for Dad. One Family´s Experience of For-Profit-Care.“ Die persönliche Pflegesituation wird vor dem Hintergrund der amerikanischen Entwicklung reflektiert – und das ist für deutsche Verhältnisse außerordentlich instruktiv. Denn in gewisser Weise bekommen wir durch die Kommerzialisierung und Privatisierung der amerikanischen Langzeitpflege (Nursing Industry) einen Spiegel vorgehalten. Fast undenkbar für uns sind die äußerst geringen Anforderungen an Qualifikation und Professionalität, die in amerikanischen Pflegeheimen üblich sind. Beispielsweise müssen Personen, die für „direct care“ zuständig sind, zunächst 40 Stunden „training“ für den ersten Monat und ergänzend weitere 20 Stunden im darauffolgenden Jahr nachweisen. Mehr noch: „Staff who help with administration of medication must complete 10 hours of initial training in smaller facilities and 24 hours in those with 16 or more residents“ (61). Im Unterschied dazu – dies soll ebenfalls nicht verschwiegen werden – sehen die staatlichen Vorgaben für „nail technician“ in Kalifornien insgesamt 400 Qualifikationsstunden vor. Konsequent scheint also nach der auch für unsere Verhältnisse nachvollziehbaren Odyssee durch diverse Tages- und Dauerpflegeeinrichtungen des erwerbswirtschaftlichen Sektors die Kritik an einer vorwiegend kapitalistischen Organisation der Langzeitpflege, die offensichtlich nur durch Forderungen nach mehr Regulierung, intensiveren Kontrollen, unangekündigte Inspektionen, etc. in den Griff zu bekommen ist.

Vierter Teil: Soziale und historische Perspektiven. Wir springen einmal direkt in den letzten Abschnitt, denn die durchaus verständliche Forderung von Amanda Barusch wird dort in einem Beitrag aus soziologischer Sicht (Chris Gilleard und Paul Higgs) etwas zurechtgerückt. Der Beitrag ist überschrieben mit dem Titel: „An Enveloping Shadow. The Role of the Nursing Home in the Social Imaginary oft he Fourth Age.“ Im Zentrum steht die Auseinandersetzung mit einem bestimmten Narrativ über das vierte Alter, welches vorwiegend in den Medien erkennbar wird. Während das dritte Alter, etwa bis Ende 70 oder Anfang 80, noch durch relativen Wohlstand, Kompetenz und Aktivität geprägt ist, so kumulieren die Probleme jenseits dieser Phase. Im vierten Lebensalter, so die Behauptungen, dominieren zunehmend Gebrechlichkeit, Kompetenzverlust sowie soziale und finanzielle Probleme. Dieser Blick auf das (hohe) Alter ist gesellschaftlich verbunden mit einer Pflegeheimsituation, die aktuell die Armenversorgung und Arbeitshäuser des 19. Jahrhunderts durch überwiegend nicht professionelles und schlecht bezahltes Personal „wiederholt“. Aus dieser Logik der systematischen Vernachlässigung des fortgeschrittenen Alters (erst Recht in Verbindung mit Demenz) muss – so das Autorenduo – ausgestiegen werden. Die Frage stellt sich: „Who can provide the ‚counterframes‘ against such representations, and how?“ (239). Ganz sicher nicht durch eine mediale Öffentlichkeit, die immer nur die Skandale, Missstände und Qualitätsdefizite in den Heimen gebetsmühlenartig reproduziert und auch nicht eine „Heimforschung“, die – vom Wunsch getrieben, dass sich die Dinge ändern und besser werden – im Grunde immer nur den Finger in die gleichen Wunden legt. Perspektive bietet nach Ansicht der beiden Wissenschaftler eine „neue“ Erzählung, die vor allem in gemeinwohl- und kommunal geprägter Ausrichtung eine Reform der Heime zum Ziel hat, deren Schwierigkeiten nicht zu unterschätzen sind. Aber zumindest gibt es erste Hinweise aus der US-amerikanischen „Culture Change“-Bewegung (z.B. Green House model), die in die richtige Richtung weisen.

