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Eleonora Kohl, Hajo Seng u.a. (Hrsg.): Typisch untypisch - Berufsbiografien von Asperger-Autisten

Cover Eleonora Kohl, Hajo Seng, Tobias Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch - Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 360 Seiten. ISBN 978-3-17-032617-0. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Gibt es förderliche oder hemmende Faktoren in der beruflichen Biografie? Anhand von 22 Berufsbiografien von Menschen, die unter den Bedingungen von Asperger-Autismus leben, wird nach Antworten gesucht. Das Buch gibt Einblicke in individuelle Werdegänge, sie bilden ein weites Spektrum beruflicher Erfahrungen ab. Bei aller Unterschiedlichkeit werden auch autismusspezifische Gemeinsamkeiten deutlich. Ergänzt werden diese durch wissenschaftliche Aussagen.

Herausgeberin und Herausgeber

Herausgegeben wird das hier vorgelegte Buch von Dr. Eleonora Kohl, Hajo Seng und Tobias Gatti.

  • Eleonore Kohl ist Bildungswissenschaftlerin und engagiert sich für die Wissenschaftskommunikation.
  • Hajo Seng ist Diplom-Mathematiker und Autor zahlreicher Bücher. Er engagiert sich im Autismus-Selbsthilfebereich (aspies e.V., autSocial, autWorker eG, auticon).
  • Tobias Gatti war viele Jahre als freier Übersetzer und Publizist tätig. Heute arbeitet er als medizinischer Dokumentar an einer süddeutschen Klinik.

AutorInnen

Weitere AutorenInnen sind über 20 Personen mit Asperger Autismus, deren Berufsbiografien in Form von Interviews erhoben wurden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 360 Seiten und eröffnet mit einem Geleitwort von Maria Kaminski und dem „Buchgeläut“. Diese Einführung ist sehr verdichtet geschrieben und bedarf hochkonzentrierter Aufmerksamkeit, um die Botschaft zu verstehen: Mithilfe von fünf Aspekten bzw. „Bereichen“ wird das Typische der Untypischen erläutert. In einem „spontan zugefügten“ 6. Bereich werden Besonderheiten von Autistinnen angeführt. Der Hauptteil enthält 22 Interviews zu Lebens- und Berufsbiografien. Die Vornamen (reale oder verfremdete) bilden die Kapitelüberschriften. Es handelt sich um zehn Frauen und zwölf Männer. Das Buch endet mit der Frage, ob Asperger-Autist*innen zu exklusiv für Inklusion sind.

Jede Person wird in zwei Teilen vorgestellt: Die Vorstellung beginnt mit der Biografie, die frei geschrieben ist und sie mündet in ein Interview, dessen 21 Fragen für jede Person im Prinzip gleich sind, aber nicht jede Person beantwortete alle Fragen. Manche Biografien sind sehr knapp gehalten, andere länger und durch Überschriften oder Nummern gegliedert, andere bestehen aus einem Fließtext. An jedem oberen Seitenrand ist zur besseren Orientierung der Name der Person, die vorgestellt wird, abgedruckt.

Die Beiträge sind sehr unterschiedlich. Da ist z.B. Annabelle, die einen bemerkenswerten Sprachstil hat. Bei ihr wurde als Kind eine Sprachentwicklungsstörung diagnostiziert und sie drückte sich mittels Bildern und Zeichnungen aus. Heute kann sie sprechen, Bilder als Ausdrucksmittel sind auch geblieben. Allerdings fällt ihr das Sprechen dann schwer, wenn zu viele Reize auf sie einströmen. Ihre Lösung: Sie spricht nachts, wenn es dunkel ist mit ihrem Freund, denn nachts sind die Reize reduziert. Reizüberflutendes Situationen haben zur Folge, dass sie nicht in der Lage ist, „einen Gedanken so zu fassen, dass der aussprechbar wird“ (S. 112). Sie kann dann nicht mehr sprechen, es ist eher ein Stammeln, deshalb zieht sie es vor, in solchen Situationen zu schweigen.

Sarah verwendet im ersten Teil eindrucksvolle Zwischenüberschriften, die den jeweiligen Lebensabschnitt charakterisieren wie z.B. die „Verzauberte“ in der Kleinkindphase, die „ Unsichtbarwerdende“ in der Grundschulzeit oder am Ende der Vorstellung die „Balancierende“ (S. 128-143).

Jimmy (S. 248-261) schreibt seine Biografie in der dritten Person. Dieser Stil wechselt im Interviewteil, hier geht er in die „Ich“-Form über. Warum er diese Stilmittel wählte habe ich leider nicht herausfinden können, es hätte mich interessiert.

In Emmas Biografie (S. 262-274) kommen ihre Arbeitskolleginnen zu Wort und beschreiben, was sie an ihr schätzen. Emma arbeitet als Pflegefachfrau in einer Demenzabteilung in einem Altenheim.

Die einzelnen Beiträge sind unterschiedlich lang, manche haben einen Umfang von fünf Seiten, andere zwanzig Seiten. Die Beschreibungen in den einzelnen Beiträge machen deutlich, wie unterschiedlich Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, sind und wie sie dabei trotzdem vor den gleichen Problemen stehen. Dieser Mix aus einem freien Erzählteil und einem Interviews lockert auf. Das Format, bei dem alle Personen im Prinzip die gleichen Fragen beantworten, macht es möglich, gezielt nach Antworten zu suchen z.B. wenn man herausfinden möchte, welche Strategien angewendet werden, um mit beruflichen Krisen umzugehen oder was die Person aus der Retrospektive heraus, also im Nachhinein betrachtet anders hätte machen können. Es wird beschrieben, wie mit Schwierigkeiten mit Struktur umgegangen wird oder mit Situationen von Reizüberflutung.

