socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Andreas Urs Sommer: Nietzsche und die Folgen

Cover Andreas Urs Sommer: Nietzsche und die Folgen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. 207 Seiten. ISBN 978-3-476-02654-5. D: 16,95 EUR, A: 17,43 EUR, CH: 17,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.
Siehe auch Replik oder Kommentar am Ende der Rezension.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Angesichts der „Umwertung“ der westlichen Werte durch den US-Präsidenten und seiner europäischen Freunde und der Erosion der theoretischen und praktischen Vernunft durch das Postfaktische kann man davon ausgehen, dass ein Buch über Nietzsche auf großes öffentliches Interesse stößt.

Das Anliegen Andreas Urs Sommers besteht darin, Nietzsche, der für viele sozusagen „hinter seinen Schlagworten und seinem Schnauzbart“ verschwindet, zum Vorschein zu bringen. Nach Sommers Dafürhalten haben die „kursierenden Nietzsche-Bilder“ „oft bedenkliche Schlagseiten“ (1). Schon zu Beginn seiner Studie macht uns Sommer mit seiner Sicht bekannt, die er auf knapp 200 Seiten entfaltet: Nietzsche sei ein „Philosoph, der Lehren als intellektuelle und existenzielle Experimente benutzte“ (1). „Seine Philosophie“ sei „keine Lehre, sondern ein Tun, eine Praxis der denkenden Weltumgestaltung“ (2). Sommer unterteilt seinen Text in drei Abschnitte, in „Nietzsches Welt“, „Nietzsches Nachwelt“ und „Nietzsches Zukunft“. Dabei belegt er seine Ausführungen mit Zitaten ohne diese mit Fußnoten zu versehen, was auf Kosten der schnellen Auffindbarkeit der Zitate geht. Die dazugehörigen Quellen findet man im Anhang.

Autor

Andreas Urs Sommer (*1972) ist ein Schweizer Philosoph, Publizist und Numismatiker. Er lehrt Philosophie an der Universität Freiburg i. Br. und leitet seit 2014 die Forschungsstelle Nietzsche-Kommentar der Heidelberger Akademie der Wissenschaften mit Sitz an der Universität Freiburg. Er ist Direktor der Friedrich-Nietzsche-Stiftung in Naumburg (Saale). Andreas Urs Sommer erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Friedrich-Nietzsche-Preis 2012.

Aufbau

Die Studie besteht aus drei Hauptabschnitten mit insgesamt 15 Kapiteln und entspricht thematisch weitgehend den vom Rezensenten formulierten Kapitelüberschriften. Der vollständige Aufbau des Buchs findet sich auf der Verlagshomepage.

Zu 1 Nietzsches Welt

Im ersten Teil „Nietzsches Welt“ stellt Sommer Nietzsches Leben in Grundzügen und seine Hauptwerke bis zu seinem tragischen Ende vor ohne der schon in früher Jugend beginnenden Kranken- und Leidensgeschichte Nietzsches nennenswerte Bedeutung für seine geistigen Produktionen, besonders in den Jahren 1888/89, zuzuschreiben. In seinem letzten größeren Werk, in Ecce homo, an dem er von Oktober 1888 bis zu seinem Zusammenbruch Anfang 1889 arbeitete, „zelebriere das Ich“ (Nietzsche), wie Sommer einräumt, zwar „seine Selbstvergöttlichung bis hin zur Identifikation mit Dionysos“ und fügt erläuternd hinzu, spätere Interpreten hätten dies „als Anzeichen des Wahnsinns sehen“ wollen (87). Doch habe dies, so Sommers Hypothese „weniger mit Wahnsinn zu tun, als mit Methode“ (90). Das „sprechende Ich“ wolle „vorbildlich werden für die künftigen Umwertungen, welche die Leser an sich und an ihrer Welt vollziehen sollen“ (90).

Sommer zieht am Ende des ersten Teils den Schluss: Nietzsche habe sich als ein unsystematischer Denker erwiesen, den man nicht „richtig“ auslegen könne. Die angeblichen ›Hauptlehren‹ seien lediglich Lebens- und Denkexperimente, gar „experimentelle Mythen“.

