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Stephan Günzel: Raum. Eine kultur­wissenschaftliche Einführung

Cover Stephan Günzel: Raum. Eine kulturwissenschaftliche Einführung. transcript (Bielefeld) 2017. 156 Seiten. ISBN 978-3-8376-3972-8. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 19,40 sFr.
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Thema

Der Spatial Turn im akademischen Diskurs: In den wissenschaftlichen Debatten ebenso wie im Alltagsleben erhält Raum als Thema, Kategorie oder Begriff eine erhöhte Relevanz (Günzel 2017: 74). Im Einführungsband ‚Raum – Eine kulturwissenschaftliche Einführung‘ durchschreitet der Autor Stephan Günzel einerseits historisierend, andererseits hegelianisch-dialektisch unterschiedliche Raumpositionen. Er kontrastiert dabei gegensätzliche Raumtheorien mit dem Anliegen des ‚produktiven Fortschritts‘ (Günzel 2017: 26). Seine ‚kulturwissenschaftliche Einführung‘ bezieht Raumtheorien aus Soziologie, Geschichte, Literatur-, Medien-, Kulturwissenschaft sowie Philosophie ein. Die Raumtheorien Heideggers und Lefebvres erhalten hierbei einen besonderen Stellenwert. Ziel dieses Durchgangs durch die Raumtheorien ist die Entwicklung einer konstruktivistischen, topologischen und relationalen Raumtheorie. Diese versteht sich als Alternative zu deterministischen, geometrischen, essentialistischen und naturwissenschaftlichen Vorstellungen des Raumes.

Autor

Prof. Dr. Stephan Günzel (geb. 1971) ist seit 2016 Leiter des Instituts für gestalterisches Forschen (IF) an der Berliner University of Applied Sciences Europe, an der er seit 2011 die Professur für Medientheorie inne hat. Seine Gastprofessur für Kultur- und Raumtheorie am Institut für Kulturwissenschaft an der Humboldt Universität zu Berlin im Jahre 2009, zahlreiche Vorträge, Herausgeberschaften und Publikationen zum Thema ‚Raum‘ weisen den Autor als einen der führenden Experten in diesem Themenfeld aus. Weitere Informationen zu Stephan Günzel finden sich unter www.stephan-guenzel.de.

Entstehungshintergrund

Der Entstehungsimpuls für ‚Raum – Eine kulturwissenschaftliche Einführung‘ war das Anliegen des Autors, zwischen konkurrierenden Ansätzen der Raumanalyse zu vermitteln. Der Text stellt daher eine komprimierte Fassung zahlreicher Vorträge und Diskussionen dar, die Günzel sowohl als Gastprofessor für Raumwissenschaft (Humboldt-Universität zu Berlin), in Seminaren (Alpen-Adia-Universität Klagenfurt) als auch im Masterstudiengang Mediale Räume (Berliner Technische Kunsthochschule) gehalten hat.

Aufbau

Das Buch ist nach der Einleitung in drei inhaltliche Abschnitte strukturiert:

  1. Antinomien des Raums;
  2. Produktion des Raums;
  3. Wenden zum Raum.

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

In der Einleitung geht Günzel (2017: 107) auf die außerakademischen Gründe für den Spatial Turn ein. Kapitel II stellt die relevantesten Raumantinomien dar und diskutiert diese im Sinne einer hegelschen Dialektik. Sein Plädoyer für ein „dialektisch dynamisches Verständnis von Raum“ hält er „anhand von Lefebvre als dem zentralen Protagonisten des Spatial Turns“ (II). Im abschließenden Kapitel III wendet er sich dem Spatial, Topographical, und dem Topological Turn zu. (Günzel 2017: 107)

Im Folgenden werden die vier Kapitel in ihren Kernaussagen knapp vorgestellt und dabei exemplarisch auf einige zentrale Aussagen verwiesen.

