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Hans Joas: Die Macht des Heiligen

Cover Hans Joas: Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. 450 Seiten. ISBN 978-3-518-58703-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 42,90 sFr.
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Autor

Hans Joas ist ein deutscher Soziologe und Sozialphilosoph, der derzeit die Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin innehat. Er erfreut sich einer Reihe akademischer Auszeichnungen, war im In- und Ausland an renommierten Forschungs- und akademischen Lehreinrichtungen tätig und ist breiten Kreisen als Herausgeber des – kurz „der Joas“ genannten – „Lehrbuchs der Soziologie“ (3., überarbeitete und erweiterte Auflage bei Campus, Frankfurt am Main – New York, 2007) bekannt. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört die Religionssoziologie und er hat zu diesem Gebiet gerade in letzter Zeit einige Bücher veröffentlicht, in deren Kenntnis das hier vorliegende Werk nicht verwundert; es erscheint vielmehr als „Summa“ früherer Publikationen. Es überrascht als „Opus Magnum“ die Fachwelt, aber auch den an den hier behandelten Laien nicht wirklich.

Ein breites Publikum hat der Autor schon anderthalb Jahre vor Erscheinen des Buches im Berliner TAGESSPIEGEL (N.N., 2016) wissen lassen: „Heute sind für mich nicht neue philosophische Schulen in Sicht, wohl aber großartige wissenschaftliche Entwicklungen mit enormem philosophischem Potenzial: die Forschungen zu den biologischen Grundlagen der menschlichen Kommunikation (M. Donald, M. Tomasello) einerseits, zu einer Globalgeschichte der Religion (R. Bellah) und Macht (M. Mann) andererseits. Durch diese wird es möglich, über ein euro- (oder okzidentalo-) zentrisches Weltbild und die gewaltige Synthese hinauszugehen, die einst Max Weber vorgelegt und die die Philosophen von Jaspers bis Adorno zutiefst geprägt hat.“

Entstehungshintergrund

Schon davor bekannt waren seine im hier vorliegenden Buch vorgetragenen Überlegungen nicht nur in Teilen, sondern im Gesamtansatz den Zuhörer(inne)en seiner einschlägigen Vorlesungen unter dem Titel „Sakralisierung und Säkularisierung“ im SS 2012 als erster Wissenschaftler der neu geschaffene Gastprofessur der Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.-Stiftung an der Universität Regensburg. Eine weiter entwickelte Version dieser Vorlesungsreihe trug er im Herbst 2013 im Rahmen des Lehrprogramms der Theologischen Fakultät der Universität Basel vor, einzelne Teile an einer Reihe anderer Orte. Im vorliegenden Buch wird im Einzelnen genannt, auf welche Vorarbeiten in welchem Entwicklungsstadium die jeweiligen Ausführungen eines Kapitels, Abschnitts oder bestimmten Gedankengangs beruhen bzw. zurückgreifen.

Thema

In einem Deutschlandfunk-Interview mit Andreas Main (2017) hat dieser Hans Joas gebeten, „einer 82-Jährigen ohne akademische Bildung oder einem 16-Jährigen zu erklären, warum dieses Buch wichtig ist“. Des Autors Antwort:

„Ich würde damit anfangen, dass es in den letzten 20 Jahren eine Umstellung in den Vorstellungen über die Zukunft der Religion gegeben hat. Lange Zeit – und in vielen Köpfen natürlich auch heute noch – haben die Leute angenommen – und zwar Leute, ob sie nun gläubig sind oder nicht gläubig sind –, dass Religion etwas ist, was immer schwächer wird und vielleicht sogar zum völligen Verschwinden bestimmt ist. In den letzten 20 Jahren hat sich immer mehr die Auffassung durchgesetzt, dass das so einfach nicht zutrifft. Ich sage ‚so einfach nicht‘, weil man natürlich nicht bestreiten kann, dass es etwa in Deutschland tatsächlich eine voranschreitende Schwächung von Religion gibt.

