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Elisha Goldstein, Bob Stahl: MBSR für jeden Tag

Cover Elisha Goldstein, Bob Stahl: MBSR für jeden Tag. Die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung im Alltag. Arbor Verlag (Freiburg) 2016. 169 Seiten. ISBN 978-3-86781-164-4. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR.
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Thema

Der überschaubare Band mit 169 Seiten führt MBSR im Titel. Dies meint das von Jon Kabat-Zinn entwickelte Meditationsprogramm zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion (Mindfulness based stress reduction) – das ursprüngliche von mittlerweile einer Reihe von Programmen, welche praktisch dazu anleiten, Achtsamkeit zur Bewältigung psychischer und körperlicher Belastungen zu nutzen. Das Buch soll „das Beste aus dem Esprit und den Praktiken des MBSR“ präsentieren (S. 15). Es reiht sich ein in eine Fülle von Publikationen zum Thema Achtsamkeit der letzten Jahre und stammt von Arbor, einem hierzu renommierten Verlag.

Autoren

Die Autoren sind beide in Kalifornien im Bereich Achtsamkeit tätig, publizieren dazu und haben eigene Achtsamkeits-Programmen entwickelt. Elisha Goldstein ist klinischer Psychologe und gründete das Center for Mindful Living in Los Angeles mit. Bob Stahl, der Philosophie und Religion studierte und langjährige Klostererfahrung hat, arbeitet als Lehrer für Achtsamkeit. Das Buch gibt somit einen Einblick in die amerikanische Mindfulness-Bewegung.

Aufbau

Das Buch umfasst neben einer Einführung und dem Literaturverzeichnis fünf Teile:

  1. Ein Augenblick
  2. Atmen
  3. Mit ganzem Herzen praktizieren
  4. Meditation
  5. Sein

Jedes Unterkapitel bietet einen eigenen thematischen Impuls. Diese, jeweils 3–4 Seiten lang, sind durchgehend von 1 bis 43 nummeriert und werden durch die fünf Hauptteile nur locker gegliedert.

Teils werden neuformulierte Anleitungen für Meditationsübungen gegeben, die nicht gesondert hervorgehoben und so nicht auf den ersten Blick auffindbar sind:

  • Atemmeditation, S. 62f
  • Bodyscan, S. 103f
  • Bewegungsmeditation in vier Schritten, S. 121f
  • Metta/liebende Güte, S. 157-159
  • Bergmeditation, S. 148f

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Ausgewählte Inhalte

An dieser Stelle sollen exemplarisch einige Einzelkapitel vorgestellt werden:

Kapitel 1: Anfänger sein. Das Buch eröffnet wie das MBSR-Programm mit der „Rosinen-Übung“, anhand derer der „Anfängergeist“ beschrieben wird. Dabei wird dem winzigen Vorgang des Rosinenessens viel Zeit und bewusste Aufmerksamkeit für alle Wahrnehmungsdimensionen geschenkt.

Kapitel 14: Frieden schließen mit dem eigenen Geist. Ein umherschweifender Geist sei nur dann ein unglücklicher Geist, wenn er als etwas Negatives betrachtet werde. Daher ist der Ratschlag, statt den Geist durch sture Konzentration kontrollieren zu wollen: zu lernen „mit dem Geist zu tanzen“.

Kapitel 17: „Kindfulness“ – liebevolle Aufmerksamkeit. Achtsamkeit wird hier als warme, freundliche Art der Aufmerksamkeit beschrieben, die man sich und der Umwelt schenkt. Die Autoren prägen hierfür den Begriff Kindfulness, ein Wortspiel aus kind (freundlich) und mindfulness (Achtsamkeit). In den folgenden Kapiteln geht es um Qualitäten wie Selbstliebe, Freude, Großzügigkeit und Sanftheit.

Kapitel 36: Zulassen was ist. Hier wird die Praxis des „offenen Gewahrseins“ vorgestellt, die „all die vorangegangenen Praktiken integriert“. Nachdem zunächst angeleitet wurde, sich auf bestimmte Objekte (Rosine, Atem) zu fokussieren, geht es nun um ein „Ruhen in der zeitlosen Gegenwart“ mit offenem Fokus. Angenehmes wie Unangenehmes taucht darin auf und vergeht.

Kapitel 38: Unter die Oberfläche der persönlichen Identität tauchen. Die Autoren regen an, sich folgende Frage zu stellen: „Wer bin ich ohne meine Geschichte?“ Hier wird ein kleines Fallbeispiel von Joe, einem MBSR-Teilnehmer, angeführt, der mit dem Glauben lebte, unzulänglich zu sein. Durch die Sitzmeditation erkannte er die eigene begrenzte Selbstdefinition und konnte sich von seiner Geschichte befreien. Es wurde ihm bewusst, „dass er nicht seine Gedanken war“.

Kapitel 39: Die natürliche Balance. Gleichmut wird als Gegenstück zu Mitgefühl vorgestellt. Dieser könne Helfende davor schützen, dass zu viel Fürsorge in eine „Mitgefühlsmüdigkeit“ umschlägt. Ein Bild für Gleichmut ist der Berg, der immer derselbe bleibt, egal, welches Wetter ihn heimsucht.