Zur Einleitung

Die Einleitung präsentiert Indizien für den erheblichen Bedeutungszuwachs der Kategorie des Raums im Alltag:

  • die Schaffung von Freiräumen für die Kunst innerhalb des städtischen Raums
  • die Darstellung des Automobils als Mittel zur Raumerfahrung in der Werbung, wie z.B. das Modell ‚Espace‘ von Renault aus dem Jahr 1984
  • die Vorstellung des Internets als digitaler Raum, wie sie z.B. in dem von Gibson geschaffenen Begriff des ‚Cyberspace‘ zu finden ist
  • die virtuellen Räume digitaler Spiele, die in ihren frühen Formen raumbezogene Namen trugen, wie z.B. ‚Space Invaders‘ (Günzel 2018: 7-8)

Weitere Gründe für die Wende zum Raum liegen darüber hinaus in

  • Gentrifizierung als ökonomisierende Veränderung betont das ‚Raumsein‘ vor allem in den Großstädten: BewohnerInnen werden verdrängt und öffentliche Gemeinschaftsräume verschwinden.
  • Nachhaltigkeit im Sinne der ressourcenbezogenen Begrenztheit des irdischen Raums: Die ersten Weltraumaufnahmen der Erde machen diese erstmalig visuell erfahr- und erkennbar und münden in den Nachhaltigkeitsdiskurs (Günzel 2017: 10-11).
  • Geopolitische Dimensionen des Raums erinnern an die Wiedervereinigung Deutschlands, den Zerfall der Sowjetunion und den Balkankrieg (Günzel 2017: 12).
  • Der deutschsprachige akademische Raumdiskurs in den 1990er Jahren erscheint mit Blick auf die Wiederkehr des „Blut und Boden-Denkens“ (Günzel 2017: 12) suspekt und ist daher zunächst damit beschäftigt „deutlich zu machen, dass es sich nicht um eine bloße Rückkehr alter Denkweisen handelt“ (Günzel 2017: 12-13).
  • Als Teil der digitalen Revolution überwindet das Internet nicht nur räumliche Entfernungen, sondern schafft zugleich einen neuen mittelbaren Kommunikations-Raum, der zwar wahrnehmbar, nicht aber lokalisierbar sei (Günzel 2017: 13). Gerade die ‚Ortlosigkeit‘ des digitalen Kommunikationsraums biete eine Unabhängigkeit der Kommunizierenden vom physischen Raum (Günzel 2017: 14).

Gentrifizierung, Nachhaltigkeit, Geopolitik und Digitalisierung stellen insofern Raumrevolutionen des Spatial Turn im Kontext der Globalisierung dar. Globalisierung wird von ihm beschrieben als die „historische Hervorbringung einer Sphäre der sozialen und ökonomischen Beziehungen, die kein (irdisches) >Außen< mehr hat.“(Günzel 2017: 14) Globalisierung ist für ihn daher eine grundsätzliche Form von qualitativer Raumveränderung, die nicht erst mit der Industrialisierung beginnt, sondern „seit jeher stattfand“ (Günzel 2017: 15).

  • Den Begriff der ‚Revolution‘ führt Günzel (2017: 15) mit der kopernikanischen Bedeutung des Sonnenumlaufs der Erde und der daraus resultierenden Veränderung des Raumbewusstseins ein.
  • Als Raumrevolutionen werden von ihm daher infolgedessen im Anschluss Carl Schmitt epochale Ereignisse und Prozesse verstanden, die nicht nur die Raumwahrnehmung von Menschen, sondern den Raumbegriff in seiner Bedeutung grundlegend verändern, wie z.B. Tschernobyl‘, der ‚11.September‘ und das Aufkommen des ‚islamischen Staats‘. (Günzel 2017: 16-18)

Im Abschnitt Medienkulturgeschichte des Raums wendet sich Günzel (2017: 18) den Raumrevolutionen als „veränderter Struktur der Welterschließung“ zu, die „zu einer Entstehung neuer Räumlichkeiten und Raumvorstellungen“ führen können:

