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Noemi Staszewski: Trauma und Alter

Cover Noemi Staszewski: Trauma und Alter. Zur Konzeptualisierung psychosozialer Arbeit mit Shoah-Überlebenden in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. 174 Seiten. ISBN 978-3-7799-3710-4. 29,95 EUR.
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Thema

Die letzten lebenden Opfer des Holocaust sind heute 85, 90, 95 Jahre alt. In den vergangenen Jahrzehnten haben sie gearbeitet, aufgebaut, Familien gegründet – und dabei eine beeindruckende Bewältigungsleistung gezeigt. Doch die Veränderungen, die mit ihrem hohen Alter einhergehen, erleben viele Überlebende als Kontrollverlust. Nicht selten kommt es in Folge von körperlichen Erkrankungen und Verlusten unterschiedlicher Art deshalb zum Wiederauftreten von Trauma-Folge-Symptomen. Ungewollt tauchen Bilder und Erinnerungen an Gefangenschaft, Gewalt, Flucht und Verfolgung wieder auf, es kommt zu Albträumen, Rückzug und innerer Anspannung.

Die psychosozialen Zentren, die es weltweit zur Unterstützung von Überlebenden des Holocaust gibt, beobachteten in den letzten Jahren einen deutlichen Zuwachs an Klienten. So berichtete etwa die Organisation AMCHA, die in Israel Hilfe für Überlebende anbietet, im Jahr 2017 einen neuen Höchststand von 20.657 traumatisierten Überlebenden, die in ihren Zentren Hilfe in Anspruch genommen hatten. Seit dem Jahr 2007, so die Hilfsorganisation, habe sich die Zahl damit fast verdoppelt.

Der Versorgungsbedarf für die Gruppe der Holocaust-Überlebenden liegt damit auf der Hand. Gleichzeitig muss diese Versorgung, weil sie eine sensible Gruppe betrifft, auch besondere Anforderungen erfüllen. Wie kann der Umgang mit traumatisierten Menschen im hohen Alter aussehen? Was können und sollten Psychologen, Sozialarbeiter und Ehrenamtliche dabei leisten? Wie können Angebote institutionalisiert werden? In ihrem Buch greift Noemi Staszewski diese und viele andere Fragen auf. Sie sucht Antworten darauf mit zweierlei Maß: Der theoretischen Grundlage für mögliche Versorgungskonzepte einerseits, der konkreten Umsetzung, dem Fall- und Projektbeispiel auf der anderen Seite. Im Fokus steht dabei das Feld der Sozialarbeit.

Autorin

Noemi Staszewski (Dr. phil.) ist Sozialpädagogin und Psychotherapeutin. Sie arbeitet als Projektmanagerin für die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST). Die Autorin zählt selbst zur sogenannten „Zweiten Generation“. Ihr Buch profitiert damit nicht nur von der Expertise, die sie in 15 Jahren praktischer Arbeit erwerben konnte, sondern auch von den Beobachtungen, die die Autorin von klein auf im ganz persönlichen Kontext machte: im Verhalten ihres Umfelds, in hektisch geschlossenen Türen, Schulterblicken und scheinbar skurrilen Phobien fand sie immer neue „Echos“ der traumatischen Vergangenheit ihrer Elterngeneration.

Entstehungshintergrund

Staszewski sieht ihre Arbeit vor allem dadurch motiviert, dass die Veröffentlichungen zur psychosozialen Arbeit mit Shoah-Überlebenden in Deutschland „auf eine geringe Zahl“ beschränkt seien. Und das, obwohl etwa im Rahmen der ZWST seit 2002 allein 24 Projekte für Überlebende initiiert worden seien. Eines dieser Projekte sei der „Treffpunkt“ in Frankfurt am Main. Die Autorin selbst war an dessen Konzeption beteiligt, leitete den Treffpunkt 2002 bis 2014. In ihrer Publikation kann sie deshalb einerseits auf Daten (u.a. zur Anzahl der durchgeführten Beratungen) des „Treffpunktes“ zurückgreifen, andererseits auf zahlreiche mündliche Erfahrungsberichte. Ziel des Buches solle sein, bestehende Modelle psychosozialer Arbeit in der Arbeit mit Überlebenden zur Anwendung zu bringen.

