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Nora Alsdorf, Ute V. Engelbach u.a.: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt

Cover Nora Alsdorf, Ute V. Engelbach, Sabine Flick, Rolf Haubl, Stephan Voswinkel: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt. Analysen und Ansätze zur therapeutischen und betrieblichen Bewältigung. transcript (Bielefeld) 2017. 342 Seiten. ISBN 978-3-8376-4030-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, 190.
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Thema

Die Diagnostik psychischer Erkrankungen als Ursache für Krankenstände von Berufstätigen nimmt stetig zu. Welche Arbeitssituationen hierfür ausschlaggebend sind, wie die Betriebe mit psychischen Erkrankungen umgehen und was sich in der Therapie der Betroffenen als relevant erwiesen hat stellt der vorliegende Band dar. In der Betrachtung wird eine interdisziplinäre Perspektive durch verschiedene berufliche Disziplinen der Autoren und Autorinnen möglich.

AutorInnen

  • Nora Alsdorf ist Diplom Soziologin. Sie arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Sigmund-Freud-Institut und ist zudem als Supervisorin und Coach tätig. Zu ihren Forschungsschwerpunkten zählt die Arbeitssoziologie.
  • Ute Engelbach ist seit 2012 Oberärztin in der Abteilung für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikum Frankfurt. Zudem hat sie Erziehungswissenschaften und Volkswirtschaftslehre studiert. Sie ist Mitglied in der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin.
  • Sabine Flick ist als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie der Goethe Universität Frankfurt sowie als Wissenschaftlerin am Institut für Sozialforschung tätig.
  • Rolf Haubl war Professor für Soziologie und psychoanalytische Sozialpsychologie an der Goethe-Universität Frankfurt. Er arbeitet als Gruppenanalytischer Supervisor und Organisationsberater (DAGG). Zu seinen derzeitigen Forschungsschwerpunkten zählt der Bereich Krankheit und Gesellschaft.
  • Stephan Voswinkel ist als Soziologe am Institut für Sozialforschung sowie als Privatdozent am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt tätig. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Arbeitssoziologie und Anerkennung. Er ist u.a. Mitglied in der Sektion Arbeits- und Industriesoziologie sowie dem Arbeitskreis Sozialwissenschaftliche Arbeitsmarktforschung (SAMF).

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Einleitung die das Thema für den Leser durch ein Fallbeispiel einer fiktiven Arbeitnehmerin vom ersten Satz an vorstellbar macht. Deutlich wird, wie nachvollziehbare Entscheidungen der Akteurin, die veränderte Arbeitsbedingungen auslösten, nach einiger Zeit zu der Notwendigkeit einer psychotherapeutischen Behandlung führten. Die Wahrnehmung psychischer Erkrankungen, vor allem des Begriffs Burn-Out, in der Öffentlichkeit wird eingebracht. Sowie abschließend der Grundgedanke der Interdisziplinären Forschung dieses Buches, seines Aufbaus und der Methodik erläutert.

Der Abschnitt Psychische Erkrankungen und die Erwerbsarbeit gibt einen Überblick über den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion sowie häufige Kontexte von Erwerbsarbeit. Durch die Aufarbeitung aktueller Daten wird deutlich, dass die Krankenstände aufgrund psychischer Erkrankungen besonders bei Frauen in den letzten Jahren zugenommen haben. Anschließend werden die psychosozialen Belastungsfaktoren von Arbeit näher betrachtet, mit denen sich rund die Hälfte aller in Deutschland beschäftigten Personen konfrontiert sieht. Weiter werden die Möglichkeiten der Betrieblichen Gesundheitsförderung und Wiedereingliederung in der BRD thematisiert. Um abschließend einen Blick auf Bedeutung und Einbindung der Lebenswelt Erwerbsarbeit in der Psychotherapie zu werfen. Es folgt ein Fazit in dem deutlich wird, welchen Stellenwert die Interdisziplinäre Forschung für die Entwicklung relevanter Therapie- und Wiedereingliederungsangebote hat.

Der dritte einführende Beitrag stellt die Methodische Anlage der Untersuchung dar. Es wurde ein qualitatives Forschungsdesign gewählt, bei dem mit 23 Gesprächspartnern Einzelinterviews geführt wurden.

