socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Pia Jaeger: Soziale Gerechtigkeit im Wandel

Cover Pia Jaeger: Soziale Gerechtigkeit im Wandel. Ein idealistisches Konstrukt und/oder ein Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 192 Seiten. ISBN 978-3-8487-4131-1. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das vorliegende Buch macht die Untersuchungsergebnisse der Autorin hinsichtlich des Wandels des Verständnisses von sozialer Gerechtigkeit in Philosophie und Politik publik und hinterfragt „inwieweit Politiker soziale Gerechtigkeit als Akzeptanzmittel für ihre Entscheidungen nutzen“ (vgl. Klappentext).

Autorin

Pia Johanna Jaeger war zunächst als wissenschaftliche Assistentin tätig und absolvierte ihr journalistisches Volontariat beim Evangelischen Presseverband (EPV) in München.

Entstehungshintergrund

Das Buch wurde im Frühjahr 2016 von der 'Hochschule für Politik München' als Dissertation angenommen; es fußt auf themenorientierte Forschungen bereits aus der Zeit der Autorin als wissenschaftliche Assistentin an selbiger Hochschule, weitergeführt durch entsprechende Recherchen während eines zweijährigen Aufenthalts an der Universität in Cambridge.

Aufbau

Der Band eröffnet mit einem Abbildungs- und einem Tabellenverzeichnis; es folgen sechs Hauptkapitel, während ein Literaturverzeichnis den Abschluss bildet.

  • Das einleitende Kapitel erläutert die Problemstellung der Arbeit, den Forschungsstand und die daraus resultierenden Fragestellungen und Thesenbildungen, sowie den Aufbau der Arbeit und die zugrundegelegte Methodik.
  • Das zweite Kapitel erbringt die quantitative Untersuchung der Entwicklung der Bedeutung des Konzeptes 'Soziale Gerechtigkeit' seit 1800, um sodann im nachfolgenden
  • dritten Kapitel der Arbeit auf die politisch-philosophische Dimension der Sozialen Gerechtigkeit näher unter Berücksichtigung vor allem der klassischen Philosophen, aber auch der Vertreter moderner Philosophie, einzugehen.
  • Das Kapitel 4 wendet sich den gegenwärtigen Vorstellungen und Konnexen von Sozialer Gerechtigkeit zu.
  • Das vorletzte Kapitel untersucht die Soziale Gerechtigkeit als Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung, während
  • das letzte Kapitel als Ergebnissicherung und den sich ergebenden Schlussfolgerungen zu verstehen ist.

Inhalte

Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit ist die Beschäftigung der Autorin „mit dem Konzept der Sozialen Gerechtigkeit, dessen Wandel und inwieweit dieses Konzept zur gesellschaftlichen Stabilisierung eingesetzt wird“ (S. 15). Dabei greift Jaeger bis tief in die Vergangenheit zurück und zeigt damit, dass es bereits seit 1800 ein gewisses, quantitativ belegbares Konzept der Sozialen Gerechtigkeit gibt, das sie mit Hilfe des „Google NGram Viewers“ nachzuweisen sucht. Hierbei geht es um die relative Häufigkeit der den Fragestellungen entsprechenden Wortfolgen, welche wiederum in Relation zu der Bedeutung des Konzeptes gesehen werden. Nach Jaeger zeigt die Auswertung der mit dieser Methode erfolgten Untersuchungen einen eindeutigen Trend hin zu einer stetigen Zunahme der Phrase 'Soziale Gerechtigkeit' insbesondere während einschneidender Ereignisse im 19. aber auch im 20. Jahrhundert. Es zeigt sich bereits eine uns heute geläufige Differenzierung in spezifische Gerechtigkeitskategorien, wie etwa der Chancengleichheit, Leistungsgerechtigkeit, Bedarfsgerechtigkeit, Generationen- und Verteilungsgerechtigkeit, aber auch das Entstehen von Spannungsfeldern zwischen den verschiedenen Konzepten.

Nach einer gewissen Klärung der Entwicklung und Bedeutung von 'Sozialer Gerechtigkeit' und Erläuterungen der Entwicklung verwandter Konzepte im deutschsprachigen Raum, wendet sich die Autorin im dritten Kapitel der politisch-philosophischen Dimension der Sozialen Gerechtigkeit mit der Grunderkenntnis zu, dass alle diesbezüglichen Vorstellungen auf philosophisch historischen Wurzeln beruhen. Folgerichtig werden zunächst Gerechtigkeitskonzepte in der abendländischen Philosophie, beginnend etwa bei Platon, Aristoteles und Thomas von Aquin, sodann fortgesetzt mit Thomas Hobbes, John Locke und Karl Marx – bis hin zur zentralen Bedeutung von 'Sozialer Gerechtigkeit' in der katholischen Soziallehre – untersucht. Danach geht Jaeger einen Schritt weiter, indem sie die für unsere heutige politische Auseinandersetzung bedeutsame Differenzierung von 'Gerechtigkeit' hin zur 'Sozialen Gerechtigkeit' vornimmt! Hier wendet sie sich philosophischen Denkern der heutigen Zeit, wie etwa John Rawls, Friedrich August von Hayek, Alasdair Mac Intyre, Michael Walzer, Jürgen Habermas, Amartya Sen und Martha Nussbaum zu. Ist es bei Ersterem die 'Gerechtigkeit als Fairness', oder bei Mac Intyre die 'Gerechtigkeit als Tugend', so zählt bei Letzterer der 'Fähigkeitsansatz' in Abgrenzung zum Kontraktualismus. Nussbaum geht – wie auch Sen – davon aus, dass „die menschlichen Fähigkeiten, die 'capabilities', die Voraussetzungen für die Ausübung von Tätigkeiten sind, die ihnen entsprechen“ (S. 114). Das bedeutet, dass jemand zunächst erst die erforderlichen Fähigkeiten erlernen muss, um überhaupt gerecht handeln zu können. Jaeger weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Nussbaum damit eine gewisse Affinität mit dem Denken von Rawls erkennen lässt.