Zu 2 Nietzsches Nachwelt

Im zweiten Teil will Sommer zeigen, wie sehr Nietzsches Wirkungsgeschichte „eine Geschichte permanenter und höchst widersprüchlicher Versuche der Nietzsche-Festschreibung“ ist (96). Da sich Nietzsche „allen Festschreibungen“ entzöge, würde, so Sommers These, „eine neue Wirkungsgeschichtsschreibung … daher nicht mehr so sehr von der Frage bestimmt, … ob dieser oder jener Autor … Nietzsche richtig verstanden“ habe. Die Leitfrage müsste nun lauten: „Welche Funktion kam und kommt ›Nietzsche‹ in den unterschiedlichsten kulturellen Zusammenhängen zu?“ (98)

„Nietzsche-Festschreibungen“, bemerkt Sommer, gebe es im faschistischen, aber auch im sozialistischen Lager (107). Nietzsches politische Rhetorik sei „alles andere als entspannt liberal“ (127). Nietzsche sei jedoch, unterstreicht Sommer, „politisch polymorph“. Als Beleg verweist er auf Lawrence Hatab (* 1946), der Nietzsche für Demokratie in Anspruch genommen habe (127).

Zur Verifizierung der These, dass sich Nietzsche allen Festschreibungen entzieht, wählt Sommer zehn deutschsprachige Nietzsche-Bücher aus (145). Nach Auffassung von Autoren wie Lou Andreas-Salome, Richard M. Meyer und Alfred Baeumler sei es Nietzsche selbst gewesen, der „seine Gedanken gut verborgen gehalten“, während Karl Löwith „Nietzsches Interpreten für Verschleierungen verantwortlich“ gemacht habe (154). Sommer zieht aus seinen „Probebohrungen“ den Schluss, dass die Vielfalt der Nietzschedeutungen die Nichtfestlegbarkeit Nietzsches belegen. „Kaum einer der herangezogenen Autoren“ betont Sommer, könne aber „in Nietzsche den Denker des Vielfältigen und Vielfachen erkennen“. Ihnen fehle der „Mut zur Pluralität“ (165).

Der Autor wirft gegen Schluss die Frage auf: „Wie sollen wir, nach Nietzsche, philosophieren?“ (166) Nietzsche sei, so die These Sommers, „weder am Leben, an der Welt oder an sich selbst verunglückt“, sondern habe „Freiheit zu schöpferischem, sprachschöpferischem, denkschöpferischem Mut“ gefunden. Nicht zuletzt auch „zum Lachen, zu Heiterkeit.“ Aber befand sich nicht schon der junge Nietzsche im persönlichen und gesellschaftlichen Abseits? Seit Basel war er nicht nur stark gesundheitlich angeschlagen, sondern litt auch an großer Einsamkeit und mangelnder Anerkennung. Seine Bücher fanden nur wenige Käufer. In Ecce Homo beispielweise zog Nietzsche aus seinen erlittenen Qualen den Schluss, sich wie „ein russischer Soldat, dem der Feldzug zu hart wird, zuletzt in den Schnee“ zu legen (KSA 6, 272). Ist Nietzsche nicht auch an seinen hohen Idealen und an seiner Einsamkeit zu Grunde gegangen? Muss nicht gerade bei Nietzsche die Einheit von Leben und Werk besonders betont werden?

Sommer will uns einen andern Blick auf Nietzsche eröffnen. Er empfiehlt mehr Distanz, weniger Pathos und mehr Leichtigkeit und bedauert, dass diejenigen, die Nietzsche „leicht nehmen“, „entschieden in der Minderheit“ seien. „Warum so viel Bleischwere“, so „viel Tristesse?“, fragt Sommer (168), der die Frage gleich beantwortet. Da gebe es u.a. den in der „Wolle gefärbten Kantianer“, der wolle (173) sich den „existenziellen Ernst nicht ausreden lassen“, weil er auf ein „transzendentalphilosophisches Glaubensbekenntnis eingeschworen“ sei (174). Als positives Gegenbeispiel zu Kant nennt Sommer den „berühmten Philosoph Harald Schmidt“, der „über Nietzsches zukunftsweisende Perspektiven nicht weniger wohlwollend geurteilt“ habe „als Max Ernst: »Niemand hat eigentlich so viel Spaß verbreitet wie Nietzsche«, der »große, sympathische Gute-Laune- Entertainer«“ (176).

