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Esther Hutfless, Gertrude Postl u.a. (Hrsg.): Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa

Cover Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hrsg.): Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa. Passagen Verlag (Wien) 2017. 2., durchgesehene Auflage. 200 Seiten. ISBN 978-3-7092-0276-0. D: 23,90 EUR, A: 24,30 EUR.
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Thema

Es geht um Schreiben als politischer Akt, ausgehend vom weiblichen Begehren, ganz im Gegensatz zur Opferhaltung der Frau. Wir lesen einen frauenfreundlichen Protest, der im französichen Original poesievoll, nun in einfühlsamer Übertragung auch deutschsprachigen LeserInnen zugänglich ist. So brachte Hélène Cixous schon 1975 Medusa zum Lachen und wollte in ihrem Essay Frauen und Männern zeigen: wir sind wir – und wir gehören zusammen. Schluss mit den Drohgebärden von Schlangenhaaren, deren Anblick versteinert! Schluss auch mit den Kastrationsängsten der „Phallokraten“!

Autorin und Herausgeberinnen

Hélène Cixous wurde 1937 in Algerien geboren als Tochter einer deutsch-jüdischen Familie und wuchs in Oran auf. Als sie mit 18 Jahren nach Paris kam, erlebte sie einen Schock: „So bourgeois!“ Sie sagt: „Frauenhass ist die Sünde der französischen Kultur. Und die Frauen sind besonders sündig. Sie sind die Feinde der Frauen. Wir könnten viel weiter sein.“ Wie die Frau sich im „weiblichen Schreiben“ neu erschafft, war 1975 der Fanfarenstoß einer neuen Bewegung. Im gleichen Jahr schrieb die durch Romane wie „Salz auf unserer Haut“ berühmt gewordene Französin Benoîte Groult (1920-2016) die feministische Kampfschrift „Ödipus´ Schwester. Zorniges zur Macht der Männer über Frauen.“

In der vorliegenden Buchausgabe weisen sich die drei Herausgeberinnen als akademisch tätige Philosophinnen aus, ebenso vier von den weiteren sechs Essayistinnen. Die meisten kommen aus und arbeiten in Österreich. Im Passagen Verlag sind in den letzten zehn Jahren von Cixous in deutscher Übersetzung bereits vierzehn Bücher (Romane, Essays und „Autobiografikationen“) erschienen, 2013 nun dankenswerterweise „Das Lachen der Medusa“.

Aufbau und Inhalt

Auf nur 25 Seiten bildet es das Kern- und Glanzstück dieses Buches, nicht zuletzt weil die Übersetzerin Simma dem Text auch im Deutschen Bildhaftigkeit, Flug- und Fliehkraft mit der Cixous eigenen Zeichensetzung verleiht.

Ein Überblick in drei Punkten mit Originalzitaten:

  1. Wo Frauen herkommen (S. 41-43). „Die Frauen kommen aus dem Immerschon, aus der Heide, wo die Hexen sich am Leben halten … Eingemauert die kleinen Mädchen mit den ‚ungezogenen‘ Körpern, frigidifiziert. Aber wie es darunter wimmelt! Es ist Zeit, die NEUE Frau von der ALTEN zu befreien, sie zu kennen und dafür zu lieben, dass sie davonschießt.“
  2. Der Körper einer Frau (S. 43-46). „Indem sie sich schreibt wird die Frau auf ihren Körper zurückkommen. Eine Frau ohne Körper kann keine gute Mitstreiterin sein … Den Atem der ganzen Frau einschreiben, ein Akt der das zu WORTKOMMEN der Frau, und demzufolge ihren EINRITT in die Geschichte anzeigen wird … Immer besteht in ihr wenigstens ein bisschen gute Muttermilch weiter. Sie schreibt mit weißer Tinte.“
  3. Weiblicher Eros (S. 50-56). „Es reicht Medusa ins Gesicht zu schauen, um sie zu sehen: und sie ist nicht tödlich. Sie ist schön und sie lacht. (Männer) müssen Weiblichkeit mit dem Tod assoziieren; sie werden ja nur vor Angst steif, vor Angst um sich selber! … Die Frau ist die Erogenität des Heterogenen; es geht ihr nicht um sich selbst, der luftigen Schwimmerin, der fliegenden Diebin. Sie ist verteilbar … Nicht dass ich ihn/sie/es begehre, um mir ein Loch zuzustopfen, um einem meiner Mängel abzuhelfen. Das reicht mir jetzt mit dem Penisneid (Freud) und zu glauben, dass wir dieses vom Neid auf ihren Penis umränderte Loch sind.“

Die nächsten 110 Seiten widmen die neun Coautorinnen Anmerkungen zur Übersetzung, zum literarisch einzigartigen Schreibstil Cixous´, ihrer mythenhaften Bilderwelt und ihrem Denken in Metaphern. Sie beschreiben ihre Angriffslust, betonen ihren Frust auf machtbesessene Männer. Sie beleuchten kritisch die Frauen, die ihr Karriereheil in einer Er-Rolle suchen und dadurch ihr Geschlecht streckenweise verleugnen. „Medusa lacht, weil sie die patriarchale Logik durchschaut“, sagt die Autorin.