Aber man muss eben gleichzeitig ins Auge fassen, dass im Weltmaßstab gegenwärtig etwa das Christentum, auch der Islam, enorm wachsende Religionen sind. Also, immer mehr Christen und immer mehr Muslime existieren und in verschiedenen Ländern [kann?] auch von einer Schwächung entsprechend gar keine Rede sein kann. Das ist nicht der eigentliche Gegenstand des Buches, aber ein Hintergrund für dieses Buch. Weil nämlich hinter dieser Behauptung von der fortschreitenden Schwächung der Religion – und der Fachbegriff dafür ist Säkularisierungsthese oder Säkularisierungstheorie – eine noch komplexere, einen viel größeren historischen Zeitraum betreffende andere These steckt. Und die nennt man die Entzauberungsthese.

Das ist die Vorstellung, dass im Zeitalter der alttestamentlichen Propheten, also sagen wir ganz über den Daumen, vor zweieinhalb Jahrtausenden, ein Prozess eingesetzt hat, der als Vorbereitungsprozess dieser modernen Säkularisierung aufgefasst werden kann. Und ich stelle nun in diesem Buch die Vorstellungen über diesen langfristigen, religionshistorischen Prozess, in der jüdisch-christlichen Tradition, aber weit darüber hinaus, eigentlich in der Universalgeschichte der Religionen in Frage und versuche, eine alternative Geschichte zu erzählen.“

Für Menschen mit etwas mehr Vorkenntnissen, die nicht unbedingt religionssoziologischer Art sein müssen, hat Thomas Assheuer (2017) in der ZEIT-Rezension des Buches dessen Kernbotschaft so skizziert:

„Sollte die Religion ihren Untergang überlebt haben und mehr sein als nur eine Einbildung ungenügend aufgeklärter Menschen? Es ist diese Frage, die auch den Soziologen Hans Joas umtreibt, und seit Langem widerspricht er der [auch und vor allem durch Max Weber zu hohem Geltungsanspruch gelangten] Behauptung von dem unvermeidlichen Verschwinden der Religion und der progressiven Säkularisierung aller Verhältnisse. Jetzt hat er seine Argumente zu einem Opus magnum versammelt, genauer: zu einer wuchtigen, gleichwohl respektvollen Kampfansage an die Soziologie. Die Macht des Heiligen greift die berühmteste Theorie an, die sie je in die Welt gesetzt hat, nämlich die Meistererzählung von der Entzauberung der Welt und dem Ende der Religion. Auch wenn diese Erzählung im 20. Jahrhundert eine magische Wirkung entfaltete – für Joas ist sie schlicht falsch. Der welthistorische Megatrend existiert nicht; die Entzauberungsthese ist eine Pseudogewissheit, die dringend entzaubert werden muss.“

Aufbau und Inhalt

Den sieben Kapiteln des Buches, das mit einem langen Literaturverzeichnis und einem umfangreichen Namens- nebst einem detaillierten Sachregister endet, gehen voraus ein Vorwort, das Danksagungen und Angaben zur Entstehungsgeschichte des Buches enthält sowie eine

Einleitung, die man lesen kann, wenn man sich eine gedrängte Vorab-Sicht auf das Buch verschaffen möchte, die man aber unbedingt meiden sollte, wenn man(n und frau) nicht gewohnt ist, solch dichte Konzentrate zu konsumieren – es könnte einem sonst der Leseappetit vergehen.

Schon die Einleitung enthält Anmerkungen in Gestalt von Fußnoten; dies setzt sich bei den anschließenden Kapiteln fort. Davon gibt es sieben, deren Inhalt man folgendermaßen charakterisieren kann.

