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Jan Gysi, Peter Rüegger (Hrsg.): Handbuch sexualisierte Gewalt

Cover Jan Gysi, Peter Rüegger (Hrsg.): Handbuch sexualisierte Gewalt. Therapie, Prävention und Strafverfolgung. Hogrefe (Bern) 2017. 722 Seiten. ISBN 978-3-456-85658-2. 79,95 EUR, CH: 99,00 sFr.
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Thema

Die Auswirkungen sexualisierter Gewalt sind erheblich und vielgestaltig, gleichzeitig ist das Thema tabuisiert und stellt in Beratung und Therapie weiterhin eine besondere Herausforderung dar. Das Handbuch greift alle relevanten Aspekte des Phänomens sexualisierte Gewalt auf und nähert sich dem Thema aus interdisziplinärer Perspektive von der Grundlagenforschung, Tat- und Täteranalyse, über die Folgen sexualisierter Gewalt bis hin zur Anzeigeerhebung, Tatermittlung und das Strafverfahren und den Therapiemöglichkeiten für Betroffene.

Herausgeber

Die Herausgeber sind:

  • Dr. med. Jan Gysi arbeitet als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit einem Schwerpunkt in Psychotraumatologie nach langjähriger Oberarzttätigkeit in psychiatrischen Kliniken heute in eigener Praxis in Bern/Schweiz.
  • Dr. Peter Rüegger arbeitet nach Jahren als Staatsanwalt und Leitung einer Ermittlungseinheit u.a. zur Verfolgung von Sexualstraftaten bei der Stadtpolizei Zürich heute als Fachberater und Rechtsvertreter von Opfern.

AutorInnen

Die Einzelbeiträge wurden von ExpertInnen aus den Fachrichtungen Psychologie, Psychiatrie, Rechtsmedizin, Psychotherapie, Rechts- und Polizeiwissenschaften, Heilpädagogik, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit und Journalismus aus dem gesamten deutschsprachigen Raum verfasst.

Aufbau und Aufbau

Das Handbuch ist in zehn Kapitel unterteilt:

  1. Grundlagenaspekte
  2. Tat- und Tätermerkmale
  3. Hilfsangebote im Nachtatzeitraum
  4. Gestaltung des Zeitraums bis zur Anzeigeerstattung
  5. Opfersensible Ermittlungsarbeit
  6. Gerichtliche Prozessgestaltung
  7. Traumafokussierte Therapie von Straftatsopfern
  8. Spezielle Risikogruppen
  9. Merkmale der Sekundärtraumatisierung und
  10. Prävention

Ein Abschlusstext beschreibt das Vorgehen nach einer Sexualstraftat, von der Anzeigeerstattung und Traumakonfrontation vor und während Gerichtsverfahren und gibt allgemeine Empfehlungen für die Psychotherapie. Daran folgen das Abkürzungs-, AutorInnen- und das Stichwortverzeichnis

