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Barbara Schäuble, Leonie Wagner (Hrsg.): Partizipative Hilfeplanung

Cover Barbara Schäuble, Leonie Wagner (Hrsg.): Partizipative Hilfeplanung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 261 Seiten. ISBN 978-3-7799-3696-1. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Hilfeplanung ist aus guten Gründen ein Dauerthema in der Kinder- und Jugendhilfe. Sie bildet die zentrale Schaltstelle für die Konstruktion dessen, was als eine „angemessene und notwendige“, „dem erzieherischen Bedarf im Einzelfall“ entsprechende Hilfe (§ 27 SGB VIII) angenommen wird. Ob es gelingt, im Prozess der Hilfeplanung eine Koproduktionsbereitschaft der Leistungsadressaten herzustellen, markiert einen zentralen Faktor für die Wirkungsoptionen einer Hilfe. Die Hilfeplanung nicht nur von den individuellen Fähigkeiten der Fachkräfte im Jugendamt abhängig zu machen, sondern als eine in der Organisation erwartbare und einigermaßen verlässlich herzustellende Prozessqualität zu gewährleisten, ist das Bestreben in vielfältigen und immer wieder neu aktualisierten Bemühungen der Jugendämter. In den aktuellen Diskussionen um eine Jugendhilferechtsreform hin zu einem „inklusiven SGB VIII“ spielt die Hilfeplanung eine zentrale Rolle; zu klären ist, in welcher Weise die bisher unterschiedlichen Logiken von Teilhabeplanung (aus der Eingliederungshilfe) und Hilfeplanung (aus der Kinder- und Jugendhilfe) zusammengeführt werden können.

Angesichts dieser elementaren Bedeutung von Hilfeplanung in der Kinder- und Jugendhilfe ist sehr zu begrüßen, wenn in einem neu erschienenen Buch das Thema „Partizipation“ in der Hilfeplanung in der Diskussion gehalten und mit neuen Impulsen versehen wird. „Partizipation“ ist sicherlich kein neuer Aspekt in den Debatten zur Hilfeplanung, aber weil Partizipation in der Praxis so schwer zu erreichen ist und weil das Gelingen von Partizipation immer wieder neuer Überlegungen und Bemühungen bedarf, sind kontinuierliche Impulse, wie sie in dem vorliegenden Buch unterbreitet werden, sehr willkommen.

Herausgeberinnen und Aufbau

Die beiden Herausgeberinnen Barbara Schäuble (Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin) und Leonie Wagner (Professorin an der HAWK Hochschule Holzminden) gliedern die Beiträge des Sammelbandes in vier thematische Abschnitte:

  1. Geschichte und Grundlagen
  2. Handlungsfelder
  3. Jugendhilfe/ Familienrat
  4. theoretische Perspektiven

Damit wird bereits im Inhaltsverzeichnis ein Schwerpunkt des Sammelbandes markiert: Das methodische Arrangement „Familienrat“ wird in dem Buch als eine produktive Möglichkeit zum Herstellen von Partizipation hervorgehoben; zwar auch mit kritischen Hinweisen, aber doch mit einer positiv prägnanten „Botschaft“.