Der „geometrische“ und systematische Mittelpunkt des Buches liegt in Kapitel

4. Vielfalt der Idealbildung oder Prozeß der Entzauberung? Die Syntheseversuche von Ernst Troeltsch und Max Weber.

Die Situation auf dem „Feld der Wissenschaften von der Religion“ um 1900 stellte sich „als äußerst dynamisch, zutiefst erregend, aber auch fragmentiert und zeitdiagnostisch unfruchtbar“ dar, was geradezu nach neuen Syntheseversuchen rief. „Im vorliegenden Kapitel geht es um die bedeutendsten und ehrgeizigsten solchen [sic!; wohl: solcher] Versuche vom Anfang des 20. Jahrhunderts“, der von Ernst Troeltsch und Max Weber (alle Zitate aus S. 167). Erst in diesem Kapitel wendet sich der Autor der Weberschen Erzählung von der Geschichte der Entzauberung zu. Die trete in einer Prägnanz, derer es bedarf, um sie wirklich kritisieren zu können, erst hervor, wenn man sie einerseits – wie im 4. Kapitel geschehen – kontrastiere mit einem kongenialen Alternativmodell, eben dem Troeltschen, und als Figur sichtbar werden lasse auf der Hintergrundsfolie, die in den drei vorausgehenden Kapiteln skizziert wurde.

Die ersten drei Kapitel sind also nicht bloßer Vorspann, sondern eröffnen den Horizont, unter dem das Nachfolgende ab dem 4. Kapitel verstanden werden soll – und nach des Autors Ansicht erst dann recht verstanden werden kann. „Die ersten drei Kapitel beschäftigen sich auf den Gebieten dreier Disziplinen mit den Problemen einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit Religion überhaupt. Im ersten Kapitel geht es um die Geschichtswissenschaft, im zweiten um die Psychologie und im dritten um die Soziologie.“ (S. 12) „Es geht … um drei exemplarische Fälle, an denen sich die grundsätzliche Frage nach der Möglichkeit wissenschaftlicher Aussagen über Religion in sehr verschiedenen Kontexten erörtern lässt und zugleich Elemente einer umfassenderen Theorie gesammelt werden können.“ (S. 14)

Kapitel 1. Religionsgeschichte als Religionskritik? David Hume und die Folgen gilt dem Versuch des schottischen – und eben nicht englischen – Philosophen und Historikers „in der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts, eine von allen theologischen Vorannahmen absehende, empirisch fundierte Universalgeschichte der Religion zu konzipieren“ (S. 13).

In 2. Religiöse Erfahrungen und die Lehre von den Zeichen „wird das unbestrittene klassische Gründungsdokument einer empirischen Religionspsychologie zum Thema, die bis heute in vielen Hinsichten inspirierende reichhaltige Phänomenologie individueller religiöser Erfahrungen, die der amerikanische pragmatische Philosoph und Psychologe William James in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts vorgelegt hat“ (S. 13).

Bei 3. Das Ritual und das Heilige. Zur Anthropologie der Idealbildung kann sich der Autor bei der Frage nach einer „Gründungsfigur“ nicht so sicher sein wie in beiden vorangegangen Fällen. „Ich habe mich für den vornehmlich in Frankreich geführten Diskurs über die Bedeutung kollektiver Rituale entschieden, der von dem Historiker Numa Denis Fustel de Coulanges zu seinem Studenten, dem Klassiker der französischen Soziologie, Émile Durkheim … führt.“ (S. 13)

Das vierte Kapitel bildet den Ausgangspunkt für Überlegungen, die in den nachfolgenden drei Kapiteln zwar je gesondert, aber sachlich zusammenhängend angestellt werden. Was Ernst Troeltsch und Max Weber bei aller Verschiedenheit gemeinsam ist: „mit einem Konzept wie dem der ‚Erlösungsreligionen‘ versuchten sie, dem tiefreichenden empirischen Unterschied zwischen diesen und anderen Religionen gerecht zu werden“ (S. 18). Daran schließt Hans Joas an: „Meine Behauptung lautet nun, daß sich aus ganz verschiedenen religiösen und antireligiösen Motiven heraus im zwanzigsten Jahrhundert ein Diskurs zu genau dieser Frage entwickelt hat, und zwar unter dem Stichwort ‚Achsenzeit‘.“ (ebd.) Dieser Diskurs wird in Kapitel

5. Transzendenz als reflexive Sakralität. Die „Achsenzeit“ als Einschnitt in die Religionsgeschichte dargestellt und daran anschließend ein „Begriff der Transzendenz als reflexiv gewordene Sakralität“ (ebd.) entwickelt.

