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Jutta Röser (Hrsg.): Silversurfer 70plus

Cover Jutta Röser (Hrsg.): Silversurfer 70plus. Qualitative Fallstudien zur Aneignung des Internets in der Rentenphase. kopaed verlagsgmbh (München) 2017. 280 Seiten. ISBN 978-3-86736-426-3. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.

Gesellschaft - Altern - Medien, Band 11.
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Thema

Im genannten Buch wird die durchgeführte Fallstudie von Jutta Röser und ihrer Forschungsgruppe vorgestellt. Die Studie befasst sich mit Senioreninnen und Senioren, die mit 70 Jahren und älter mit der Internetnutzung begonnen haben. Die 19 Probandinnen und Probanden (im Folgenden unter „Probanden“ zusammengefasst) stehen im Fokus. Anhand von Porträts, die durch durchgeführte, analysierte Interviews herausgearbeitet wurden, wird veranschaulicht, wie die einzelnen Individuen mit dem Internet in Berührung gekommen sind. Ebenso werden die Ergebnisse mit Theorien aus der Mediensoziologie verglichen und Überschneidungen sowie Widersprüche herausgearbeitet. Das Buch bietet somit neue medienethnografisch geprägte Einblicke in unsere digitalisierte Gesellschaft.

Herausgeberin

Jutta Röser ist Professorin für Kommunikationswissenschaften an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Ihr Forschungsschwerpunkt ist die Mediensoziologie sowie genderspezifische Medienstudien.

Entstehungshintergrund

Das Forschungsprojekt entstand an der Universität Münster. Das Projekt gründet darauf, dass es sich bei den sogenannten Silversurfern über 70 Jahren um eine Bevölkerungsgruppe handelt, welche 2014 einen sehr großen Zuwachs an Onlinern verzeichnen konnte. Die Forschungsbefunde wurden durch ein einjähriges Projektseminar im Master Kommunikationswissenschaft unter der Leitung der Herausgeberin, 2014 bis 2015 gewonnen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst acht Kapitel.

1. Die Vielfalt der Silversurfer 70plus. Die Autoren eröffnen das konkrete Thema: Es handelt sich im vorliegenden Buch um die Befunde qualitativer Fallstudien über Silversurfer 70plus (Rentner und Rentnerinnen von 70 Jahren und älter), die in der Rentenphase begannen mit dem Internet umzugehen. Danach wird beschrieben, welche Besonderheiten das Buch aufweist. Diese sind die Porträts, welche aus Interviews mit den Probanden entstanden sind. Sie eröffnen eine neue Perspektive auf das Medienhandeln. Die Autoren heben hervor, dass das Medienhandeln in der Studie nah am Alltag orientiert betrachtet werden sollte. Des weiteren wird die Zielgruppe definiert sowie die Bezüge zum häuslichen Kontext thematisiert, welche eine authentische Basis zur Datenerhebung bieten sollte. Angesichts der Digitalisierung in der Gesellschaft wird zum zentralen Thema hingeführt. Die Autoren stellen die Aneignung des Internets der Probanden in den Vordergrund und deren Prozess im Umgang mit dem Internet, um auf die Diskrepanz der Mediengenerationen und die verschiedenen Wege des Kompetenzgewinns vor dem Hintergrund differenzierter sozialethnographischer Theorien hinzuweisen.

2. Theoretischer Rahmen: Mediengenerationen. Um eine Basis für das Verständnis des Begriffs der Mediengeneration zu schaffen, werden hier Theorien von Burkhard Schäffer, Andreas Hepp, Friedrich Krotz, Ulrike Wagner und vielen weiteren herangezogen. Den Ausgangspunkt zur Definition des Mediengenerations-begriffs stellen die Begrifflichkeiten der charakteristischen Lagerung und des konjunktiven Erfahrungsraums von Karl Mannheim dar. Ganzheitlich wird durch die Analysen verschiedener Theorien zur Mediengenration darauf hingearbeitet, eine Definition für den Generationsbegriff in der Kommunikationswissenschaft zu erarbeiten. Jedoch kommen die Autoren zu keiner Definition. Sie umreißen den Begriff mit verschieden Aspekten, um ihn einzugrenzen. Schlussendlich arbeitet die Forschungsgruppe mit dem Mediengenerations-begriff, der sich wie folgt zusammensetzt:

  • Medienhandeln im Kontext der Familie
  • Medienpraxiskultur von der Jugend bis ins hohe Alter
  • Medienaneignung innerhalb einer Generation ist nicht gleichförmig

Diese drei Mediengenerationskonzepte ergänzen sich gegenseitig und bieten, aus Sicht der Autoren, die ideale Basis für die folgende Präsentation der Fallstudien.