Zu 1. Grundlagen

Das Grundlagenkapitel greift in fünf Beiträgen die Aspekte Psychotraumatologie in Sexualstrafverfahren, Prävalenz sexueller Gewalt im deutschsprachigen Raum, Vergewaltigungsmythen und Stigmatisierungen in Justiz, Polizei, Therapie und Beratung, Falschbeschuldigungen und das Phänomen Cyber-Grooming auf. Die einzelnen Beiträge eröffnen einen ersten Einblick, warum und in welchem Ausmaß Sexualstrafverfahren eine besondere Herausforderung für alle Beteiligten darstellen: hinter den Delikten stehen komplexe psycho-soziale Problemlagen, Machtaspekte, gesellschaftliche Norm- und Wertvorstellungen, Sozialdynamiken und Geschlechteraspekte, die ihren Ausdruck im jeweils persönlichen Umgang mit diesen Aspekten (der von sexualisierter Gewalt Betroffenen, den Ermittlungs- und Justizbehörden, den BeraterInnen und TherapeutInnen, den TäterInnen) finden: Misstrauen, Voreingenommenheit, Unoffenheit, Angst, Konfrontation, Belastung sind Folgen dieser Prozesse, vor denen sich niemand entziehen kann. Deutlich wird – schon im ersten Beitrag – dass Sexualdelikte soziale Katastrophen darstellen, dass sexualisierte Gewalt immer – auch – im Kontext von Machtverhältnissen zu betrachten ist und die sozialen Strukturen hinter den Delikten eine große Rolle bei Art und Ausmaß des Delikts spielen. Dabei gilt, dass es sich bei Sexualstraftaten um ein Massenphänomen handelt, dessen absolute Zahlen (zumindest im Hellfeld) langsam, aber doch kontinuierlich abnehmen, aber immer noch in einem Ausmaß verübt werden, dass die Lebenszeitprävalenz (für das Erleiden eines sexuell-aggressiven Übergriffs) zwischen knapp fünf und beinahe 30 Prozent liegt (bezogen auf weibliche Teilnehmende einer bevölkerungsrepräsentativen Untersuchung in Deutschland, Österreich und der Schweiz). Das Anzeigeverhalten der betroffenen Frauen und Männer hängt dabei stark von den Rahmenbedingungen bei den Ermittlungs- und Justizbehörden und – vermuteten, oder befürchteten – Glaubwürdigkeitsproblemen ab, weshalb es oftmals gar nicht zu einer Anzeige kommt. Hier mahnen die AutorInnen verstärkt wissenschaftliche Forschungsbemühungen an. Längst hat sich neben den „klassischen“ Deliktbereichen auch das Internet als Deliktebene etabliert. Mit dem Begriff des Cyber-Grooming werden diejenigen Handlungen erfasst, bei denen über Internetstrukturen (Social Media, E-Mail, SMS etc.) Straftatbestände verübt werden und vor allem die Kontaktanbahnung zwischen Täter und Opfer hergestellt wird. Neben der Darstellung der bekannten Täterstrategien weist die Autorin auf mögliche Präventionsansätze hin, die auch mit konkreten Hinweisen auf besonders erfolgreiche Projekte und deren Merkmale ergänzt werden.

Zu 2. Tat- und Tätermerkmale

Eine gründliche Auseinandersetzung mit dem Tatgeschehen, den Tat- und Tätermerkmalen, den dahinter stehenden Motiven, aber auch den Folgen für die Tatopfer und deren Verarbeitungsmechanismen bietet der zweite Abschnitt. Herausgeber Jan Gysi bietet in seinem Beitrag „Fünf Konzepte zur Veranschaulichung komplexer Dynamiken bei sexualisierter Gewalt“ eine fachlich verankerte Strukturierungs- und Erklärungshilfe für das Verständnis sexualisierten Tatgeschehens. Er definiert u.a. häufige Tatziele, Vorgehensweisen und Deliktphasen, relevante Formen von Belastungsstörungen bei den Opfern und ein Phasenmodell es Entstehens posttraumatischer Störungen und hier zusätzlich die besondere Form destruktiver Reaktionen nach Traumatisierung.

Zur Einschätzung der Täter, deren Persönlichkeit und Tatstrategien führt Bernd Borchard in das „Forensisch Operationalisierte Therapie-Risiko-Evaluations-System“ (FOTRES) ein (siehe dazu ausführlich: www.socialnet.de/rezensionen/20762.php). Das Instrument bietet eine ausführliche Pfadanalyse zur Identifikation von Täterstrukturen und eine Übersicht zu relevanten Risiko-Eigenschaften für sexuelle Gewalt. Die Auseinandersetzung mit dem Tatgeschehen wird durch zwei Beiträge zu körperlichen und psychischen Reaktionsformen nach sexueller Gewalt bei den Opfern (mit Schwerpunkten zu Trauma und Stress, Hirnphysiologie nach Traumatisierung, kurz- und mittelfristige Folgen) und langfristigen Bewältigungsmerkmalen (mit Darstellung der aktuellen Ergebnisse zum Forschungsgebiet Traumagedächtnis) vertieft.

Zu 3. Hilfe im Nachtatzeitraum

Das Kapitel erschließt in acht Beiträgen Hilfe- und Unterstützungsangebote für Betroffene sexualisierter Gewalt. Die Beiträge benennen Hilfeaspekte in Bezug auf Ersthelfer und Angehörige, geben Hinweise auf die Arbeit in professionellen Kontexten für Fachleute (in Kliniken, Hausarztpraxen, Seelsorge und Psychotherapie) und beleuchtet die Arbeit von Opferberatungsstellen im Zusammenhang mit der Erstberatung. Weitere Beiträge greifen die Aspekte Diagnostik der posttraumatischen Belastungsstörung, die Besonderheiten der versicherungsmedizinischen Begutachtung und Maßnahmen im Rahmen zivilrechtlicher Schadenersatzansprüche auf. Beispielhaft werden abschließend zwei regional begrenzte Ansätze (Schweizer Opferhilfegesetzt und Trauma-Netzwerk-Niedersachen) vorgestellt. Die Darstellung in den Einzelbeiträgen fassen wichtige Beratungs- und Unterstützungsstrategien zusammen und bieten teilweise Verfahrensabläufe an, die den state-of-the-art im Umgang mit Betroffenen sexualisierter Gewalt umfassen und wichtige Aspekte (die in der Dynamik einer Erstberatung nicht selten übersehen werden können) erschließen, so z.B. Aspekte der Beweissicherung, Dokumentation, versicherungs- und zivilrechtliche Aspekte, Rechte im Strafverfahren, Auswahl weiterer Beratungs- und Therapieangebote.