Aufbau und Inhalt

Die Basis ihres in theoretischen und praktischen Teil untergliederten Buches legt Staszewski mit einem knappen Rückblick auf die Entwicklung jüdischer Gemeinden in Deutschland. Sie gibt dem Leser damit ein Gespür für das fragile Klima, das nach dem Jahr 1945 aus Sicht von Shoah-Überlebenden herrschte: „Wer die Gelegenheit hatte, das Land zu verlassen, tat dies“. Auch nimmt Staszewski Bezug auf die jüdische Migration von Osteuropa nach Deutschland, wie sie z.B. nach Auflösung der Sowjetunion stattfand. Sie stellt damit von Anfang an klar: wer von „Shoah-Überlebenden“ spricht, meint eine sehr heterogene Gruppe, unterschiedliche Lebensgeschichten, unterschiedliche Sprachen und unterschiedliche Altersgruppen.

So finden in den ersten Kapiteln zunächst Überlegungen zu ganz grundsätzlichen Fragen Platz: Staszewski begründet, warum sie von der „Shoah“ statt vom „Holocaust“ spricht, erklärt, wer überhaupt Überlebender ist; Was einen Überlebenden der Ersten Generation vom „Child Survivor“ unterscheidet – und wo die Grenzen zwischen Therapie und Beratung liegen. Die Erläuterung dieser Begrifflichkeiten hält die Autorin knapp, widmet sich ausführlicher dafür Überlegungen zum Trauma-Begriff. Diese seien notwendig, „um im professionellen Umgang mit Überlebenden Verhaltensmuster unserer Adressat/innen zu verstehen und adäquat auf sie reagieren zu können (…)“. Im kollegialen „wir“ bezieht sie die Leser dabei in ihre Überlegungen ein. Wenn Staszewski die historische Entwicklung des Trauma-Begriffes skizziert, zeigt sie im Schwerpunkt psychoanalytische Zugänge, bemüht unter anderem Beiträge von Sigmund Freud, Hans Keilson, Peter Riedesser und Klaus Horn. Immer wieder schlägt die Autorin dabei die Brücke vom Modell zum realen Alltag der Betroffenen, verweist auf Situationen, in denen „(…) Geräusche, Gerüche, Farbeindrücke und vieles andere mehr (…) vergessene oder verdrängte Gefühle und Ängste aus den traumatischen Erfahrungen aktivieren und damit eine Kaskade von Reaktions- und Handlungsmustern auslösen (…).“ (S. 47).

Noemi Staszewski kommt in den folgenden Kapiteln zum Kernthema ihres Buches: Wie können (und müssen) die Rahmenbedingungen aussehen, unter denen Soziale Arbeit mit Überlebenden der Shoah stattfinden kann? Die Autorin geht dabei zunächst auf mögliche Hürden ein, die diese Arbeit mitunter so herausfordernd machen. Welche Bedeutung hat etwa der Umstand, dass die psychosoziale Betreuung Shoah-Überlebender in Deutschland und damit im „Land der Täter“ stattfindet? Staszewski schildert das Versorgungsdilemma: für viele Überlebende seien deutsche Behörden, deren Mitarbeiter und die deutsche Sprache per se mit Angst oder zumindest Misstrauen behaftet. In Reaktion werden Behörden vermieden – häufig selbst jene, die Unterstützung für Überlebende anbieten. Die erste Aufgabe jeder Institution, die Angebote für Überlebende anbiete, resümiert die Autorin, seien folglich Maßnahmen zur Vertrauensbildung. In Anlehnung an den Bindungstheoretiker John Bowlby schreibt Staszewski: „Traumatische Erfahrungen (…) können zu einer völligen Desorientierung des Bindungsverhaltens führen. Die Welt hat sich zu einem Ort der Bedrohung und Unsicherheit verwandelt, in der auf niemanden mehr Verlass ist.“ (S. 55).