3. Forschungsbefunde zur Internetnutzung Älterer. Mithilfe von ARD/ZDF-Onlinestudien wird ein thematischer Einstieg in die Findung des Studienthemas gegeben. Mit Zahlen, Daten und Fakten wird auf die Forschungsbefunde, welche von anderen Autoren ebenfalls schon aufgegriffen wurden, eingegangen. Diese werden zentral vorgestellt:

  • Nutzerzahlen
  • Anschaffungsmotive
  • Nutzungsmotive und Vorteile
  • Barrieren
  • Soziodemografische und lebensweltliche Faktoren

Ebenso wird erläutert, wieso diese Befunde in das Forschungsprojekt einbezogen worden bzw. integriert sind. Insgesamt findet hier eine sachliche Begründung statt, weshalb das Thema „Ältere mit dem ‚neuen Medium‘ Internet“ in der heutigen Gesellschaft relevant ist.

4. Forschungsdimensionen und Methodik des Silversurfer-Projekts. Die Methodik des Silversurfer-Projekts bietet eine weiterführende Einleitung in das Forschungsprojekt. Anhand eines Überblicks der Probanden werden wichtige Kriterien der Interviews vorgestellt. Des weiteren wird der Entwicklungsprozess des Interviewleitfadens erläutert. Weitere Methoden, um die Studie zu konkretisieren, wie beispielsweise der Assoziationstest zu „Erleben des Internets“, werden vorbereitend erklärt, um die späteren Ergebnisse in den Porträts der Probanden verstehen zu können. Der Assoziationstest nimmt dabei eine entscheidende Rolle ein, da die Rentner und Rentnerinnen sich selbst reflektieren und sich gegenüber dem Interviewer öffnen müssen.

5., 6. & 7. Wie die Silversurfer zum Internet gefunden haben, wie es gegenwärtig genutzt wird und das Erleben des Internets. Zusammengefasst in den drei Kapiteln werden die einzelnen Teile des Interviewleitfadens präsentiert, analysiert und mit Theorien aus der Mediensoziologie erörtert.

  • In Kapitel 5, wird zusammengefasst, wie die Silversurfer 70plus sich das Internet angeschafft haben, welche Motive sie hatten und zu welchem Zeitpunkt die Anschaffung erfolgte.
  • Logisch anschließend folgt dann eine theoretische und mit Beispielen untermauerte Analyse der gegenwärtigen Nutzung des Internets in Kapitel 6. Hier wird über genutzte Anwendungen, inhaltliche Schwerpunkte und persönliche Entwicklungen gesprochen. An dieser Stelle sticht die Thematisierung des mobilen Nutzens heraus, der große Unterschiede bei den Probanden aufzeigt und auch zur Diskussion über die Lernbereitschaft im Alter anregt.
  • Weiterführend wird in Kapitel 7 das Erleben des Internets Älterer, anhand verschiedener Forschungsdimensionen, erläutert. Die Dimensionen „Fremdheit versus Vertrautheit“ und „Arbeit versus Spiel“ werden mit den Theorien Schäffers typisiert. Die Probanden werden in graphischen Koordinatensystemen anschaulich den auschlaggebenden Kategorien zugeordnet, um so eine ganzheitliche Einordnung zu gewährleisten. Dieser Teil des Buches basiert auf vorher erarbeiteten Masterarbeiten und enthält somit viele theoretische Analysen.

Jeweils am Ende eines Kapitels folgen zur Veranschaulichung zwei bis drei medien-ethnographische Porträts der Probanden. Diese Porträts werden durch eine klare Struktur gegliedert und geben mit zahlreichen Zitaten den Werdegang der Aneignung des Internets des jeweiligen Probanden wieder.

8. Genrerationsgebundene Positionierungen. Gegen Ende des Hauptteils wird der Aspekt der Positionierungen aufgegriffen. Wie positionieren sich die Probanden selbst innerhalb ihrer Mediengeneration und wie positionieren sie sich gegenüber der jüngeren Nutzungsgesellschaft? Anhand der Auswertungsmethode der Forschungsgruppe werden die Probanden Schlüsselkategorien zugeteilt, welche beispielsweise sind:

Intergenerationelle Positionierung:

  • Inanspruchnahme von Hilfe
  • Anschluss halten
  • Reflexionen zum Medienwandel

Intragenerationelle Positionierung:

  • Expertentum
  • Autonomie im Alter
  • Aktivität erhalten

Abschließend wird darauf hingewiesen, welche Vielfältigkeit an Umgangsweisen mit dem Internet in der älteren Generation vorliegt. Diese Mediengeneration ist untereinander, durch das Erleben der Mediatisierung vor dem Hintergrund des ihnen bekannten Umgangs mit analogen Medien, stark verbunden. Auch hier folgen 2 Porträts.

