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Andrea Zoyke, Kirsten Vollmer (Hrsg.): Inklusion in der Berufsbildung

Cover Andrea Zoyke, Kirsten Vollmer (Hrsg.): Inklusion in der Berufsbildung. Befunde - Konzepte - Diskussionen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 244 Seiten. ISBN 978-3-7639-1182-0. D: 28,90 EUR, A: 29,80 EUR.
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Entstehungshintergrund und Thema

Die vorliegende Publikation erschien als Tagungsband im Nachklang an eine Expertentagung im Juli 2014, die vom Bundesinstitut für Berufsbildung und der TU Dortmund im Rahmen der AG Berufsbildungsforschungsnetz (AG BFN) durchgeführt wurde.

Als semantische Klammer der zwangsläufig sehr unterschiedlichen Beiträge gilt der Inklusionsbegriff im Kontext der Berufsbildung. Unter dieser Überschrift werden Fragestellungen subsummiert, die sich mit den Hoffnungen auf eine Verbesserung der Chancen für die berufliche Integration (S. 8) von Menschen befassen, die von Benachteiligungen oder Behinderungen beim Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt betroffen sind. Bei der weiten Spannbreite der elf Beiträge, die sowohl Ergebnisse qualitativer wie quantitativer Bildungsforschung, Theorieanalysen sowie Praxisreflexionen enthalten, empfehlen die Herausgeberinnen den Leser*innen, die Beiträge nach eigenem thematischen Interesse zu sichten. – Ein weiser Vorschlag, da von vornherein klargestellt wird, dass es sich nicht um eine stringente, in sich geschlossene Monographie zum Thema, sondern um eine facettenreiche Sammlung von Einblicken und Befunden handelt.

Aufbau und Inhalt

Um die Übersicht zu erleichtern, haben die Herausgeberinnen die Beiträge in vier Teile gegliedert und eine Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse dem Sammelband vorangestellt (S. 16 -24). Bei der Deutschen Nationalbibliothek lässt sich das vollständige Inhaltsverzeichnis einsehen.

Der erste Teil befasst sich mit der Adaption des Inklusionsbegriffs und analysiert die Bedeutung für Schule und Berufsausbildung.

  • Hier analysiert Dieter Euler das verfügbare Zahlenmaterial zur schulischen und beruflichen Förderung von Menschen mit Behinderungen innerhalb und außerhalb der Regeleinrichtungen und entwickelt Maßgaben für die Forschung und Entwicklung einer inklusiven Berufsausbildung.
  • Marin Baethge erörtert die Perspektiven des nationalen Bildungsberichts von 2014, verweist vor allem auf eine Mangel an Erkenntnis- und Erfassungsprobleme und entwirft Perspektiven für die Neuorientierung der Berufsausbildung nach Maßgabe der Inklusionsprämisse.
  • Ruth Enggruber und Joachim Gerd Ulrich diskutieren in ihrem Beitrag, ob eine inklusive Berufsbildung lediglich für die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen gelten sollte, oder ob durch eine Erweiterung des Inklusionsbegriffs alle Menschen mit erschwerten Zugangschancen Berücksichtigung finden sollten.

In einem zweiten Teil werden Lernorte inklusiver Berufsbildung thematisiert und geeignete Angebote (S. 11) ausgewählt.

  • Ruth Enggruber und Josef Rützel analysieren die Ergebnisse einer von der Bertelsmann-Stiftung initiierten Befragung von 1011 ausbildungsberechtigten Unternehmen zu ihren Erfahrungen bei der Berufsausbildung junger Menschen mit Behinderungen. Sie gelangen zu der Erkenntnis, dass Betriebe nur unzureichende Kenntnisse über Behinderungen haben und zudem kaum über bestehende Unterstützungsangebote informiert sind.
  • Lutz Galiläer und Berhard Ufholz stellen die Ergebnisse aus dem Projekt TrialNet zur Diskussion. Hier werden die Erfahrungen aus einem mehrjährigen Projekt der Ausbildung junger Menschen mit Behinderungen in – und in Kooperation mit – Unternehmen ausgewertet, Konsequenzen für die Auswahl des Lernortes abgeleitet und Maßnahmen zur Erhöhung der Beschäftigungsbereitschaft von Betrieben vorgeschlagen.
  • Ein ESF-Modellprojekt in Hamburg mit dem Ziel der vorgelagerten Etablierung inklusiver Strukturen der Berufsbildung wird von Cortina Gentner vorgestellt. Sogenannte Produktionsschulen, die Arbeiten und Lernen kombinieren, bieten aus der Sicht der Autorin die Chance, inklusive Bildung tatsächlich umzusetzen, da hier mehrere relevante theorieleitende Paradigmata (Individualisierung, Subjektorientierung, Kompetenz- und Lebensweltorientierung) in die Konzeption eingehen und Berücksichtigung finden.
  • Schließlich befassen sich Stefan Gruber, Angela Rauch und Nancy Reims mit der Frage, ob und inwieweit die kostenintensiven Leistungen zur beruflichen Rehabilitation zu einer nachhaltigen beruflichen Integration beitragen. Sie untersuchen die Erwerbssituation bis zu 69 Monate nach Abschluss einer Hauptmaßnahme, identifizieren Einflussfaktoren für die Reintegration in den Arbeitsmarkt, vergleichen die Dauer der ersten Erwerbsphase und leiten daraus Kriterien für eine nachhaltige berufliche Teilhabe ab. Erfreulich, dass 2/3 der Befragten in ein ungefördertes Beschäftigungsverhältnis einmündeten.

