socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christian Ulbricht: Ein- und Ausgrenzungen von Migranten

Cover Christian Ulbricht: Ein- und Ausgrenzungen von Migranten. Zur sozialen Konstruktion (un-)erwünschter Zuwanderung. transcript (Bielefeld) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-3929-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Soweit nicht rechtspopulistisch jede Form von Einwanderung abgelehnt wird, stehen sich im politischen Diskurs zwei Begründungen, die dafür sprechen, gegenüber, nämlich diejenige, die auf den wirtschaftlichen Nutzen von Mobilität abhebt, und diejenige, die auf die menschenrechtliche Verpflichtung, Migranten aufzunehmen, verweist.

Autor

Der Wissenssoziologe Christian Ulbricht ist mit der vorliegenden Studie an der Universität Bielefeld promoviert worden und lehrt dort am Center für Migration, Citizenship und Entwicklung der Fakultät für Soziologie.

Aufbau

In der Einleitung wird die „liberale Ein- und Ausgrenzung“ erläutert, dann im 2. Kapitel für „Immigranten und Immigrantinnen aus wissenssoziologischer Perspektive“ weiter ausgeführt. Im dritten Kapitel legt Ulbricht sein „Forschungsprogramm“ offen, das im Wesentlichen auf der WDA (wissenssoziologischen Diskursanalyse) aufbaut.

Das Hauptkapitel (S. 100-236) rekonstruiert, wie im Zeitraum zwischen 2008 und 2014 in ausgewählten Medien die „neuen Gastarbeiter“und die „Armutszuwanderung“ dargestellt wurden.

Es folgt eine Unterscheidung zwischen symbolischer und sozialer Grenzziehung, im Wesentlichen eine Einschätzung dazu, wieweit die Staatsbürgerschaft auch die soziale Zugehörigkeit von Einwanderern befördert.

Nach der kurzen Schlussbetrachtung werden die zitierten bzw. verwendeten Medienbeiträge, insbesondere Artikel aus der WELT, Der Spiegel, Focus, FAZ aufgelistet.

Inhalt

Ausgangspunkt ist das sog. „liberale Paradox“. Der moderne Staat definiert sich als repräsentative Demokratie, die durch Verfassung und Wirtschaftsordnung legitimiert und zusammengehalten wird, ja sich durchaus auf universale Menschenrechte bezieht – und zugleich als Nationalstaat Grenzen zieht und eine Form von Gemeinschaftsgefühl herstellt, das nicht ohne Ab- und Ausgrenzungen derjenigen, die „nicht dazu gehören“, auskommt.

Gleichwohl gibt es Einwanderung, die, weil sie ökonomisch nützlich erscheint, als Mobilität geschätzt und anerkannt wird. Das gilt vor allem für hochqualifizierte Arbeitskräfte, die mit Sonderregelungen (vgl. Green Card) aus Nicht-EU-Staaten angeworben werden sollten.

Zu den „erwünschten“ Einwanderern zählen die von den Medien als „Neue Gastarbeiter“ bezeichneten jungen Leute, die sich im Gefolge der Bankenkrise und Staatsüberschuldung aus Griechenland, Italien oder Spanien, also klassischen Gastarbeiterländern nach Deutschland hin orientiert haben, meist mit akademischer Bildung oder praktischen Qualifikationen, oft mit frisch erworbenen Deutschkenntnissen.

Demgegenüber rangierten unter „Armutsmigrantinnen und -migranten“ diejenigen Arbeitnehmer/innen, die im Zuge der EU-Freizügigkeit aus Bulgarien und Rumänien nach Deutschland gekommen waren. Die anfänglich sehr negative Konnotation geht vor allem auch auf Verlautbarungen des Deutschen Städtetags, Stellungnahmen der CSU und Medienberichte zurück, die die wenigen Fälle skandalisierten, in denen die „Osteuropäer“ nicht zu schwerer Erwerbsarbeit bereit, sondern nur an Sozialleistungen interessiert gewesen wären. Da sich die Tatsachen (hohe Erwerbsquoten, Hochschulabschlüsse) auf Dauer nicht leugnen ließen, setzte sich wieder ein Form von Ethnisierung durch, quasi korrekt mit dem Hinweis auf die bekannt missliche Lage der Roma in ihren Herkunftsländern.