Welche Rolle in dieser „Welt“ ein Sozialarbeiter spielen kann, verdeutlicht die Autorin unter anderem an Fallbeispielen. Sie schildert Alltagsszenen zweier Überlebender – Roman und Ewa – und macht dabei ein breites Problemfeld auf. Der Sozialarbeiter tritt hier vermittelnd in Erscheinung, schlägt eine Brücke, wenn es zu Missverständnissen zwischen staatlichen Institutionen und Überlebenden kommt – ob es nun um fehlende Staatsangehörigkeiten, die Rente oder die Pflegestufe geht. Staszewski sensibilisiert ihre Leser, vor allem jene von ihnen, die selbst sozialarbeiterisch tätig sind, für einen wichtigen Punkt: Professionelle und Ehrenamtliche hätten, so die Autorin, die Verantwortung, nicht nur altersbedingte Verhaltensmuster, sondern besonders auch traumabedingte Verhaltensmuster richtig einordnen – und respektieren zu können. Konkret kann das zum Beispiel heißen, das starke Kontrollbedürfnis ihrer Klienten anzuerkennen – Soziale Arbeit mit Überlebenden sollte immer ein Angebot sein, das selbstbestimmt angenommen, aber auch abgelehnt werden kann; Das kann heißen zu respektieren, dass ein Überlebender biografische Informationen nur bruchstückhaft berichtet: „Überlebende, die viele Jahre im Untergrund und mit gefälschten Papieren leben mussten, haben gelernt, möglichst wenig von sich preis zu geben“ (S. 57); Das kann auch heißen, therapeutische Unterstützung zu vermitteln – dann etwa, wenn das uneinfühlsame Verhalten eines Amtsarztes und die kalte Krankenhaus-Atmosphäre beim Klienten massive Ängste und Erinnerungen an die traumatischen Experimente des NS-Verbrechers Josef Mengele wachrufen.

Ein eigenes Kapitel widmet Staszewski einem Projekt, in dem viele ihrer konzeptuellen Ideen bereits umgesetzt werden: Dem „Treffpunkt“ in Frankfurt. Die Autorin schildert die Entstehung des psychosozialen Zentrums von ersten Projektideen bis hin zur Entwicklung einer breiten Angebotspalette für Überlebende, darunter Ausflüge, Cafénachmittage, Beratungs- und Therapiegespräche.

Abschießend trägt die Autorin ihre theoretisch begründeten Ansätze psychosozialer Begleitung von Überlebenden noch einmal modellhaft zusammen. Sie skizziert ein flexibles, niederschwellig ansetzendes Betreuungskonzept, das zentrale Forderungen bündelt: Das Schaffen sicherer Räume, das Bewahren von Autonomie und Kontrollgefühl, das Wissen um die Heterogenität der Gruppe, zu der Ghetto- und KZ-Überlebende, ehemals Illegale, Versteckte, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Child Survivors, Partisanen und viele andere mit ihren sehr unterschiedlichen traumatischen Erfahrungen zählen.

Diskussion

Wie oben im Kapitel zu Inhalt und Aufbau skizziert, hat die Autorin auf knappem Raum einen umfassenden Einblick in die Facetten der Arbeit mit Shoah-Überlebenden gegeben. Ihr differenzierter Blick auf Schulen und Modelle, historische Entwicklungen, vor allem aber auf die traumaassoziierten Verhaltensweisen und Bedürfnisse von Überlebenden ist für den Leser eine Chance, gut in das Thema einzusteigen und einen Blick für die wesentlichen Inhalte zu entwickeln. Staszewski formuliert Ideen, die bei der Konzeptualisierung und konkreten Umsetzung der Arbeit mit Überlebenden der Shoah helfen sollen. Ob die Lektüre ihres Buches dieses Anliegen im Einzelfall erfüllen kann, hängt freilich auch vom Hintergrund des Lesers ab.