  • So versteht McLuhans These der Organprojektion Werkzeuge als die Extension des Menschen. Diese erlauben z.B. Informationsübertragungen in einer Geschwindigkeit und Entfernung, welche den Raum ‚aufheben‘ und die Welt zum ‚globalen Dorf‘ werden lässt. (Günzel 2017: 18)
  • Dagegen geht Minkowskis Vorstellung eines Raum-Zeit-Kontinuums als Nukleus der allgemeinen Relativitätstheorie Einsteins von einer Einheit von Raum und Zeit aus. In der Raumvorstellung der ‚Minkowski Welt‘ gibt es daher nur noch ‚Ereignisse‘. (Günzel 2017: 22)
  • Innis sieht in der ägyptischen Landvermessung die Grundlage für Euklids Geometrie. So diente hier der Einsatz von Pflöcken und Seilen zur Eingrenzung dreieckiger Felder am Nilufer. Auch ohne diese Fläche bereits geometrisch zu berechnen wird hier bereits die begrenzte berechenbare Fläche zu einer „universalen Raumvorstellung“ (Günzel 2017: 22).

Diese Beispiele verweisen eindrücklich auf die Komplexität des Themas Raum hin. Die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind nicht auf der Suche nach „einer Wahrheit des Raums“, sondern verwenden „Raum als Methode zur Analyse von kulturgeschichtlichen Problemstellungen“ (Günzel 2017: 23). Dies nimmt Günzel (2017: 22-23) zum Anlass sich gegen eine geschichtsunabhängige und universal gültige Raumtheorie auszusprechen.

Zu I. Antinomien des Raums

In diesem Kapitel nutzt Günzel (2017: 26) Hegels Erweiterung der kantischen Autonomielehre, um drei der markantesten Antinomien des Raums darzustellen und im hegelianischen Sinne aufzuheben. Verschwinden vs. Erstarken, Determinismus vs. Possibilismus, Raum vs. Ort werden im Folgenden näher ausgeführt.

1. Verschwinden vs. Erstarken

Kulturpessimisten und -optimisten kommen zu unterschiedlichen Interpretationen technologischer und medialer Transformationen, welche dementsprechend eher als Verschwinden oder Erstarken des Raums interpretiert werden. Exemplarisch können hier die Positionen von David Harvey und Nigel Thrift angeführt werden:

  • Für Harvey verschwindet der Raum durch seine Verdichtung, insofern Entfernungen zunehmend an Relevanz verlieren (Günzel 2017: 31).
  • Thrift wiederum sieht in der gesteigerten Entfernung, die Reisende im Vergleich zu vergangen Jahrhunderten zurücklegen, eine Erweiterung des erlebbaren Raums (Günzel 2017: 32).

Durch eine topologische Vorstellung kann dieser Antagonismus aufgehoben werden: Der Raum ist weiter vorhanden ist jedoch so veränderbar, ohne dass er sich der individuellen Erlebniswelt entzieht. Gegenstand der Topologie nicht die ‚Ausdehnung‘ sondern die ‚Vernetzung‘ des Raums. (Günzel 2017: 34-35)

2. Determinismus vs. Possibilismus

Die zweite Antinomie liegt mit den kontradiktorischen Thesen zum Wirkungsverhältnis von Raum und Gesellschaft vor (Günzel 2017: 35). Kontrastiert werden hier „deterministische Positionen, die Sozialverhältnisse als unausweichlich durch die Natur bedingt ansehen“ und als im Sinne einer possibilistischen Position „Möglichkeit zur Formung des physischen Raums durch menschliche Kultur“ (Günzel 2017: 35) dar. Analog wird Raum zwischen passivem Erleiden und aktivem Beherrschen akzentuiert. ‚Naturraumbedingtheit‘ und ‚Sozialraumbedingtheit‘ stehen einander gegenüber (Günzel 2017: 35).