Zu 4. Der Weg zur Anzeigeerstattung.

Ein eigenes Kapitel setzt sich mit dem Zeitraum zwischen Tat und Anzeige auseinander. Die beiden Beiträge benennen die relevanten Aspekte und Fragestellungen, z.B. ob, wann, wie und unter welchen Umständen eine Anzeige erfolgen kann, sollte oder muss und welche Vorbereitungsschritte zu berücksichtigen sind. Dabei spielt auch eine Rolle, welche Funktionen ein durch die Anzeige angestoßener Strafprozess erfüllen kann und welche nicht. Allerdings spielen auch verschiedene psychodynamische Aspekte (Angst, Scham- und Schuldgefühle, Loyalitätskonflikte) eine Rolle hinsichtlich des Anzeigeverhaltens. Diese Aspekte werden im zweiten Beitrag differenziert dargestellt.

Zu 5. Opfersensible polizeiliche Ermittlungsarbeit

Die Belange der Ermittlungs- und Strafverfahrensarbeit im Umfeld von Polizei und Strafjustiz werden in einem eigenen Kapitel und dort mit neun Beiträgen behandelt. Die Themen reichen hier von Hinweisen zur opfersensiblen polizeilichen Ermittlungsarbeit, über die mitunter gegensätzlichen Bedürfnisse zwischen Strafverfolgung und Opferbedürfnissen, die Beziehungsgestaltung in der Opferzeugenvernehmung (hier zusätzlich mit einem Schwerpunt zu speziellen Vernehmungstechniken, rechtsmedizinischen Fragestellungen (Stichwort: Beweissicherung), die Psychosoziale Prozessbegleitung für von sexualisierter Gewalt Betroffene, die Opfervertretung im Strafverfahren aus rechtsanwaltlicher Sicht bis hin zu Fragen der Strafverteidigung, also die rechtsanwaltliche Verteidigerposition für Täter. Die Hinweise und Beispiele, Fragen der Beziehungsgestaltung, Überlegungen zum Opferschutz stellen sehr gründlich und umfassend den aktuellen Wissensstand zum Opferschutz im Ermittlungsverfahren dar und versehen diese z.T. mit konkreten Praxisbeispielen.

Zu 6. Gerichtliche Prozessgestaltung

Aufbauend auf den Überlegungen des vorherigen Kapitels beleuchtet der Abschnitt zum Beweis- und Hauptverfahren durch Staatsanwaltschaft und Gericht alle relevanten strafprozessualen Aspekte unter dem Blickwinkel des Opferschutzes. Ausgehend von den europäischen Opferrechtsstandards werden Überlegungen und Standards des Opferschutzes in den verschiedenen Abschnitten eines Strafverfahrens dargestellt, z.B. die schwierige Frage nach der Glaubwürdigkeit von Opfern, Überlegungen zu einer „gerechten Bestrafung“ der Täter, den Umgang mit den Beschuldigten in Sexualstrafverfahren (Unschuldsvermutung, Schweigerecht etc.), bis hin zu Fragen einer opfersensiblen (schützenden) Medienberichtserstattung. Die rechtlichen Aspekte zum Ermittlungs- und Gerichtsverfahren werden jeweils für die Situation in Österreich, der Schweiz und in Deutschland dargestellt.

Zu 7. Therapie mit Opfern sexualisierter Gewalt und den Tätern

Kapitel sieben geht auf die Therapie im Kontext sexualisierter Gewalttaten ein. Zwei Beiträge fokussieren auf die Bedürfnisse, Themen und Rahmenbedingungen der von sexualisierter Gewalt Betroffenen, ein Beitrag (verfasst von der langjährigen Leiterin der größten deutschen Maßregelvollzugsklinik in Eickelborn, Nalah Saimeh) beschreibt die therapeutischen Implikationen und Strategien in der Behandlung von Sexualstraftätern. Alle drei Beiträge benennen in knapper Form einige der in Trauma- und Tätertherapie etablierten Ansätze und methodischen Überlegungen, die Ausführungen bleiben dabei im „Übersichtsmodus“.