Damals wie heute, aktuell ja auch in Bezug auf die jungen Menschen mit Fluchterfahrung, sind es die Unternehmerverbände und Blätter wie die FAZ, die vor den gravierenden Folgen des Fachkräftemangels in Deutschland warnen, dem auch durch Einwanderung beizukommen versucht werden müsse. Die Ein- und Ausgrenzungen, so Ulbricht, folgen neuerdings nicht mehr kollektiven, ethnischen Kategorien, sondern dem wirtschaftsliberalen Kalkül: Erwünschte Zuwanderung ist die, die aktive und nützliche Individuen, Leistungserbringer ins Land bringt.

Abschließend kommentiert Ulbricht die Neuregelungen des Staatsbürgerschaftsrechts seit 2000, die deutlich weniger ethnische Kategorien verwenden, sondern Einbürgerung eher als das Ergebnis eines Prozesses verstehen, in dessen Verlauf, über Dauer und Lebenspraxis, letztlich auch Sympathie für das politische System die gesellschaftliche Einbindung wächst.

Diskussion

Es sollte gerade Soziologen nicht überraschen, dass auch die Ein- und Ausgrenzungen von Migranten auf einer „sozialen Konstruktion“ beruhen. Die Frage ist doch eigentlich die, wer den Diskurs dominiert und begründet, welche Einwanderung als erwünscht, welche als unerwünscht apostrophiert werde. Ulbricht wertet vorwiegend Artikel in Tages- und Wochenzeitungen aus, als ob nicht auch Redaktionen Meinungsmacher wären oder Stimmungen verbreiten, denen sie eigentlich Einhalt gebieten wollen. Ulbricht erspart dem Leser die unsägliche Sarrazin-Debatte nicht.

Gemacht war, zumal aus heutiger Sicht, aber auch die Hype über die jungen Leute aus Südeuropa, die in Deutschland ihr Glück suchten. Die „neuen Gastarbeiter“ wie auch die Arbeitskräfte aus Bulgarien und Rumänien sind tatsächlich zahlenmäßig ohnehin nicht ins Gewicht gefallen. Sie verkörpern eigentlich die Normalität, wie sie die EU als Wirtschafts-Union mit der Freizügigkeit versprochen und garantiert hat.

Mit dem Zeitraum 2008 -2014 und den beiden Kontrastgruppen hat der Autor einen Doppel-Gegenstand gewählt, der spätestens seit 2015 nur noch Hintergrund ist. Die Flüchtlings-„Welle“ – Ulbricht klärt im Anschluss an Böke (1997) gleich die Bedrohungsmetapher – hat alle anderen Formen von Migration und Mobilität aus dem Diskurs verdrängt.

Und dieser Diskurs wird erfreulicherweise nicht nur von Wirtschaftsinteressen dominiert, sondern hat auch die universalen Menschenrechte gehörig in Erinnerung gebracht.

Fazit

Ulbricht rekonstruiert anhand eines beachtlichen Corpus von Medienberichten, methodisch klar, auf der Basis umfassender Literaturrecherche (geschätzte über 400 Titel), theoretisch gut fundiert den medialen/politischen Diskurs zur Migration//Mobilität.

Die beiden Fallstudien sind dabei so aktuell nicht, die Erkenntnisse daraus, bei beträchtlichem Leseaufwand, nicht wirklich von Brisanz.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
E-Mail Mailformular


Alle 108 Rezensionen von Wolfgang Berg anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 15.03.2018 zu: Christian Ulbricht: Ein- und Ausgrenzungen von Migranten. Zur sozialen Konstruktion (un-)erwünschter Zuwanderung. transcript (Bielefeld) 2017. ISBN 978-3-8376-3929-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23543.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Heimleiter/in für Mutter-Kind-Einrichtung, Frankfurt am Main

Mitarbeiter/in für Koordinierungsstelle Inklusion, Esslingen am Neckar

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!