Was im 5. Kapitel vorgetragen wird, sei unvereinbar mit allen Vorstellungen eines linearen Geschichtsverlaufs, die bis heute von „gefährlichen Prozeßbegriffen“ getragen und gestärkt würden. Auf die nach Autorenbewertung drei einflussreichsten wird in Kapitel

6. Spannungsverhältnisse. Eine neue Deutung von Max Webers „Zwischenbetrachtung“ eingegangen: „den Max Weber entlehnten Begriff der Rationalisierung, den an Herbert Spencer, Georg Simmel und Émile Durkheim angelehnten Begriff fortschreitender funktionaler Differenzierung [man denke hier an Niklas Luhmann] und den heute alles dominierenden Begriff der Modernisierung, der nach dem Zweiten Weltkrieg in den USA aufkam“ (S. 19).

Mit den Klärungen des 6. Kapitels ist „endgültig das Feld frei für die Skizzierung einer Alternative zur Geschichte der Entzauberung“ (S. 19) Die wird geleistet in Kapitel

7. Das Heilige und die Macht. Kollektive und Selbstsakralisierung und ihre Überwindung:

„Es setzt noch einmal elementar an und führt die zentralen Gedanken einer Theorie des Heiligen bzw. der Sakramentalisierungsprozesse … kurz zusammenhängend an, fügt diesen aber noch einen weiteren hinzu: den der Selbstsakralisierung als einer mit jeder Sakralisierung verbundenen Gefahr.“ (S. 19)

Der hier nachgezeichnete Gang der Argumentation vom 1. bis zum 7. Kapitel gibt ein ungefähres Bild davon, in welcher Weise sich der Autor mit Max Webers Entzauberungs-These auseinandersetzt. Mit einer solchen Skizzierung bleiben aber zwei Aspekte des vorliegenden Buches am Rande des Blickfeldes. Und die könnten von hohem Interesse sein gerade für Leser(innen), die weniger am hier vorgeführten wissenschaftlichen Streitgespräch zwischen Hans Joas und Max Weber interessiert sind, sondern an den zwei Sachaspekten, die dabei natürlich immer abgehandelt werden, selten aber eine klar konturierte Gestalt an exponierter Stelle gewinnen. Um welche zwei Punkte geht es?

„Es handelt sich zum einen um die Gründe, warum mir gerade heute ein Bild der Religionsgeschichte wichtig scheint, das nicht am Leitfaden der ‚Entzauberung‘ orientiert ist, zum anderen um das Verhältnis der Frage einer Wissenschaft von der Religion zur Frage nach einer zeitgenössisch angemessenen Sprache für den Glauben.

Die Diskussionen über Religion sind … heute davon gekennzeichnet, dass zwei Pseudogewißheiten, die im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert größten Einfluß hatten, beide ihre Glaubwürdigkeit verloren haben. Gläubige können nicht länger davor warnen, daß Säkularisierungsprozesse zum Verlust aller Moral führten, weil die Wirklichkeit stark säkularisierter Gesellschaften diese Befürchtungen nicht bestätigt. Nichtgläubige können ihren Abstand von aller Religion nicht als avantgardistischen Schritt in eine Zukunft, auf die die Menschheitsgeschichte von sich aus hinstrebt, interpretieren.“ (S. 20)

Diskussion

Georg von Frundsberg, einem in der (europäische) Frühen Neuzeit als Landsknechtsführer in kaiserlich-habsburgischen Diensten zu großer Ehre gekommener Adliger aus

Mindelheim / Unterallgäu wird der (Wahl-)Spruch zugeschrieben: „Viel Feind´, viel Ehr´!“ Viele (angehende) Akademiker(innen) haben diesen Wahlspruch – oft für ein Promotions- oder Habilitationsvorhaben – in die Maxime umgesetzt: Suche Dir eine(n) bedeutende(r) Vertreter(in) Deines Faches aus, wähle ihre / seine prominenteste These und nage oder säge an ihr so lange, bis sie fällt – oder es zumindest so aussieht. Das ist das Herzstück des vorliegenden Buches, der Dreh- und Angelpunkt seiner Argumentation: die Bestreitung der auch und vor allem durch den Soziologen und Nationalökonomen Max Weber (1864-1920) zu hohem Geltungsanspruch gelangten Behauptung von dem unvermeidlichen Verschwinden der Religion und der progressiven Säkularisierung aller Verhältnisse.

