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Wolfgang Antes, Birgit Schiffers: Durchblick (Trainingsprogramm für Jugendliche)

Cover Wolfgang Antes, Birgit Schiffers: Durchblick. Erkennen, lernen, selbst denken. Die Praktiken von weltanschaulichem Extremismus und von Psychokulten sichtbar machen. Ein Trainingsprogramm für Jugendliche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 140 Seiten. ISBN 978-3-7799-2114-1. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 21,30 sFr.
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Thema

Das Buch versteht sich als Trainingsprogramm für Schüler*innen, die sich mit einer Vielzahl von Begriffen wie Autorität, Gruppenbildung, Gehorsam, Herkunft, Stärken und Schwächen, auseinandersetzen. Ziel der Publikation ist die Immunisierung von Jugendlichen gegenüber vermeintlichen Sinnproduzent*innen in Form von Psychokulten und Sekten bis hin zu politisch und religiösen extremistischen Gruppen. In einer sich immer weiter diversifizierenden Welt mit einer Vielzahl von Möglichkeiten und Chancen sind manche Jugendliche in der Gestaltung ihres Lebens überfordert. Das Trainingsprogramm möchte Jugendliche daher dazu anregen, sich mit Fragestellungen zu den oben genannten Themen auseinanderzusetzen und sich selbst dabei zu reflektieren. Hierzu werden Methoden aus der Gruppenarbeit herangezogen, um unterschiedliche Lernarrangements zu ermöglichen.

Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen sind Wolfgang Antes, Geschäftsführer der Jugendstiftung Baden-Württemberg mit den Schwerpunkten Projektberatung und Programmentwicklung und Birgit Schiffers, Mitarbeiterin der Jugendstiftung Baden-Württemberg mit den Schwerpunkten Bildungsangebote und Jugendbildung.

Entstehungshintergrund

Die Publikation ist das Ergebnis aus Diskussionen zwischen Schüler*innen, Lehrkräften und Trainer*innen, die an der Entwicklung und Umsetzung des Trainingsprogramms beteiligt waren. Die jeweiligen Module wurden in einem ersten Durchgang an zwei Schulen umgesetzt. Nach Auswertung der ersten Runde flossen die Ergebnisse in eine weitere Runde mit drei Schulen ein. Die aktuelle Publikation ist somit die dritte überarbeitete Version, versteht sich jedoch nicht als abgeschlossenes Projekt, sondern betrachtet das Material als „Open Source“, welches weiter von Dritten angepasst und modifiziert werden kann.

Aufbau

Zu Beginn des Buches wird zunächst kurz in den Entstehungshintergrund und in die Intention zur Erstellung eingeführt. Daran anschließend werden sowohl Hinweise zur Reihenfolge, Aufbau und Bearbeitung der Module als auch Grundlagen zur allgemeinen Arbeit mit Gruppen gegeben.

Den Hauptteil der Publikation bilden sieben unterschiedlichen Module. Diese bestehen jeweils zuerst aus einer theoretischen Hinführung zu einem Thema, welche bspw. den geschichtlichen Hintergrund, aber auch theoretische Annahmen beleuchtet. Daran anschließend wird ein Ablaufplan vorgeschlagen, der die einzelnen Methoden, die ungefähre Dauer und das benötigte Material beinhaltet. Nachdem dann die einzelnen Methoden dargestellt werden, wird mit einem Kapitel mit Vorschlägen für die Reflexion und Diskussion abgeschlossen.

Am Ende des Hauptteils befinden sich noch wenige Vorschläge für Warming-ups.

Im letztes Teil der Publikation befinden sich vorgefertigte Auswertungsböden für die einzelnen Module, die als Feedback für die Trainer*innen dienen. Außerdem werden, nach thematischen Schwerpunkten sortiert, Quellenangaben gemacht.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden werden nun die inhaltlichen Kapitel zusammengefasst.

In Gehorsam kann töten: Warum wir uns manchmal gerne unterordnen – das Milgram-Experiment wird anhand eines Experimentes beschrieben, in wie weit „durchschnittliche Personen“ dazu bereit sind, Anweisungen von Autoritäten zu folgen, auch wenn diese dem eigenen Gewissen entgegenstehen. Methodisch wird sich mit den Fragen „Was ist Gehorsam?“ und „Ist Gehorsam gut oder schlecht?“ befasst. Zudem sollen die Schüler*innen die Ergebnisse des Experimentes schätzen. Hierzu wird ihnen der Versuchsaufbau geschildert und sie sollen Einschätzungen zu unterschiedlichen Versuchsanordnungen geben. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einigen Fragen zur Diskussion der Einheit.