Die drei Beiträge des Abschnitts „Geschichte und Grundlagen“ erscheinen thematisch etwas disparat. Stefanie Debiel/ Leonie Wagner bringen in ihrem Beitrag zu Partizipation in der Sozialen Arbeit viele Stichworte und Anknüpfungspunkte ein, verbinden diese aber nur wenig systematisch miteinander und vermögen daher nur wenig Orientierung zum umfassenden Rahmen zu geben, in dem Partizipation in der Sozialen Arbeit zu verorten ist. Bedauerlicherweise fehlt der zentrale Aspekt „Koproduktivität bei sozialen Dienstleistungen“ als wichtige Begründung zum Stellenwert von Partizipation hier völlig. Peter Beresford verdeutlicht Nutzerorientierung und Nutzerrechte als Teil politisch gesetzter (und politisch artikulierter) Anforderungen in England – als eine Anregung, ähnliche oder z.T. unterschiedliche Entwicklungen in Deutschland zu diagnostizieren. Sarah Hitzler stellt in ihrem Beitrag das Ermöglichen von Partizipation als eine sozialpädagogische Herausforderung dar. Es geht um Gestaltung einer „bilateral geprägten Partizipationsbeziehung, in der die Aktivitäten des Beteiligens und des Sich-Beteiligens sich sinnhaft aufeinander beziehen können“ (S. 44). Die von Hitzler geforderte „reflexive Beteiligung“ erfordert gleichermaßen, Beteiligung im Prozess zuzulassen und dabei bewusst gestaltend reale Beteiligungsoptionen zu schaffen und herauszufordern, also die Adressaten zur Beteiligung zu „ermächtigen“.

Die vier Beiträge im Abschnitt „Handlungsfelder“ beziehen sich auf die Behindertenhilfe (Albrecht Rohrmann), den Einsatz der Methode „Familienrat“ in der Seniorenhilfe (Angelika Lies/ Rüdiger Voss) und die Soziale Arbeit mit geflüchteten Menschen (Silvia Ottner/ Heiner Thiele; Christoph Wiedemann). Rohrmann arbeitet die Traditionen der Teilhabeplanung in der Behindertenhilfe heraus, die als eine Begrenzung für eine offensive Partizipationspraxis wirken. Er macht aufmerksam auf die – im Grundsatz für alle Handlungsfelder geltenden – Spannungen zwischen formalen Beteiligungsansprüchen und realen Teilhabemöglichkeiten und charakterisiert dadurch das Ermöglichen realer Teilhabe als „sozialpädagogisches Projekt“. Der Beitrag von Liess/ Voss stellt in Form eines Praxisberichts mit drei Beispielen die Anwendung eines in der Jugendhilfe entwickelten Verfahrens („Familienrat“) in der Seniorenhilfe dar, wobei hier systematische Überlegungen zu Bedingungen und zu Modalitäten des Einsatzes dieses Verfahrens fehlen. In den beiden Beiträgen zu den Beteiligungsoptionen geflüchteter Menschen wird erkennbar gemacht, dass die strukturell vorgegebene paternalistische Hilfe-Konstellationen Beteiligung an so etwas wie „Hilfeplanung“ kaum möglich erscheinen lassen. Dementsprechend geht es bei den Ausführungen eher um Erweiterung von Beteiligung im politisch.-gesellschaftlichen Bereich und im Alltag von Gemeinschaftsunterkünften und weniger um Beteiligung bei der individuellen Perspektiv-(„Hilfe-“)Planung.

Der Familienrat als beteiligungsorientiertes Arrangement ist der zentrale Bezugspunkt im Abschnitt „Jugendhilfe“. In sechs unterschiedlichen Beiträgen wird erörtert, dass der Familienrat als eine die Haltung der Fachkräfte beeinflussende und Lernprozesse auslösende Beteiligungsmethode entwickelt werden kann (Leonie Wagner), welche Stellenwert Koordinatoren als „Beteiligungsakteure“ haben, aber auch mit welchen Rollenambivalenzen diese Koordinatoren umgehen müssen (Barbara Schäuble), mit welchen Problemen und Enttäuschungen aus der Sicht jugendlicher Teilnehmer das Erleben von Familienräten belegt sein kann (Anja Rümenapp). Ein Erfahrungsbericht aus der Praxis (Heike Hör) und eine Charakterisierung der Verankerung der Methode im internationalen Kontext (Ute Straub) leiten über zu einem den Abschnitt abschließenden Beitrag von Frank Früchtel, der in einem kurzen Grundsatzbeitrag den Familienrat charakterisiert als „Inszenierung eines Anachronismus“, nämlich als ein Verfahren für gemeinschaftsorientierte Problemlösungspraktiken. Früchtel kennzeichnet den Familienrat als Verfahren, das eine Brücke bilden soll zwischen „Gemeinschaft“ und „Gesellschaft“, als „Brücke zwischen Tradition und Moderne“ (S. 194).