Aber nicht nur Max Weber nimmt der Autor ins Visier, sondern auch viele Andere, die an ihn im Zu- und Widerspruch anknüpfen, ohne doch seine genannte Zentralthese grundsätzlich in Frage zu stellen. Da geraten denn, um nur die illustren Namen zu nennen, auch Jürgen Habermas und Niklas Luhmann in die Kritik; ja sogar Wolfgang Schluchter, der – so des Autors Worte (auf S. 205) – „weltweit führende Kenner und Systematisierer Webers“. Neben all dem vielen Antis, findet sich aber immer auch wieder ein Pro des derzeitigen Inhabers der Ernst-Troeltsch-Honorarprofessur an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin: eben für den protestantischen Theologen und Kulturphilosophen Ernst Troeltsch (1865-1923), den er für manche Partien seines Werkes aus dem Schatten Max Webers zu holen versucht. Die beiden waren im Privaten Freunde und auf dem Feld der Wissenschaften Konkurrenten, gemeinsam lehrten sie in den Jahren 1897 – 1915 in Heidelberg, wo sie auch gemeinsam ein Haus bewohnten.

Jenem oben genannten Georg von Frundsberg wird auch zugeschrieben, er habe auf dem Reichstag zu Worms 1521 zu Martin Luther gesagt: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang!“ Hans Joas ist mit vorliegendem Buch ohne Zweifel einen schweren Gang gegangen. Einen, der mit mühevoller (Klein-)Arbeit verbunden war, und einen, mit dem er seine wissenschaftliche Reputation aufs Spiel gesetzt hat. Ob es ihm gelungen ist, die Autorität von „Papst Max dem Großen“ – zumindest auf dem hier behandelten Gebiet – nachhaltig zu erschüttern, wird die Fachdiskussion der (Religions-)Soziologie zeigen. Mir jedenfalls hat der Autor einen anderen Max Weber gezeigt als jenen, den ich in Heidelberger Studientagen der 1970ern bei meinen – mit Max Webers Werk wohl vertrauten – theologischen Lehrern Georg Picht und Heinz Eduard Tödt sowie dem oben genannten Wolfgang Schluchter, 1976 nach Heidelberg berufen, präsentiert bekam.

Dass ich des Autors Argumentation unschwer folgen konnte, hat auch damit zu tun, dass sich in den letzten vier Jahrzehnten meine Perspektive (auch) auf die hier behandelten Dinge stark verändert hat. Zum einen bin ich nicht mehr der – damals auch von Max Weber bestärkten – Ansicht, dass jede Religion und jede Art von Religiosität irgendwann und irgendwo das „Opfer des Intellekts“ fordern würde. Zum anderen habe ich mich frei gemacht von der „Hegelschen Versuchung“ (Paul Ric?ur) einer teleologischen (zweckbestimmten) Geschichtsdeutung, der sich hinzugeben den 68er-Studenten nicht nur eine humanistische Schulbildung (namentlich Aristoteles) verlockte, sondern daran anschließend auch Karl Marx – und eben Max Weber.

Das vorliegende Buch ist eines mit sieben Kapiteln, aber keines mit sieben Siegeln. Auch wenn das der einen Leserin oder dem anderen Leser so scheinen mag, weil es einem harte Lesearbeit abfordert. Das liegt zum einen an den hier behandelten Themen, die eben alles andere als einfach, sprich eingängig und offenkundig sind; zudem kann für manche(n) der „Anmarschweg“ zu den Themen recht lang sein. Zum anderen aber liegt es auch daran, dass das Buch in bestem Gelehrtendeutsch – mit all den damit verbundenen Vor- und Nachteilen – abgefasst ist. Dazu eine Kostprobe (ein recht typischer Satz auf S. 408):