Ehe die Autorin in ihrem nächsten Kapitel auf das gegenwärtige Phänomen Sozialer Gerechtigkeit zu sprechen kommt, listet sie die Stellung und Bedeutung von Sozialer Gerechtigkeit in bedeutenden Rechtsdokumenten, wie etwa der Weimarer Reichsverfassung, dem Grundgesetz, dem Sozialgesetzbuch oder aber in den Europäischen Verträgen auf. Dadurch wird die Autorin dem Kernanliegen ihrer Arbeit gerecht, indem sie die politische Relevanz des Grundwertes 'Gerechtigkeit' näher zu beleuchten beginnt. Ausgehend von der Auflistung verschiedener Prinzipien Sozialer Gerechtigkeit, wie zum Beispiel der Chancen-, Bedarfs-, Generationen- und Leistungsgerechtigkeit zeigt sie den Wandel im Verständnis derselben in den Regierungen von Kohl, Schröder und Merkel im Deutschland seit 1990 auf, um sodann zugleich eine Differenzierung in der Beziehung zwischen Gleichheit und Sozialer Gerechtigkeit vorzunehmen.

Das abschließende Kapitel greift den Untertitel des Buches auf und stellt 'Soziale Gerechtigkeit als Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung' dar. Dabei eruiert Jaeger, inwieweit die Soziale Gerechtigkeit, entweder als 'Soziale Frage' oder im Konzept des 'Sozialstaats' bzw. einer eher übergreifenden 'Sozialpolitik' zur Sicherung der politischen Akzeptanz tauglich ist bzw. als Legitimationsgrundlage für Politik gelten kann und nutzbar erscheint!?

Diskussion

Ausgehend von der Fragestellung, „ob es einen Wandel im Verständnis des Konzeptes der Sozialen Gerechtigkeit gibt und inwieweit es sich dabei um ein idealistisches Konstrukt handelt oder eher um ein Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung“ (S. 177) kommt die Autorin zu dem Schluss, dass tatsächlich ein Verständniswandel stattgefunden hat und das Konzept von einer Sozialen Gerechtigkeit sowohl zur gesellschaftlichen Stabilitätssicherung wie auch zur Verfolgung von (politischen d.Rez.) Partikularinteressen eingesetzt wird. Dabei kommt die Autorin allerdings erst sehr spät mittels einer Nebenbemerkung darauf, dass die eigentliche Schwierigkeit bei der Instrumentalisierung der Begrifflichkeit 'Soziale Gerechtigkeit' zum einen in der nicht eindeutig gegebenen und wohl auch nicht machbaren Definition dessen, was man einerseits unter 'Gerechtigkeit' und andrerseits unter einer 'Sozialen Gerechtigkeit' und darüber hinaus aufgrund einer jeweils parteipolitisch unterschiedlichen Interpretation erschwerend zu verstehen hat, liegt.

Insofern ist die Arbeit von Pia Jaeger als der Versuch zu verstehen, dem Begriff 'Soziale Gerechtigkeit' in gewisser Weise nahe zu kommen, indem die eigentlich bekannten und nicht unbedingt disponiblen Erkenntnisse über philosophische Grundlagen, historische Weiterentwicklungen und politische Konzeptualisierungen aufgezeigt werden. Auch wird nicht deutlich erkennbar, inwieweit die Autorin Soziale Gerechtigkeit als idealistisches Konstrukt versteht bzw. hinterfragt.

Die Übertragung all dessen darauf, ob dies als Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung gelten kann und ob das Streben nach (mehr) Sozialer Gerechtigkeit seitens der politischen Akteure nutzbringend eingesetzt werden kann, erscheint unbeantwortet oder bestenfalls rudimentär erkennbar.

Fazit

Das Buch von Pia Jaeger trägt zweifelsohne zu einem besseren Verständnis dessen bei, was unter Sozialer Gerechtigkeit im Wandel der Zeiten zu verstehen ist. Es geht auf die Grundannahmen ebenso ein, wie auf philosophisch-historische und politische Entwicklungen. Es vermag durchaus einen gewissen Eindruck von dem zu vermitteln, was überhaupt unter Sozialer Gerechtigkeit verstanden werden kann, ohne jedoch auf konkretere Differenzierungen und Begriffsverständnisse einzugehen, bzw. neue wissenschaftliche Erkenntnisse oder Deutungen zu präsentieren.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 64 Rezensionen von Peter Eisenmann anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 21.12.2017 zu: Pia Jaeger: Soziale Gerechtigkeit im Wandel. Ein idealistisches Konstrukt und/oder ein Mittel zur politischen Akzeptanzsicherung? Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-4131-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23536.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Referent/in Studienorganisation, Mühldorf a. Inn

stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Berlin

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!