socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kai Fritzsche: Praxis der Ego-State-Therapie

Cover Kai Fritzsche: Praxis der Ego-State-Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. 328 Seiten. ISBN 978-3-89670-867-0. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Anteile zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ich-Anteile“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Anteile in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen.

Autor

Kai Fritzsche ist Diplom-Psychologe in eigener Praxis. Sein Schwerpunkt ist die Behandlung von Traumafolgestörungen. Er ist zudem Lehrbeauftragter für verschiedene Fortbildungsinstitute und Mitbegründer des Instituts für klinische Hypnose und Ego-State-Therapie (IfHE) in Berlin. Dort ist er als Ausbilder und Supervisor tätig. Neben einer Grundausbildung in Gesprächspsychotherapie hat er eine NLP Ausbildung und diverse Fortbildungen absolviert wie z.B. in Klinischer Hypnose, in Verhaltenstherapie, eine EMDR Ausbildung am Institut für Traumatherapie Berlin (Oliver Schubbe) und in eine Ausbildung in Ego-State-Therapie.

Aufbau

Das Buch hat einen Umfang von 328 Seiten und gliedert sich in zwei Teile. Zu jedem Kapitel werden Fragen formuliert. Diese können in die eigene Praxis übernommen werden. Schon das Inhaltsverzeichnis gibt einen guten Überblick, denn die einzelnen Kapitel gliedern sich in zahlreiche Zwischenüberschriften, was das gezielte Suchen von Inhalten erleichtert. An jedem oberen Seitenrand ist der jeweilige Teil benannt, auf der rechten Seite die jeweilige Kapitelüberschrift abgedruckt. Die Seiten sind eng beschrieben. Einzelne Passagen sind durch Fettdruck hervorgehoben. Im zweiten Teil finden sich in Textboxen über 20 Übersichten und einige Arbeitsblätter, stammen sie von anderen Autor*innen ist dies gekennzeichnet.

Teil I: Prinzipien der Ego-State-Therapie

  • 1 Einstieg: Expedition Teilearbeit
  • 2 Prinzip der Multiplizität der Persönlichkeit
  • 3 Prinzip der Entstehung und Entwicklung von Ego-States
  • 4 Prinzip der Funktionalität der Ego-States
  • 5 Prinzip der Individualität der Ego-States
  • 6 „Auf welcher Bühne wird gespielt?“- Das Prinzip der Bühnen
  • 7 Prinzip der Koexistenz, Verständigung, Kooperation und Integration als Ziele der Ego-State-Therapie

Teil II: Praxis der Ego-State-Therapie

  • 8 Die Vorbereitung und die Ausrüstung
  • 9 Prozessorientierte Ziele der Ego-State-Therapie und Aufnahme des Kontakts mit Ego-States
  • 10 Behandlungsplanung und Mapping
  • 11 Arbeit mit grundsätzlich ressourcenreichen Ego-States
  • 12 Arbeit mit verletzten Ego-States
  • 13 Arbeit mit verletzenden, destruktiv wirkenden Ego-States

Es folgen Literaturverzeichnis und Informationen über den Autor.

Zu Teil 1

Der erste Teil „Prinzipien der Ego-State-Therapie“ enthält sieben Unterkapitel, die verschiedene Prinzipien beschreiben, die sich in den jeweiligen Titeln wieder finden.

Das erste Kapitel Expedition Teilearbeit beschreibt den Einstieg in die Materie und erklärt die Sprache des Buches.

Das zweite Kapitel behandelt das Prinzip der Multiplizität der Persönlichkeit, das dritte Kapitel Prinzip der Entstehung und Entwicklung von Ego-States definiert Ego-States, beschreibt die Entstehung sowie die Entwicklung von Ego-States und das vierte Kapitel das Prinzip der Funktionalität der Ego-States.

Im fünften Kapitel Prinzip der Individualität der Ego-States geht es um das Eigenleben der Ego-States, die sog. „richtige Adresse“, und die verschiedenen Kategorien von Ego-States, da wären die innere Stärke, innere Helfer oder innere Beobachter. Es gibt symptomassoziierte und traumatisierte Ego-States, innere Kritiker oder „gruselige Gestalten“, damit sind täternahe Ego-States gemeint.

Von dem Prinzip der Bühnen handelt das sechste Kapitel. Unterschieden wird eine Inhaltsbühne und eine Beziehungsbühne sowie eine innere und äußere Bühne. Besprochen werden Themen, die man von außen nach innen aufnimmt wie Introjektion, Identifikation, Modelllernen, Spiegelphänomene und Dissoziation. Es gibt Bühnen der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft, wobei man mit einem Bein in der Vergangenheit oder mit einem Bein in der Zukunft stehen kann.

