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Karoline Benedikt: Bewältigung des Verlustes eines Geschwisters (...)

Cover Karoline Benedikt: Bewältigung des Verlustes eines Geschwisters und dessen Auswirkungen auf die Biografie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 340 Seiten. ISBN 978-3-7799-3667-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich ausgesprochen vielfältig mit der Bewältigung des Verlustes einer Schwester oder eines Bruders durch Tod. Hierbei werden unterschiedliche Alter und Todesformen, wie zum Beispiel Gewalt, Suizid, Krankheit oder Unfall berücksichtigt. Außerdem wird auf die Auswirkungen intensiv eingegangen, die ein Verlust beispielsweise auf Glaube, Partnerschaft oder Wohnen hat.

Autorin

Dr. phil. Karoline Benedikt verfügt über den Abschluss des Bachelors und des Masters in Soziale Arbeit. Sie arbeitet im Handlungsfeld psychisch erkrankte Menschen und ist als Vortragende und Dozentin tätig.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand im Rahmen der Doktorarbeit der Autorin und wurde von Prof. Dr. Stephan Stingund Prof. Dr. Hannelore Reicher betreut. Neben der Literaturrecherche sind Interviews aus den Jahren 2013 und 2014 mit Geschwistern mit Verlusterfahrungen aus Deutschland und Österreich Grundlage für dieses Fachbuch.

Aufbau

Das Werk ist im Groben in zwei Teile untergliedert:

  1. Literaturteil
  2. Empirieteil.

Es enthält dabei insgesamt dreiundzwanzig Abschnitte, welche wiederum kleingliedrig in zahlreiche Unterpunkte strukturiert sind. Ein neunseitiges Literaturverzeichnis schließt die Ausführungen ab.

Neben den Textausführungen gibt es lediglich drei erläuternde Abbildungen, welche die Analyse der Autorin unterstützen.

Im Literaturteil werden zunächst Definitionen von Begriffen vorgenommen, ehe die Autorin einen groben Überblick über Sterben und Tod von der Vergangenheit bis heute gibt. Trauer wird im folgenden Abschnitt thematisiert, ehe der geschlechtsspezifische Umgang mit Trauer erläutert wird. Es folgt dann die Befassung mit unterschiedlichen Todesursachen bzw. Formen des Verlustes, ehe kurz auf die Familiensysteme in der Trauer eingegangen wird. Erst dann geht es spezifisch um Geschwisterbeziehungen und den konkreten Verlust. Den Abschluss des Literaturteils bilden die Darstellung der Umgangsformen von Kindern mit dem Tod, insbesondere ihre Denkmuster und Trauerkonzepte, Gesundheits- und Krankheitskonzepte sowie Trauerbewältigung und -begleitung.

Die Empirie als zweiten großen Abschnitt dieser Arbeit beschreibt neben den Methoden und der Ergebnisformulierung die Bereiche Phänomen Tod und Trauer, Biographische Verläufe, die spezifische Kommunikation in einer Familie und hierbei vor allem die Geschwisterlichkeit. Auf die Todesformen und die Hilfestellung im sozialen Umfeld wird danach eingegangen, ehe die speziellen Wünsche von Geschwistern hervorgehoben werden. Den Abschluss bildet dann die Zusammenfassung der Ergebnisse und die Schlussfolgerungen aus der Arbeit.

Inhalt

Der Verlust eines Geschwisters wird in diesem Buch in all seinen Facetten differenziert betrachtet und reicht von der Vermittlung der Todesnachricht bzw. dem unmittelbaren Dabeisein bis hin zu den Nachwirkungen der Trauer über Jahre hinaus. Karoline Benedikt konkretisiert zunächst anhand von Studien und Literaturrecherche wie Sterben und Tod in der Gesellschaft betrachtet werden, welche Traueraufgaben und -phasen es gibt und wie die geschlechtsspezifischen Bewältigungsstrategien ausschauen. Hierbei geht sie nicht immer explizit auf Geschwister ein, sondern geht das Thema eher allgemeingültig an.

Auch bei der Betrachtung der unterschiedlichen Todesursachen (Suizid, unvorhersehbarer Tod, Tod nach Erkrankung) und der Entwicklung in Familiensystemen bleibt die Geschwisterperspektive eher noch ein Randthema. Erst danach folgen speziellere Betrachtungen der Geschwisterbeziehungen hinsichtlich Bindung, Konflikten und Resilienz, bevor die Autorin konkret auf den Geschwisterverlust eingeht. Hier wechselt die Autorin immer wieder zwischen der Behandlung der Geschwisterperspektive und der Beschäftigung mit dem Thema Tod und Trauer generell. So folgen zum Ende des Literaturteils Ausführungen zu Gesundheits- und Krankheitskonzepten, Posttraumatischer Belastungsstörung, komplizierter Trauer, Trauerritualen und Trauerbegleitung.

Die Empirie im zweiten Teil des Buches ist durchgehend gut erläutert und greift sämtliche Punkte des Forschungsvorhabens auf. Karoline Benedikt erläutert das problemzentrierte Interview sowie die Gruppendiskussion und den biografischen Zeitbalken. Gerade an diesem werden einzelne Punkte besonders passend zur Thematik des Buches deutlich. Denn die Autorin kategorisiert die biografischen Dimensionen:

  • Gesundheit
  • Familie
  • Beziehungen
  • Beruf/Arbeit
  • Wohnen
  • Freundschaften
  • Behandlung und Hilfe
  • Glaube/Religion
  • Schule/Ausbildung
  • Delinquenz
  • Interessen/Leidenschaften/ Bewältigungsstrategien

hinsichtlich der jeweiligen Ressourcen, der Auffälligkeiten und der Auswirkungen der Verlusterfahrung hinsichtlich der zeitlichen Zusammenhänge.

