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Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung. Teil II: Qualitative Befragungen

Cover Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung. Teil II: Qualitative Befragungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. 488 Seiten. ISBN 978-3-8487-4233-2. D: 94,00 EUR, A: 96,70 EUR.

Studien zum sozialen Dasein der Person, Band 25.
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Thema

Durch die Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung in 2009, aber auch durch die Empfehlungen der Hochschulrektorenkonferenz, besteht die Forderung an Hochschulen und Universitäten, chancengleiche Teilnahme für alle Studierenden im Sinne einer „Hochschule für alle“ sicherzustellen. Im Rahmen eines Forschungsprojekts der Universität Köln wird untersucht, wie Stand der Hochschulentwicklung in dieser Hinsicht ist und welche konkreten Schritte sich aus der Forderung ergeben.

Das Projekt ist in zwei Teilen dokumentiert, wobei der vorliegende Teil II auf Basis von qualitativem Interviewmaterial die Auswirkungen von gesundheitsbedingten Beeinträchtigungen auf das Studium an der Universität Köln analysiert.

Autorin

Petra Stemmer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Lehrstuhls für Sozialpolitik und Methoden der qualitativen Sozialforschung am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (ISS) der Universität zu Köln. Nach dem Studium der Betriebswirtschaft an der Universität Regensburg und einem berufsbegleitendem Weiterbildungsstudium was sie u.a. in der Unternehmensberatung, in der Redaktion der Zeitschrift „Sozialer Fortschritt“ und am Institut für Medizinsoziologie, Versorgungsforschung und Rehabilitationswissenschaft (IMVR) der Universität zu Köln tätig,

Entstehungshintergrund

Teil I der Studie bildete einen Rechercheteil, der als empirische Grundlage für die hypothesengeleitete Planung und Durchführung der Befragungen diente. In ihm wurden das Inklusionsverständnis sowie der Stand der Erkenntnisse zur Umsetzung von Inklusion an deutschen Hochschulen und Universitäten rekonstruiert. Auf diese Weise war ein Maßstab gewonnen für die inklusionsorientierten Bemühungen an der Universität Köln auf qualitativer Interviews.

Leitfadengestützt befragt wurden im Rahmen des Teil II beeinträchtigt Studierende, Beratungsstellen für Studierende mit Behinderung oder chronischer Erkrankung an der Universität zu Köln, Mitarbeiter*innen der Assistentenstelle der Universität, die mit Begleitung und Serviceangeboten für beeinträchtigt Studierende betraut sind sowie das Kölner Studierendenwerk. Zentrale Schwerpunkte der Befragung bildeten die Aspekte Auswirkung von Beeinträchtigungen auf das Studium, den Studienverlauf, personelle, technische und finanzielle Hilfen, einschließlich Nachteilsausgleichen, die eigenen Erfahrungen und Bewältigungsstrategien im Umgang mit Behinderung. Weitere Themen waren die Wahrnehmung und Haltung zu Inklusion an der Universität im Allgemeinen und der Universität Köln im Besonderen sowie damit zusammenhängende Sichtweisen zu stärken, schwächen und Handlungsbedarf.

Aufbau

Zunächst zeichnet der vorliegende Band einen Status Quo der Inklusion an der Universität zu Köln. Dabei werden existierende Erfahrungen sowie ausgewählte Initiativen und Projekte vorgestellt, die Schlussfolgerungen auf die Studienverhältnisse erlauben, die Studierende mit Beeinträchtigungen im Studienverlauf erfahren. Auch eine vergleichende Betrachtung zu anderen ähnlich großen Universitäten in Deutschland erfolgt. Dabei zeigt sich, dass die Beratungs- und Unterstützungsangebote sowie die Förderungsbedingungen durch das Land insgesamt die Universität als auf einem guten Weg sehen lassen.

Im anschließenden empirischen Teil werden die Durchführung und Auswertung der qualitativen Befragungen, differenziert nach den befragten Zielgruppen, dokumentiert. Leider erschwert die Nachvollziehbarkeit der Auswertung die Tatsache, dass Leitfäden und Auswertungskriterien nicht in einem Anhang mit dokumentiert werden und die Herleitung der konkreten Fragestellungen zur Inklusion innerhalb des Teilbandes I verhandelt wurden. Gegen Ende des vorliegenden Bandes erfolgt jedoch ein Rückblick auf Hauptfragestellungen aus Band I der Studie.

Ausführlich betrachtet werden die Zielgruppen der Studierenden mit Beeinträchtigung selbst, die Sicht von Beratungsstellen, diejenige der Assistentenstelle zur Begleitung und Unterstützung von Studierenden mit Beeinträchtigung sowie das Kölner Studierendenwerk.