Zu 8. Spezielle Risikogruppen

In diesem Kapitel werden in drei Beiträgen die besonderen Aspekte, Bedürfnisse und Rahmenbedingungen spezieller Risikogruppen auf Seiten der von sexueller Gewalt Betroffenen thematisiert: Sexualisierte Gewalt gegen Kindern und Jugendliche; gegen Menschen mit Migrationshintergrund und gegen Menschen mit geistiger Behinderung. Schwerpunkte der einzelnen Beiträge sind zunächst eine kurze Einführung in die Besonderheiten der einzelnen Risikogruppen (Lebenssituation von Kindern, MigrantInnen, Menschen mit Behinderung, Abhängigkeitsphänomene, Verbalisationsfähigkeit etc.), die besondere Symptomatik im Kontext sexueller Gewalterfahrung, Hinweise für die (polizeiliche) Ermittlungsarbeit, sowie für Diagnostik und Therapie. In der gebotenen Kürze der Einzelbeiträge werden alle relevanten Aspekte zusammengefasst dargestellt

Zu 9. Sekundärtraumatisierung

Das vorletzte Kapitel wechselt die Blickrichtung, weg von Opfern und Tätern hin zu den professionellen ErmittlerInnen und HelferInnen, die im Bereich sexualisierter Gewalt arbeiten. Erfasst werden hier in zweit Beiträgen die spezifischen Belastungsmerkmale, denen sich Polizeibeamte, TherapeutInnen und BeraterInnen ausgesetzt sehen, wenn sie konkrete Tatsachverhalte erfahren, diese explizit erfragen, mit diesen Inhalten im therapeutischen Kontext arbeiten. Die entsprechenden Belastungen sind unter dem Begriff der Sekundärtraumatisierung zusammengefasst, die – derzeit noch übersichtliche – Forschung zu diesem Aspekt wird, wie auch Hinweise zu Psychohygiene und Prävention erfasst, ebenso institutionelle und strukturelle Aspekte von Traumaberatungszentren. Ein Beitrag zur Sekundärtraumatisierung von KriminaltherapeutInnen die mit Sexualstraftätern arbeiten ist nicht enthalten.

Zu 10. Prävention

Das letzte Kapitel erfasst in zwei Beiträgen Überlegungen zur Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention sexueller Gewalt, deren theoretische und methodologischen Grundlagen und ein aktiv an Frauen gerichteter Präventionsansatz in Form von Selbstverteidigungskursen, deren Geschichte, Theorie, sowie einzelne Elemente (Kommunikations- und Rollentraining, Techniken) und mögliche Effekte beschrieben werden.

Zum Abschluss werden die in den zuvor in zehn Kapiteln erarbeiteten Aspekte, Fragestellungen, Bedürfnisse und Rahmenbedingungen im Sinn einer Handlungsempfehlung zusammengefasst. Der Text „Vorgehen nach einer Sexualstraftat, Anzeigeerstattung und Traumakonfrontation vor und während Gerichtsverfahren: Allgemeine Empfehlungen für die Psychotraumatherapie“ (verfasst von den beiden Herausgebern des Handbuchs) unternimmt den Versuch, diese sehr unterschiedlichen Aspekte zusammenzuführend zu integrieren. Dabei werden die wesentlichen Aspekte, zeitlichen Stationen (Situation direkt nach einer Tat, Befragung/Ermittlung, Beratung, Psychotherapie, Prozessbegleitung) und die relevanten Strategien zur Gestaltung dieser Phasen berücksichtigt.

Zielgruppe

Das Handbuch ist für alle Berufsgruppen geschrieben die beruflich mit sexualisierter Gewalt konfrontiert werden, mit den davon betroffenen Opfern und Tätern arbeiten: ErmittlerInnen bei Polizei und Justiz, Fachkräften in Beratung und Therapie.

Diskussion

Das Handbuch fasst den aktuellen Wissensstand zum Thema sexualisierte Gewalt zusammen und erschließt relevante Aspekte für Therapie, Prävention und Strafverfolgung. Dabei ist ein umfangreiches und aktuelles Kompendium entstanden, das dank seiner klaren Struktur und der teilweise sehr gelungenen didaktischen Aufbereitung (Merkkästen mit Theoriemodellen oder mit praxisrelevanten Hinweisen) eine schnelle Orientierung erlaubt und raschen Überblick verschafft.