  • So vertritt zum Beispiel Montesquieu die deterministische Vorstellung, dass es Menschen in heißen Klimazonen nicht möglich sei, rational zu handeln. Ebenso vertritt Hegel die Ansicht, dass sich Kultur nur im Norden entwickeln könne (Günzel 2017: 38).
  • Für Dürkheim wiederum ist der Raum ‚gelebter Raum‘ und wird zum Medium seiner Entfaltung (Günzel 2017: 39).

Eine mögliche Aufhebung der Antinomie zwischen Erleiden und Beherrschen findet sich im historischen Kontext der jeweiligen Raumtheorien, so z.B. dem Possibilismus in der späten Neuzeit und dem Determinismus in der Antike. Werlen sieht – quasi lebensweltlich begründetein possibilistisches Raumbewusstsein als eher bei Stadtmenschen gegeben, während ein deterministisches Raumbewusstsein in ländlichen Lebenswelten zu finden sei. Insofern werden ‚Naturraumbedingtheit‘ bzw. ‚Sozialraumbedingtheit‘ zu Fragen von Raum und Ort. (Günzel 2017: 44)

3. Raum vs. Ort

Die dritte Antinomie verweist auf die am populärsten geführte Raumdebatte. In diesem Abschnitt werden Theorien zur subjektiven Raumwahrnehmung und zur Absolutheit des Raumes sowie zu Sesshaftigkeit und Nomadismus verfolgt.

  • Die Wahrnehmung des Leibs im Raum als unvollständig wird mit Mach nachvollzogen, der hier als ein „Vordenker der Phänomenologie“ (Günzel 2017: 45) dargestellt wird.
  • Heidegger vertritt hierbei eine Vorstellung der „Vorrangigkeit des konkreten Orts“ (Günzel 2017: 45) gegenüber dem Raum. Diese wird von Levinas als „Gegenüberstellung von >Fremde< und >Heimat<“ mit Blick auf die bei den Anhängern Heideggers geführten Debatten kritisiert (Günzel 2017: 55).
  • Deleuze und Guattari treffen im Anschluss an Boulez die Unterscheidung zwischen glattem nomadischem Raum und gekerbtem sesshaftem Raum. So wird zum Beispiel das ‚glatte‘ Meer dem ‚gekerbtem‘ Land gegenübergestellt. Als Formbeschreibungen ohne Grenzen kommen solche Vorstellungen ohne Territorium aus (Günzel 2017: 58).
  • Mit Kant wird die Verbindung und Analogie von Skeptizismus und Nomadismus diskutiert und die Frage der Überlegenheit des Modells Sesshaftigkeit über den Nomadismus reflektiert (Günzel 2017: 60).

Im folgenden Abschnitt Die Schachtel als Denkhindernis wird die Aristotelische Vorstellung des Raumes als ‚Gefäß‘ problematisiert. Newton versteht Räume relativ „als ‚Behälter‘ im Sinne eines Bezugsystems“ (Günzel 2017: 62).

  • Newtons Raumverständnis wird von Einstein als Container-Modell problematisiert, da hier der Raum zur ‚Schachtel‘ oder zum ‚Behälter‘ werde. Im Anschluss an „Einsteins Kritik“ können so Vorstellungen wie z.B. der >Nation< problematisiert werden „wie sie etwa in Formulierungen zu Tage tritt, wonach das Volk sich >in Deutschland< befindet“ (Günzel 2017: 63).
  • An solche Vorstellungen knüpft auch das von Frobenius erdachte und verworfene Konzept des Kulturkreises an, welches von Sarrazin mit der Unterscheidung in Wir/Einheimische und Die/Fremde wieder aufgenommen wird (Günzel 2017: 36).
  • In den vermeintlich trennscharfen Grenzen der ‚Schachtel‘ sieht Marry L. Pratt einen ‚Kontaktraum‘, an dem Identitätsvorstellungen entwickelt werden und sich in der Bewältigung von Situationen verändern können (Günzel 2017: 68).

