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Carmen Birkholz: Spiritual Care bei Demenz

Cover Carmen Birkholz: Spiritual Care bei Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. 173 Seiten. ISBN 978-3-497-02651-7. D: 26,90 EUR, A: 27,70 EUR.

Reinhardts gerontologische Reihe, Band 53.
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Thema

Demenz als Krankheit hat zu einer Fülle von Veröffentlichungen geführt und erhält in den Medien hohe Aufmerksamkeit. In den Fachpublikationen unterschiedlicher Disziplinen werden Studien und Empfehlungen sowie therapeutische und betreuende Ansätze vorgestellt und diskutiert. Eine neuere Diskussion zum Umgang mit der Spiritualität von Menschen ist unter dem Begriff „Spiritual Care“ in Deutschland aufgekommen, die aus dem angloamerikanischen Bereich stammt. Dabei wird der Umgang mit Spiritualität als bisherige und alleinige Domäne der Seelsorge anderen Berufsgruppen und Akteuren geöffnet.

Das vorliegende Buch stellt sich in diese beiden Themenfelder hinein und versucht sie zu verbinden.

Autorin

Carmen Birkholz ist eine evangelische Theologin und Pfarrerin und ist Inhaberin des „Instituts für Lebensbegleitung“, das sich beratend und schulend den Themen Spiritualität, Palliative Care, Trauerbegleitung, Hospiz und Demenz widmet.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist nach Vorwort und Einleitung in acht Kapitel gegliedert, die nachfolgend zusammengefasst werden:

1. Was ist Spiritualität? Im ersten Kapitel werden die Begriffe Religion, Spiritualität und Glaube versucht einzuordnen und gegeneinander abzugrenzen. Darüber hinaus wird dem Phänomen des Schmerzes in seiner spirituellen Ausprägung nachgegangen und in einem abschließenden Kapitel der Arbeit mit Angehörigen. Dabei stützt sich die Autorin hauptsächlich auf ihre Erfahrungen. Sie illustriert ihre Ausführung mit zahlreichen Beispielen. Literaturbelege für ihre Aussagen sind leider selten, sodass die Aussagen als Einzelerfahrung gesehen werden müssen.

2. Was sollte man über Demenz wissen? Auf 16 Seiten wird in diesem Kapitel der Versuch unternommen, wichtige Aspekte des Krankheitsbildes Demenz zu erläutern. Neben einer wirklich kurzen Einführung zum personenzentrierten Ansatz von Tom Kitwood, bietet die Autorin einen Abriss der Entwicklung des Krankheitsbildes Demenz. Anhand der Demenzphasen von C. van der Kooij entwickelt sie eine Tabelle, die Selbst-/Fremderleben, Bedürfnisse, Selbst-/Fremdhilfe und die spirituelle Dimension in den einzelnen Phasen beschreibt. Abschließend gibt sie Hinweise für Spiritual Care mit Menschen mit Demenz.

3. Spirituelle Bedürfnisse von Menschen mit Demenz. Im ersten Teil dieses Kapitels wird spirituellen Bedürfnissen nachgegangen, die konkret geäußert werden oder unkonkret bleiben können. Es werden praktische Handlungshilfen und Fragen für ein Gespräch mit betroffenen Menschen genannt. Anhand des Validationsmodells von Naomi Feil und ihrer Aussagen zu Bedürfnissen desorientierter älterer Menschen bietet sie eine vertiefte Einsicht in die Bedürfnislage dementer Menschen an. Das Kapitel schließt mit einem kurzen Einblick in Tom Kidwoods Aussagen zum Bedürfnis „Liebe“.

4. Die spirituelle Sorge um Menschen mit Demenz. In diesem Kapitel geht es um konkrete Interventionen in der Sorge um demente Menschen. Die Autorin beginnt das Kapitel mit Überlegungen anhand des Konzepts „Care Ethik“ von Elisabeth Conradi, in dem sie Begriffe wie Achtsamkeit, Beziehung und Berührung einführt. Insbesondere stellt sie die „Basale Stimulation“ als Interventionsmöglichkeit vor, erläutert das Wesen der spirituellen Begegnung und weist auf den Konflikt zwischen zur Verfügung stehender Pflege- und Betreuungszeit auf der einen und spiritueller Begleitung im Arbeitsalltag auf der anderen Seite hin. Ferner werden folgende Begriff und Konzepte thematisiert: die Achtsamkeit, die Selbstsorge der Begleitenden sowie die Bedeutung von Yoga und Musik in der Begleitung von Menschen mit Beeinträchtigungen.

5. Spiritual Care in der Sterbebegleitung. Dieses kurze Kapitel zur Sterbebegleitung gibt ein paar Hinweise allgemeiner Art und hält sich mit konkreten Aussagen zur Sterbebegleitung bei dementen Menschen zurück.

