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Kai Fritzsche, Woltemade Hartman: Einführung in die Ego-State-Therapie

Cover Kai Fritzsche, Woltemade Hartman: Einführung in die Ego-State-Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. 126 Seiten. ISBN 978-3-8497-0171-0. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR.
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Thema

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Anteile zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ich-Anteile“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Anteile in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen.

Autoren

Kai Fritzsche ist Diplom-Psychologe in eigener Praxis. Sein Schwerpunkt ist die Behandlung von Traumafolgestörungen. Er ist zudem Lehrbeauftragter für verschiedene Fortbildungsinstitute und Mitbegründer des Instituts für klinische Hypnose und Ego-State-Therapie (IfHE) in Berlin. Dort ist er als Ausbilder und Supervisor für Ego-State-Therapie tätig.

Woltemade Hartman ist klinischer Psychologe in eigener Praxis in Pretoria, Südafrika. Er hat verschiedene Ausbildungen in Hypnotherapie absolviert u.a. in Ego-State-Therapie bei John und Helen Watkins. Heute arbeitet er selber als Ausbilder in Hypno- sowie Ego-State-Therapie. Er schreibt Bücher, unterrichtet mehrmals jährlich für die deutsche Milton H. Erickson Gesellschaft und hält regelmäßig Vorträge und Workshops in ganz Europa.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist in der Reihe Compact im Carl-Auer-Verlag erschienen. Ziel dieser Einführungsreihe ist es, einen Überblick über Ansätze anhand konkreter Fragestellungen und Themen kennen zu lernen. Es werden keine Vorkenntnisse benötigt. In dieser Reihe mit dem Kreis auf dem Cover sind mittlerweile 63 Titel (vgl. www.carl-auer.de/) erschienen.

Aufbau

Das Buch ist im DIN A 5 Softcover Format erschienen und hat einen Umfang von 126 Seiten. Es gliedert sich in zwei Teile, die sich wiederum in neun Kapitel untergliedern. Fallvignetten sind grau hinterlegt und heben sich dadurch vom Fließtext ab. Wichtige Inhalte sind in Textboxen hervorgehoben.

Bei der Deutschen Nationalbibliothek findet sich das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Zum ersten Teil

Der erste Teil „Ego-State-Therapie in der ambulanten Praxis“ beschreibt die praktische Arbeit.

Die Kapitel orientieren sich am psychotherapeutischen Prozess, der mit dem ersten Kapitel Aufnahme des Kontakts mit den Ego-States beginnt. Diese Kontaktaufnahme gelingt in vielfältigen Formen: über Sprachmuster der Patientinnen, über ein autonomes inneres Geschehen, über konkrete Symptome, über Impulse, Emotionen oder innere Zustände im Zusammenhang mit einem konkreten Thema, über Metaphern, Symbole, Geschichten oder Texte, über Kunst oder Gestaltung, über eine Affekt- oder eine somatische Brücke, über Edukation oder zufällige Kontaktaufnahme durch weitere Interventionen sowie durch eine fließende Kontaktaufnahme.

Im zweiten Kapitel wird der Begriff Ego-State definiert, synonym werden die Begriffe Selbst-Zustand, Ich-Zustand oder Persönlichkeitsanteil verwandt. Diesem Begriff liegt das Konzept des multidimensionalen Selbst zugrunde. Die Vielfalt der Persönlichkeit ist keine psychopathologische Kategorie, sondern liegt in der Natur der Persönlichkeit. Dieses Konzept erinnert an das der sozialen Rolle, ist aber viel mehr als dieses. Ego-States können durch einen emotionalen Zustand oder durch Lebensereignisse geprägt sein. Sie sind nicht immer bewusst und es kann schwierig sein, einen Zugang zu finden, wenn es sich um Anteile der Persönlichkeit handelt, die abgelehnt werden oder zu denen überhaupt kein Zugang besteht.

Das dritte Kapitel Merkmale von Ego-States enthält eine Liste mit Merkmalen von Ego-States und eine weitere Liste mit den Funktionen.

Gegenstand des vierten Kapitels ist die innere Stärke, ein besonders ressourcenreicher Ich-Anteil, zu dem Kontakt aufgenommen wird. Dieses Konzept der inneren Stärke ist ein Grundbaustein der Ego-State-Therapie und damit eine wichtige Stabilisierungstechnik.