Im zweiten Kapitel „Führerkult“ im Alltag: Die Sehnsucht nach Geborgenheit – wie totalitäre Gruppen wirken. Die Welle – vom Sozial-Experiment zum Klassiker wird ein tatsächlich durchgeführtes Experiment an einer kalifornischen Schule im Jahr 1967 behandelt. Der Lehrer Ron Jones wollte mit seiner Klasse die Entstehung des Nationalsozialismus behandeln und hatte währenddessen den Eindruck, dass die Schüler*innen nicht nachvollziehen konnten, wie es zu solchen Massenbewegungen kommen konnte. Jones simulierte daraufhin mit seiner Klasse eine solche Bewegung („Die Welle“) in dem er sich als Alleinherrscher inszenierte und strickte Regeln und Rituale in der Klasse etablierte. Methodisch im Mittelpunkt steht der Film „Die Welle“, der der Klasse zumindest in Ausschnitten gezeigt wird. Die erste Aufgabenstellung besteht in einer Beschreibung, wie der Film ausgehen könnte. In der zweiten Methode werden die drei Grundsätze der Welle (Macht durch Disziplin, Macht durch Gemeinschaft und Macht durch Handeln) mit bestimmten Szenen aus dem Film verglichen und diskutiert. Im dritten Teil sollen die Schüler*innen eigene positive Grundsätze für ihre Klasse formulieren. Abgeschlossen wird das Kapitel mit einer Filmkritik, die die Schüler*innen machen sollen.

Das dritte Kapitel Sekte oder Selbsthilfe – Psychopraktiken unter der Lupe: Spirituelle Technologie – das Primzip Scientology zeichnet zunächst ein detailliertes Bild der Entstehung von Scientology nach. Hier wird nicht nur auf religiöse Aspekte eingegangen, sondern es werden vor allem Strategien (bspw. Marketing) beleuchtet, mit denen neue Mitglieder gewonnen oder alte in der Gruppe gehalten werden sollen. Methodisch wird in das Thema mit der Fragestellung „Was sind Sekten? Gibt es das überhaupt“ eingestiegen. Daran anschließend folgt eine Vertiefung, in der anhand von problematischen Merkmalen, Gruppen analysiert werden sollen. Die dritte Methode besteht in einer Auseinandersetzung mit der Homepage von Scientology. Die vierte Aufgabe besteht in der Frage, warum Scientology darauf setzt, berühmte Stars für die Organisation zu gewinnen. Eine eigene Sekte zu gründen, ist im fünften Teil die Aufgabenstellung für die Schüler*innen. Abgeschlossen wird dieses Kapitel wiederum mit dem Zeigen und der Auswertung eines Films.

In Was uns verbindet: Gemeinsame Werte und Heimat werden zunächst die zentralen Begriffe „Werte“ und „Heimat“ aus soziologischer Perspektive beschrieben. Aus Perspektive der Autorin sind auf der Ebene der Werte vor Allem die 30 Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte von Bedeutung. Heimat wird unter dem Aspekt definiert, dass diese nicht ausschließlich an den geographischen Ort der Geburt gebunden ist, sondern sich im Laufe eines Lebens verändert. Der praktische Teil des Trainingsprogramms beginnt mit einem Gemeinsamkeiten-Karussel, in dem es darum geht, Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schüler*innen zu entdecken und diese zu besprechen. Daran anschließend folgt eine fiktive Reise nach China, in der die Schüler*innen in einer kurzen Präsentation ihre Heimat vorstellen sollen. Beendet wird das Kapitel mit der Diskussion um Menschenrechte und wo diese in der Stadt repräsentiert sind.

Das fünfte Kapitel Vielfalt ohne Schubladen: Giraffen und Elefanten in einem Hausbehandelt das Thema Diversity. Der theoretische Teil befasst sich hier auf die wesentlichen Aspekte einer Definition von Diversity. Viel Platz wiederum wird dann der Erklärung der einzelnen Aufgaben für die Jugendlichen gegeben. Begonnen wird in diesem Modul mit einem Vielfalt-Speed-Dating gefolgt von einer Vielfalt-Pyramide. Beide Methoden führen in die Thematik ein. In der dritten Übung wird Geht es hier um Vielfalt, oder nicht? Das vorher gewonnene Wissen vertieft. Den größten Teil des Moduls nimmt jedoch der Film „Schwarzfahrer“ von Pepe Danquart ein. Abgeschlossen wird mit der Erstellung eigener Sketsche zum Thema.

Im sechsten Kapitel Hier bin ich stark! Empowerment für Schülerinnen und Schülersteht die Potenzialanalyse von Jugendlichen im Mittelpunkt. Erläutert werden weiter die Begriffe Empowerment und Resilienz. Vorgestellt werden zudem die Stärkenkartendes Kreisjugendrings Esslingen. Die Methoden leiten die Schüler*innen dazu an, sich ihrer eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusst zu werden. Auch hier werden unterschiedliche Videoclips herangezogen.