Der Teil I schließt mit dem siebten Kapitel, dem Prinzip der Koexistenz, Verständigung, Kooperation und Integration als Ziele der Ego-State-Therapie.

Zu Teil 2

Der zweite Teil befasst sich in sechs Kapiteln mit der „Praxis der Ego-State-Therapie“.

Kapitel acht behandelt die Vorbereitung und die Ausrüstung, daran schließen sich in Kapitel neun prozessorientierte Ziele der Ego-State-Therapie und Aufnahme des Kontakts mit Ego-States an. Die Kontaktaufnahme mit Ego-States kann über Sprachmuster der Patient*innen, über autonomes inneres Geschehen, über konkrete Symptome oder über den Körper, über Impulse, Emotionen und innere Zustände im Zusammenhang mit einem konkreten Thema, über Metaphern, Symbole, Geschichten oder Texte, über Kunst und Gestaltung über eine Affekt- oder eine somatische Brücke, über Edukation oder zufällig durch weitere Interventionen geschehen. Nach der Kontaktaufnahme folgt der Aufbau von Kommunikation mit Ego-States, die Akzeptanz und Annahme von Ego-States, das Verständnis für Ego-States, die Unterstützung von Ego-States, Entwicklungsarbeit, Reifung und nachträgliches Nähren, die Nutzung von Ego-States, Kooperation, die „innere Diplomatie“, das Finden neuer Aufgaben, die Entwicklung eines inneren Teams bzw. einer inneren Familie mit eigenen Unterstützungsfertigkeiten.

Im 10. Kapitel Behandlungsplanung und Mapping wird das sog. SARI-Modell mit seinen vier Phasen:

  1. Stabilisierung,
  2. Schaffung eines sicheren Zugangs zum Trauma und zu den entsprechenden Ego-States,
  3. Auflösen der traumatischen Erfahrung und Restabilisierung und
  4. Integration, Neuorientierung und Entwicklung einer neuen Identität erklärt.

Der Autor gibt im Anschluss Entscheidungshilfen in der Behandlungsplanung z.B. in welcher Phase des SARI-Modells aktuell gearbeitet werden soll, mit welchen Ego-States aktuell gearbeitet werden soll, welches prozessorientierte Ziel angestrebt werden soll und welche Intervention zu den Patient*innen passen. Dieses Vorgehen wird anhand von Fallbeispielen verdeutlicht. Hier werden auch die Methoden des Entscheidungsbaumprinzips in der Ego-State-Therapie, des Mappings und der Protokollierung als Orientierungshilfen vertiefend vorgestellt. Mapping ist eine Technik des Zugangs zu Ego-States, sie dient auch als Technik der Kontaktaufnahme, ist ein Element der Behandlungsplanung und kann als gestalterisches Mittel für die Beziehungsarbeit mit Ego-States zum Einsatz kommen.

Im 11. Kapitel wird die Arbeit mit grundsätzlich ressourcenreichen Ego-States in den Mittelpunkt genommen. Es erläutert, wie der inneren Stärke begegnet werden kann, behandelt wird auch die Edukation. Man kann Intervention mit verschiedenen Interventionstechniken kreieren. Dieses Kapitel schließt mit der Anwendungsplanung.

Von der Arbeit mit verletzten Ego-States handelt das 12. Kapitel. Es beschreibt Grundmuster der Arbeit mit verletzten Ego-States, das Wahrnehmen des Ego-States (1. prozessorientiertes Ziel), den Zugang und den Kontakt (1. und 2. prozessorientiertes Ziel), die Akzeptanz, Verständnis und Erlaubnis (3. und 4. prozessorientiertes Ziel), die Versorgung der verletzten Ego-States sowie das Mitgefühl und der Trost (5. und 6. prozessorientiertes Ziel). Es wird beleuchtet, in welchem Zustand sich der verletzte Ego-State befindet, was der verletzte Ego-State braucht, wie dafür gesorgt werden kann, dass er das, was er braucht, auch bekommt, wer ihn versorgen kann, welche Hindernisse dabei beachtet werden müssen und welches Entwicklungsniveau der verletzte Ego-State aufweist. Die 5. und 7. prozessorientierten Ziele behandeln das Begleiten und nachträgliche Nähren, es folgen Interventionen der Arbeit mit (verletzten) Ego-States, die Versorgung von symptomassoziierten und traumatisierten Ego-States durch ressourcenreiche Ego-States, das nachträgliches Nähren und die nichthypnotische Technik mithilfe von Stühlen, Arbeit mithilfe von Metaphern sowie die Nutzung der Schlossmetapher.