Bei der Analyse der Interviews geht Karoline Benedikt so vor, dass sie den Fragen nachgeht:

  1. Wie wirkt sich der Tod des Geschwisters auf die den weiteren biografischen Verlauf aus?
  2. Welche Hilfen wirkten sich positiv/negativ aus?
  3. Welche Wünsche ergeben sich in Bezug auf soziale Angebote?

Karoline Benedikt kann darlegen, dass Geschwister auf die Todesnachricht passiv reagieren, sie die Nachricht nicht wahrhaben wollen und es oftmals zu Erinnerungslücken kommt. Insbesondere Brüder würden im Jugendalter der Trauer wenig Raum geben und viele Geschwister würden Schwierigkeiten im schulischen bzw. beruflichen Alltag bekommen, da sie entweder Funktionen des verstorbenen Geschwisterteils übernehmen oder aber die Trauer eine enorme Alltagsbelastung darstellt. Des Weiteren würde sich der Tod des Geschwisters auf die Lebensweise und -einstellung auswirken, indem man ihm nacheifert oder indem man ein außerordentliches soziales Engagement zeigt.

Auswirkungen des Verlustes zeigen sich aber auch – bei Brüdern – mittels eines vermehrten Alkoholkonsums, Schlafstörungen, Existenzängsten und einer geringeren Ablösung vom Elternhaus. Im weiteren schildert die Autorin weitere detaillierte Ergebnisse ihrer Forschung und kommt schließlich zu dem Bereich Soziale Unterstützung. Dabei wird deutlich, dass betroffene Geschwister unter der Sprachlosigkeit bei Verlusten leiden und insbesondere von der eigenen Familie mehr Unterstützung gewünscht werden würde. Außerdem sei für manche Menschen der Wunsch groß, mehr Auszeit zu bekommen. Generell wird ein Leben lang das Geschwister in unterschiedlicher Intensität betrauert. Die Rolle älterer Geschwister sei dadurch geprägt, dass diese vermehrt in die Rolle des verstorbenen Geschwisters treten oder diesen nacheifern. Zudem gingen Geschwister oft erst später als gewöhnlich Partnerschaften ein.

Bezüglich des Glaubens seien einerseits Tendenzen erkennbar, dass man sich vom Glauben abwende. andererseits aber auch verstärkte Zuwendung hin zum Glauben.

Die Vielzahl an Auswirkungen auf Geschwister wird sehr treffend in einem Schaubild mit vierzehn Kategorien veranschaulicht. Die Punkte, die einer gesunden Trauerverarbeitung dauerhaft entgegenstehen, werden in einem sogenannten Trichtermodell aufgezeigt mit den Kategorien Familie, Persönlichkeit und sozialem Umfeld. Entsprechende Wirkfaktoren und Ressourcen, die eine gesunde Traueraufarbeitung begünstigen, werden in einer weiteren Abbildung treffend und abschließend dargestellt.

Diskussion

Das Buch bietet einen fokussierten Blick auf die biografischen Auswirkungen eines Verlustes eines Geschwisters. Die Autorin schafft es, die Thematik sehr vielschichtig und breit zu bearbeiten. Insbesondere die Interviews und deren wissenschaftliche Ausarbeitung ermöglichen einen tieferen Einblick in die tatsächlichen Auswirkungen des Verlustes eines Geschwisters. Hier wird gut veranschaulicht, wie differenziert die jeweiligen Bewältigungsstrategien betrachtet werden müssen. Ein Nachteil des Buches ist es, dass hier zwischen allgemeiner Trauerbewältigung und der spezifischen bei Geschwistern immer wieder gewechselt wird. Hier wäre ein durchgängiger roter Faden bzw. eine klarere Trennung der Themenbereiche sinnvoll gewesen. Außerdem wäre es lesefreundlich gewesen, wenn es mehr Graphiken und Tabellen gegeben hätte.

Die Literaturrecherche ist als durchgehend aktuell zu bewerten. Eine schlussendliche grafische Darstellung möglicher und nötiger Unterstützung bei der Bewältigung des Verlustes eines Geschwisters hätte die Ergebnisse noch einmal treffender zusammenfassen können.

Fazit

Ein insgesamt ausgesprochen vielseitiges, sowohl wissenschaftlich als auch praxisorientiertes Werk, das insbesondere die Situation für Trauernde in Österreich und in Deutschland behandelt. Der Autorin gelingt es vor allem, den Facettenreichtum, die Individualität der Schicksale und die persönlichen bzw. familienspezifischen Umgangsformen darzustellen. Eine gründliche Arbeit, die allen pädagogischen und psychologischen Fachkräften helfen wird, in der Trauer- bzw. Sterbebegleitung sowie in der psychosozialen Beratung qualifiziert die wesentlichen Punkte bei spezifischen Geschwistersituationen zu berücksichtigen.


Rezensent
Dipl. Soz. Päd. Detlef Rüsch
Systemischer Familientherapeut
Jugendsozialpädagoge an einer Grund- und Hauptschule
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Zitiervorschlag
Detlef Rüsch. Rezension vom 05.06.2018 zu: Karoline Benedikt: Bewältigung des Verlustes eines Geschwisters und dessen Auswirkungen auf die Biografie. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3667-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23510.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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