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Rudolf Kemmerich: ADHS von A bis Z

Cover Rudolf Kemmerich: ADHS von A bis Z. Kompaktes Praxiswissen für Betroffene und Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. 288 Seiten. ISBN 978-3-17-033447-2. 28,00 EUR.
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Thema

Kaum eine psychische Erkrankung hat in den letzten Jahren so viel Aufmerksamkeit erfahren wie das so genannte Aufmerksamkeitsdefizit-(Hyperaktivitäts)-Syndrom – kurz AD(H)S. Ein hartes Ringen um die Beschreibung und Abgrenzung des Störungsbildes, die Zunahme der Diagnoseraten und insbesondere die Angemessenheit bestimmter (v.a. medikamentöser) Behandlungsmöglichkeiten kennzeichnen die öffentliche Debatte wie auch den wissenschaftlichen Fachdiskurs. „Der Streit um die Diagnose ADHS und um die Behandlung der betroffenen Kinder und Jugendlichen hat sich zu einer der größten Kontroversen in der Geschichte des Fachgebiets der Kinder- und Jugendpsychiatrie ausgewachsen“, urteilt etwa Peter Riedesser (2006, S. 111). Entsprechend vielfältig und schwer überschaubar gestaltet sich die Praxis- wie Forschungsliteratur zur Thematik – über evidenzbasierte, psychiatrische Leitlinien, kritische Abhandlungen zur „Modekrankheit ADHS“ (aktuell z.B. Schmidt 2018) bis hin zu praxisnahen Sachbüchern und Handreichungen für Betroffene und Bezugspersonen.

„Was bisher fehlt, das ist eine Darstellung in Lexikonform“ (S. 5). Diese Lücke will Rudolf Kemmerich mit seinem Buch „ADHS von A bis Z“ schließen und „Eltern, Großeltern, Jugendliche[n], Ärzte[n], Psychologen und Jugendleiter[n]“ (ebd.) in kurzen Artikeln die Antworten auf alle drängenden Fragen zum Thema AD(H)S vermitteln.

Autor

Dr. Rudolf Kemmerich, geboren 1936, ist Kinder- und Jugendarzt sowie Umweltmediziner. Er ist im therapeutisch-pädagogischen Beirat von ADHS Deutschland e.V. aktiv, einem bundesweit tätigen Selbsthilfeverein mit über 250 örtlichen Selbsthilfegruppen.

Entstehungshintergrund

Die Inhalte des hier besprochenen Buches basieren wesentlich auf Kemmerichs Erfahrungen aus 40 Jahren ärztlicher Betreuung von Kindern, Jugendlichen und Eltern sowie acht Jahren Gruppentraining mit Jugendlichen, Eltern, Lehrer_innen und Erzieher_innen.

Aufbau und Inhalt

„ADHS von A bis Z“ folgt dem klassischen Aufbau eines Lexikons: nach Stichworten alphabetisch gereiht finden sich kurze Artikel zu verschiedensten Themen und Fragen rund um AD(H)S. Die Auswahl der aufgenommenen Begriffe ist dabei äußerst vielfältig und reicht von A wie ‚Atomoxetin‘ (ein zur Behandlung von ADHS zugelassener Arzneistoff) über ‚Diagnosestellung ADHS‘, ‚Interdisziplinäre Betreuung‘, ‚Lebensmittelzusatzstoffe‘, ‚Medikamente mit paradoxen Wirkungen bei ADHS‘ oder ‚Schuld der Eltern?‘ bis zu Z wie ‚Zeitwahrnehmung bei ADHS‘.

Zum einen bieten die Artikel relevantes Hintergrundwissen zum Verständnis von AD(H)S und professionellen Behandlungsmöglichkeiten (neben pharmakotherapeutischen Strategien werden auch verschiedene psychosoziale Ansätze diskutiert, etwa musik- oder tanzpädagogische Angebote oder Reiten/Hippotherapie). Zum anderen werden auch ganz alltagspraktische Hinweise zu Ernährung, Erziehung und Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit AD(H)S vermittelt, die insbesondere an Eltern und nahe Bezugspersonen gerichtet sind. Für betroffene Familien könnten sich zudem auch die weiterführenden Hinweise etwa auf ‚Bücher zu ADHS‘ oder ‚Kurkliniken mit Indikation ADHS‘ als sehr hilfreich erweisen.

Die meisten Artikel beziehen sich dabei auf das Kindes- und Jugendalter – was angesichts der Häufung der ADHS-Diagnoseraten in Kindheit und Jugend schlüssig erscheint. Ergänzend widmen sich einzelne Beiträge aber auch explizit den Stichworten ‚Übergang ins Erwachsenenalter‘, ‚Erwachsene mit ADHS‘, ‚Paarbeziehungen bei ADHS‘ oder ‚Ältere Menschen mit ADHS‘.

Einige der Lexikonartikel überraschen dabei thematisch auf den ersten Blick möglicherweise, so etwa der direkt unter A zu findende Beitrag ‚Achtung für Menschen mit ADHS‘, in dem Rudolf Kemmerich einen ressourcenorientiert-positiven Blick auf „ADHS-Persönlichkeiten“ (u.a. S. 18) betont (anstelle eines alleinig pathologisierend-defizitorientierten Blicks auf ‚psychisch kranke Patient_innen‘). Entsprechend beschreibt er an mehreren Stellen im Buch „besondere und wertvolle Eigenschaften“ von Menschen mit ADHS: „Sie sind hellwach, fantasievoll und neugierig. […] Sie sind Querdenker. Sie sind nicht immer einfach, aber sie sind immer für eine überraschende Lösung gut“ (S. 18).

