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Sabrina Inez Weller: Tätigkeiten Erwerbstätiger mit Behinderung

Cover Sabrina Inez Weller: Tätigkeiten Erwerbstätiger mit Behinderung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. 190 Seiten. ISBN 978-3-7639-5895-5. 36,90 EUR.

Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7639-5896-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Thema

Trotz Integrations- und Inklusionsbemühungen sind Menschen mit Behinderung seltener auf dem ersten Arbeitsmarkt anzutreffen, sind häufiger Teilzeitbeschäftigt, haben längere Arbeitslosenzeiten oder unterschiedliche Barrieren im Einstellungsverfahren stellen sich ihnen in den Weg. Vor diesem Hintergrund befasste sich Weller in ihrer Dissertationsschrift mit der Situation von Menschen mit Behinderung im Zusammenhang mit der aktuellen Entwicklung des Arbeitsmarktes, um vorausschauend diese Entwicklung sowie daraus resultierende Handlungsbedürfnisse für diese Personengruppe zu beschreiben (Weller 2017, S. 13 f.).

Autorin

Sabrina Inez Weller veröffentlicht mit der vorliegenden Publikation ihre Dissertationsschrift, welche sie im Februar 2017 an der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln einreichte. Nach ihrem Bachelorabschluss Politologie und Soziologie sowie ihrem Masterabschluss in Soziologie und empirischer Sozialforschung ist sie seit 2011 als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) tätig. Das BiBB stellt das anerkannte Kompetenzzentrum zur Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen Aus- und Weiterbildung in Deutschland dar. Ihre dortigen Forschungsthemen und Arbeitsschwerpunkte umfassen die Arbeitsmarktforschung, Methoden der empirischen Sozialforschung, die berufliche und betriebliche Teilhabe von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen bzw. Behinderungen sowie die angewandte Ökonometrie (www.bibb.de/de/26480_sabrina_inez_weller.php).

Zielgruppe

Zielgruppe dieses Werkes sind – auch aufgrund der detaillierten Darstellung der empirischen Forschungsergebnisse – Wissenschaftler und Studierende entsprechender Fachrichtungen.

Aufbau

Wellers Dissertationsschrift ist in neun übergeordnete Kapitel gegliedert.

Direkt hinter der Einleitung lassen sich Abbildungs-, Tabellen- und Abkürzungsverzeichnis finden. Nach der Einleitung gibt Weller in den Kapiteln zwei bis drei den Leser*innen einen Überblick zu verschiedenen Themengebieten bzgl. Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt, unterlegt mit aktuellen Daten.

Das Kapitel vier leitet mit dem tätigkeitsbasierten Ansatz den Übergang von der Theorie zum empirischen Teil der Arbeit ein. Anschließend stellt Weller ihre eigene Datenanalyse vor, welche die Kapitel fünf bis sieben einnimmt.

Die Ergebnisse der Datenanalyse werden in Kapitel acht zusammengefasst und diskutiert bevor im neunten Kapitel ein Ausblick gegeben wird. Es folgen die Kapitel zehn und elf mit Literaturverzeichnis und Anhang.

Inhalt

Weller beginnt mit einem kurzen einleitenden ersten Kapitel, in welchem sie die Inhalte der folgenden Kapitel kurz vorstellt.

Im zweiten Kapitel „Menschen mit Behinderung“ gibt Weller in drei Unterkapiteln einen Überblick zur Problematik des Behindertenbegriffes, zur Zusammensetzung der Personengruppe der Menschen mit Behinderung sowie zum amtlichen Anerkennungsverfahren einer Behinderung. Außerdem berichtet sie, wie die Personengruppe in der amtlichen Statistik vertreten ist. Hierfür werden Daten des Mikrozensus der Jahre 1999 und 2013 vorgestellt und miteinander verglichen.

Das dritte Kapitel beschreibt die „Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt“. Anhand von Analysen nimmt sie eine Unterscheidung zwischen Menschen mit leichter und schwerer Behinderung sowie ohne Behinderung vor. Zudem werden zeitliche Vergleiche und Entwicklungen angeführt. Ein Unterkapitel befasst sich mit den rechtlichen Rahmenbedingungen zur Teilhabe von Menschen mit Schwerbehinderungen am Arbeitsmarkt und listet sowohl Pflichten des Arbeitgebers als auch Rechte von Menschen mit Behinderung auf. In zwei weiteren Unterkapiteln wird die Erwerbsbeteiligung auf dem ersten und auf dem zweiten Arbeitsmarkt (Werkstätten für behinderte Menschen und Integrationsprojekte) vorgestellt. Im vierten Unterkapitel können Daten des Mikrozensus bzgl. der Arbeits- und Erwerbslosigkeit von Menschen mit Behinderung näher betrachtet werden.

