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Georg Theunissen, Albert Lingg: Psychische Störungen und geistige Behinderungen

Cover Georg Theunissen, Albert Lingg: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis, 7. aktualisierte Auflage. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. 148 Seiten. ISBN 978-3-7841-2968-6. D: 23,00 EUR, A: 23,70 EUR.
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Thema

Die Kenntnis über psychische Störungsbilder sowie einem psychiatrischen Basiswissen ist für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe unverzichtbar, vor allem in Bezug auf Menschen mit intellektuellen Behinderungen. Dazu gehören (sozial-) psychiatrische, psychopharmakologische, psychotherapeutische, heilpädagogische und lebensweltbezogene Handlungsansätze. Eine große Rolle spielt eine interdisziplinäre Sicht, die grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen vermittelt. Das Buch ist als Standardwerk für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe unverzichtbar, es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Fachleute und Forschende diesem wichtigen Thema zuwenden. Leider gibt es zudem noch viel zu wenige Fachärzt*innen, die sich mit diesem Personenkreis auskennen und geeignete Therapeut*innen sucht man auch oft vergebens.

Autoren

Dr. Albert Lingg, Jg. 1949 ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin sowie Psychotherapeut in Rankweil in Österreich.

Prof. Dr. Georg Theunissen Jg 1951hat den Lehrstuhl für Geistigbehindertenpädagogik und Pädagogik bei Autismus am Institut für Rehabilitationspädagogik der Universität Halle-Wittenberg, Deutschland.

Aufbau und Inhalt

Das hier vorgelegte Buch ist inzwischen in der 7. durchgesehenen und aktualisierten Auflage erschienen. Es hat den Anspruch, sowohl ein Lehrbuch als auch ein kurz gefasstes Nachschlagewerk (Kompendium) für die Praxis zu sein.

Es ist im Softcoverformat erschienen und hat einen Umfang von 251 Seiten. Diese gliedern sich in vier Kapitel, die sich in zahlreiche Unterkapitel untergliedern. Die Unterkapitel sind nicht durchnummeriert. Die einzelnen Abschnitte enden meist mit einem Resümee. Auf jedem äußeren Rand links befinden sich die Kapitelnummer und der Titel des behandelten Kapitels, auf jedem äußeren rechten Rand der Titel des jeweiligen Unterkapitels. Die Seiten sind eng beschrieben. Im Fließtext findet man farblich markierte Überschriften, Tabellen und Textboxen, die durch blaue Striche hervorgehoben sind. Ein Stichwortverzeichnis erleichtert die gezielte Suche von Begrifflichkeiten.

  • Kapitel 1 Einleitung
  • Kapitel 2 Psychiatrische Grundlagen – Klassifizierung und Therapie
  • Kapitel 3 Psychotherapeutische Konzepte
  • Kapitel 4 Konzepte der Heilpädagogik und Sozialen Arbeit
  • Sachwortverzeichnis
  • Literatur
  • Die Autoren

Im ersten Kapitel, der Einleitung, wird das Thema des Buches umrissen. Es definiert die Begriffe „geistig behindert“, „verhaltensauffällig“ und „psychisch gestört“ und wirft einen Blick in die Geschichte.

Mit den psychiatrischen Grundlagen, der Klassifizierung und der Therapie befasst sich das zweite Kapitel. Den Autoren geht es dabei nicht um eine Diskriminierung, es geht darum, Menschen sorgsam und ausführlich zu betrachten. Ein psychiatrisches Werkzeug ist die psychiatrische Untersuchung, die aus drei Elementen (Erhebung der Anamnese, Erfassung eines aktuellen Zustandsbildes und einer Verlaufsbeobachtung) besteht und 15 psychopathologische Symptome erhebt. Hier wird kurz erläutert, was im klinischen Kontext unter einem „Syndrom“ verstanden wird. Dieser Abschnitt endet mit der relativierten Betrachtung der psychiatrischen Klassifikation und es wird die Frage gestellt, ob geistig behinderte Menschen von psychischen Störungen stärker betroffen sind als nicht behinderte Menschen.

Entsprechend des Klassifikationssystems der WHO, dem ICD 10 werden die Abschnitte F0 – F6 genauer erläutert:

  • F0 – Organische (körperlich begründbare) Psychosen wie z.B. psychosoziale Probleme bei Epilepsie
  • F1 – Psychische und Verhaltensstörungen durch psychotrope Substanzen
  • F2 – Schizophrenie und sonstige wahnhafte/psychotische Störungen
  • F3 – Affektive Störungen (früher: Manisch-depressives Kranksein, MDK)
  • F4 – Neurotische, Belastungs- und somatoforme Störungen
  • F5 – Verhaltensauffälligkeiten in Verbindung mit körperlichen Störungen und Faktoren
  • F6 – Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen

Unter F6 den Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen fallen sexuelle Auffälligkeiten und Störungen durch Misshandlung, das Autismus-Spektrum und ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung).

