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Steffi Thon: Bindung und Beziehung

Cover Steffi Thon: Bindung und Beziehung. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2017.

DVD, Laufzeit 72 Min., gegliedert in einzeln anwählbare Kapitel. Beteiligte ExpertInnen: Prof. Dr. Klaus Grossmann, Dr. Karin Grossmann, Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Prof. Dr. Heidi Keller.


Thema und Entstehungshintergrund

Bindung und Beziehung ist ein Thema, das heute weit über eine fachpraktische Diskussion hinausgeht. Die Bindungstheorie, die eine besondere Bedeutung der frühen Kindheit und die enorme Wichtigkeit der Bezugspersonen, v.a. der Mütter für eine positive emotionale Entwicklung betont, ist heute weit mehr als eine entwicklungspsychologische Theorie. Sie wurde zu einem kulturspezifischen Konzept, das über Medien und Kursangebote schnell in den Alltag der Familien eingesickert ist. Die Filmemacherin Steffi Thon (Erziehungswissenschaftlerin M.A.) hat nun einen Film vorgelegt, in dem sowohl ElementarpädagogInnen als auch Eltern die Bedeutung von Bindung und Beziehung als Voraussetzung für Bildungsprozesse erläutert wird.

Aufbau und Inhalt

Der Film besteht aus 16 Kapiteln, die jeweils am Ende kurz und prägnant zusammengefasst werden.

Ausgehend von der Bindungstheorie nach John Bowlby und Mary Ainsworth werden von Kurt Gerwig viele Fragen aufgeworfen, die mit einschlägigen ExpertInnen (in den meisten Kapiteln Karin und Klaus Grossmann und Fabienne Becker-Stoll) diskutiert und an Videobeispielen veranschaulicht werden.

Nach einem kurzen Vorspann und der Einleitung befassen sich die Kapitel 3-4 mit der „Bindungstheorie“ und dem „Bindungsverhalten“ des Kindes, wird geklärt, was unter Bindung zu verstehen ist: eine enge Beziehung des Kindes zu einer verfügbaren und verlässlichen Person, die dem Kind vertraut ist und es vor Distress schützt. Oder mit anderen Worten: die Erwartung und das Wissen des Kindes, dass es Schutz und Versorgung von dieser Person erfährt. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass Menschen ein angeborenes Bindungsbedürfnis haben, um ihr physisches und psychisches Überleben zu sichern. Ein Verhaltenssystem, das in beunruhigenden Situationen aktiviert wird, sorgt dafür, dass Bindungspersonen auf die Not des Kindes aufmerksam werden und es beruhigen, damit es dann wieder explorieren und die Welt erkunden kann.

In Kapitel 5 beantworten die ExpertInnen die Frage, wann „Bindungsentwicklung“ beginnt, wie das Kind zeigt was es braucht und wie sich Bindung in den ersten Lebensmonaten entwickelt. Dabei muss unterschieden werden zwischen Bindungspersonen, die schon vorgeburtlich eine emotionale Bindung zu ihrem Kind aufbauen und den Kindern, bei denen die Bindungsentwicklung (die oben beschrieben wurde) ab der Geburt durch alltägliche Interaktionserfahrung beginnt. Deutlich wird die Bindung an bestimmte Personen durch das Fremdeln des Kindes.

Im 6.und 7. Kapitel stehen in den Gesprächen die „Signale des Kindes und Feinfühligkeit“ sowie die „Bindungspersonen“ im Mittelpunkt. Dabei wird auf die besondere Abstimmung (Tuning) des Verhaltens der Mutter auf die Signale des Kindes hingewiesen. Die angemessene Wahrnehmung, Interpretation und Reaktion der Bindungsperson, die Feinfühligkeit stellt dabei die Voraussetzung für Kommunikation dar. Interessant ist, dass Kinder oft bis zu drei Bindungspersonen haben können, die für sie aber in einer klaren Rangreihe stehen. An erster Stelle steht die Person, die sich am meisten um das Kind gekümmert hat und sozial und emotional mit ihm interagiert.

Im 8. Kapitel „Kulturspezifischer Blick auf Bindungspersonen“ erklärt Heidi Keller, dass in anderen Kulturen keine spezifischen Bindungen an Personen stattfinden, sondern in multiple Netzwerke. Hier sind in der Regel nicht Eltern die Hauptbindungspersonen – im Gegenteil die Mütter spielen hier eine eher untergeordnete Rolle – sondern ältere Kinder, v.a. die Gruppe der bis zu 6jährigen oder die Großeltern.

Das 9. Kapitel befasst sich mit den vier Bindungsmustern sicher, unsicher-vermeidend unsicher-ambivalent und desorganisiert und erklärt, wie sich diese Muster entwickeln. Um diese Bindungsmuster erkennen zu können, bedarf es einer umfangreichen Schulung. Dabei wird auch auf die Relevanz von Bindungswissen für pädagogische Fachkräfte hingewiesen und dringend davor gewarnt zu versuchen, die Bindungsqualität der Kinder im Kita-Alltag einzuschätzen. Das sei unzulässig und fahrlässig und außerdem nicht nötig.

