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Erich Schechner: Lebe deine Möglichkeiten

Cover Erich Schechner: Lebe deine Möglichkeiten. Viktor Frankl und die Entfaltung des Menschlichen. Patmos Verlag (Ostfildern) 2017. 176 Seiten. ISBN 978-3-8436-1003-2. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.
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Thema

Das Buch, wie dem Untertitel zu entnehmen, behandelt die dritte Wiener Richtung der Psychotherapie – nach Freud und Adler – die mit dem Namen Viktor Frankl verbunden ist. Für diese Richtung prägte Frankl den Begriff „Logotherapie und Existenzanalyse“. Im Zentrum steht damit Frankls Lehre über die „Sinnfindung des Menschen“, welche der Autor zugleich als Fundament seiner Lebensgrundhaltung beschreibt. Ein Zeichen personaler Nähe, das in der Literatur von Sachbüchern nicht alltäglich, aber zugleich zur Lektüre motiviert. Man muss einleitend auch darauf hinweisen, dass Viktor Frankl von 1942-45 aufgrund seiner jüdischen Herkunft in vier Konzentrationslagern gefangen war, darunter in Auschwitz und Dachau.

Autor

Der Autor, ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse e.V. und Mitglied der der Internationalen Vereinigung für Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankl Institut Wien. Er betreibt eine Praxis für Psychotherapie in Bonn.

Zum Hintergrund des Buches lässt sich sagen, dass es gewissermaßen aus der beruflichen Praxis des Autors erwachsen ist, wie sich an den vielfältigen Erläuterungen von Praxisbeispielen zeigt.

Aufbau

Das zu besprechende Buch umfasst ca. 170 Seiten, nach einer Einführung gegliedert in vier Kapitel. Dem schließt sich ein Glossar zu den wichtigsten Begriffen des Buches an, ein kurzer Text zu der Person von Viktor Frankl an, sowie ein Personen- und Literaturverzeichnis.

  1. Kapitel 1 stellt einen Überblick über problematische Zeiterscheinungen dar (51-71),
  2. Kapitel 2 stellt die Darstellung des Existenziellen Denkens in den Mittelpunkt (51-71),
  3. das dritte Kapitel „Logos – der Wegbereiter des Daseins“ beschreibt, mit Bezug auf die Philosophiegeschichte, den Weg von einem eher passiv mythengeprägten Dasein zu dessen Gestaltung durch den Logos, also durch Rede, Vernunft, Gedanke, Lehre, Sinn.(90),
  4. Kapitel 4 skizziert die Persönlichkeit des Menschen (127 – 164).

Kapitel 1 „Endlich frei! Zeitgeisterscheinungen“ (11 – 50). Ausgehend von der zentralen These des Buches, dass der Mensch kraft seine geistigen Fähigkeiten die Fähigkeit hat, die Bewusstlosigkeit und Ratlosigkeit unserer Zeit durch existenzielles Denken zu überwinden (15), dazu Kapitel 2, skizziert der Autor in einer Art Kurzanalyse, was sich dem störend in den Weg stellt. Hier führt er an, das gestörte Verhältnis der Menschen zueinander, etwa durch die gestörte Gemeinschaft zum Gespräch, das gestörte Verhältnis zur Natur, das gestörte Verhältnis zu Zeit und Sein, was er am Phänomen der Langeweile deutlich macht, das gestörte Verhältnis zur Bildung, mehr Anhäufung von Wissen als die „Vervollkommnung des Menschen als Ziel“ (39), verbunden mit einer Reduktion auf Sachwissen, und letztlich das gestörte Verhältnis zu Freiheit und Verantwortung,.