6. Spiritualität der Religionen. Das längsten Kapitel (53 Seiten) des Buches widmet sich der Beschreibung der monotheistischen Weltreligionen Judentum, Christentum und Islam. Darüber hinaus werden andere Ausdrucksformen beschrieben, die spirituelle Dimensionen haben können: Biografie, Kultur und Musik. Die Beschreibungen bleiben jedoch knapp und richten sich mit ihrem inhaltlichen Niveau an Leser/innen ohne Vorkenntnisse in den jeweiligen Religionen. Hinsichtlich der spirituellen Konsequenzen für die Begleitung von dementen Menschen bleiben sie nur wage. Für konkrete Hinweise beispielsweise zum christlichen Umgang mit dementen Menschen wird auf externe Literatur verwiesen.

7. Trauer und Trauerbegleitung in einer Spiritual Care bei Menschen mit Demenz. Das Phänomen der Trauer und ihre Begleitung wird in diesem Kapitel thematisiert. Eine spezifische Bearbeitung unter dem Blickwinkel der Begleitung dementer Menschen erfolgt hin und wieder, jedoch hauptsächlich mit Zitaten externer, namhafter Literatur.

8. Kann man Spiritual Care lernen? Die Antwort auf diese Frage wird über einen Umweg versucht. Auf einige Hinweise zu Handlungsmöglichkeiten von Begleitern dementer Menschen im Spiritual Care folgen Hinweise für Organisationen, wie sie günstige Rahmenbedingungen schaffen können, damit Spiritual Care für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter möglich wird.

Diskussion

Die Autorin legt ihrem Buch die weite und offene Definition von Spiritualität der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin zugrunde. Daraus folgt, dass alles als spirituell gedeutet werden kann, wenn es der Sinngebung des Menschen hilft und Ereignisse in diesem Licht gedeutet werden können. Für die Autorin ist dieses Verständnis Voraussetzung dafür, dass man Menschen unterschiedlicher religiöser und weltanschaulicher Prägung in der Begleitung begegnen kann. Dies führt jedoch zu eher wagen und im Allgemeinen bleibende Aussagen, wie spirituelle Begleitung konkret gestaltet werden kann. Ebenso bleibt das Konzept „Spirual Care“ selbst im Unklaren und der Bestimmung eines jeden selbst überlassen. Demnach kann Spiritual Care in der Begleitung von Menschen alles sein.

Weiterhin führt es zu einer Unschärfe im Verständnis zu anderen Begriffen und Konzepten, die sich ebenfalls dem Spirituellen widmen, wie beispielsweise die Seelsorge. Es wird im Buch nicht klar, wie sich diese Konzepte zu Spiritual Care verhalten. Ebenso fehlt eine Begründung, warum Spiritual Care eher für die Begleitung herangezogen werden sollte, als spezifische Begleitungskonzepte der Religionen und die der Psychologie.

Die Forschungslage zur Spiritualität dementer Menschen ist noch dünn. Daraus erwächst die Stärke des Buches, das viel mit Praxisbeispielen und den praktischen Erfahrungen der Autorin bzw. anderer arbeitet. Dies macht den Zugang zum Thema einfach. Allerdings bleibt es immer bei diesen persönlichen Erfahrungen. Wer darüber hinaus fundiertes Wissen zum spirituellen Umgang mit Menschen mit Demenz erwartet, wird enttäuscht.

Etwa ein Drittel des Umfangs des Buches beschäftigt sich mit der Beschreibung von Religionen und ihrer bedeutsamen Aspekte. Dabei ist die Auswahl dessen, was in der jeweiligen Religion bedeutsam ist und aus welchem Grund nicht nachvollziehbar und dem subjektiven Urteil der Autorin überlassen. Es bleibt auch unklar, wie die angesprochenen Aspekte mit dem Thema Demenz in Verbindung stehen. Gleiches gilt für die areligiösen Aspekte. Auch sie werden beschrieben und den Bezug zum Thema herzustellen bleibt der Leserin / dem Leser überlassen.

Für wen ist dieses Buch ein Gewinn? Sicherlich für all jene, die kein Vorwissen zu den Religionen mitbringen und ebenso wenig Vorwissen zum Thema Demenz. Für sie bietet das Buch einen einfachen Zugang. Für alle anderen, die mit einem der beiden Themenfelder bereits Berührung hatten, bietet es wenig neue Erkenntnis.

Fazit

Das Buch Spiritual Care bei Demenz versucht Lesern, die sich weder mit Spiritualität noch mit dem Thema Demenz bereits beschäftigt haben, einen Einstieg zu geben. Die zahlreichen Beispiele, die im Buch verwendet werden, erleichtern das Verständnis. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit Spiritual Care und Demenz und vor allem in ihrer Kombination erfolgt nicht. Hier bleibt das Buch häufig vage und unkonkret.


Rezensent
Dipl.-Kfm. Werner Thomas
Krankenpfleger, Diakon
Homepage www.adservio.de
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Zitiervorschlag
Werner Thomas. Rezension vom 20.02.2018 zu: Carmen Birkholz: Spiritual Care bei Demenz. Ernst Reinhardt Verlag (München) 2017. ISBN 978-3-497-02651-7. Reinhardts gerontologische Reihe, Band 53. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23523.php, Datum des Zugriffs 20.06.2018.


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