Im Abschnitt Überwindungsversuche schlägt Günzel mit Heideggers und Husserls ‚Erdvorstellung‘ eine Ablösung des Schachteldenkens und eine Überwindung der dritten Antinomie vor. Hierbei handelt es sich nach Günzel (2017: 73) um eine possibilistische Raumvorstellung, die ein „blutfreies, nicht-containerisierendes Raumkonzept des Bodens formuliert, welches einzig aus Wahrnehmungsstrukturen abgeleitet wird“.

Anschließend an den ersten Teil kommt Günzel (2017: 75) zu dem Schluss, dass die naturwissenschaftlichen Vorstellungen des Raums in Heideggers und Husserls Erdvorstellung ‚aufgehoben‘ sind. Die Erde werde dabei nicht als Schachtel, sondern als Arche verstanden; Heimat nicht als zu verteidigendes Territorium, sondern als Ruheort des Menschen. Raum sei – entgegen der naturwissenschaftlichen Vorstellung – nicht einfach (nur) vorhanden, sondern werde (auch) durch Menschen gesellschaftlich erzeugt.

Zu II. Produktion des Raums

Daher wendet sich Günzel im nächsten Kapitel Produktion des Raums der dreifachen Bedeutung des Raums nach Lefebvre zu und stellt am Beispiel der Golden Gate Brücke in San Francisco drei verschiedene Bedeutungsebenen vor:

  1. Die subjektiv empfundene Ebene der ‚Raumpraxis‘ – in der die Pendler über die Brücke fahren und diesen Raum als Wirklichkeit wahrnehmen.
  2. die objektiv konzipierte Ebene der ‚Raumrepräsentationen‘ – welche die Imagination der Brücke vor ihrem Bau in Form von Skizzen, Berechnungen und Kenntnisse ihrer Herstellung repräsentieren.
  3. Die kollektiv gelebte Ebene der ‚Repräsentationsräume‘ – in der die Brücke als Repräsentation von Grenze und Übergangsschwelle verstanden werden kann (Günzel 2017: 78).

Im folgenden Abschnitt werden (Gegen-)Repräsentationsräume vorgestellt wie z.B. politische (Occupy-Wallstreet) und literarische (La petite maison von de Bastides) (Gegen-)Räume. Gegenräume sind sie dann, wenn sich in ihnen Strukturen etablieren, die für „eine andere, noch nicht verwirklichte Struktur“ (Günzel 2017: 81) stehen, wie z.B. auch die Form des Utopie-Romans.

Im Abschnitt Mächtigkeit erläutert Günzel den durch Soja vorgenommen Versuch, „die Gesamtheit aller (poetisch-philosophisch-politischen) Repräsentationsräume als einen umfassenden Raum der Veranderung (sic!) zu begreifen, welcher letztlich der >Welt< entspricht.“ (Günzel 2017: 85). Mächtigkeit meint dann die Möglichkeit, die Komplexität der Produktion von Räumlichkeit darstellen zu können, ohne jedoch jedes einzelne Raumelement aufführen zu müssen.

In der Folge stellt Günzel Ortskonzepte wie die ‚Nicht-Orte‘ nach Augé vor. Augé geht davon aus, dass sich im Spannungsfeld der Raumvariationen die Pole anthropologischer Orte und Nicht-Orte auffinden lassen. Nicht-Orte bezeichnen vor allem Transitions- und Durchgangsräume wie Flughäfen, Autobahnkreuze usw. (Günzel 2017: 90).

Das Konzept der Heterotopologie im Anschluss an Foucault bildet den Abschluss dieses Kapitels. Foucault sieht z.B. Friedhöfe, Krankenhäuser, Gefängnisse und Bordelle als ‚andere Räume‘ der Normalität an, welche z.B. als Abweichungs- oder Krisenheterotopie bestimmt werden können (Günzel 2017: 98).