Der vierte Abschnitt „Theoretische Perspektiven“ geht, wie der erste Abschnitt ins Grundsätzliche. Ronald Lutz öffnet das Thema „Partizipation“ hin zu einem generellen Konzept Sozialer Arbeit als „befreiende Praxis“ (mit Bezug auf Freire). „Verstehen und Anerkennung der Anderen“ sowie Orientierung an herrschaftsfreier Kommunikation sieht er im Mittelpunkt einer solchen „befreienden Praxis“. Dies kann man kontrovers diskutieren: Statt solcher politischer Idealisierungen wäre es angemessener, die realen Widersprüche der Sozialen Arbeit mitzudenken, denn Soziale Arbeit existiert aufgrund gesellschaftlicher Aufträge, zu denen insbesondere „Normalisierung“, Kompensation von Abweichungen etc. gehört. In diesem Kontext „Partizipation“ auch mit ihren Widersprüchen/ Paradoxien genauer zu diskutieren, wäre hilfreicher als eine Orientierung an idealisierenden Thesen. Anregungsreich sind demgegenüber die Ausführungen von Gunther Graßhoff, Britta Karner und Wolfgang Schröer zur Hilfeplanung als „eine organisationale und soziale Ermöglichungskonstellation von Kindheit und Jugend …, die den jeweiligen Kindern und Jugendlichen, die in ihrem Wohl gefährdet sind, ihr subjektives Recht auf soziale Teilhabe ermöglicht“ (S. 224). Daraus leiten sie noch eher vage Perspektiven zur Entwicklung einer partizipativen Erforschung von Hilfeplanungsprozessen ab, die weiter zu diskutieren und methodisch zu konkretisieren wären. Aus „demokratie- und ungleichheitstheoretischer Perspektive“ leitet Thomas Wagner Gründe für die Nicht-Nutzung von Beteiligungsoptionen ab; dass insbesondere Machtkonstellationen in der Hilfeplanung ein Beteiligungshindernis bilden, ist jedoch hinreichend häufig benannt worden und als Argument wahrlich nicht neu. Der Band schließt ab mit einer Erörterung von „Partizipation im Familienritual“ (Kathrin Audehm), deren Bedeutung für die Gestaltung der Hilfeplanung etwas undeutlich bleibt.

Diskussion und Fazit

Das vorliegende Buch bietet eine anregungsreiche Lektüre zur Bedeutung von Partizipation in der Hilfeplanung, zu Hindernissen, zu Perspektiven beim Umgang mit diesen Hindernissen, zu Partizipation in verschiedenen Handlungsfeldern, wobei insbesondere auf das methodische Arrangement „Familienrat“ ein besonderes Augenmerk gerichtet wird. Die Lektüre setzt ein grundlegendes Verständnis zu Hilfeplanung und ihrer Dynamik voraus; ohne ein solches Verständnis wird es schwierig, den Stellenwert einzelner inhaltlicher Ausführungen adäquat einzuordnen. An einigen Stellen verlassen die Ausführungen die Richtung „Hilfeplanung“ etwas zu sehr, was zu Einbußen an Stringenz in der inhaltlichen Ausrichtung führt.

Insgesamt jedoch haben die Herausgeberinnen ein zu empfehlendes, zur kritischen Überprüfung und Weiterentwicklung der Hilfeplanung anregendes Buch in die Fachdiskussionen gebracht.


Rezensent
Prof. Dr. Joachim Merchel
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Zitiervorschlag
Joachim Merchel. Rezension vom 21.12.2017 zu: Barbara Schäuble, Leonie Wagner (Hrsg.): Partizipative Hilfeplanung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3696-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23507.php, Datum des Zugriffs 20.01.2018.


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