Kapitel 2 „Existenzielles Denken“, nach Ansicht des Rezensenten das Herz des Konzeptes von Frankl, beschreibt den Weg oder die Methode, wie diesen Störungen begegnet werden kann, die allesamt die Gefahr enthalten, die Person (zu) verformen und (zu) reduzieren auf ein fremdbestimmtes und damit entfremdetes Wesen. Schechner geht aus von der These, dass seit dem Altertum gefragt wurde, „was der Mensch ist“ (50), während heute der Mensch definiert werde nach Können und Haben. Die Nähe zu Fromm ist hier evident. Existenzielles Denken orientiere sich nicht am „Haben“ sondern am „Sein“. Existenzielles Denken erfordere einen Freiraum in dem ich handeln, neue Möglichkeiten finden kann um zu verändern, statt der Logik der Alternativlosigkeit ausgesetzt zu sein. Frankl verwendet dazu das Bild der „kopernikanischen Wende“ (S. 68), ein seit Kant gerne benutzter Terminus in der philosophischen Literatur, um die Fähigkeit zu gewinnen „im eigenen Freiraum zu agieren“ (67). Was erfordert diese Fähigkeit? Sie erfordert statt der Frage nach dem warum, was war die Ursache die Frage wozu. Wozu ist etwas da, etwa ein Leid, das ist jeweils die Frage oder Forderung der Situation. Aber dieses Wozu kann nur sinnvoll beantwortet werden, wenn ich mir auch meiner eigenen Verantwortung bewusst bin. Schechner erläutert dies an einem Beispiel aus der Paarberatung: Wozu soll ich auf eine Erwartung des Anderen warten, um dann erst zu handeln(71). Existenzielles Denken gewinnt man nicht in einem plötzlichen Akt der Einsicht, es ist ein Prozess und bedarf des Übens. Es ist das Ziel des existenziellen Denkens, dem Menschen zu ermöglichen, dass er sich als „Bildhauer seiner selbst“ (153) erlebt. Schechner beschreibt es auch als begründendes Denken in Richtung Transzendenz.

Kapitel 3 „Logos – der Wegbereiter des Daseins“ (83- 126),beschreibt die Geschichte in Rückgriff auf die Antike als einen Prozess, in dessen Verlauf die Geschichte des Menschen von der Herrschaft des Mythos zur Geschichte des Logos, der „Vernunft, Rede, Wort und Sinn“ (89) umgestaltet wird, von der Passivität des Menschen der durch den Mythos beherrscht wird, zu einem aktiven Gestalten durch den Logos. Schön wird dargelegt, wie sehr auch heute noch versucht wird den Logos auszuhebeln durch die Performanz eines Mythos, etwa durch die Institutionalisierung von Herrscherfiguren, natürlich kommt auch hier die Religion in das Spiel

Als zentrale Kategorien treten dabei „Essenz“ und „Existenz“ in den Mittelpunkt. Die Essenz als das Wesen des Menschen und die Existenz als das Handeln und Dasein des Menschen, das traditionell vorgegeben ist durch sein Wesen, seine Essenz. Geht man vom Vorrang der Essenz aus, dann wird die Existenz durch diese weitgehend bestimmt, also weitgehend unfrei. Geht man, so Schechner vom Vorrang der Existenz aus, bestimme ich in einen „Freiraum hinein, wer ich bin“. Ich entwerfe mich. Das ist das Credo der Existenzphilosophie, von Jaspers, ein wichtiger Gewährsmann für Frankl neben Kirgegaard oder Sartre, um nur einige anzuführen. Mein Wesen das ich in meiner Existenz gestalte, insofern, Bildhauer meiner selbst (153.)

Kapitel vier „Entfaltung – die Persönlichkeit des Menschen“ (127 – 164) verdichtet die vorhergehenden Darlegungen mit der Frage, was die Persönlichkeit des Menschen ausmacht. Dazu gehört zentral die Freiheit, welche zumindest als Freiheit zu denken nicht genommen werden kann. Freiheit ist damit auch ein therapeutischer Begriff (127), denn sie ermöglicht „erleichternde Einstellungen zu schweren Lebenssituationen“. Aber Freiheit bei Frankl verknüpft sich auch mit Verantwortung. Es gibt keine Freiheit die nicht einen Bezugspunkt hat. Wäre ihr alles möglich, wäre nichts Bestimmtes entscheidbar man könnte dann, so der Rezensent, auch losen. Erst der Bezug auf Werte und die Verantwortung für die Erfüllung und den Vollzug dieser Werte macht personale Freiheit sinnvoll. Die Logo-Therapie versteht sich insoweit als Weg zu einem sinnerfüllten Leben. Nach längeren Ausführungen zur Frage, was es mit dem Gefühl des Schuldig-Seins auf sich hat, geht der Autor auf die Rolle des Gewissens bei Frankl ein, das Organ das uns hilft, „das an sich Gute und Sinnvolle zu erkennen“(141). Dabei werden die Werte verstanden als objektive Realität, ganz unabhängig von einer „Zeitachse“ 163), von unserer Subjektivität, sie erschließen sich uns von der Existenz aus über die Transzendenz und das Gewissen. Sie sind absolute Normen, das Wahre, Gute, Schöne (159).