„Aus der Ironie“ folge, so Sommer, „für die Philosophie eine Fülle poetischer Lizenzen“ (177). „Mythen – warum nicht?“ Sommer wolle jedoch nicht zurück zur „neomythischen Weltsicht“, sondern „zur Veruneindeutigung dessen, was man gemeinhin über die Welt zu wissen meint“. Der Autor räumt an dieser Stelle dennoch ein: „So ironisch Nietzsche mit anderen Personen oder Gedanken auch umzuspringen verstand, so selten zeigte er doch die Bereitschaft, das Eigene der Ironie auszusetzen“ (181). Andreas Urs Sommer bleibt, trotz Nietzsches Ernst, seiner Ironie-These treu, wenn er betont, es gehöre „zur wirkungsgeschichtlichen Ironie, dass die Adepten die sich. selbst aufhebenden Mythen Nietzsches, seine Zarathustra-Reden, die Ewige Wiederkunft, den Übermenschen und den Willen zur Macht buchstäblich ernst statt experimentell ironisch nahmen“ (182).

Zu 3 Nietzsches Zukunft

Wie also sollen wir nach Nietzsche denken? Sommer empfiehlt, „nicht vorschnell darüber ein Urteil zu fällen, was denn das Eigentliche und Letzte dieses uns aufgegebenen Denkens“ sein soll. Vor allem sollten wir „nicht auf seine angeblichen ›Hauptlehren‹ reflexartig anzuspringen“ (192). Die „anhaltende Wirkung Nietzsches“ liege nach Dafürhalten Sommers „auch daran, dass er immer wieder neu“ anfange, wie ein „Spiegel der Nervosität seines und unseres Zeitalters“. „Multiperspektivität“ werde „bei ihm nicht postuliert, sondern praktiziert.“ „Offenheit und Extremismus“ seien „die Zaubermittel dieses Schreib-Denkens“. Entsprechend „leicht“ geht Sommer „die Feststellung von den Lippen“: „Nietzsche ist aus der Geschichte der Moderne nicht wegzudenken“ (193)„Hätte es Nietzsche nicht gegeben, müsste man ihn erfinden, um uns … ins schreckliche und schöne Abenteuer der weltanschaulichen Unbehaustheit zu stoßen“ (195).

Diskussion

Ist es Andreas Urs Sommer gelungen, die „kursierenden Nietzsche-Bilder“ gerade zu rücken und Nietzsches Funktion in den unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen deutlich zu machen? Nietzsche habe sich, so Sommers Diagnose, als ein unsystematischer Denker erwiesen, und den man nicht „richtig“ auslegen könne. Es gebe „differenziertere und weniger differenzierte Nietzsche-Bilder“, auch „Nietzsche-Interpretationen und -Instrumentalisierungen aller Art“ – auch solche, die entschieden zu kritisieren sind (96).

Jede Nietzsche-Rezeption sei „dabei einseitig, zurechtrückend, anpassend. Jeder, der ihn liest“, lese ihn auf „seine Zwecke hin“, stelle „ihn in seinen Horizont“ (96). Der Autor beschäftigt sich auch mit „Nietzsche aus- und zurechtlegenden Philosophen“ und zieht aus seinen „Probebohrungen“ den Schluss, dass die Vielfalt der Nietzschedeutungen die Nichtfestlegbarkeit Nietzsches belegen.