Der „Unterschied zwischen Bindung und Beziehung“ ist Thema des 10. Kapitels, wonach Beziehung (die auch zu vielen Personen möglich ist) die positiven Aspekte betone, bei der auch eine Trennung kein Problem sei. Bindung sei demgegenüber eine spezifische Kategorie von Beziehung, die erste Beziehung eines Kindes zu den wichtigsten Pflegepersonen. Das Leid bei Trennung von diesen Personen, in der Regel Mutter und Vater, sei ein wesentliches Merkmal von Bindung. Kinder müssen sich binden, nur die Bindungsperson kann Sicherheit gewährleisten, welche für Lernen zentral ist. Deshalb ist es auch wichtig, dass das Kind in der Kita zu einer konstanten Betreuungsperson eine vertrauensvolle Beziehung aufbauen kann, damit diese als sichere Basis dem Kind hilft, seinen Stress soweit zu regulieren, damit es explorieren kann. Die Eltern bleiben trotzdem die Nummer eins für das Kind.

Da Kinder auch in der Krippe erst Sicherheit ohne ihre Bindungsperson gewinnen müssen, ist eine behutsame „Eingewöhnung“ (Kapitel 11) zentral. Drei Faktoren werden dabei betont: Eingewöhnung muss elternbegleitet, bezugserzieherinnenorientiert und abschiedsbewusst stattfinden. Eine Eingewöhnung ist dann gelungen, wenn das Kind bei der Bezugserzieherin aktiv Trost sucht.

Ein „kulturspezifischer Blick auf Eingewöhnung“ (Kapitel 12) sensibilisiert für Ansichten zu Erziehung aus anderen Kulturkreisen, die ErzieherInnen immens verunsichern können.

Kapitel 13 richtet sich explizit an Fachkräfte und beschäftigt sich mit „Beziehung im Kontext pädagogischer Arbeit“. Hier werden Fragen gestellt, die ErzieherInnen im Umgang mit Kindern wissen sollten, wie z.B. Was bedeutet Vermeidung? Wie zeigen Kinder Stress? oder auch Wie wirken Kinder mit unterschiedlichen Bindungsmustern auf ErzieherInnen? Und sie sollten über Bindungsbedürfnisse und ihren Ausdruck Bescheid wissen. Abschließend wird ein Plädoyer für Nähe der ErzieherInnen zu den Kindern abgegeben: Kinder brauchen Nähe, um Beziehungen aufbauen zu können.

Bevor ein Fazit und Abspann die DVD abschließen wird im 14. Kapitel „Resilienz“ der Zusammenhang von Bindung/Beziehung und Resilienz behandelt. Klaus Fröhlich-Gildhoff erläutert das Konzept sowie die Quellen von Resilienz, zu denen er neben persönlichen Faktoren des Kindes auch positive Beziehungserfahrungen zählt. Eine sichere Bindungserfahrung ist dabei der wichtigste außerpersonale Schutzfaktor. Zudem benennt er sechs Resilienzfaktoren, die gut in pädagogischen Situationen gefördert werden können.

Das Fazit des Films richtet sich an die pädagogischen Fachkräfte: „Es geht nicht darum, möglichst viel Theorie zu lernen, sondern im Umgang mit den Kindern herauszufinden, was sie brauchen.“ (Klaus Grossmann)

Diskussion

Der Film ist eher kurz und einfach gehalten, das könnte man ihm zum Vorwurf machen, das ist m.E. aber auch seine Stärke. Denn stundenlange Filme über Bindung gibt es schon. Hier gewinnt man schnell einen Überblick über die Bindungstheorie und deren Relevanz für die Praxis. Er ist didaktisch gut aufbereitet. Die Themen werden über Gespräche mit ExpertInnen erschlossen und anhand von Videobeispielen illustriert. Dadurch erfährt die Fachterminologie eine sehr anschauliche Untermalung. Abschließend wird jedes Kapitel mit der Wiederholung und Visualisierung der wichtigsten Begriffe zusammengefasst.

Gut gefällt mir, dass der Film nicht den ideologischen Blick auf die Mutter verstärkt, sondern darauf hinweist, dass auch andere Pflegepersonen Bindungspersonen sein können bzw. in anderen Kulturkreisen weniger Personen als multiple Netzwerke relevant sind.

Der Film hat keine wissenschaftliche Tiefe, das ist auch nicht gewollt, sondern einen hohen Anwendungsbezug, in dem immer wieder Fragen zur Relevanz für pädagogische Fachkräfte aufgeworfen werden.

Fazit

Für pädagogische Fachkräfte oder Studierende stellt die DVD eine gute übersichtliche Einführung dar, die sie ermutigt Kinder zu beobachten und auf ihre Bedürfnisse einzugehen und sie nicht in Bindungskategorien zu packen. Aber auch für Eltern ist es ein interessanter und v.a. entlastender Beitrag zu Bindung und Beziehung.


Rezensentin
Prof. Dr. Luise Behringer
Professorin für Psychologie in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, Abt. Beneiktbeuern

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Zitiervorschlag
Luise Behringer. Rezension vom 13.04.2018 zu: Steffi Thon: Bindung und Beziehung. AV1 Pädagogik-Filme (Kaufungen) 2017. DVD, Laufzeit 72 Min., gegliedert in einzeln anwählbare Kapitel. Beteiligte ExpertInnen: Prof. Dr. Klaus Grossmann, Dr. Karin Grossmann, Prof. Dr. Fabienne Becker-Stoll, Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff, Prof. Dr. Heidi Keller. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23555.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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