Diskussion

In vielen Artikeln (z.B. unter den Stichworten ‚Achtung für Menschen mit ADHS‘, ‚Erfreuliche Eigenschaften der ADHS-Persönlichkeit‘) wird eine Haltung des Autors deutlich, die das ganze Buch prägt: Rudolf Kemmerich zweifelt nicht daran, dass es die Diagnose AD(H)S gibt, sondern wirbt vielmehr einerseits um Akzeptanz und angemessene Unterstützung für die Betroffenen, andererseits ist ihm der angesprochene ressourcenorientiert-positive Blick auf „ADHS-Persönlichkeiten“ sehr wichtig. Die konsequente und sensible Berücksichtigung der Perspektive der Adressat_innen zeichnet das Buch in besonderer Weise aus. Zudem überzeugt die Bandbreite der einbezogenen Themen, die sowohl für betroffene Familien wie auch Pädagog_innen und Therapeut_innen interessant erscheinen und verständlich aufbereitet präsentiert werden.

Gewisse Wiederholungen scheinen durch die Lexikonstruktur jedoch unvermeidlich (z.B. in den Artikeln ‚Stimulantien‘ und ‚Medikamentöse Behandlung‘). Bei einzelnen Artikeln erscheint außerdem fraglich, weshalb diese im Lexikon zu finden sind. So werden an mehreren Stellen Fragebögen zur Einschätzung von AD(H)S-Symptomen oder Verhaltensauffälligkeiten präsentiert (u.a. ‚Beurteilungsbogen für Eltern‘, ‚Beurteilungsbogen für Lehrer‘, ‚Conners-Test‘, ‚Fragebogen für Kinder‘ oder ‚Fragebogen für Jugendliche‘). Einerseits fehlt bei einigen jeglicher Hinweis zu Auswertung oder Aussagekraft, andererseits kann grundlegend kritisch diskutiert werden, inwiefern etwa eine ‚Selbstdiagnostik‘ über die Fragebögen hilfreich ist oder ob die Verwendung solcher diagnostischen Instrumente nicht eher zwingend in therapeutischen Kontexten mit der entsprechenden fachlichen Anleitung und Begleitung erfolgen sollte. Auch andere Artikel irritieren etwas, z.B. die recht pauschalen Ausführungen zu ‚digitalem Lernen‘ oder ‚Videospielen‘ oder der Beitrag zur ‚Behandlung ohne Stimulantien‘. Dieser führt zwar eine große Breite von Behandlungsformen von autogenem Training bis zu zuckerreduzierter Kost auf, eine Einschätzung der Wirkung der einzelnen Ansätze erfolgt aber lediglich basierend auf ‚Erfahrungswerten des Autors‘.

Fazit

Die in „ADHS von A bis Z“ im übersichtlichen Lexikonformat unter knapp 160 Stichworten zusammengestellten Beiträge beantworten verschiedenste Fragen zu Entstehung und Formen von AD(H)S, Auswirkungen sowie Unterstützungs- und Hilfsmöglichkeiten für betroffene Kinder und Jugendliche und ihre Familien. Basierend auf dem reichen Erfahrungsschatz des Autors werden zudem viele alltagsnahe Hinweise und weiterführende Informationsangebote v.a. für Eltern und Bezugspersonen vermittelt.

Auch für Leser_innen, die schon über grundlegendes Wissen zu AD(H)S verfügen, hält das Buch einige interessante, weiterführende Informationen und Denkanstöße bereit. Zudem kann es nicht nur für Eltern und das familiäre Umfeld, sondern insbesondere auch für Lehrer_innen, Erzieher_innen und Sozialarbeiter_innen überaus hilfreich und fruchtbar sein, sich von dem von Rudolf Kemmerich eingenommenen ressourcenorientierten Blick auf ADHS-Persönlichkeiten und ihre vielfältigen positiven Eigenschaften inspirieren zu lassen und ihr Alltagshandeln daran zu orientieren.

Literatur

  • Schmidt, Hans-Reinhard (Hrsg.) (2018): Modekrankheit ADHS. Eine kritische Aufsatzsammlung. Frankfurt a.M.: Mabuse Verlag.
  • Riedesser, Peter (2006): Einige Argumente zur ADHS-Kontroverse in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. In: Leuzinger-Bohleber, Marianne/ Brandl, Yvonne/Hüther, Gerald (Hrsg.): ADHS – Frühprävention statt Medikalisierung. Theorie, Forschung, Kontroversen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 111-117.

Rezension von
Prof. Dr. Sandra Wesenberg
Gastprofessorin für Klinische Psychologie mit den Schwerpunkten Beratung und Therapie an der Alice Salomon Hochschule Berlin
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Zitiervorschlag
Sandra Wesenberg. Rezension vom 13.07.2018 zu: Rudolf Kemmerich: ADHS von A bis Z. Kompaktes Praxiswissen für Betroffene und Therapeuten. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-033447-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23503.php, Datum des Zugriffs 25.10.2021.


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