Diskussion

Das Buch „Lebe Deine Möglichkeiten“ mit dem Zentrum des existenziellen Denkens, bewegt sich weitgehend auf der Ebene der Existenzphilosophie, deutlich an den Autoren mit denen die Logotherapie begründet wird, von Heidegger bis Sartre, vor allem Jaspers und Kirgegaard, französische Autoren eher zurückhaltend einbeziehend. Es ist ein spannender Ansatz, so versteht sich die dritte Wiener Schule wohl auch, welche die Psychotherapie, wenn man sie so nennen kann, vom Ballast des ewigen Kampfes mit der Vergangenheit des Klienten oder der Klientin zu befreien, ihm oder ihr einen Weg in einen Raum der Freiheit, der Zukunft zu ermöglichen, in dem Schritte zu einem guten Leben, trotz allem Elend, möglich sind. Unterfüttert wird die Gedankenführung durch vielfältige Beispiel aus der Praxis des Autors, oder durch fiktionale Gedankenexperimente, die aber nicht immer die gleiche Überzeugungskraft entwickeln.

Wird die zentrale These des Buches, dass der Mensch „in seiner Einmaligkeit, kraft seiner geistigen Fähigkeiten, seiner entfalteten Persönlichkeit die Bewusstlosigkeit und Ratlosigkeit unserer Zeit überwinden kann“ (15) bestätigt? Das wäre doch zu viel verlangt. Bestenfalls kann man wohl sagen, sie hat eine gewisse Plausibilität und als Aufforderung Kraft. Aber zu Recht sagt der Autor, dass sich das in das existenzielle Denken hineinbegeben, in den „Freiraum mit Werten“ (15), einen sicher manchmal langwierigen Prozess der Übung erfordert. Die Logotherapie nach Frankl erscheint damit eher als eine philosophische Lebensberatung, um zu lernen, im eigenen Freiraum zu handeln.

Da die Werte als absolute Normen bei der Erfüllung eines sinnvollen Lebens in diesem Ansatz ein wichtiger Bezugspunkt sind, hätte der Autor darauf genauer eingehen können, geht er doch davon aus, dass „weder die wahrgenommen Welt noch die Naturwissenschaften … absolute Normen für mein Leben setzen“ können (162). Eine durchaus nicht selbstverständliche Theorie der objektiven Werte. Welche Werte, sieht man vom Wahren, Guten und Schönen ab? Vor allem auch, „Transzendenz“ wird zwar an mehreren Stellen eingeführt, etwa als Hinübersteigen zu den Werten S. 123 oder S. 162. Aber dieser philosophiebeladene Begriff hätte genauer ausgeführt werden können. Manchmal wirkt er wie eine Brücke in eine andere Welt, ohne dass die Brückenkonstruktion klar wird.

Nicht übersehen kann man, dass das Buch manchmal Längen enthält, etwa wo es um das Thema des Schuldig-Seins geht, statt sich auf seine grundlegenden Bausteine, seine Architektur zu konzentrieren: Diese besteht aus dem „existenziellen Denken“, dem jeden möglichen Freiraum, der Gestaltung meiner Essenz durch meine Existenz, die Werte, Gewissen und Transzendenz.

Fazit

Für jeden ein spannendes Buch, der an der praktischen Bedeutung der Existenzphilosophie für eine philosophische/psychologische Lebensberatung interessiert ist und sei es nur für eigene Zwecke. Der 2. Auflage wäre eine sorgfältigere und genauere Lektorierung zu wünschen. So ist z.B. nicht immer eindeutig, ob Frankl indirekt referiert wird oder ein dritter Autor oder der Autor des Buches.


Rezensent
Prof. Dr. Eckart Riehle
em. Professor für öffentliches Recht und Sozialrecht an der Fachhochschule Erfurt. Rechtsanwalt, Karlsruhe
Homepage www.rechtsanwalt-riehle.de
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Zitiervorschlag
Eckart Riehle. Rezension vom 05.03.2018 zu: Erich Schechner: Lebe deine Möglichkeiten. Viktor Frankl und die Entfaltung des Menschlichen. Patmos Verlag (Ostfildern) 2017. ISBN 978-3-8436-1003-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23532.php, Datum des Zugriffs 21.06.2018.


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