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Gertraud Diem-Wille: Pubertät - Die innere Welt der Adoleszenten und ihrer Eltern

Cover Gertraud Diem-Wille: Pubertät - Die innere Welt der Adoleszenten und ihrer Eltern. Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-17-022399-8. D: 35,00 EUR, A: 36,00 EUR.
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Thema

Dieses Fachbuch befasst sich mit den unterschiedlichen Aspekten der Pubertät unter besonderer Schwerpunktsetzung auf den psychoanalytischen Bereich. Die Herausbildung eines Körper-Ichs, die psychosexuelle Entwicklung, die Entwicklungsherausforderungen für das Fühlen und Denken sowie die eigentliche Identitätsfindung werden thematisiert. Als besondere Themen hat die Autorin Gewalt, Teenager- Schwangerschaften, psychische Zusammenbrüche, sowie Suizidalität herausgegriffen.

Autorin

Prof. Dr. Gertraud Diem-Wille lehrt an den Universitäten Klagenfurt und Wien Psychoanalytische Pädagogik und ist zugleich Lehranalytikerin für Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung und der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPA) sowie Supervisorin.

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist eine Fortführung des 2013 erschienenen Titels von Gertraud Diem-Wille: Die frühen Lebensjahre: Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion.

Aufbau

Das Buch ist in sechs große Abschnitte untergliedert und enthält neben einem Teil zur Körper-Ich -Entwicklung und zur psychosexuellen Entwicklung in der Pubertät die wesentlichen Entwicklungsaspekte der Pubertät Fühlen, Denken und Identität.

Als Schwerpunkte zur Pubertät werden Gewalt, Teenagerschwangerschaften, psychische Krisen und Suizidalität gesondert betrachtet. Ausführliche Fallvignetten, Diskussionsrahmen, Skizzen aus Therapien und viele Graphiken bzw. Statistiken durchziehen das Buch ebenso wie auch eine Reihe von unkommentierten Schwarz-Weiß-Fotos, welche Menschen in unterschiedlichen Beziehungen zu sich und anderen zeigen.

Gertraud Diem-Wille stellt in ihrem Buch die Entwicklungen während der Pubertät in insgesamt sechs Kapiteln dar:

  1. Das Körper- Ich
  2. Psychosexuelle Entwicklung in der Pubertät
  3. Entwicklung des Fühlens
  4. Entwicklung des Denkens
  5. Selbstfindung – Identität
  6. Ins Abseits geraten – Überschreiten der Grenzen

Inhalt

Nach einer kurzen Einleitung befasst sie sich im ersten Teil mit dem Körper- Ich zum einen hinsichtlich der persönlichen Wahrnehmung (Wie betrachte ich mich selbst?). Hier sind die beschriebenen körperlichen Veränderungen anhand von Interviewauszügen beschrieben und die hormonellen Veränderungen anhand von Graphiken. Zum anderen erörtert die Autorin, wie man den eigenen Körper in der Pubertät beginnt zu nutzen für Protest, Provokation und Propaganda.

Im zweiten und auch zweitgrößten Abschnitt des Buches geht es um die psychosexuelle Entwicklung in der Pubertät. Hier beschreibt die Autorin ausgehend von der Mutter-Baby- Beziehung wie diese als ein Modell genutzt wird für die erste romantische Liebe. Ödipale Wünsche und Tagträume mit ödipalen Themen würden dann bestimmend, ehe Masturbation und Masturbationsphantasien als Befriedigung der sexuellen Spannung thematisiert werden. Das Durcharbeiten frühkindlicher und pubertärer Themen in der Kunst wird dann im folgenden leider nur anhand der „Leiden des jungen Werther“ und weniger anderer Beispiele erörtert, ehe dann im folgenden Abschnitt mit Hilfe einiger Exkurse und Fallbeispiele interessante Ausführungen zu Adoleszenten in der Therapie folgen. Die zwei Fallbeispiele eines Mädchens und eines Jungens werden ausführlich beschrieben.