Im vierten Kapitel „Der tätigkeitsbasierte Ansatz und Tätigkeiten Erwerbstätiger mit Behinderung“ stellt Weller die theoretischen Ansätze ihrer Arbeit und den aktuellen Forschungsstand vor. Der tätigkeitsbasierte Ansatz wird von Weller als theoretische Grundlage verwendet, „um die Determinanten, Wirkung sowie Entwicklung von Tätigkeiten Erwerbstätiger mit Behinderung im Vergleich zu Erwerbstätigen ohne Behinderung zu untersuchen“ (Weller 2017, S. 55). Des Weiteren werden Studien zu Tätigkeiten von Menschen mit Behinderung vorgestellt, bevor Weller ihre zentralen Fragestellungen sowie ihre Datengrundlage vorstellt.

Das Kapitel fünf „Determinanten von Tätigkeitsschwerpunkten Erwerbstätiger mit Behinderung“, Kapitel sechs „Determinanten von Tätigkeitsschwerpunkten Erwerbstätiger mit Behinderung“ sowie das Kapitel sieben „Entwicklung von Tätigkeitsschwerpunkten Erwerbstätiger mit Behinderung (1976-2006)“ befasst sich Weller mit der Darlegung des empirischen Teils ihrer Arbeit. Diese drei Kapitel sind jeweils in folgende Unterkapitel gegliedert:

  • Hypothesen
  • Daten, Variablen und Methoden
  • Empirische Ergebnisse
  • Ergebnisse deskriptiver Analysen
  • Ergebnisse multivariater Analysen
  • Zusammenfassung

Die Analysen basieren auf den Datengrundlagen der Erwerbstätigenbefragungen des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB), des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA), welche je nach Fragestellung im Zeitverlauf (1979-2006) oder ausschließlich auf das Jahr 2006 beschränkt erfolgen. Die anspruchsvollen statistischen Analysen erfolgen anhand einer multinominal logistischen (Kap. 5.2), einer multiplen linearen (Kap, 6.2) sowie anhand einer bivariaten und multivarianten Regressionsanalyse (Kap.7.2).

Im achten Kapitel „Zusammenfassung und Diskussion“ fasst Weller die wichtigsten Eckdaten zur Durchführung ihrer Datenanalyse sowie der daraus folgenden wichtigsten Ergebnisse zusammen.

Einen „Ausblick“ auf die vierte industrielle Revolution, der sogenannten Industrie 4.0, mit einer Auflistung von Chancen und Risiken sowie Handlungsempfehlungen, die zu einer verbesserten Integration von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt beitragen können, liefert das neunte Kapitel.

Diskussion

Im ersten Teil der Dissertationsschrift wird der theoretische Hintergrund von Weller bezugnehmend auf verschiedene Themenbereiche, wie das Anerkennungsverfahren einer Behinderung, Pflichten für Arbeitgeber oder auch Daten und Fakten zu Arbeits- und Erwerbslosigkeit von Menschen mit Behinderung. An dieser Stelle zeigt sich bereits, dass Weller aktuelle, zur Verfügung stehende Daten gesammelt hat, womit sie bereits hier eine grundlegende Analyse der aktuellen Situation von Menschen mit Behinderung auf dem Arbeitsmarkt bietet.

Hierbei ist anzumerken, dass Weller im Unterkapitel 3.3 auf den zweiten Arbeitsmarkt nur am Rande eingeht. Neben den Werkstätten für behinderte Menschen werden sogenannte Integrationsprojekte erwähnt, die eine Brückenfunktion zwischen ersten und zweiten Arbeitsmarkt einnehmen. Des Weiteren wird, bis auf wenige Stellen (z.B. Kap. 4.2, S. 63), von Menschen mit Behinderung im Allgemeinen gesprochen und keine Unterscheidung zu Menschen mit geistigen oder psychischen Behinderungen vorgenommen. Wenn möglich, wird der Grad der Behinderung in den eigenen Datenanalysen von Weller als auch bei der Darstellung anderer Daten mitberücksichtigt. Zentrales Ergebnis der Analyse der Erwerbstätigenbefragung ist, dass sich bei Erwerbstätigen mit Behinderung entsprechend der Routinisierungshypothese eine Zunahme der Non-Routine-Tätigkeiten ergibt. Der Gedanke, dass dies negative Effekte auf die Integration von Menschen mit Behinderung in den Arbeitsmarkt haben könnte, obgleich Berufsbilder sich kontinuierlich verändern und anpassen, verdient eine intensive Auseinandersetzung.