Die Kapitel fünf bis sieben befassen sich mit der Entstehung und Kategorien von Ego-States, den Zielen der Ego-State-Therapie und den Beziehungsebenen in der Ego-State-Therapie. Nach Watkins und Watkins können drei Prozesse unterschieden werden: Der Prozess der normalen Differenzierung, der Prozess der Introjektion bedeutsamer anderer Menschen und der Prozess der Traumatisierung. Das Wissen um die Entstehung von Ich-Anteilen im Zusammenhang mit traumatischen Ereignissen beruht überwiegend auf dem Wissen über dissoziative Prozesse. Dissoziation wird hier als Bewältigungsmechanismus verstanden, bei dem die Entstehung von Persönlichkeitsanteilen als eine funktionale Anpassung bezüglich einer massiven Bedrohung betrachtet wird.

Zum zweiten Teil

Die Kapitel acht und neun des zweiten Teils stellen das „Behandlungsmodell der Ego-State-Therapie“ in den Mittelpunkt.

Phase eins beginnt mit der Sicherheit und der Stabilisierung sowie allgemeinen Interventionen sowie Interventionen der Ego-State-Therapie. Dabei werden kurz und knackig der sog „innerer Helfer“ und die Arbeit mit dem „inneren Beobachter“ vorgestellt. Es werden Techniken aufgezeigt, wie man Stärken und Ressourcen sammeln kann, wie man das beschützende, nährende Selbst entdecken kann, Schutz und Hilfe für verletzte Ego-States erhält und Ich-Anteile zur Mitarbeit/Mithilfe gewinnen kann. Das Kapitel endet mit der sog. „Dissociative Table Technique“, einer hypnotherapeutischen Technik, mit der man mehrere Ego-States an einen Tisch holen kann, ursprünglich stammt diese Technik aus der Arbeit mit dissoziativen Identitätsstörungen.

Das letzte neunte Kapitel stellt die Phasen ll-IV des SARI-Modells vor. Mit dem SARI Modell wird anders als herkömmlich drei Phasen (Stabilisierung, Traumabearbeitung, Neuorientierung) eine vierte Phase eingeführt, die nicht streng voneinander getrennt sind, sondern zirkulieren. In Phase zwei wird ein sicherer Zugang geschaffen, man kann die Dissoziation als Ressource nutzen, man lernt etwas über die Altersregression und Altersprogression, über ideomotorische und ideosensorische Ansätze und die Affektbrücke. Bewährt haben sich zudem Externalisierungstechniken und die nichthypnotische Technik mithilfe von Stühlen. Diese Phase schließt mit der allgemeinen Betrachtungen zum Zugang zu traumatischen Erfahrungen und zu ihrer Rekonstruktion. Um das Auflösen der traumatischen Erfahrung und Restabilisierung dreht es sich in der dritten Phase und die vierte Phase schließt mit der Integration und Entwicklung einer neuen Identität.

Diskussion

Fundament der Ego-State-Therapie ist das Verständnis, dass jeder Mensch verschiedene Persönlichkeitsanteile (Multiplizität), sog. „Ego-States“ in sich trägt. Man kann es sich so vorstellen, dass man mehrere Personen in sich hat. Diese Anteile können erfunden sein, sie können von außen kommen sog. Introjekte oder verschiedene eigene Anteile sein. Ziel der Therapie ist, diese Teile in eine möglichst funktionierende Interaktion miteinander zu bringen. In der Ego-State-Therapie findet man Elemente aus der Hypnotherapie (nach Milton Erickson), Elemente der Ego-State-Theorie (nach Helen Watkins & John Watkins, die sich auf Paul Federn stützen) und Elemente aus der Dissoziation nach dem Verständnis der strukturellen Dissoziation (von Pierre Janet).

Das hier vorgelegte Buch ist eine kompakte verständliche Einführung in der Compact-Reihe zur Ego-State-Therapie, die man auch als „Psychotherapie mit Persönlichkeitsanteilen“ bezeichnen kann. Sie ist sehr wirksam. Das Behandlungsmodell wird anhand von Fallvignetten vorgestellt und über diesen Weg erhält man einen Einblick in die Konzeption. Vermittelt werden zudem Übungen und Interventionen, die wertvolle Anregungen für die tägliche Praxis geben, aber kein Behandlungsmanual darstellen.

Fazit

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Anteile zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ich-Anteile“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Anteile in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen. Das Büchlein ist mittlerweile in der dritten überarbeiteten Auflage erschienen. Verständlich und klar geschrieben, als Einführung gut geeignet.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 30.11.2017 zu: Kai Fritzsche, Woltemade Hartman: Einführung in die Ego-State-Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2017. ISBN 978-3-8497-0171-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23544.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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