Die Erhebung wurde im Jahr 2013/14 durchgeführt und umfasste auf Seiten der Studierenden 7 % aller Studierenden (N=3.290).

Den vorliegenden Band beendet ein Kapitel, das in 39 Punkten Schlussfolgerungen und Empfehlungen ausspricht, eine inklusionsorientierte Perspektive an der Universität zu Köln konkret weiter zu verfolgen. Ziel der Studie war es, „eine Weiterführung der Debatte und Anstöße bezüglich des ‚Wie‘ einer weiteren Umsetzung von Inklusion zu geben“ (451).

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Inhalt

Einen deutlichen inhaltlichen Schwerpunkt setzt die Studie bezüglich der Perspektive der beeinträchtigt Studierenden und deren Aussagen im Rahmen der Befragungen, die in Form einer qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wurden. Die Auswertungskategorien werden jeweils einzeln ausgeführt und ausführlich anhand von Zitaten erläutert. Gleiches gilt für die übrigen befragten Zielgruppen. Neben der umfangreich und differenziert dokumentierten Auswertung sind vor allem die Schlussfolgerungen für die Weiterentwicklung einer inklusiven Universität von Interesse, die am Ende überblickshaft zusammengefasst werden und teils als Empfehlungen, teils als bereits bewertbare Umsetzungen bezogen auf die Situation vor Ort beschrieben werden.

Hier werden betont:

  • Die Notwendigkeit eines Aktionsplans Inklusion für die Universität mit klaren Verantwortlichkeiten und qualitätssichernden Maßnahmen;
  • die Entwicklung von Universal Design Lösungen;
  • die Nutzung von Wettbewerben, Ausschreibungen und Auditierungen hinsichtlich einer Weiterentwicklung von Diversity-Aspekten im Austausch mit Entwicklungen der Bildungslandschaft bundesweit;
  • Inklusionsorientierung als Element der Exzellenzinitiative zu implementieren;
  • Einforderung eines expliziten Bekenntnisses zu einer inklusionsorientierten Hochschulentwicklungsstrategie durch die Hochschulleitung;
  • eine regelmäßige Überprüfung der bisherigen Strukturen und Reglungen hinsichtlich der Erfordernisse bezüglich Inklusionsorientierung;
  • eine gezielte Berücksichtigung von Lehrenden mit Beeinträchtigungen bei Stellenbesetzungen;
  • die Förderung einer Forschergilde bezüglich inklusionsrelevanter Themen;
  • die Etablierung eines Runden Tisches „Inklusion“ zur Verstetigung der Thematik in der Universität im Sinne einer prozesshaften Herausforderung;
  • die Einrichtung einer Koordinationsstelle „Inklusion“;
  • die Konzentration auf einzelne Beeinträchtigungsarten bei der Bedarfsermittlung von Unterstützungsleistungen;
  • die Durchführung regelmäßiger Befragungen und eine detaillierte transparente Informationspolitik gegenüber beeinträchtigt Studierenden, insbesondere mit Blick auf die Praxis der Gewährung von Nachteilsausgleichen;
  • eine generelle Überprüfung der Internetinformationsportale für beeinträchtigt Studierende;
  • die Fokussierung und Austarierung von Beratungs- und Begleitungsangeboten;
  • eine gezielte Öffentlichkeitsarbeit bezüglich der vorhandenen Angebote;
  • die Entwicklung von Unterstützungsangeboten von Anbeginn des Studiums und ihre Bereitstellung im Vorhinein;
  • der weitere Ausbau von barrierefreien E-Learning-Konzepten und einer entsprechenden Lehre;
  • eine fortdauernde Reflexion von Möglichkeiten der Flexibilisierung der Studienstruktur;
  • ein Ausbau baulicher Barrierefreiheit über die Belange von mobilitätseingeschränkten Studierenden und deren Bedarf hinaus;
  • die Implementierung klarer Verantwortlichkeiten für barrierefreies Bauen und schriftliche Festschreibungen von entsprechenden Vereinbarungen;
  • die Integration der Belange von beeinträchtigt Studierenden in die Lehre;
  • der Ausbau von Fortbildungsmaßnahmen für Lehrende über die Bedarfe von beeinträchtigt Studierenden, auch mit dem Ziel der Einstellungsveränderung und Sensibilisierung für Inklusion auf allen Ebenen und bei allen Akteuren der Universität;
  • Entgegenwirken einer Tabuisierung und Stigmatisierung bestimmter Beeinträchtigungsformen, etwa im psychischen Bereich oder bei Teilleistungsschwächen;
  • das verantwortliche Weitertragen des Inklusionsgedankens in die Gesellschaft als Teil des Selbstverständnisses im Kontext gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und des Bildungsauftrags der Universität;
  • die Stärkung des Selbstbildes beeinträchtigt Studierender;
  • die Unterstützung eines offenen Umgangs mit der eigenen Behinderung;
  • die Förderung von Selbsthilfegruppen und eine frühzeitigen Kontakts zu den bestehenden Beratungseinrichtungen sowie deren verbesserten Wahrnehmbarkeit;
  • die Benennung eines Ansprechpartners zur Begleitung beim Wiedereinstieg ins Studium beziehungsweise zur Weiterführung des Studiums nach beeinträchtigungsbedingten Unterbrechungen;
  • die personelle Besetzung des Servicezentrums Behinderung und Studium;
  • Präventionsmaßnahmen vor Studienabbrüchen;
  • die Nutzung der Verhandlungsmacht einer großen Universität unter Berücksichtigung ihrer Expertise;
  • Forschungsförderung bezüglich des Themenfeldes Behinderung und Studium.