Wie liest Sommer Nietzsche? Welche Funktion erfüllt, in welchen Horizont stellt er ihn, für „welche Zwecke“? Zunächst: Sommer hält sich mit seiner Kritik an Nietzsche nicht zurück, wenn er z.B. die Idee des Übermenschen und die seiner „Selbststeigerung“ (43) kritisiert und Nietzsche als ›Gefährder‹ der Menschenwürde bezeichnet, der „jeden festen moralischen und metaphysischen Halt“ (44) aufgegeben habe. Sommer geht in seiner Kritik noch weiter: Nietzsches „Experimente“, wie seine „Ausfälligkeiten gegen den Egalitarismus, die Demokratie oder die angebliche sklavenmoralische Zersetzung kultureller Errungenschaften“, seien gar provokant, polemisch, „laut und mitunter übelriechend“ (67). Gleichwohl entschärft Sommer seine Kritik, wenn er betont, man solle Nietzsches Mythen „experimentell ironisch“, statt „buchstäblich ernst nehmen“ (182). Sie seien „wesentliche Mittel intellektueller Dynamisierung“ (66).

Nietzsche hat nicht nur mit „bösen“ Gedanken gespielt, sondern auch mit dem Leser. Sind solche Gedanken- und Menschenexperiment so harmlos wie Experimente in der Naturwissenschaft und ironisch zu nehmen oder gibt es hier „rote Linien“?

Sommer kommt trotz seiner menschenrechtlichen Kritik an Nietzsches Übermenschen zu einem abschließenden Urteil: Nietzsche lehre, „die Moral selbst kritisch zu perspektivieren, zumal jedes Erkennen perspektivisch gebunden“ (72) sei. Verstehe man „philosophisches Arbeiten als Geschäft radikaler Perspektivierung und Relativierung“, könne man, schlussfolgert Sommer, „mit ihm auch im 21. Jahrhundert noch manche Berge versetzen“ (72). Ist denn „jedes Erkennen perspektivisch gebunden“ auch die Moral? Oder stellt das Konzept des ethischen Relativismus nicht ein Selbstwiderspruch dar, weil jede Ethik verallgemeinerungsfähig sein muss? Ist der gute Wille nicht unter allen Umständen, an allen Orten, zu allen Zeiten für jeden gut? Ist die Gravitation nur Ansichtssache? Niemand will in Verhältnissen leben in denen Fakten und normative Ansprüche nicht mehr zählen, denn dann ist intersubjektive Verständigung nicht mehr möglich.

Mit Nietzsche teilt Sommer die Skepsis, mittels Vernunft auf die Frage, was sind legitime universelle Werte und was ist wahr und gut, eine normative Antwort geben zu können. Eine Position, wie sie Sommer in Anlehnung an Nietzsche in seiner „Werte-Schrift“ vertreten hat. „Im Wertedenken“ sei der „Relativismus notwendig eingepflanzt“ (74). Dies erzwinge die Verabschiedung vom „metaphysischen Gespenst des Universalismus“. Werte seien nicht universell, sondern situativ (84) dynamisch, wandelbar und immer vorläufig, das gelte z.B. auch für die Europäische Wertegemeinschaft so wie für die Grundrechte unserer Verfassung (153 ff.).

Nietzsches Rechtfertigungs- und Prüfinstanz seiner „Herrenmoral“ ist keine universelle Vernunftnorm, sondern das »Leben«. Der oberste Richter, der über den Wert oder Unwert von Moralvorstellungen entscheiden sollte, ist für ihn die Kraft der Lebensentfaltung, die Expansion und Intensität des Vitalen und nicht der Wert der ›allgemeinen Wohlfahrt‹, den er als „Brechmittel“ bezeichnet (KSA 7, 165). Aus der Natur ist jedoch keine Normativität und Personalität zu gewinnen.