Das dritte Kapitel befasst sich intensiv mit der Entwicklung des Fühlens. Hier schafft es die Autorin sehr gut die unterschiedlichen, teils ambivalenten Gefühle Jugendlicher aufzuzeigen und nimmt dabei viele Therapiepassagen zu Hilfe. Der anschließende Abschnitt zu der Auswirkung auf die Psyche der Eltern ist relativ kurz. Er verdeutlicht aber explizit, wie wichtig die eigenen Eltern bleiben als „innere Mutter“ bzw. „innerer Vater“.

Der anschließende, ziemlich kurze vierte Abschnitt zur Entwicklung des Denkens zeigt, wie schwer es für Jugendliche ist, hinsichtlich ihrer Abstraktionsfähigkeit auch noch die dahinterliegenden Aussagen erwachsener Personen passend zu deuten.

Einen zentralen Abschnitt bildet dann das Kapitel Selbstfindung und Identität (fünftes Kapitel). Hier ist auch die gewählte Schwarz-Weiß-Fotographie gut gewählt, auf welcher eine adoleszente Person zugleich vor- und seitwärts schauend abgelichtet ist. Die Bedeutung der Eltern, aber auch der Gleichaltrigen-Gruppe wird hier gut angesprochen. Interessant ist hier das Herausheben einer bisexuellen Phase kurz vor der Adoleszenz, welche von Mädchen weniger als von Jungen verdrängt werde.

Der folgende Buchabschnitt „Ins Abseits geraten – Überschreiten der Grenzen“ (sechstes Kapitel) kann als der zentrale betrachtet werden, weil hier die in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen stark berührenden Themen herausgestellt werden. Dieses besonders intensiv geschriebene Kapitel macht Gewalt, Teenager-Schwangerschaften, psychische Krisen in der Adoleszenz sowie Suizidalität zu Schwerpunktthemen. Diese werden auch in der Auseinandersetzung mit Jugendlichen immer wieder herausgestellt. Die vielen Fallvignetten, Originaltext- oder Bildauszüge aus Therapien machen dieses Kapitel zu einer wahren Fundgrube, was die Erlebenswelt von Jugendlichen und den therapeutischen Umgang mit ihnen betrifft.

Diskussion

Das Buch ist unterschiedlich gut lesbar. Passagenweise kommt es zu einer starken Verwendung psychoanalytischer Begriffe, um dann wieder diese eher zu vermeiden. Als in der Pädagogik agierender Mensch wird man viele psychoanalytische Deutungsmuster wohlwollend annehmen und diese Sichtweise als weitere mögliche Blaupause zum Verstehen junger Menschen aufgreifen. Gut ist, dass man einen Einblick in die psychoanalytische Bearbeitung von Auffälligkeiten erhält und dass die Autorin immer sowohl die Perspektive der jungen Menschen als auch derjenigen im Blick hat, von denen sie sich lösen müssen. Das von der Autorin gesetzte Ziel „ein besseres Verstehen und eine Minderung der Angst gegenüber überraschenden Veränderungen von Jugendlichen, aber auch Achtsamkeit zu ermöglichen, gefährliche Symptome des Rückzugs oder der Selbstschädigung nicht zu übersehen.“ (S. 292) wird mit diesem Werk vollends erreicht.

Fazit

Ein intensives, psychoanalytisch geprägtes Werk zur Pubertät, das nicht die Erziehung in den Vordergrund stellt, sondern das Verstehen wollen und auch können in den Mittelpunkt rückt. In diesem Sinne ein stützendes und ermutigendes Werk, um junge Menschen in dieser Lebensphase angemessen zu begleiten.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 19.02.2018 zu: Gertraud Diem-Wille: Pubertät - Die innere Welt der Adoleszenten und ihrer Eltern. Psychoanalytische Entwicklungstheorie nach Freud, Klein und Bion. Kohlhammer Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-17-022399-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23505.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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