An vielen Stellen wurden zur Veranschaulichung der psychosozialen Auffälligkeiten Fallbeschreibung bei Krankheitsverläufen „Kasuistik“ beigefügt, diese heben sich vom Fließtext ab. Das Kapitel endet mit zwei Beispielen psychiatrischer Therapien und deren Voraussetzungen, das sind die Soziotherapie und die Psychopharmakotherapie.

Das dritte Kapitel hat psychotherapeutische Konzepte zum Inhalt. Nach jedem Ansatz wird ein Resümee gezogen. Der erste Abschnitt beleuchtet die psychoanalytisch orientierte Therapie, die Frühstörungen und gestörte Dialoge behandelt, erläutert wird hier die diagnostische und therapeutische Vorgehensweise. Daran schließt sich die individualpsychologische Psychotherapie und die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie mit speziellen methodischen Aspekten an. Bei der Beschreibung verhaltenstherapeutischer Ansätze mit Techniken der Verstärkung und klassischen Verfahren, werden aversive Methoden und kombinierte Methoden näher beleuchtet. Dieser Abschnitt endet mit kritischen Anmerkungen und einer Zwischenbilanz. Es werden Hinweise zu kognitiv-behavioralen Methoden wie die Konklusion gegeben. Körperorientierte Psychotherapieformen oder die Gestalttherapie nach Besems und v.Vugt finden in knapper Form Erwähnung. Der Abschnitt schließt mit einer Reflexion und einem Resümee. In Bezug auf die systemische Therapie werden systemtheoretische Grundannahmen und Folgerungen beschrieben. Die Neuropsychotherapie ist eine in Theorie und Praxis neurowissenschaftlich informierte Psychotherapie. Das Kapitel endet mit einer zusammenfassenden Einschätzung und einem Ausblick in Form von fünf Schlaglichtern: die Beziehungsgestaltung, die Ressourcenaktivierung, die Problemaktualisierung, die Klärungsperspektive sowie der Problembewältigung.

Von Konzepten der Heilpädagogik und der Sozialen Arbeit handelt das vierte Kapitel. Es erläutert die Positive Verhaltensunterstützung, die Lebensweltbezogene Behindertenarbeit und die Systemisch- und stärkenorientierte Praxisberatung. Die Positive Verhaltensunterstützung zielt auf ein funktionales Assessment zur Entwicklung eines Unterstützungsprogramms, dessen Umsetzung und Durchführung. Der Abschnitt endet mit einem kritischen Resümee und einem Ausblick in Hinblick auf psychische Störungen.

Die Lebensweltbezogene Behindertenarbeit nimmt die Ökologie der menschlichen Entwicklung in den Blick. Es werden Schlussfolgerungen in Bezug auf Konsequenzen für die Praxis der Inklusion abgeleitet.

Die systemisch- und stärkenorientierte Praxisberatung ist im Vorfeld von Interventionen und Therapie angesiedelt. Erklärt werden die Grundzüge und die sechs zentralen Phasen:

  1. Orientierung und Kennlernphase,
  2. Phase der Problembeschreibung und Reflexion,
  3. Phase des Umdeutens und der Fokussierung auf Stärken,
  4. Phase der Zielbestimmung,
  5. Phase der Erarbeitung von Handlungsalternativen und der Entscheidung für einen Lösungsweg und
  6. Der Phase der Reflexion und des Feedback.

Dieser Abschnitt endet mit der Schlussbemerkung zur Rolle des Beratenden.

Diskussion

Albert Lingg und Georg Theunissen sind zwei renommierte Fachleute aus Psychiatrie und Heilpädagogik. Bei dem hier vorgelegten Buch handelt es sich um ein Standardwerk für die Behindertenhilfe im deutschsprachigen Raum. 1993 ist das Buch erstmalig erschienen und mittlerweile kam die 7. Auflage heraus. Vertreten wird eine Perspektive zeitgemäßer Behindertenarbeit aus interdisziplinärer Sicht. Vermittelt werden dabei grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen. Diese Ausgabe benutzt weiterhin den Begriff „geistige Behinderung“ obwohl aus Betroffenenperspektive der Begriff der „Lernschwierigkeiten“ favorisiert wird. Die Autoren haben sich dennoch für die Weiterverwendung des Begriffs „geistige Behinderung“ entschieden: zum einen in Bezug auf die Rechtsprechung und zum anderen aus Gründen der Verständigung. Der Begriff erfasst nicht die Bandbreite der Behinderung, es handelt sich dabei auch nicht allein um eine intellektuelle bzw. kognitive Einschränkung – auf das das Wort „geistig“ hindeuten könnte. Vielmehr sind komplexe Beeinträchtigungen gemeint, die auch die motorische, sensorische, emotionale Ebene mit einschließen. Diese Einschränkungen haben zahlreiche Ursachen. Einen zentralen Einfluss haben das Umfeld und die Lebensbedingungen.