Staszewski gelingt es, ihren Leser mit gut ausgewählten Beispielen für einen differenzierten, verständnisvollen Blick auf „typische“ traumabedingte Verhaltensweisen von Shoah-Überlebenden und den richtigen Umgang mit diesen Verhaltensweisen zu sensibilisieren. Gleichzeitig bleibt die Autorin dabei ihrem psychoanalytischen Zugang und dessen Vokabular verpflichtet. Gerade für Adressaten, die psychologisch wenig vorgeschult sind, hätte diese Schwerpunktsetzung mit Hinweis auf ergänzende Begrifflichkeiten und Ansätze vielleicht noch transparenter gemacht werden können. Der Einblick in konkrete therapeutische Zugänge bleibt- anders als der Buchtitel vielleicht vermuten lässt- außen vor: Staszewski richtet sich explizit an die Rolle des Sozialarbeiters/ der Sozialarbeiterin. Die verwendeten Begrifflichkeiten und entsprechende Differenzierungen sind gut recherchiert und belegt, einige Redundanzen hätten vermieden werden können.

Eine besondere Kraft entwickelt die Arbeit Staszewskis vor allem da, wo die Autorin praktische Erfahrungen einflicht. Die eigenen, zu Beginn des Buches geschilderten biografischen Eindrücke, die einfühlsam und nachvollziehbar beschriebenen Einzelschicksale und Fallbeispiele geben dem Leser ein gutes Gespür für die vielen Gesichter, die das Trauma der Shoah im hohen Alter entfalten kann. Noemi Staszewski hat sich zum Ziel gesetzt, methodische und theoretische Grundlagen zusammenzutragen, die eine konzeptionelle Weiterentwicklung und eine methodische Diskussion im Kontext psychosozialer Arbeit mit Überlebenden der Shoah anregen sollen. Wünschenswert sei dabei auch eine engere Verzahnung von Forschung und Praxis. Auf knapp 150 Seiten bietet die Autorin inhaltlich einiges an, was solch eine Diskussion anstoßen könnte.

Fazit

In der Theorie beschäftigt die Autorin des Buches sich mit Überlegungen, die jeder Professionelle (v.a. aber: Sozialarbeiter), der mit Shoah-Überlebenden arbeitet, kennen sollte:

  • Wer wird als „Überlebender“ bezeichnet?
  • Welche Lebenswelten stehen dahinter?
  • Wie sehen traumaassoziierte Verhaltensweisen aus? Und vor allem:
  • Welche Modelle Sozialer Arbeit können in der Begegnung mit Überlebenden zum Einsatz kommen?

Nachdem diese Basis gelegt ist, gibt Staszewski Einblick in die konkrete Umsetzung: Am Beispiel des von ihr mitkonzipierten „Treffpunktes“ in Frankfurt am Main, aber auch an ganz konkreten Fallbeispielen und den Rollen, die ein Sozialarbeiter darin einnehmen kann. Anschaulich schildert Staszewski, wie aus einem Behördengang oder einem Besuch beim Arzt für einen Shoah-Überlebenden plötzlich ein traumaaktivierendes Ereignis wird – und sensibilisiert damit für Verhaltensweisen, die beim Laien schon mal auf Unverständnis stoßen. Am Ende hat Staszewski dem Leser eine fundierte Agenda für die Konzeptualisierung der Arbeit mit Überlebenden an die Hand gegeben. Sie geht auf die besonderen Bedürfnisse der Zielgruppe ein – und transportiert auch, warum eine angepasste, psychosoziale Versorgung wichtig ist.


Rezensentin
Dipl.-Psych. Sarah Zimmermann
Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie (Prof. Simon Forstmeier), Universität Siegen
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Zitiervorschlag
Sarah Zimmermann. Rezension vom 13.03.2018 zu: Noemi Staszewski: Trauma und Alter. Zur Konzeptualisierung psychosozialer Arbeit mit Shoah-Überlebenden in Deutschland. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2017. ISBN 978-3-7799-3710-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23511.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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