Diskussion

Die umfangreiche Liste der Empfehlungen für eine inklusionsorientierte Hochschulentwicklung kann auch über den konkreten Handlungsraum Köln hinaus gewinnbringend als Orientierungsleitfaden für die Vielfalt der Herausforderungen, die mit einer Hochschulentwicklungsstrategie zur Verbesserung der Studienbedingungen von beeinträchtigt Studierenden bzw. der Vereinbarkeit von Behinderung und Studium dienen. Dabei würde die Notwendigkeit, die Liste an Ideen möglicher Maßnahmen natürlich einer Anpassung an jeweils spezifische Bedingungen vor Ort – gestützt auf eine empirische Grundlage – erfordern. Die klare Ausrichtung in diesem Fall auf Behinderung ist nachvollziehbar, lässt aber auf der anderen Seite wenig erkennen, dass und inwiefern der hier verfolgte Ansatz auch im Kontext einer umfassenden Diversitätsorientierung steht.

Dass Inklusion mehr ist und sein muss als die verbesserte Integration von beeinträchtigt Studierenden, wird nicht deutlich – auch nicht in den Maßnahmen, da etwa die Kontextualisierung und wünschenswerte Koordination mit Gleichstellungsakteuren nicht grundsätzlich thematisiert wird. Somit wäre auch nicht nur die erforderliche stärkere Berücksichtigung von gesundheits- bzw. behinderungsbedingt beeinträchtigten Studierenden im Fokus gestanden, sondern die Frage, wie Hochschule und Universität generell auf (zunehmende) Heterogenität konzeptionell, organisatorisch und praktisch reagiert.

Fazit

Die vorliegende Studiendokumentation erweist sich als eine Fundgrube für qualitatives Interviewmaterial, insbesondere beeinträchtigt Studierender, interessant sicherlich nicht nur für Studierende oder verantwortliche Akteure der Universität zu Köln. Insofern handelt es sich um eine ergiebige Ergänzung zu den best-Studien des Deutschen Studentenwerks und den regelmäßig durchgeführten Sozialerhebungen, die auch für die vorliegende Studie als Orientierung dienten. Zweifellos bedarf es einer gezielten, maßnahmenorientierten und im Sinne der UN-BRK grundlegenden Hochschulentwicklungsstrategie eines möglichst genauen empirisch gestützten Bildes der strukturellen Verhältnisse und realen Studienbedingungen vor Ort. In dieser Hinsicht leistet die vorliegende Studie Vorbildliches.

Die Verteilung der Veröffentlichung auf zwei Teile, wobei die Diskussion des inklusionstheoretischen Zugangs weitgehend auf Teil I beschränkt ist, erfordern es, will man mit der Studie arbeiten, auch beide Teile in ihrer wechselseitigen Ergänzung zur Kenntnis zu nehmen. Eine verkürzte Rezeption birgt zumindest das Risiko, auch ein inklusionstheoretisch verkürztes Verständnis von inklusiver Hochschulentwicklung zu rezipieren. Dies ist jedoch nicht als Kritik an der Studie zu verstehen, eher als Warnung an diejenigen, die mit ihr hantieren und arbeiten wollen.

Die Studie steht auf jeden Fall als Aushängeschild einer hochschulstrategischen Entscheidung in Richtung einer diversitätsorientierten „Hochschule für alle“, zu der sich – sollte man meinen – alle Hochschulen und Universitäten bundesweit bekennen sollten.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 31.08.2018 zu: Petra Stemmer: Studieren mit Behinderung. Teil II: Qualitative Befragungen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2017. ISBN 978-3-8487-4233-2. Studien zum sozialen Dasein der Person, Band 25. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23539.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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