Im Ganzen ist die Darstellung der verschiedenen Themenbereiche sowie der Ergebnisse überaus gelungen. Über gezielt gesetzte Fußnoten gibt Weller weitere, umfassende Informationen und Definitionen, sodass auch diese beim Lesen Beachtung finden sollten. Die Darstellung der Daten in Tabellenform oder anderer Abbildungen und die dazugehörigen Textstellen lassen sich an einigen Stellen nicht auf einen Blick finden, sodass ein Umblättern nötig ist. Die erklärenden Textstellen fassen aber die abgedruckten Tabellen oder Abbildungen nochmals sehr gut zusammen, sodass sich ein kurzer Augenblick des Suchens lohnt. Darüber hinaus führt Weller die Leser*innen anhand von Zusammenfassungen und Ausblicke am Ende eines jeden Kapitels auf sehr didaktisch durchdachte Weise durch ihre Publikation und lässt die Leser*innen begründet teilhaben, warum die jeweiligen Darstellungsformen gewählt wurden.

Die Ergebnisse der vorgestellten Datenanalyse zeigen abschließend, dass der Wandel des Arbeitsmarktes sowie der Arbeitsplätze aufgrund von zunehmender Technologisierung und Digitalisierung sich auch in den Tätigkeiten von Menschen mit Behinderungen wiederfinden lässt. In diesem Zusammenhang verweist Weller im Kapitel neun „Ausblick“ zudem auf die sogenannte vierte industrielle Revolution, der Industrie 4.0, und stellt passend hierzu eine sehr lesenswerte Auflistung von Chancen, Risiken und Handlungsempfehlungen auf.

Fazit

Sabrina Inez Wellerlegt mit ihrer Dissertationsschrift eine Datenanalyse auf Grundlage des tätigkeitsbasierten Ansatzes vor, anhand welcher sie die Tätigkeiten von Erwerbstätigen mit Behinderung untersuchte. Ihre Ergebnisse zeigen, dass der Wandel des Arbeitsmarktes sowie der Arbeitsplätze aufgrund von zunehmender Technologisierung und Digitalisierung sich auch in den Tätigkeiten dieser sehr heterogenen Personengruppe wiederfinden lässt. Dabei stützt sie sich auf eine umfassende Literaturrecherche und auf zuvor nicht ausgewertetes empirisches Material, welches statisch angemessen aufbereitet wird. Im Ganzen lässt sich sagen, dass diese Publikation einen umfassenden, sehr aktuellen wie auch sehr interessanten Überblick über die Arbeitsplatzsituation von Menschen mit Behinderung zu Zeiten der Inklusion bietet.


Rezensentin
Jasmin Aust
Sozialarbeiterin B.A., seit 2016 wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsgruppe von Frau Prof. Dr. Müller zum Thema Demenz bei Menschen mit geistiger Behinderung.
Projekthomepage http://www.projekt-demenz.de.
Neben ihrer Arbeit studiert sie an der Ostfalia Hochschule Wolfenbüttel im Masterstudiengang Präventive Soziale Arbeit mit Schwerpunkt Rehabilitation und Prävention.
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/s/not_in_menu/Aust/personena ...
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Rezensentin
Prof. Dr. rer. nat. habil. Sandra Verena Müller
Diplom-Psychologin und klinische Neuropsychologin, seit 2010 Professorin an der Ostfalia Hochschule für das Lehrgebiet Rehabilitation und Teilhabe. Aktuell bearbeitet sie im Rahmen des Forschungsschwerpunktes SecuRiN das Thema Inklusion durch Digitalisierung
Homepage www.ostfalia.de/cms/de/s/not_in_menu/Mueller/person ...
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Zitiervorschlag
Jasmin Aust/Sandra Verena Müller. Rezension vom 02.05.2018 zu: Sabrina Inez Weller: Tätigkeiten Erwerbstätiger mit Behinderung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-7639-5895-5. Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB).

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7639-5896-2 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23534.php, Datum des Zugriffs 16.08.2018.


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