Es folgt die Perspektive 1, Erwerbsarbeit und psychische Erkrankungen in der Stephan Voswinkel mit den ersten beiden Beiträgen Psychisch belastende Arbeitssituationen und die Frage der „Normalität“ einen kritischen Blick auf den Kontext von Erwerbsarbeit und damit verbundene belastende, krankheitsbegünstigende- sowie auslösende Faktoren wirft. Hierzu zählen neben weiteren Aspekten erlebte Missachtung, moralische Konflikte sowie strukturelle Bedingungen die eine Abgrenzung erschweren oder verhindern. In dem nachfolgenden Abschnitt Krankenrolle und Stigmatisierung bei psychischen Erkrankungen setzt sich der Autor mit dem Verständnis von Krankheit und der gesellschaftlichen Rolle Erkrankter auseinander. Deutlich wird, dass jeder Erkrankte mit einer Erwartungshaltung konfrontiert ist, aktiv an seiner Genesung mitzuarbeiten. Psychische Erkrankungen werden im Erwerbsleben, wie die Beispiele aus der Behandlung verdeutlichen, anders wahrgenommen und den Betroffenen häufig keine Genesungszeit gewährt.

In Erwerbsarbeit im Dienste der Selbstheilung von den Autoren Ute Engelbach und Rolf Haubl werden zunächst die psychosozialen Funktionen von Erwerbsarbeit betrachtet und diese anhand verschiedener Fallbeispiele eingehend dargestellt. Abschließend wird die bisher geringe Bedeutung und Einbindung von Erwerbstätigkeit in Diagnose und Therapie hinterfragt.

Rolf Haubl stellt weiterführend die Soziale Unterstützung durch Vorgesetzte und Kollegen mit Fokus auf den Anspruch der Betroffenen und die reale Umsetzung dar. Hierbei wird auf den Arbeitskontext eingegangen, die Gefahr der Stigmatisierung thematisiert, sowie das Unterstützungs- und Führungsverhalten das angebracht ist in Verknüpfung mit Fallbeispielen verdeutlicht.

Perspektive 2 enthält Beiträge zu Therapie und Klinikaufenthalt. Der erste Beitrag von Nora Alsdorf mit dem Titel „Ich brauche jetzt akut Hilfe!“beschreibt den Weg zur Aufnahme einer klinischen Behandlung. Anhand von Fallbeispielen wird die Erwartungshaltung der Betroffenen an die Behandlung in einer psychosomatischen Klinik in den Kontext von subjektiven Krankheitstheorien gesetzt.

Ute Engelbach stellt in ihrem Beitrag „Ich muss nur besser Nein sagen lernen“ psychodynamische Überlegungen, um pragmatische Lösungen für das Thema der Abgrenzung zu finden. Das Thema der Abgrenzung wird von den Patienten wie auch den therapeutisch Tätigen auffällig häufig thematisiert und als Schlüsselelement verstanden. Anhand von Einzelfallanalysen wird die Bedeutung von Abgrenzung für die Genesung sowie einen Stabilitätsgewinn der Erkrankten nachvollziehbar.

Deutungen und Umdeutungen von Erwerbsarbeit in der Psychotherapie sind der Inhalt von „Das würde mich schon als Therapeutin langweilen“der Autorin Sabine Flick. Sie stellt die gesetzlichen Rahmenbedingungen der Behandlung, die Erstellung einer Diagnostik sowie das Behandlungsangebot und dessen Zielsetzung dar. Hinzu kommt, dass die Ausbildung der therapeutisch Tätigen Erwerbsarbeit ausgeklammert,was häufig eine Unkenntnis des Therapeuten von Arbeitsbedingungen außerhalb seines Arbeitsplatzes zur Folge hat. Dies führt zu Umdeutungen von Aussagen der Klienten, die die Sichtweise des Klienten abwerten.

Zwischen Klinik und Betrieb ist die Perspektive 3 dieses Sammelbandes und beginnt mit Nach der Klinik ohne Arbeit von Andreas Samus. In vier Fallbeispielen wird die Belastung durch Arbeitslosigkeit nach dem Klinikaufenthalt und das zeitgleiche Ende der klinischen Behandlung verdeutlicht. Um abschließend auf eine Versorgungslücke in der Nachsorge aufmerksam zu machen.