Der hohe Praxisbezug ist die Hauptstärke des Handbuchs, z.B. wenn in einem (grafischen) Puzzlemodell die unterschiedlichen Kommunikations- und Beziehungsebenen bei der polizeilichen Opfervernehmung dargestellt werden.

Einzelne Aspekte kommen, besonders in Hinblick auf den Untertitel des Buches zu kurz. So fehlt z.B. ein Kapitel zu strafrechtlichen und vor allem strafprozessualen Fragestellungen in der Verteidigung von Beschuldigten und TäterInnen, das Kapitel zur deliktorientierten Therapie von Sexualstraftäter benötigt dringend eine Differenzierung hinsichtlich einzelner Tätergruppen (z.B. pädophile Täter, Serientäter, Gewalttäter, Gruppenphänomene etc.), ebenso finden sich keine Hinweise zu Vernehmungstechniken und -strategien bei der Befragung von Tatverdächtigen.

Ein Schwerpunkt des Handbuchs liegt in der Darstellung von Traumatisierungseffekten und deren Bedeutung für Befragung, Beratung, Begleitung und Therapie von Betroffenen sexualisierter Gewalt. Dem ansonsten hervorragend gegliederten Handbuch wäre ein eigenes Kapitel zu Traumatherapie und -pädagogik zu empfehlen, in dieses dann auch ein Beitrag zum Zusammenhang von Trauma und Täterschaft zu integrieren.

„Das Handbuch verfolgt keinen interdisziplinären Ansatz. Vielmehr stehen die einzelnen Beiträge nebeneinander und beleuchten sexualisierte Gewalt aus den verschiedenen Disziplinen“ (9). Das Zitat aus dem Vorwort weist darauf hin, dass eine Zusammenführung der einzelnen Perspektiven und Sichtweisen in den Einzelbeiträgen nicht erfolgte. Das wäre für ein praxisorientiertes Handbuch auch nur schwer zu realisieren, bestehen doch die einzelnen Ebenen (Strafrecht, Psychotraumatologie, Polizeiarbeit) eben nebeneinander, z.B. hinsichtlich polizeilicher „Befragungstechnik“ oder therapeutischer Anamneseerhebung oder Traumaintegration. Den Versuch einer integrierenden, interdisziplinären Zusammenführung unternehmen die beiden Herausgeber im Abschlusskapitel, wo es vor allem um eine Annäherung zwischen Polizeiarbeit, Justizabläufen und Rahmenbedingungen, Beratung und Psychotherapie geht. Allerdings wird hier deutlich, dass eine tatsächlich inter-disziplinäre Konzeption noch nicht vorliegt.

Insgesamt haben Jan Gysi und Peter Rüegger mit dem Handbuch sexualisierte Gewalt ein umfassendes, aktuelles und vor allem die relevanten Aspekte des Themas aufgreifendes Handbuch vorgelegt. Die durchweg sehr gut lesbaren Einzelbeiträge sind konzeptionell gut gegliedert, in vielen Texten werden Basisaussagen in Form von Schaukästen oder Grafiken herausgehoben, was die Orientierung zusätzlich erleichtert. Ergänzt um Beiträge zur strafrechtlichen Begleitung von Tätern und differenzierte Hinweise zur Tätertherapie ist dem Handbuch eine große Leserschaft und eine ergänzte Zweitauflage zu wünschen.

Fazit

Eine gelungene Zusammenfassung und Präsentation der Thematik mit hoher Praxisrelevanz. Relevante Aspekte werden von den Grundlagen, dem Tatgeschehen, Unterstützungs- und Bearbeitungsmaßnahmen nach der Tat, polizeilicher und juristischer Ermittlungsarbeit bis hin zu Therapie und Prävention erfasst und übersichtlich und verständlich aufgearbeitet. Das Handbuch wird so fester Bestandteil in der Praxis werden.


Rezensent
Dr. phil. Gernot Hahn
Dipl. Sozialpädagoge (Univ.), Sozialtherapeut
Klinikum am Europakanal Erlangen Forensische Ambulanz
Homepage www.gernot-hahn.de
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Zitiervorschlag
Gernot Hahn. Rezension vom 07.06.2018 zu: Jan Gysi, Peter Rüegger (Hrsg.): Handbuch sexualisierte Gewalt. Therapie, Prävention und Strafverfolgung. Hogrefe (Bern) 2017. ISBN 978-3-456-85658-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23559.php, Datum des Zugriffs 24.06.2018.


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