Zu III. Wenden zum Raum

Das den Band insgesamt abschließende dritte Kapitel beschreibt die Binnenkehren innerhalb des Raumdiskurses und die daraus abzuleitenden methodischen Konsequenzen (Günzel 2017: 107). Das Konzept der ‚Kehre‘ wird zunächst mit Kants Kopernikusrezeption dargestellt. Günzel(2017: 107) diskutiert hier den Wechsel zum heliozentristischen Weltbild als Vorbild für eine Umstellung der Erkenntnistheorie, „in der sich nicht mehr ein Subjekt nach den Objekten >richten< soll, sondern diese nach dem Subjekt.“

Als Vertreter des Spatial Turns wird im Abschnitt Frühe Kehren Derridas Räumlichkeitsvorstellung der Sprache diskutiert, welche bereits den ‚Spatial Turn' einleitet (Günzel 2017: 107).

Der Spatial, Topographical und Topological Turn wird in der Folge jeweils als eine räumliche Kehre dargestellt (Günzel 2017: 110). Vertiefend zum ‚Topological Turn‘, der Raum als eine „Struktur, ein Komplex von Relationen und Relationstypen zwischen möglichen Gegenständen- oder Ereignisklassen“ (Günzel 2017: 116) ansieht, wird ein Relationales Raumverständnis entfaltet, welches Raum nicht als geometrische Fläche, sondern als zueinander in Beziehung stehende Orte versteht. Am Beispiel einer Karte des römischen Reiches, das jenes „auf das Format der Pergamentrolle >staucht<“ (Günzel 2017: 118), zeigen sich den heutigen U-Bahn-Karten vorausgehende Darstellungsformen. Nicht die Fläche, sondern die nutzbaren Verbindungen und Verbindungspunkte der jeweiligen Verbindungswege werden hier relevant. Raum entsteht durch eine Raumpraxis der zueinander in Verbindung stehenden nutzbaren Orte. Ein solches Knotenmodell ist für Günzel (2017:120) die Grundlage für den digitalen Raum des Internets.

Topologie als Methode

Günzel (20178: 123) schließt in diesem Abschnitt an Leibniz an. Das Formverständnis ist als Basis einer topologischen Deskription des Raums zu verstehen, es stellt einen ersten „Schritt der Abstraktion von der physischen Stofflichkeit des Raums“ dar. Topologie fokussiert demnach auf die abstrakte Form des Gegenstands. In diesem Sinne sind Flasche und Luftballon identisch, da beide die gleiche Anzahl an Öffnungen haben. Die Topologie eröffnet demnach im allgemeinsten Sinne Möglichkeiten „zur Beschreibung von Räumlichkeit“ (Günzel 2017: 123).

Topo-Logik

Günzel (2017: 133) geht in der Folge auf verschiedene mögliche Formen des topologischen Denkens ein. Im Anschluss an den Logiker Spencer-Brown und dessen Buch ‚Laws of Form‘ wird dieses als die Einübung einer neuen Sichtweise gefasst. Spencer-Browns Plädoyer für eine topologische Sichtweise auf die Welt ist auch als Kritik des „Schachteldenkens“ zu lesen.

Als weitere Theoretisierung führt Günzel (2017: 135) die sozialen Positionen nach Bourdieu an, der eine „Kartierung der französischen Gesellschaft unternimmt.“ Jenseits einer geometrischen Darstellung von Gesellschaft geht es hier um eine Analyse des sozialen Raumes. Diese relationale Darstellungslogik situiert Menschen entlang ihrer Klassenlagen und anhand ihres ökonomischen, kulturellen, sozialen und symbolischen Kapitalvolumens in vertikalen und horizontalen Platzierungen: „Gleich wie nahe sich die einzelnen Menschen topographisch auch sein mögen, zwischen Nachbarn die reiten und Champagner trinken und denen, die Fußball spielen und Bier trinken, ist die Distanz im Sozialraum schier unüberbrückbar.“ (Günzel 2017: 135).