Zweiter Teil: Arbeiten und Spielen in den Pflegeheimen. Anschlussfähig an den gerade formulierten Gedanken ist der Beitrag des amerikanischen Neurologen und Psychiaters Peter Whitehouse, der auch in Deutschland, z.B. durch seine Zusammenarbeit mit DemenzSupport Stuttgart, für einen kritischen Blick auf die Alzheimerforschung bekannt geworden ist. In seinem Beitrag, überschrieben mit: „Long Term Care for the Future. Just What is Real Anyway?“ stellt er die Forderung nach einem intergenerationellen Lernen auf. Damit ist nicht der obligatorische Besuch des Kindergartens oder der Grundschule in Pflegeheimen gemeint, der nachhaltig ohne Konsequenz bleibt, sondern ein reziprokes Lernarrangement verschiedener Generationen, die gegenseitig voneinander profitieren. Der Grundgedanke ist bestechend: „Children and elders are the most vulnerable in our society, yet they represent our past and our future. So too can the power of intergenerational learning and stories enrich our understanding of the possible“ (109). Gemeinsam mit seiner Frau, einer Entwicklungspsychologin, hat Whitehouse in Cleveland ein innovatives Projekt aufgezogen, das in die Zukunft weist. Nebenbei gesagt, auch die Erfahrungen von Whitehouse in deHogewey, einem Demenzquartier in den Niederlanden, werden thematisiert – vielleicht weiterführend für jene, die eine „Lösung“ der Demenzthematik in der Schaffung von künstlichen Welten und einer Exklusion aus dem Sozialraum favorisieren.

Dritter Teil: Literarische und kulturelle Blickwinkel. Bei diesem dritten Akzent des hier zu besprechenden Buches fällt vor allem der Beitrag von Amand Ciafone, einer Medienwissenschaftlerin von der Universität Illinois, positiv auf. Er heißt: „The Third Age in the Third World: Outsourcing and Outrunning Old Age in the Best Exotic Marigold Hotel.“ In diesem Film wird Indien als ein Ort dargestellt, in dem ein positives Altern jenseits der bekannten Stereotype möglich sein soll. In dieser exotischen Umgebung – so das Versprechen – kann das realisiert werden, was im Westen kaum jemand mehr zu denken wagt: Alte Menschen verlieben sich neu, bilden neue soziale Netzwerke, finden neue Aufgaben, etc. Diese postkoloniale Erzählung verweist noch einmal indirekt darauf, welche Herausforderung in der Gestaltung angemessener und gelungener Pflege- und Versorgungssettings in unseren Gesellschaften existieren – bevor man der neoliberalen Hoffnung auf eine geräuschlose Entsorgung des Alterns in der dritten oder vieren Welt mehr als Skepsis abgewinnt.

Fazit

Insgesamt liegt mit der Veröffentlichung ein sehr interessantes, weiterführendes und nachdenklich machendes Buch vor. Vor allem die interdisziplinäre Perspektive ist wichtig. Und die Tatsache, dass die Schrift in der Reihe der „Aging Studies“ Nr. 14 im transcript Verlag erschienen ist, spricht für sich. In diesem Verlag wird unter dem genannten Reihentitel der herkömmliche Blick auf Altern, Pflege und Versorgung im besten Sinne „verrückt“. Anschlussfähig ist das Buch auch an die deutschen Debatten, u.a. verweist der Beitrag von Isabel Atzel und Anamaria Depner auf eine ebenfalls im transcript Verlag veröffentlichte Studie zu den „Pflegedingen“, welche die Materialitäten in der Pflege, z.B. durch fundierte Analysen des Krankenzimmers im häuslichen und institutionellen Setting, illustrieren.

Als Leserschaft ist nicht nur ein akademisches Publikum angesprochen, vor allem die Praxis sollte die Lektüre nicht scheuen. Voraussetzung ist allerdings die Bereitschaft, auch einmal jenseits der üblichen „how to do“-Veröffentlichung hinter die Kulissen schauen zu wollen. Gerade dadurch können sich neue Perspektiven ergeben und die gewohnten Routinen aufgegeben werden. Nicht immer nur den Status Quo zu bestätigen, ist vor allem eine Aufgabe der Wissenschaft (in unserem Feld vor allem der Gerontologie und der Pflegewissenschaft), deren Vertretern dieses Buch mehr als zu empfehlen ist.


Rezensent
Prof. Dr. Hermann Brandenburg
Lehrstuhl für Gerontologische Pflege , Fakultät für Pflegewissenschaft, Philosophisch-Theologische Hochschule Vallendar
Homepage www.pthv.de
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Zitiervorschlag
Hermann Brandenburg. Rezension vom 27.02.2018 zu: Sally Chivers, Ulla Kriebernegg (Hrsg.): Care Home Stories. Aging, Disability, and Long-Term Residential Care. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3805-9. Aging studies, volume 14. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23497.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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