socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Hanspeter Reiter (Hrsg.): Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung

Hanspeter Reiter (Hrsg.): Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung. Wie Trainer, Coaches und Berater von den Neurowissenschaften profitieren können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 410 Seiten. ISBN 978-3-407-36629-0. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Hanspeter Reiters Buch verspricht Trainer*innen, Coaches und Berater*innen Erkenntnisse dahingehend, „wie sie vorgehen können, um Lernbremsen auszutricksen, was »Lernen im Schlaf« wirklich meint, mit welchen Formaten Lernvorgänge optimal angestoßen werden.“ Es wird angekündigt, dass Hirnforscher ihre Erkenntnisse verständlich vermittteln und für den „Transfer in Modelle und Typologien“ anwendbar aufgezeigt. Außerdem versteht sich das Werk als Plattform für Praktiker*innen, die hier ihre Interventionen und Impulse für hirngerechtes Lehren vorstellen. Zudem wird die Diskussion der daraus resultierenden Konsequenzen für digitales Lehren und Lernen angekündigt.

Herausgeber

Hanspeter Reiter ist als Weiterbildner und Trainer/Berater im Bereich Marketing-Kommunikation tätig.

Autorinnen und Autoren

Außerdem umfasst das Handbuch Beiträge von Michael Bernecker, Ralf Besser, Cora Besser-Siegmund, Hans-Georg Geist, Uwe Genz, Claudia Gorr, Bernd Heckmair, Inge Hüsgen, Ute E. Jülly, Gertrud Kemper, Julia Kunz, Regina Mahlmann, Barbara Messer, Andreas Meyer, Werner Michl, Carl Naughton, Annette Reher, Arnd Roszinsky-Terjung, Gerhard Roth, Holger Schulze, Torsten Seelbach, Helmut Seßler, Lola A. Siegmund, Manfred Spitzer, Gertraut Teuchert-Noodt.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Reiters Veröffentlichung umfasst neben Einführung, Schlußbemerkungen und Autor*innenangaben folgende Kapitel:

  1. Lerntypen: Persönlichkeitsorientierte Vorlesungsgestaltung
  2. Verarbeitungsmuster des Gehirns im Fokus der Weiterbildung
  3. Neurolinguistisches Coaching und die wingwave Methode
  4. Gehirngerechtes Lernen und Lehren: HBDI® und Whole Brain® Thinking
  5. Gehirn und Lernen: Neurodidaktik und Neurokompetenz
  6. Erleben und Begreifen im turmdersinne
  7. Warum Haptik im Coaching wirkt
  8. Mnemotechniken: Wozu und wie?
  9. Ihre Teilnehmer als Gäste
  10. Neurowissenschaft trifft Weiterbildung: wie geht „gehirngerecht?“
  11. LIMBIC – oder was den Menschen antreibt
  12. Bewegtes Lernen im Fokus der Hirnforschung
  13. Mal mir ein (Neuro-)Bild mit Worten!
  14. Erkenntnisse der limbischen Hirnforschung für Weiterbildung nutzen
  15. Risiken und Nebenwirkungen digitaler Medien
  16. Mein Brainy: Lernen in großen und kleinen Schaltkreisen
  17. Kann des Menschen Hirn denn digital?

Beispielhaft seien hier zwei Kapitel vorgestellt, eines das aus neurowissenschaftlicher Perspektive geschrieben wurde, eines aus einer anwendungsorientierten Perspektive geschrieben. Der größte Teil des Buch besteht allerdings aus Texten, die von Firmeninhaber*innen erstellt wurden, die ihre jeweiligen Produkte und die aus ihrer Sicht damit verbundenen neurodidaktischen Implikationen darstellen bzw. bewerben. Dazu mehr am Ende dieser Rezension.

Holger Schulze ist Neurobiologe und hat eine Professur für experimentelle HNO-Heilkunde an der HNO-Klinik Erlangen inne. In seinen Forschungen beschäftigt er sich u.a. mit neurophysiologischen Mechanismen des Lernens und Hörens. So geht er in seinem Buchbeitrag „Stolpersteine auf dem Weg ins Langzeitgedächtnis“ der Frage danach nach, wie das Gehirn im Kontext des Lernens beim Verarbeiten und Speichern unterstützt werden kann bzw. was sich ggf. hier als hinderlich erweist. Schulze definiert Lernen dahingehend, dass „Lernen nicht nur bedeutet, Informationen zu speichern. Vielmehr ist unser Gehirn durch Lernvorgänge einem ständigen Differenzierungsprozess unterworfen, in dessen Verlauf neue Bewertungen von Sachverhalten aufgrund neuer Informationen getroffen und dadurch zum Beispiel Entscheidungsprozess angepasst und verfeinert werden können. Wir lernen also nicht, um etwas einfach nur zu wissen, sondern um auf der Grundlage dieses Wissens unser Handlungsoptionen zu erweitern.“ (283) Als zentrales Anliegen seines Beitrages benennt er: „die neurobiologischen Rahmenbedingungen des Lernens Kontext der Erwachsenenbildung exemplarisch aufzuzeigen und Konsequenzen für die individuelle Lernplanung und -gestaltung zu skizzieren“ (283f).