Abschließend kehrt Günzel (2017: 140) zu Heideggers – als zutiefst relational zu verstehendemRaumverständnis zurück. Im Anschluss daran spricht sich Günzel(2017: 140) für eine Raumanalyse aus, die nicht nur die alltäglichen Raumpraxen in den Blick nimmt, sondern die die ‚Verdichtung zu Repräsentationsräumen‘ in den Blick nimmt. Solche konkreten und allgemeinen Orte werden durch den Raum zwar negiert, sind jedoch in der Topologie aufgehoben.

Diskussion

Als eine kulturwissenschaftliche Einführung in das Thema Raum bzw. den Raumdiskurs richtet sich das Werk an „Studierende und Lehrende der Soziologie, Geschichte, Literatur-, Medien- und Kulturwissenschaft sowie Philosophie.“ (transcript-verlag.de) In der Tat erschließt der Band eine Vielzahl an Raumtheorien aus den verschiedensten Fachdisziplinen und ist somit an diese anschlussfähig. Insbesondere die ‚Raum-Antinomien‘ sind durch ihre dialektisch-kontrastierende Darstellungsform und Synthetisierung zugänglich dargestellt und ermöglichen einen spannenden Einstieg in das Thema.

Der Umfang des Buchs (140 Seiten) ermöglicht die kurze und prägnante Darstellung der Theorien. Dies stellt eine Stärke des Bandes dar, der für das einführende Lesen ggf. aber auch zur Herausforderung werden kann. Gerade EinsteigerInnen in das Thema könnten ausführlichere Darstellungen, Erläuterungen und Zusammenfassungen brauchen. In den Nachbemerkungen bietet Günzel daher eine Aufstellung vertiefender Texte an. Die zuweilen sehr verdichtete Schreibweise kann so in die weitere Auseinandersetzung mit den vorgestellten Theorien münden und eine spätere Re-Lektüre des Buches einleiten. Passend zum Thema des Raumes bietet der Band aber auch Abbildungen und graphische Darstellungen, Karten, Gemälde und Fotografien, die das Verständnis der einzelnen Abschnitte unterstützen und das Buch ästhetisch ergänzen.

Fazit

Stephan Günzel bietet mit ‚Raum – eine kulturwissenschaftliche Einführung‘ nicht nur eine gelungene ‚Kartographie‘ der vorhandenen Theorien innerhalb des Raumdiskurses, sondern auch eine spannende Reflexion des akademischen Denkens über sich selbst, das sich mit dem ‚Spatial Turn‘ dem Raum zugewandt hat. Dabei nutzt der Autor erfolgreich die Dialektik Hegels, um die Widersprüche von Raumantinomien produktiv werden zu lassen. Die vorgeschlagene relationale Vorstellung des Raumes mündet in die Weiterentwicklung der Raumdebatten in Richtung der hoch interessanten und metatheoretischen Synthetisierung einer ‚Topologie‘. Der Text ist aufgrund der verdichteten Schreibweise ausgesprochen erhellend und instruktiv, gleichzeitig jedoch als Einführung für EinsteigerInnen in das Thema Raum durchaus auch anspruchsvoll. Als erster Überblick über Raumtheorien regt der Band jedoch zur weiteren Lektüre der Originaltexte an. Insofern weitere Sekundär- und Primärliteratur zu den jeweiligen Theorien verwendet wird, ist der Band grundsätzlich auch aufgrund seiner zusammenhängenden Struktur für die universitäre Lehre auf Masterniveau sehr geeignet.


Rezensent
Tobias Klös
(M.A.) Erziehungs- und Bildungswissenschaft Philipps Universität Marburg Fachbereich Erziehungswissenschaften Institut für Erziehungswissenschaft Arbeitsgruppe Innovationen Organisation Netzwerke (I.O.N.)
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Zitiervorschlag
Tobias Klös. Rezension vom 22.01.2019 zu: Stephan Günzel: Raum. Eine kulturwissenschaftliche Einführung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3972-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23541.php, Datum des Zugriffs 20.07.2019.


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