Der nachfolgende Beitrag von Stephan Voswinkel Betriebliches Eingliederungsmanagement stellt den gesetzlichen Grundgedanken und die reale Umsetzung dieser für ArbeitnehmerInnen freiwilligen Maßnahme dar. Auch die zurzeit bestehenden Versorgungslücken dieser Präventionsmaßnahme und der Verbesserungsbedarf werden thematisiert.

In Raus aus der Klinik, rein ins Leben betrachten Ute Engelbach und Rolf Haubl das Entlassungsmanagement im Anschluss einer stationären Behandlung. Die im Rahmen der Untersuchung als problematisch eingeordneten Übergänge liegen zwischen Klinik und ambulanter Therapie sowie zwischen Klinik und Arbeitgeber in der Vorbereitung der Rückkehr zum Arbeitsplatz. Mögliche Verbesserungen dieser Übergänge werden von den Autoren dargestellt.

Der abschließende Ausblick fasst den Erkenntnisgewinn der Studie und die daraus abzuleitenden Handlungsempfehlungen zusammen.

Im anhängenden Methodenglossar wird die Darstellung der in der Studie verwendeten Methoden mit Hinweisen auf vertiefende Quellen verknüpft.

Diskussion

Durch die schon in der Einleitung stattfindende Einbindung der Fallbeispiele, wird die Thematik sofort greifbar. Die Leser sind hierdurch sofort in der Thematik und sowohl für professionell Tätige wie auch Betroffene wird die Fragestellung der Forschung verständlich.

Neben vielem Weiteren empfand ich die Auseinandersetzung mit der Krankenrolle, in der deutlich wird, wie stark die Erwartungshaltung gegenüber Kranken ist als sehr lehrreich. Kurzzeitig kann eine Erkrankung Erleichterung, durch die Befreiung von Leistungsansprüchen, sein. Langfristig kann dem Erkrankten mangelnde Mitarbeit bei dem Streben nach Genesung unterstellt werden. Dies betrifft psychische Erkrankungen deutlich stärker als körperliche. Das eine Krebserkrankung langer Behandlung ist den meisten Menschen klar, eine psychische Erkrankung hingegen können sie weniger einschätzen.

Sehr gut übertragbar auf mein Arbeitsfeld war für mich die Beiträge der Perspektive 2. Das Thema der Abgrenzung ist für viele Menschen von Bedeutung. Die Umdeutungen in der klinischen Therapie finden meines Erachtens nicht nur dort statt. Eine regelmäßige Reflexion, wie viel des Gesagten meiner Betreuten interpretiere ich als Krankheitsäußerungen und an welchen Stellen sollte ich mich hier überprüfen, erscheint mir für viele in der Praxis tätige von Bedeutung.

Fazit

Die interdisziplinäre Forschung mit der die Thematik der Psychischen Erkrankungen in der Arbeitswelt und ihre Behandlung untersucht wurde, ermöglicht einen weitreichenden Blickwinkel auf die aktuelle Behandlung von psychischen Erkrankungen im Kontext von Erwerbsarbeit in Deutschland. Das Erleben und die Sichtweise der erkrankten Personen wird durch die durchgehende Einbindung und Analyse der Fallbeispiele verständlich und nachvollziehbar dargestellt. Es werden funktionierende, von den Akteuren als positiv empfundene Strukturen und Behandlungsmöglichkeiten dargestellt, wie auch auf derzeitige Defizite im Behandlungsangebot und besonders der Nachsorge eingegangen. Das Spannungsfeld zwischen gesetzlichen Regelungen, dem daraus resultierenden Angebot und den Bedürfnissen der Betroffenen wird in allen Hauptkapiteln / Perspektiven deutlich.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
BA Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 06.03.2018 zu: Nora Alsdorf, Ute V. Engelbach, Sabine Flick, Rolf Haubl, Stephan Voswinkel: Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt. Analysen und Ansätze zur therapeutischen und betrieblichen Bewältigung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-4030-4. Forschung aus der Hans-Böckler-Stiftung, 190. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23542.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


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