Dazu geht er zunächst der Frage nach, wie die Informationsverarbeitung im Gehirn funktioniert und arbeitet dabei die besondere Funktionsweise des menschlichen Kortex heraus und betont auch die Doppelfunktion des menschlichen Gehirns, nämlich gleichermaßen Informationen zu verarbeiten und zu speichern. Dies zeichnet zum einen die besondere Leistungsfähigkeit des Gehirns aus, kann aber auch zu Interferenzen der beiden Prozesse führen.

Ein zweiter Schwerpunkt seines Artikels stellt heraus, dass und wie das Lernen den Informationsfluß im Gehirn verändert. Da jede abgespeicherte Information Auswirkungen auf das neuronale Netzwerk hat, kommt der Autor zur Schlußfolgerung, dass „Lernen immer das neuronale Netzwerk im Gehirn mit dem Ziel einer auf der Grundlage des gesammelten Wissens optimierten Verhaltensanpassung verändert“ (286), als Beispiel dafür führt er die klassische Konditionierung nach Pawlow an.

Der umfangreichste Teil des Artikels widmet sich dem Aspekt der Informationsspeicherung. Hier ist zwischen dem Kurzzeit- und dem Langzeitgedächtnis zu unterscheiden. Wobei kennzeichnend für das Kurzzeitgedächtnis, welches gleichsam das Arbeitsgedächtnis darstellt, ist, dass hier keine dauerhaften Modifikationen der synaptischen Verbindungen vorgenommen werden müssen. So laufen hier Speichervorgänge schnell ab, sind aber weniger nachhaltig. Im Langzeitgedächtnis hingegen kommt es zur dauerhaften Datenspeicherung durch einen Umbau von Synapsen. Diese Methode ist für den Organismus insofern effizienter, als das sie weniger „(energie)kostenintensiv“ ist, Nachteil ist, dass die Information nicht unmittelbar verfügbar ist, sondern erst wieder zurück ins Kurzzeitgedächtnis übertragen werden muss. Den Speichervorgang selbst fasst Schulze zusammen als: „die Informationsübertragung an Synapsen einen komplizierten Vorgang aus elektrischer Erregung der Neuronen, elektrischer Übertragung von Botenstoffen und wiederum elektrische Erregung der Neuronen.“ (289). Chemisch basiert dies vor allem auf der Biosynthese diverser Proteine. Dieser chemische Übertragungs- und Verarbeitungsprozess ist störungsempfindlich, vor allem innerhalb der ersten 24 Stunden. Das könnte und sollte starke Auswirkungen auf die Gestaltung von Lernsettings, aber auch auf die Freizeitgestaltung im Kontext von Lernen haben. So warnt der Autor z.B. vor Reizüberflutung durch Fernsehkonsum, wenn Neuronen eigentlich mit Informationsabspeicherung beschäftigt sind.

Als weiteren relevanten Aspekt für Lernfolg untersucht Schulze das gehirneigene Belohnungssystem und hebt dabei die besondere Bedeutung des Dopamins hervor: „Dopamin entfaltet zwei Wirkungen, wenn es ausgeschüttet wird: zum einen unterstützt es die Übertragung der Informationen aus dem Kurz- ins Langzeitgedächtnis und fördert so die Gedächtniskonsolidierung. Zum anderen löst es, wie bereits erwähnt, im lernenden Individuum ein gutes Gefühl aus.(292) Dopamin wird vermehrt ausgeschüttet, wenn etwas Neues erlernt wird, etwa bei Erfolgserlebnissen, nicht aber vor dem Lernerfolg und auch nicht nach erfolgreichem Lernen, d.h. bei wiederholten Abrufen des bereits Bekannten“ (293).

Der Linguist und pädagogische Psychologe Carl Naughton, die pädagogische Psychologin Gertrud Kemper und die Kauffrau und Beraterin Annette Reher beschäftigen sich in ihrem Textbeitrag mit der neurodidaktischen Wirkung von Metaphern. Sie erklären zunächst die Funktionsweise von Analogien und Metaphern, die unter dem Begriff Anametas zusammen gefasst werden, die zwei Bereiche miteinander verknüpfen: Bildspende und Bildempfang (247). Sie unterscheiden

  • Lexikalisierte Metaphern, z. B: Lebensabend
  • Konventionalisierte Metaphern, meist in Sprichwörtern oder Phrasen gebräuchlich
  • Lebendige Metaphern, wie in „schweren Herzens“.

Für die Wissensvermittlung werden insbesondere Analogien und konventionalisierte Metaphern als bedeutsam erachtet. Das steht neurodidaktisch auch damit in Zusammenhang, dass durch solche „Bilder“ die Arbeitslast des Gehirns reduziert und die Automatisierung durch die Quasi-Nutzung von Schemata gefördert werden kann. Unter Bezugnahme auf die Theorie der „Levels of Processing“ schließen sich Ausführungen darüber an, wie sich Metaphern und Analogien positiv bzw. verstärkend auf die Verarbeitungsqualität und -tiefe auswirken. Das steht natürlich auch damit in Zusammenhang, dass Metaphern in der Regel an vertraute Schemata anknüpfen. Dies wird an zwei Beispielen ausgeführt.