Die letzte Frage zielt auf private oder institutionelle Unterstützung, um mit Schwierigkeiten im Berufsleben besser umgehen zu können oder diese zu lösen. Die Antworten, die man dort findet, lesen sich wie ein Kaleidoskop der Möglichkeiten, was hilfreich wäre. Sie zeigen, dass es nicht ein Rezept gibt, sondern die Unterstützung an der Individualität der Person angepasst sein muss, an dem, was die Person für den anvisierten Arbeitsplatz, für die Umgebung und für die erwarteten Anforderungen braucht.

Das Buch schließt mit der Vorstellung des Projekt „autWorker“ ab. Es wurde 2009 in Hamburg mit der Idee gegründet wurde, das „Autisten ihre Belange selbst angehen und zu diesem Zweck eine autistische Firma gründen“ (S. 353). Ziel war, die exkludierenden Vorverurteilungen, denen Menschen aus dem autistischen Spektrum ausgesetzt sind, zu begegnen. Die Arbeit begann mit den workshops „autistische Fähigkeiten“, in denen zusammen mit den Teilnehmenden eine realistische Selbsteinschätzung einhergehend mit einem Fokus auf die Stärken, erarbeitet wurde, unabhängig von kursierenden einseitigen und negativen Vorstellungen und Vorurteilen. Bis 2016 wurden 120 Workshops mit 700-800 Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, angeboten. Anhand von drei Beispielen (Jonathan, Niklas und Kolja) wird berichtet, was die Workshops bewirken können: Jonathan lernte z.B. im Erwachsenenalter lesen und schreiben und zwar, als er erkannte, wie wichtig diese Fähigkeiten für ihn sind. Alle drei Geschichten sind Erfolgsgeschichten. Sie dokumentieren sehr eindrücklich, was geschieht, wenn man den Blick wechselt, weg von der einseitigen Defizitorientierung, hin zu den Stärken und Wünschen. Darüber hinaus hielten die autWorker auch zahlreiche Vorträge auf Tagungen und Kongressen. 2015 bemühten sich die autWorker um eine Regelfinanzierung und es wurden viele Gespräche und Verhandlungen geführt, am Ende leider mit keiner Aussicht auf Erfolg. Meine Meinung: Ein bitteres Ergebnis.

Diskussion

Die Berufsbiografien zeigen in bemerkenswerter Weise auf, wie individuelle Lösungswege gefunden werden müssen und können.

Lesenswert wird das Buch neben den umfassenden Informationen auch durch die Individualität der Beschreibungen, die durch den verwendeten Sprachstil und eine eigene Erzählweise zum Ausdruck kommen. Die 22 Interviews sind sehr unterschiedlich und nach jedem gelesenen Interview war ich gespannt auf die geschilderten Erlebnisse in den nachfolgenden Beiträgen. Nicht nur die erlebten biografischen Geschichten, sondern auch die Denkweisen, die Ausdrucksweisen und die sprachlichen Stilmittel machen das Buch sehr lesenswert.

Die Verwendung der im Prinzip gleichen Fragen ermöglicht einen Vergleich der Interview-Antworten. Dieses Format erlaubt, gezielt nach Antworten zu suchen. Manche brauchen Unterstützung beim Umgang mit Orientierung und Strukturen, andere haben das Problem nicht. In vielen Beiträgen habe ich von dem Wunsch nach einem Coach oder Mentor gelesen, der vermittelt und Brücken bauen kann, um privat und institutionell, mit Schwierigkeiten im Berufsleben besser umgehen zu können oder diese zu lösen. Reizüberflutung wird auf verschiedene Weise begegnet z.B. durch Vermeidung, mit abgedunkelten Brillen oder Ohrstöpseln, mit Rückzug oder Spaziergängen in der Natur.

Die 21 Fragen zielen überwiegend auf Schwierigkeiten, eine Frage bezieht sich darauf, was Kolleg*innen an der Person besonders schätzen. Dieses Ungleichgewicht von 20:1 fand ich überraschend, hier wurde die Chance vertan mehr von den Stärken herauszuarbeiten, die Menschen aus dem autistischen Spektrum zweifelsfrei haben.

Fazit

Gibt es förderliche oder hemmende Faktoren in der beruflichen Biografie? In Form von 21 Fragen zu Berufsbiografien von 22 Menschen, die unter den Bedingungen von Asperger-Autismus leben, wird nach Antworten gesucht. Das Buch gibt Einblicke in individuelle Werdegänge, die damit ein weites Spektrum beruflicher Erfahrungen abbilden, bei aller Unterschiedlichkeit werden auch Autismus spezifische Gemeinsamkeiten deutlich. „Ergänzt durch Interviewskizzen und wissenschaftliche Aussagen entsteht ein Werk mit überindividueller Perspektive und bedeutsamer Aussagekraft. Mit dieser strukturierten Selbstbetrachtung gelingt die Herausarbeitung überindividueller Besonderheiten dennoch ganz untypischer Menschen“(Klappentext).

Menschen, die behindert werden aufgrund ihres Autismus, können arbeiten, „entscheidend für den beruflichen Erfolg ist nicht die Aufgabe, sondern deren begleitender Kontext“ (S. 21).


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 07.02.2018 zu: Eleonora Kohl, Hajo Seng, Tobias Gatti (Hrsg.): Typisch untypisch - Berufsbiografien von Asperger-Autisten. Individuelle Wege und vergleichbare Erfahrungen. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-032617-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23500.php, Datum des Zugriffs 20.08.2018.


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