In der Erkenntnistheorie folgt Sommer Nietzsches Kritik an der Metaphysik und seinem Perspektivismus. Obwohl Nietzsche jedweder Substanzmetaphysik den Kampf angesagt hat fällt er bei seinen Vorstellungen vom Ich hinter Kant zurück. Für Kant erhebt der Tatbestand, dass „der Mensch in seiner Vorstellung das Ich haben kann“, den Menschen „unendlich über alle andere auf Erden lebende Wesen“ (Kant, Anthropologie XII). Nietzsche hingegen, so Volker Gerhard, halte das „ich denke“ für derart klein, dass er seine Leistungen als „bloße Illusionen“ bezeichnet. Nietzsche glaubt offenbar, dass man auf das Ich dort verzichten kann, wo man es am dringendsten braucht, in der Kommunikation mit Menschen. Tatsächlich bleibt er damit, unterstreicht Gerhard, „hinter dem Stand der durch Leibnitz, Locke, Kant oder Hegel erreichten Erkenntnis zurück“ (46). Nietzsche verstehe nicht, dass „alle Wirklichkeit“, auch die des „freien Geistes“, ihre Realität als „Wirksamkeit in Beziehungen“ entfalte (48). Demnach ist „das Ich keine eigenständige Substanz“, sondern erfahre sich in „einem existenziellen Zusammenhang von lebenspraktischer Bedeutung“ (51). Das Ich oder das Selbst verlangt nach dem, was Nietzsche Zeitlebens fehlte, nach Anerkennung durch den Anderen.

Nietzsches erkenntnistheoretische Vorstellungen vom Ich finden ihren Niederschlag in seiner Vorstellung vom Übermenschen und in seinem Leben. Charakteristisch für den Übermenschen ist seine Abtrennung vom „letzten Menschen“ also vom Mitmenschen. In dieser sozialen Vereinzelung ist Nietzsches Übermensch der Gegenbegriff zum Menschen. Sein Übermensch ist kein soziales Wesen, kein Mitmensch und kein Citoyen. Sowenig sich Subjektivität aus Interaktion versteht, sowenig kann diese ohne Interaktion und Anerkennung gelingen.

Längst hat die postmoderne Nietzschedeutung, wie auch die von Sommer, aus Nietzsche einen Philosophen der pluralistischen Diskurse gemacht. In Frankreich war Nietzsche der Vater der Postmoderne und der Differenzphilosophie. Andreas Urs Sommer verfolgt, ähnlich wie Richard Rorty, eine Nietzsche-Halbierung. Nietzsches Politik gilt als „prämodern“, seine Philosophie als „postmodern“. Anders als Nietzsche sind sich Rorty und Sommer darin einig, dass die Demokratie jene Staatsform ist, in der sich die Ansprüche des Individuums auf Selbstkreation am besten verwirklichen lassen. Rortys imaginierte Bürger sind, wie bei Sommer, „liberale Ironiker“, nehmen sich und die Meinungen anderer nicht „bierernst“ und schaffen so ein Klima von Toleranz und Pluralismus. Ziel ist nicht das Suchen nach der Wahrheit, sondern Solidarität und dass man miteinander klar kommt. Wie Rorty und Nietzsche erklärt Sommer universelle Prinzipien zu „metaphysischen Gespenstern“. Aber was ist, wenn man nicht mehr miteinander klar kommt?

Muss nicht der Werterelativismus, Ergebnis vollständiger Reflexivität und Profanität der Vernunft, versagen, wenn reaktionäre politische Kräfte mit ihren Wahrheitsansprüchen an den Grundfesten der liberalen Demokratie rütteln? Ist „Perception reality“, wie der Berliner Spitzenkandidat der AfD Georg Pazderski am Wahlsonntag im September 2016 behauptete? Die Pluralität garantiert uns in der modernen Gesellschaft zwar die Freiheit, kann aber nicht das letzte Wort sein, wenn es zum Konflikt zwischen entgegengesetzten Werten kommt. Es stellt sich die Frage, ob die moderne Pluralität einen inneren Zusammenhalt benötigt. Als Denker einer „Kultur ohne Zentrum“ (Rorty) ist Nietzsche zweifellos ein Philosoph der Postmoderne, aber auch einer ihrer „Gefährder“.