Das Buch gibt einen guten Überblick und Einstieg in das Thema der Doppeldiagnosen, es fristet im deutschsprachigen Raum ein Nischendasein. Zunehmend wächst die Erkenntnis, dass Menschen mit einer sog. „geistigen Behinderung“ auch von psychischen Krankheiten betroffen sein können. Ein großes Problem bei der Behandlung ist die Schwierigkeit, dass Zugangswege und Therapien sprachbasiert sind.

Ab der 6. Auflage wurde das Kapitel über Autismus und ADHS neu hinzugefügt und stellt damit aktuelle Kenntnisse zur Verfügung. Das Literaturverzeichnis hat einen stattlichen Umfang von 30 Seiten. Allerdings beziehen sich manche Beiträge auf Veröffentlichungen, die nicht mehr ganz so aktuell sind. Ist das ein Ausdruck dafür, dass Menschen mit einer sog. geistigen Behinderung nicht im Fokus des medizinischen und therapeutischen Regelversorgungssystems stehen? Die Fachverbände der Behindertenhilfe benannten schon 2001 Mängel wie unzureichende Akzeptanz, mangelnde fachliche und kommunikative Kompetenz, unzulängliche organisatorisch-strukturelle Bedingungen für die besonderen Bedarfe und Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Damals stellte der Bundesverband evangelischer Behindertenhilfe (BeB) zwei Forderungen zur Weiterentwicklung der Regelversorgung in fachlicher, kommunikativer und organisatorischer Hinsicht (1) und zur Ergänzung des Regelversorgungssystems durch zielgruppenspezifische Angebote (2). Die Förderung der seelischen Gesundheit und die Vorbeugung bzw. Behandlung von psychischen Störungen stellt einen wichtigen Beitrag zur Förderung der sozialen Teilhabe von diesem Personenkreis dar.

Ich persönlich arbeite seit fast 30 Jahren als Diplom-Pädagogin mit dem Schwerpunkt Sonderpädagogik mit dem oben beschriebenen Personenkreis und weiß aus eigener Anschauung, dass es nahezu unmöglich ist, geeignete Therapeut*innen zu finden. Dieser unhaltbare Umstand hat mich in meinem Entschluss bestärkt, mich zur Heilpraktikerin für Psychotherapie weiterbilden zu lassen, was gelungen ist. Mit dem Abschluss und meiner systemischen Ausbildung erfülle ich die Voraussetzung zur therapeutischen Arbeit. Warum können Menschen mit Behinderung trotzdem nicht zu mir in die Praxis kommen? Der Grund liegt darin, dass die Kosten für die Therapie leider nicht von den Krankenkassen übernommen werden, d.h. Klient*innen müssen selber zahlen. Welcher Mensch mit einer intellektuellen Behinderung verfügt über derartiges eigenes Einkommen, um die Therapie zu bezahlen? Deshalb wäre es sehr zu begrüßen, wenn mehr Psycholog*innen sich dafür entscheiden würden, sich als Therapeut*innen für diesen Personenkreis ausbilden zu lassen, um in diesem Bereich zu arbeiten.

Fazit

Die Kenntnis über psychische Störungsbilder sowie einem psychiatrischen Basiswissen ist für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe unverzichtbar, vor allem in Bezug auf Menschen mit intellektuellen Behinderungen. Dazu gehören (sozial-) psychiatrische, psychopharmakologische, psychotherapeutische, heilpädagogische und lebensweltbezogene Handlungsansätze. Eine große Rolle spielt eine interdisziplinäre Sicht, die grundlegende und praktische Erkenntnisse und Erfahrungen vermittelt. Das Buch ist als Standardwerk für die praktische Arbeit in der Behindertenhilfe unverzichtbar, es wäre wünschenswert, wenn sich mehr Fachleute und Forschende diesem wichtigen Thema zuwenden. Bemerkenswert ist auch der Preis für dieses gute Fachbuch, der bei 23 € liegt.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 27.02.2018 zu: Georg Theunissen, Albert Lingg: Psychische Störungen und geistige Behinderungen. Ein Lehrbuch und Kompendium für die Praxis, 7. aktualisierte Auflage. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2017. ISBN 978-3-7841-2968-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23556.php, Datum des Zugriffs 18.06.2018.


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