Das letzte Kapitel (13) behandelt die Arbeit mit verletzenden, destruktiv wirkenden Ego-States, die Besonderheiten und allgemeinen Hinweisen zur Arbeit mit verletzenden, destruktiv wirkenden Ego-States, erklärt wird die Arbeit mit den bisher vorgestellten Interventionen der Ego-State-Therapie, in Einzel- oder Gruppensetting, behandelt wird auch die Würdigung oder das Verhandeln, Der Autor stellt vier Schritte vor: Schritt 1: äußerer Täter und Täter-Ego-State – „außen“ und „innen“, 2. Täter-Ego-State und Opfer-Ego-State im inneren System, 3. Schritt: Würdigung der Rollen und 4. Schritt: Neue Rollen und Strategien. Das Buch endet mit einer Zusammenfassung der Arbeit mit verletzenden, destruktiv wirkenden Ego-States.

Diskussion

Das Buch ist das erste deutschsprachige Buch zur Ego-State-Therapie. Es stellt in zwei Teilen die Grundlagen der Methode vor, diese werden mit Fallbeispielen illustriert. Die einzelnen Kapitel erläutern die jeweiligen prozessorientierten Ziele, mögliche Fragen der Behandlungsplanung sowie die Arbeit mit den Ego-States unterschiedlicher Ausprägung. Fundament der Ego-State-Therapie, die auch als Psychotherapie mit Persönlichkeitsanteilen (Teilemodell) bekannt ist, ist das Verständnis, dass jeder Mensch verschiedene Persönlichkeitsanteile (Multiplizität), sog. „Ego-States“ in sich trägt. Man kann sich das so vorstellen, dass man mehrere Personen-Anteile in sich hat. Diese Anteile können erfunden sein, sie können von außen kommen sog. Introjekte oder verschiedene eigene Anteile sein. Das Ich ist im Ego-State-Modell durch eine Anzahl von Persönlichkeitsanteilen charakterisiert, die durch durchlässige Grenzen voneinander getrennt sind. Eine Pathologie tritt dann auf, wenn Uneinigkeiten oder ein Mangel an Kooperation zwischen den Ego-States auftreten. Das Ziel der Ego-State-Therapie ist die Integration als ein Zustand, in dem die einzelnen Ego-States in vollständiger Kommunikation miteinander stehen, mentale Inhalte austauschen und in harmonischen Beziehungen miteinander existieren.

Die Seiten im Buch sind eng beschrieben, das Inhaltsverzeichnis ist umfangreich und kleinteilig untergliedert. Dort erhalten die Lesenden einen guten Überblick über die Inhalt und die vorgestellten Methoden. Erfahrungen verschiedener Experten fließen in das Buch ein und sind als solche gekennzeichnet. In der Ego-State-Therapie findet man Elemente aus der Hypnotherapie (nach Milton Erickson), Elemente der Ego-State-Theorie (nach Helen Watkins & John Watkins, die sich auf Paul Federn stützen) und Elemente aus der Dissoziation nach dem Verständnis der strukturellen Dissoziation (von Pierre Janet).

Fazit

Jeder Mensch trägt verschiedene Persönlichkeitsanteile, sog. „Ego-States“ in sich. Im Allgemeinen stehen diese im Einklang miteinander und werden von der Person bewusst gelenkt. Anders ist es bei Menschen mit schweren traumatischen Erfahrungen, sie teilen ihre Anteile zum Schutz der eigenen Persönlichkeit unbewusst in verschiedene „Ich-Anteile“, die gegeneinander wirken. Eine Ego-State-Therapie hilft, diese Ich-Anteile in eine harmonische Beziehung zueinander zu bringen.

Dies ist das erste deutschsprachige Praxisbuch zur Ego-State-Therapie, in dem das Ego-State-Modell anhand von sechs Basis-Prinzipien erläutert wird. Zu jedem Prinzip werden die entsprechenden Vorgehensweisen in der psychotherapeutischen Praxis vorgestellt. Zu jedem Kapitel werden Fragen formuliert, über 20 Abbildungen und Arbeitsblätter dienen als Anleitung und Grundlage der praktischen Arbeit. Methodische Schritte werden an zahlreichen Fallvignetten erläutert. Die Ego-State-Therapie ist neben ihrer Anwendung als ressourcevolle Traumatherapiemethode auch zur Behandlung eines breiteren Störungsspektrums sehr gut eignet.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
E-Mail Mailformular


Alle 201 Rezensionen von Petra Steinborn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 19.01.2018 zu: Kai Fritzsche: Praxis der Ego-State-Therapie. Carl Auer Verlag GmbH (Heidelberg) 2014. ISBN 978-3-89670-867-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23545.php, Datum des Zugriffs 20.02.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!