Das letzte Kapitel Religiöser Fundamentalismus: Wenn Glaube gefährlich wird beschäftigt sich zum Ende des Trainingsprogramms ausführlich mit unterschiedlichen Ausprägungen von religiös motiviertem Fundamentalismus. Nach einer Einführung, was der Begriff Fundamentalismus bedeutet, werden zehn zentrale Strukturelemente von religiösem Fundamentalismus erläutert. Daran anschließend folgen Beschreibungen zentraler Merkmale von christlichem und muslimischen Fundamentalismus. Die Methoden beinhalten primär die Thematiken Religiöser Fundamentalismus und wie dieser erkannt werden kann sowie das Thema Gruppendruck.

Diskussion

Einige Punkte sind kritisch anzumerken. Schüler*innen sollen sich mit Begriffen wie „Gehorsamkeit, Autorität, Gruppenbildung, Selbstverständnis, Herkunft und individuellen Stärken und Schwächen“ (Antes/ Schiffers 2017: 7) befassen und Resilienzen entwickeln, um „politisch oder religiös begründetem Extremismus oder sektiererischen Gruppierungen“ (ebd.) gegenüber immun zu werden. Die herbei behandelten Themen und Beispiele bedienen sich dabei eher an den Klassikern und beziehen aktuelle Beispiele und Entwicklungen wenig mit ein. Der Fokus liegt meiner Einschätzung nach zu sehr auf individuellen Voraussetzungen und Bedürfnissen von Jugendlichen und der Frage, ob und wie diese sich autoritären Gruppierungen anschließen. Die strukturellen Voraussetzungen von bspw. Rassismus oder Antisemitismus werden hingegen nicht thematisiert. Somit wird der Mehrheitsgesellschaft ein Verständnis von Vielfalt und Demokratie unterstellt, welches zwar wünschenswert ist, sich aber in dieser Form häufig nicht finden lässt. Auch fehlt eine ausgewogene Differenzierung des Extremismusbegriffs, der hier in einer Form verwendet wird, die davon ausgehen lässt, dass religiöser und politischer Extremismus sowie sektiererische Gruppierungen ein und das Selbe sind.

Ein weiterer Kritikpunkt ergibt sich durch das häufige Einbeziehen von Filmen oder Filmsequenzen in den einzelnen Modulen. So kann nicht davon ausgegangen werden, dass diese stets zu Verfügung stehen, sondern häufig im Vorfeld gekauft werden müssten. Vor allem aber besteht die Gefahr des reinen Konsumierens der Teilnehmenden. Eine aktive Auseinandersetzung ließe sich beispielsweise dadurch gewährleisten, dass die Jugendlichen eigene Filme oder Erklärvideos produzieren.

Weiterhin erscheinen die Zeitangaben für die jeweiligen Methoden zum Teil sehr knapp kalkuliert, um eine ausführliche Bearbeitung der einzelnen Themen zu garantieren.

Fazit

Wolgang Antes und Birgit Schiffers haben mit „Durchblick: erkennen, lernen, selbst denken“ ein Trainingsprogramm konzipiert, welches sich vor allem durch eine gute Strukturierung sowohl der gesamten Publikation, als auch der einzelnen Abschnitte, auszeichnet. Neben der Durchführung ganzer Seminareinheiten, lassen sich auch einzelne Methoden für den Unterricht und die außerschulische Jugendbildung verwenden. Hervorzuheben ist zudem die Aufbereitung der jeweiligen Arbeitsunterlagen, die es Teamer*innen und Lehrer*innen sehr einfach macht, mit dem Programm zu arbeiten. Die inhaltlichen Einführungen zu Beginn der Kapitel bieten einen guten Einstieg in die Themen.

Mit diesem Hintergrund eignet sich das Trainingsprogramm als Ergänzung für Trainer*innen, politische (Jugend)Bildner*innen und Lehrer*innen, jedoch nicht um sich mit komplexen politischen Phänomenen zu beschäftigen. Vielmehr können Jugendliche sich ihrer eigenen Ressourcen und Kompetenzen bewusst werden, jedoch ohne sich dabei fundiert mit strukturellen Gegebenheiten auseinanderzusetzen.

Wer davon ausgeht, dass komplett neue Methoden und Inhalte vermittelt werden, wird von dieser Sammlung enttäuscht werden, da sich die meisten Themen auf Klassiker der sozialpsychologischen Forschung beziehen. Zudem die einzelnen Methoden lassen sich in anderen Veröffentlichungen finden.


Rezensent
Oliver Guth
Bundesweite Fachstelle ´Rechtsextremismus und Familie´ (RuF) / Jugendbildungsstätte LidiceHaus, Bremen
Homepage www.lidicehaus.de
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Zitiervorschlag
Oliver Guth. Rezension vom 27.07.2018 zu: Wolfgang Antes, Birgit Schiffers: Durchblick. Erkennen, lernen, selbst denken. Die Praktiken von weltanschaulichem Extremismus und von Psychokulten sichtbar machen. Ein Trainingsprogramm für Jugendliche. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-2114-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23508.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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