Das Buch endet mit Reflexionen über die wechselseitige Verbundenheit der Dinge und schließt mit Wünschen wie: „Mögen Sie spüren, dass Sie einen Platz auf der Welt haben und mit allem Leben verbunden sind“ (S. 162).

Diskussion

Der Entstehungshintergrund des Buches wird nicht transparent gemacht, sodass das „Warum“ für die Herangehensweise an das Thema unklar bleibt. Achtsamkeit im Alltag ist bereits Teil des MBSR-Konzeptes, sodass der Titel nicht selbsterklärend ist, zumal auch Anleitungen zur formalen Meditation enthalten sind.

Das Buch ist geprägt von einer Spannung zwischen ergebnisorientierter und ergebnisoffener Haltung. Auf der einen Seite soll eine Aufzählung an Quellen und Studien die Wirksamkeit für verschiedene Bereiche körperlicher und seelischer Gesundheit unterstreichen. Es wird gar eine einfache Möglichkeit an die Hand gegeben, um die Auswirkungen der Arbeit mit dem Buch auf das eigene Stresslevel zu messen (S. 13f).

Auf der anderen Seite geht es um eine offene, spielerische Haltung. Darum, sich auf die Erfahrung einzulassen, die Übungen einfach auszuprobieren, mit der Idee, in jedem Moment neu anfangen zu können. Diese Spannung ist typisch für die Achtsamkeits-Praxis. Der scheinbare Widerspruch löst sich darin auf, um das Ziel zu wissen und es gleichzeitig loslassen.

Wenn es um Qualitäten wie Dankbarkeit, Großzügigkeit und Geduld geht, oder gar darum, mehr zu lächeln (Kapitel 20), kann der falsche Eindruck eines „Du sollst“, also einer moralischen Forderung entstehen. Als ginge es in der Achtsamkeits-Praxis darum, ein besserer Mensch zu sein.

Hierbei ist wichtig, im Blick zu behalten, dass der Ausgangspunkt immer die Selbstliebe und das eigene Wohlbefinden ist. Die Achtsamkeitspraxis sieht das eigene Wohl grundsätzlich verbunden mit dem Wohle anderer. Hieraus erwächst die Idee, für sich und andere zu praktizieren. Das Buch kommt dabei mit einer guten Portion Idealismus daher. Laut Widmung geht es den Autoren um nicht weniger als „die Welt zu einem besseren Ort zu machen“.

Auch ist mehrmals von den „Welleneffekten“ der Achtsamkeit die Rede: Die Auswirkungen der Praxis einer Person würden auch in deren Umfeld spürbar. Dass es nicht nur um die Förderung passiver Qualitäten geht, macht ein Ghandi-Zitat deutlich: „Auf sanfte Weise kann man die Welt zum Beben bringen.“ (S. 93)

Die Struktur des Buches erscheint etwas sperrig. So findet sich in jedem Unterkapitel die Zwischenüberschrift „Probieren Sie es aus!“ Dies entspricht aber keiner durchgängigen inhaltlichen Trennung zwischen Theorie und Praxis. So lassen sich die Zwischenüberschriften lediglich als wiederkehrender Reminder lesen, sich auf die Erfahrung einzulassen: Die Praxis steht im Vordergrund.

Das Buch richtet sich direkt an die Leserin/den Leser. Es diskutiert die Möglichkeiten der Anwendung bei bestimmten Zielgruppen, wie Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, nicht. Es geht immer um die eigene Praxis und nicht darum, diese an Dritte weiterzugeben. Typisch für MBSR ist jedoch die Einheit von Lehre und eigener Praxis, d.h. die Unterrichtung setzt in aller Regel eigene Erfahrung mit Achtsamkeits-Meditation voraus.

Fazit

Das Buch kommt durch seine Aufmachung und seinen Klappentext als praktischer Ratgeber daher. Es enthält jedoch tiefgehende Weisheitslehren, die hier leider keinen passenden Rahmen bekommen. Der Gesamteindruck ist wenig rund.

Jedoch bildet es die Haltung der Achtsamkeit gut ab. Empfohlen werden kann es als Lesebuch, das Menschen, die mit Achtsamkeit und MBSR bereits vertraut sind, zusätzliche Impulse liefert. Denkbar wäre, den Titel MBSR „für jeden Tag“ ernst zu nehmen, und sich jeden Tag eines der Kapitel vorzunehmen. Das Buch enthält sehr schöne Passagen, die inspirieren können und die eigene Achtsamkeits-Praxis lebendig halten.

Ob es aber Menschen überzeugen kann, die neu in die Thematik einsteigen, sei dahin gestellt. Als Kurzeinführung ins MBSR hätte es mehr Klarheit und Struktur gebraucht.


Rezensentin
Nina Theofel
Peer, Referentin BayPE e.V - Bayerischer Landesverband Psychiatrie-Erfahrener e.V.
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Zitiervorschlag
Nina Theofel. Rezension vom 12.10.2018 zu: Elisha Goldstein, Bob Stahl: MBSR für jeden Tag. Die achtsamkeitsbasierte Stressbewältigung im Alltag. Arbor Verlag (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-86781-164-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23552.php, Datum des Zugriffs 18.10.2018.


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