„Was aber zeigt nun dieser Versuch, Webers Text unter versuchsweiser Einklammerung seiner enormen Wirkungsgeschichte sprechen zu lassen – ein Versuch, der nicht nur davon abzusehen hat, daß eine Theorie des Zusammenhangs von Rationalisierung und funktionaler Differenzierung seit der Entstehung der Modernisierungstheorie in den westlichen Sozialwissenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg zum Kernbestand dieser Wissenschaften gehört, sondern auch dem Klassiker Weber seinen kanonischen Status erst verliehen hat?“

Fazit

Das vorliegende Buch kann eine Quelle vieler Erkenntnisse und Anlass mancher Horizonterweiterungen sein für alle, die an Fragen der Religion im allgemeinen und der christlichen im besonderen interessiert sind. Zu empfehlen ist es auch und gerade kirchenfernen Christ(inn)en. Dass man(n und frau) Christ(in) sein kann in Gestalt eines „organisationslosen religiösen Individualismus“ hatte schon vor über einem Jahrhundert festgehalten Ernst Troeltsch in „Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen“ (1912, S. 424; zum Buch insg. vgl. Pautler, 2015) – und der Autor folgt ihm (auch) hierin. Schließlich sei die Lektüre des Buches empfohlen all jenen, die sich einem aufgeklärten Atheismus zurechnen und/oder „mit Religion nichts am Hut haben (wollen)“. Vor bald 220 Jahren hat Friedrich Daniel Schleiermacher (anonym) sein Buch „Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“ (1799) veröffentlicht; das hier vorliegende Werk ist in vielerlei Hinsicht eine neue und aktuelle Version der damaligen Reden an die Gebildeten unter den Verächter(innen) der Religion.

Die finden sich vor allem unter jenen, die man seit rund 120 Jahren „die Intellektuellen“ nennt. Dass die von der Sinn-Frage nicht dadurch entbunden sind, dass sie sich atheistisch fühlen und a-religiös dünken, hat ihnen vor gut einem Jahrhundert – da waren „die Intellektuellen“ noch eine neue Konstruktion – Max Weber in „Religiöse Gemeinschaften“ (niedergeschrieben wohl 1913) vor Augen gehalten: „Je mehr der Intellektualismus den Glauben an die Magie zurückdrängt, und so die Vorgänge der Welt ‚entzaubert‘ werden, ihren magischen Sinngehalt verlieren, nur noch ‚sind‘ und ‚geschehen‘, aber nichts mehr ‚bedeuten‘, desto dringlicher erwächst die Forderung an die Welt und ‚Lebensführung‘ je als Ganzes, daß sie bedeutungshaft und ‚sinnvoll‘ geordnet seien.“ (zitiert nach dem vorliegenden Buch S. 218-219).

Literatur

  • Assheuer, Th. (2017). Ende der Religion? Was für ein Irrtum! DIE Nr. 41/2017. Online verfügbar unter www.zeit.de (letzter Aufruf am 29.11.2017).
  • Main, A. (2017). Deutschlandfunk-Interview mit Hans Joas. In verschriftlichter Form online verfügbar unter www.deutschlandfunk.de (letzter Aufruf am 29.11.2017).
  • N.N. (2016). Gibt es neue deutsche Schulen der Philosophie? Auf der Suche nach Geist und gutem Leben. Der Tagesspiegel vom 8.4.2016. Online verfügbar unter www.tagesspiegel.de (letzter Aufruf am 29.11.2017).
  • Pautler, S. (2015). Akademie Aktuell 1/2015, 30-34. Online verfügbar unter www.badw.de (letzter Aufruf am 7.12.2015).
  • Schleiermacher, F.D. (1799). Über die Religion. Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern. Berlin: Unger. In seinen wesentlichen Teilen online verfügbar unter http://gutenberg.spiegel.de/buch (letzter Aufruf am 7.12.2017).
  • Troeltsch, E. (1912). Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen. Tübingen: Mohr (neuste Ausgabe 1994 bei Mohr Siebeck, Tübingen).

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 29.12.2017 zu: Hans Joas: Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung. Suhrkamp Verlag (Berlin) 2017. ISBN 978-3-518-58703-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23517.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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