3. Teil befasst sich mit berufsbezogenen Kompetenzen und Potenzialen von Menschen mit Behinderungen.

  • Zunächst bestätigen Sarah Khayal, Stephanie Kohl und Mathilde Niehaus mit ihrer Untersuchung an einer Stichprobe von 47 Personen, dass Personen mit einer Borderlinepersönlichkeitsstörung im Bereich von berufsbezogenen Kompetenzen (z.B. Sensivität, Kontaktfähigkeit, Soziabilität, Teamorientierung und Durchsetzungsstärke) signifikant niedrigere Werte gegenüber der Normstichprobe aufweisen. Sie plädieren u.a. dafür, die „Schwächen im Bereich berufsbezogener und emotionaler Kompetenzen bei der Entwicklung und Planung inklusiver und rehabilitativer Maßnahmen zu berücksichtigen“ (S. 175).
  • Ob und wie eine musikorientierte Berufstätigkeit von Erwachsenen mit geistiger Behinderung realisiert werden kann, damit befassen sich die Autorinnen Lis Marie Diehl und Irmgard Merkt. In einem Dortmunder Modellprojekt im Bereich der Erwachsenenbildung für Menschen mit geistiger Behinderung wurden im Verlauf von 3 Jahren Erfahrungen gesammelt, die den Weg zu einem Künstlerarbeitsplatz außerhalb der Beschäftigung in einer WfbM unterstützen können.

In einem letzten 4. Teil geht es um die Standardisierung inklusiver Berufsbildung und Professionalisierung des pädagogischen und ausbildenden Personals.

  • Zunächst thematisieren Vera Neugebauer und Thomas Bauer die fehlende Chancengleichheit für Menschen mit Erwerbsminderung in den WfbM, da ihnen bislang die Teilhabe an einer regulären Ausbildung im Rahmen des Berufsbildungsgesetzes in den Werkstätten verwehrt wird. In einem Modellprojekt der BAG WfbM, das sich als Beitrag zu einer inklusiven Berufsbildung versteht, werden für 15 Berufe geeignete Ausbildungspläne entwickelt und Standards generiert, die sowohl für die Erleichterung einer externen Beschäftigung, auch in ausgelagerten Arbeitsplätzen, wie für eine Tätigkeit innerhalb der WfbM von Bedeutung sind.
  • Schließlich befasst sich Andrea Zoyke mit der Frage, inwieweit die Lehrenden an beruflichen Schulen im Rahmen der Aus- und Weiterbildung auf das Thema Inklusion vorbereitet werden. Dabei werden sowohl theorieleitende Orientierungen und Empfehlungen, abgeleitet aus Positionspapieren der UNESCO, der KMK sowie der UN-BRK, analysiert als auch Ergebnisse aus wissenschaftlichen Studien einbezogen. Der Beitrag mündet in Empfehlungen für eine grundsätzliche Verankerung dieser Thematik im Rahmen des Lehramtsstudiums sowie in der Aus- und Fortbildung.

Fazit

Die vorliegende Publikation, eine Sammlung von ausgesprochen lesenswerten und informativen Fachbeiträgen von kundigen und ausgewiesenen Autor*innen zur Inklusionsproblematik im berufsbildenden Kontext, bietet den Leser*innen vielfältige Einblicke zum aktuellen Stand der Diskussion in Berufsbildungswissenschaft und -praxis und kann alle Fachleuten uneingeschränkt zur Lektüre empfohlen werden. Dadurch, dass die Autorinnen in einer Einführung eine Zuordnung und eine Kurzzusammenfassung der Beiträge vorgenommen haben und den einzelnen Beiträgen zudem ein Abstract vorangestellt wird, erleichtert dies die interessengeleitete Navigation durch den Tagungsband. Zweifelsohne ist das Vorhaben der Autorinnen geglückt „mit punktuellen Einblicken zur Kenntnis und zum Austausch über die vielfältigen Ansätze beizutragen und zur weiteren Diskussion anzuregen“ (S. 9). Obwohl es sich, wie die Herausgeberinnen beinahe entschuldigend hinzufügen, nicht nur um fachwissenschaftliche Beiträge, sondern auch um Praxisreflektionen handelt, befinden sich die sehr gut recherchierten und dokumentierten Beiträge trotz aller Unterschiedlichkeit auf hohem Niveau. Gleichfalls gilt es die Entscheidung der Herausgeberinnen zu begrüßen (S. 9), bei der Vielgestaltigkeit der inhaltlichen Anregungen sich nicht zu einer zwangsläufig komplexitätsreduzierten Zusammenfassung hinreißen zu lassen, sondern den Leser*innen eine Bewertung der z.T. unterschiedlichen Schlussfolgerungen zuzugestehen und die Beiträge für sich selbst sprechen zu lassen.

Insgesamt eine hochinteressante und kenntnisreiche Publikation, die nicht nur virulente Fragen einer inklusiven Berufsbildung kundig analysiert, sondern auch – sorgfältig abwägend – z.T. konträre Entwicklungsmöglichkeiten zur Diskussion stellt.


Rezensent
Prof. Dr. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
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Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 24.10.2017 zu: Andrea Zoyke, Kirsten Vollmer (Hrsg.): Inklusion in der Berufsbildung. Befunde - Konzepte - Diskussionen. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-1182-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23506.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


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