Diskussion

Mit dem Buch „Silversurfer 70plus. Qualitative Fallstudien zur Aneignung des Internets in der Rentenphase“ thematisiert die Forschungsgruppe ein brandaktuelles Thema: Wie gehen Menschen der älteren Bevölkerungsgruppe mit den für sie „neuen Medien“ um? Der Leser wird angeregt, Medienkompetenz neu zu überdenken. Jedoch nicht nur die Älterer, sondern auch seine eigene. Durch eine klare Struktur sowie viele Porträts wird dem Leser ein fließendes und spannendes Lesen ermöglicht. Nachteilig ist dagegen, dass explizit in den Portraits aufgrund des Interviewleitfaden viele Informationen mehrfach in kurzem Abstand genannt werden.

Die theoretische Vorstellung der Rahmenbedingungen der Studie (siehe Kapitel 2, 3 und 4) ist inhaltlich durch eine klare Struktur gut lesbar. Kleine Schwierigkeiten ergeben sich aber dann, wenn der Leser noch keine fundierten Kenntnisse der Thematik besitzt. Somit erschweren einzelne Fachtermini den sonst so unterhaltsamen Lesefluss.

Insgesamt ist der erste Eindruck durch die Aufmachung sowie den Untertitel des Buches durch trockene Theorie geprägt. Dies macht das Buch aber vor allem mit der aktuellen Thematik, einer leicht verständlichen und verfolgbaren Struktur, vielen lebhaften Beispielen und dem Alltagsbezug (veranschaulicht auch durch Abbildungen) wett. Wie sich die Silversurfer 70plus weiterentwickeln und ob nachfolgende Generationen durch gleiche Ängste oder Vorbehalte gegenüber „neuen Medien“ wie dem Internet geprägt sind, nehme ich als offene Frage mit.

Fazit

Das Buch „Silversurfer 70plus. Qualitative Fallstudien zur Aneignung des Internets in der Rentenphase“, herausgegeben von Jutta Röser, ermöglicht einen exemplarisch realistischen Blick in die Internetnutzungsweise von Senioren über 70 Jahren. Jedoch ist der Umfang der Studie sehr klein gehalten, da sie in nur einem Bundesland mit einer geringen Probandenzahl durchgeführt wurde. Dennoch bietet sie eine neue Sichtweise auf die Entwicklung der Medienkompetenz älterer Menschen in der digitalen modernen Zeit. Diese und weitere Erkenntnisse liefern die Autoren mit ihren durchgeführten Fallstudien, anhand Vorstellung und Analyse dieser. Mit Beispielen, bildlichen Einblicken und einer klaren Struktur ist dieses Buch für jeden sozialmedienpädagogisch Interessierten zu empfehlen. Ebenso jedoch für Diejenigen, die allgemein am Internet oder auch am demographischen Wandel in der Zeit der Digitalisierung interessiert sind. Durch einen einfachen Aufbau und viele Zitate ist es sehr gut lesbar sowie kurzweilig.

Summary

„Silversurfer 70plus. Qualitative case studies for the appropriation of the Internet in the pension phase“ by Jutta Röser provides an exemplarily realistic view into the way senior citizens over 70 years use the Internet. The size of the study is kept very small because it was carried out with a low number of participants in only one federal state. Nevertheless the book provides a new insight into the development of media competence of older people in the digital modern time. The authors supply These and broader findings in case studies carried out using ideas and analysing them. With the use of examples, pictorial insights and a clear structure this book can be recommended to people interested in social medium educationally. Apart from this, it is also suitable for those who are interested in the Internet or in the demographic change at the time of the digitalization in general. Through a simple layout and a lot of quotations it is easily readable as well as entertaining.


Rezensentin
Sonja Naima Ghrairi
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension entstand im Rahmen eines Seminars zu "Digitalisierung und Soziale Arbeit" von Daniela Cornelia Stix an der Evangelischen Fachhochschule Berlin.


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Zitiervorschlag
Sonja Naima Ghrairi. Rezension vom 12.01.2018 zu: Jutta Röser (Hrsg.): Silversurfer 70plus. Qualitative Fallstudien zur Aneignung des Internets in der Rentenphase. kopaed verlagsgmbh (München) 2017. ISBN 978-3-86736-426-3. Gesellschaft - Altern - Medien, Band 11. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23546.php, Datum des Zugriffs 18.07.2018.


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