Es schließen sich weitere Betrachtungen dazu an, wie Metaphern konkret im Gehirn wirken. Dazu wird Bezug auf einzelne Studien aus den fünfundzwanzig Jahren genommen. Als zentrale Aspekte für das Lernen werden sodann aus neurodidaktischer Perspektive benannt:

  • Vernetztheit
  • Konkretisierung
  • Erwartungsbrüche
  • multimodale Aktivierung.

Im Anschluß werden die einzelnen Aspekte genauer erläutert. Zudem betonen die Autor*inenn die besondere Bedeutung von Emotionen für das Lernen, welche durch den Einsatz von Metaphern ausgelöst werden können.

Die beiden letzten Abschnitte des Artikels widmen sich den Aspekten „Metaphern und Denken“ sowie „Metaphern beim Online-Lernen“. Der erste Abschnitt nimmt insbesondere auf die Problemlösungsforschung Bezug und bietet auch Ausführungen zu negativ konnotierten Metaphern und stellt an einen Forschungsbeispiel einen Bezug zwischen Metaphern und Kreativitätsforschung her.

„Auch in digitalen Kontexten können Metaphern besonders gut kognitive, emotionale und affektive Bedürfnisse stillen. Denn die Metaphern helfen nicht nur in Distant learning-Umfeldern, individuelle Konstrukte zu abstrakten Inhalten aufzubauen, sie übertragen zudem ihre Konkretheit und Vertrautheit auch in die virtuelle Welt. Sie unterstützen nachweislich die Ausdrucksmöglichkeiten in affektiven Bereichen und in der Ausbildung einer gemeinschaftlichen Lerner-Identität“, führen die Autor*innen aus(261). Das wirkt sich natürlich auch darauf aus, wie einzelnen Bestandteile eines digital-basierten Lernarrangements tituliert werden, ob Klassenraum oder Kursraum z.B. Zurecht betonen aber die Autor*innen die sozialkonstruktivistische Dimension von Metaphern, wenn sie etwa dazu eingesetzt werden, um „Situationen, Ideen und Gefühle im virtuellen Lernraum“ auszudrücken (260).

Diskussion und Fazit

Reiter ist es gelungen, einige wirklich namhafte Neurowissenschaftler*innen für die Mitarbeit an seinem Buch zu gewinnen, z.B. Gerhard Roth, Holger Schulze, Manfred Spitzer und Gertraut Teuchert-Noodt. Auch einige bekannte und renommierte Praktiker*innen wie Ralf Besser Regina Mahlmann und Barbara Messer haben sich an diesem Projekt beteiligt. So finden sich in diesem Buch einige durchaus lesenswerte Textbeiträge.

Ansonsten muss kritisch angemerkt werden, dass zahlreiche Beiträge letztlich mehr oder weniger offene Produktwerbung für die je eigenen Coaching- oder Trainingsfirmender Autor*innen sind, die ihre entsprechend geschützten Marken bzw. Produkte präsentieren, also im Beitrag letztlich ihr jeweiliges markengeschütztes Trainings oder Qualifizierungs-Konzept, ihre Events, ihre Masterstudiengänge oder sonstigen Produkte bewerben. Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden, aber warum dafür der/die Leser*in dafür 49,95 € zahlen muss, und warum sich daran so ein renommierter Fachverlag wie Beltz beteiligt, muss schon hinterfragt werden.

In der Verlagsankündigung (Website des Verlags) werden „Expertenstatements »Neurowissenschaften für und wider E-Learning: Benny Briesemeister, Christian Elger, Inga Geisler, Gerald Hüther, Gerald Lembke“ angekündigt. Wenn man sich diese nun im Buch selbst anschaut, handelt es sich um eine letztlich doch recht eigenwillig zusammengestellte Textsammlung aus öffentlich zugänglich Zitaten basierend auf Internetquellen, Pressetexten, aus dem Zusammenhang gerissenen Emailzitaten, z.B. von Gerald Hüther, die dann mit passenden Pressezitaten (376, 382) kombiniert werden; Das Ganze wird garniert mit persönlichen Impressionen von Learntec- und anderen Messebesuchen, scheinbar wahllos assozierten Film- und Fernsehimpressionen, einer flotten Pro- und Contra-Liste, ein paar twitter-Screenshots und einen finalen Streifzug zu Neuro-Enhancement über 10 Zeilen. Eine solche Auseinandersetzung ist dem wirklich wichtigen Thema E-Learning in keinster Weise angemessen.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
E-Mail Mailformular


Alle 107 Rezensionen von Elisabeth Vanderheiden anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 06.12.2017 zu: Hanspeter Reiter (Hrsg.): Handbuch Hirnforschung und Weiterbildung. Wie Trainer, Coaches und Berater von den Neurowissenschaften profitieren können. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-36629-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23529.php, Datum des Zugriffs 13.12.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!