Bestand nicht die Prophetie des „unpolitischen“ Philosophen darin, die Freiheit außerhalb zivilisatorischer Verbindlichkeiten zu suchen? Der Unterschied zwischen Kant und Nietzsche liegt deshalb in der Frage, ob Menschsein in erster Linie heißt, Individuum oder Angehöriger der Menschheit zu sein.

Dem „vertrotzten Individualismus“, wie ihn Thomas Mann nannte, bedeutete die politische Freiheit des Staatsbürgers wenig. Diese „widerspenstige Ungesellschaftlichkeit“ steht heute im Westen in Form der Politikverdrossenheit hoch im Kurs. Sie unterstützt die Zerstörung der Grundlagen unserer liberalen Demokratie durch autoritäre Bewegungen.

Fazit

Andreas Urs Sommer präsentiert uns Nietzsche als Philosoph der pluralistischen Diskurse. Es gelingt ihm nicht nur Nietzsches Denk- und Entwicklungswege transparent zu machen, sondern verdeutlicht an Hand der Vielfalt der Nietzschedeutungen die Schwierigkeit, Nietzsche hinter seinem Schnurbart zum Vorschein zu bringen, also seine Nichtfestlegbarkeit. Sommer distanziert sich zwar von Nietzsche als „Gefährder“ der Menschenwürde verlässt damit aber den Boden seines ethischen Relativismus. „Sein Nietzsche“ ist vergleichbar mit einem „liberalen Ironiker“, dessen Funktion darin besteht, seine und die Meinungen anderer nicht „bierernst“ zu nehmen und so ein Klima von Toleranz und Pluralismus zu schaffen, ein „Denker des Vielfältigen und Vielfachen“, ein Denker der Postmoderne. Dem Leser wird ein Philosoph präsentiert, dem es gelingt, die Kontinuität philosophischer Fragen aufrecht zu erhalten und neu zu begründen, einen Philosophen mit höchst originellen, aber auch gefährlichen Gedanken. Der Autor folgt dem postmodernen Nietzsche, kommt aber auch seiner Aufforderung „dem Mut zum Angriff auf seine Überzeugungen“ (N. Frühjahr 1888; VIII 14 159), besonders in Hinblick auf den prämodernen Nietzsche nach. Andreas Urs Sommers Nietzsche Studie ist eine lesenswerte Ein- und Hinführung in die Philosophie Nietzsches und in seine Folgen. Sie ist uneingeschränkt zu empfehlen.

Literatur

  • Gerhardt, Volker, Philosophieren im Widerspruch zur Philosophie. Nietzsches Verhältnis zur Tradition des Denkens, in: Nietzsche als Philosoph der Moderne, Heidelberg 2012.
  • Kant, Immanuel, Schriften zur Anthropologie, Werkausgabe Band XII, Frankfurt am Main 1977, S. 399.
  • Kaufmann, Walter, Nietzsche, Darmstadt 1982.
  • Medicus, Thomas, Der gute Europäer, Tagesspiegel 13.10.1994, S.19.
  • Nietzsche, Friedrich, Sämtliche Werke, Kritische Gesamtausgabe, Bd. 4, 5, 6, 14 München 1980.
  • Nietzsche, Friedrich, SW Kritische Studienausgabe, Bd. 8, München 1988.
  • Rorty, Richard, Kontingenz, Ironie und Solidarität, Frankfurt am Main 1992.
  • Sommer, Andreas Urs, Werte. Warum man sie braucht, obwohl es sie nicht gibt, Stuttgart 2016.

Rezensent
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
E-Mail Mailformular


Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Die Rezension wird voraussichtlich auch veröffentlicht in der Zeitschrift für Politik München (ZfP) 1/2018.


Alle 3 Rezensionen von Bruno Heidlberger anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 14.11.2017 zu: Andreas Urs Sommer: Nietzsche und die Folgen. J. B. Metzler´sche Verlagsbuchhandlung und Carl Ernst Poeschel Verlag GmbH (Stuttgart, Weimar) 2017. ISBN 978-3-476-02654-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23551.php, Datum des Zugriffs 21.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!