Interessant ein biographischer Hinweis auf ihr Lachen angesichts des Todes: als Hélène klein war, erzählte man ihr vom Tod eines Cousins ihres Vaters, und das kurz nach dessen Tod! Da sei sie beide Male in Gelächter ausgebrochen – „death went through me and I laughed“ (S. 157 und 168). Auch sonst wird Cixous zwar viel wörtlich zitiert, aber kaum hinterfragt. Eine Auseinandersetzung mit ihr nach vierzig Jahren scheint noch immer brisant.

Zum krönenden Abschluss des Buches wollen Schäfer und Simma kein Interview im Dialog führen, sondern lassen die Autorin nochmals ausführlich zu Wort kommen (S. 181-191): Es geht um Wandelbarkeit (changeance). Die Tragödie der Medusa sei weitergegangen. „Die Welt der Medusen hat mit dem Primat der Ideologien zu tun, die von den Religionen abstammen, … unter der Fuchtel der jüdisch-christlichen Hemmungen und des Islam, wo man die Geschlechter streng trennt … und der Gott ein phallokratischer Gott ist … Ich persönlich habe meine Existenz auf einem Schlachtfeld begonnen, auf dem die Gewalten des Todes die Masken von Ideologien trugen … Nun diese gesichtslosen Titanen, deren Marionetten wir im Augenblick sind. Was geschieht denn zum Beispiel mit den Regierungen, die sich den Befehlen der Banken unterordnen? Nicht weil sie sich bereichern wollen, sondern weil sie sich nicht einmal vorstellen, dass die Welt anders sein kann. Weibliche Vorstellungskraft und Phantasie können etwas ändern. Sich mit dem Drachen zu verbünden ist nicht das Beste, was Frauen tun können.“

Diskussion

Das Buch macht schmerzlich bewusst, wie durch den Zwangsprimat männlichen, sprich herrscherlichen Denkens, leider viele Frauen sich selber ihr Opfersein zuschreiben. Als Körpererfahrung tragen sie das in sich, meint Cixous. Mit zwölf Jahren lernte sie Deutsch, „endlich!“ sagt sie. Als Jugendliche wuchs sie nur mit Mutter und ihrer „Omi“ aus Osnabrück auf. Sie heiratete einen englischsprachigen Autor in Frankreich und unterrichtete ihren Sohn in Latein. Sie war Mitbegründerin der Europäischen Universität in Vincennes und Gastprofessorin in Amerika, – schrieb, schrieb und schrieb. Zeitlebens suchte sie die Auseinandersetzung mit Männern wie Freud und Lacan und hinterfragte deren „Männlichkeitswahn“. Doch jahrzehntelang stand sie in kooperativem Gedankenaustausch mit dem französischen Philosophen Derrida, beide waren ja auf der Suche nach Icherweiterung und Balance. Das und mehr von ihrem Hintergrund hat Susanne Mayer für die ZEIT LITERATUR Beilage Nr. 41/Okt.2017 recherchiert.

Der Breite und Tiefe, aber auch der Zuspitzung und Verspieltheit von Cixous´ Gedanken werden die ausschließlich von Frauen verfassten Beiträge nicht immer gerecht. Sie bleiben oft im Exegesieren bewusst vieldeutiger Formulierungen der Autorin, im ästhetischen Aufbereiten und schwärmerischen Nachempfinden, was Cixous gemeint haben könnte, stecken.Dagegen möchte sie selbst zum Vordenken anstiften. Wie schon vor vierzig Jahren geht es doch ganz pragmatisch darum, für überfällige Freiheiten und Wertschätzung von Frauen auf allen Ebenen zu kämpfen. Ein gelungenes Beispiel im Buch: Laquièze-Waniek wagt es am Schluss ihres Essays auf VALIE EXPORT und ihre Photographie „Aktionshose: Genitalpanik“ (1969) hinzuweisen, wo sie als Frau mit nacktem Schoß sitzt und ein Maschinengewehr auf BetrachterInnen richtet (S. 148 f.).

Fazit

Auf knapp 200 Seiten wird dank der auflockernden Lektüre immer klarer, wie sehr auch Frauen heute mit dem Schreckbild der Medusa kämpfen. Ihre ureigensten Ressourcen müssen sie entfesseln, um aus der gängigen passiven, duldsamen, konfliktscheuen und opferbereiten Rollenzuweisung herauszutreten. Hélène Cixous´ geschlechtsübergreifende Vision einer gemeinschaftlichen Basis ist es wert und macht es möglich, von Männern respektiert und von Frauen beherzigt zu werden. Die Beiträge der neun Essayistinnen präsentieren Schlaglichter aus Philosophie, feministischer Theorie, Psychoanalyse und Literaturwissenschaft. Entscheidende Folgerung für die Zukunftsfähigkeit von Gesellschaft und Familie ist, dass Frauen und Männer mehr kooperieren statt konkurrieren. So gelesen wird die Lektüre noch heute zur Handlungsanweisung, was Frauen zu tun und Männer zu lassen haben. Abzuwarten, wer sich zuerst bewegt, lohnt nicht.


Rezensent
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 22.12.2017 zu: Esther Hutfless, Gertrude Postl, Elisabeth Schäfer (Hrsg.): Hélène Cixous. Das Lachen der Medusa. Passagen Verlag (Wien) 2017. 2., durchgesehene Auflage. ISBN 978-3-7092-0276-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23527.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


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