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Christiane Eichenberg, Peter Zimmermann: Einführung Psychotraumatologie

Cover Christiane Eichenberg, Peter Zimmermann: Einführung Psychotraumatologie. UTB (Stuttgart) 2017. 177 Seiten. ISBN 978-3-8252-4762-1. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 37,50 sFr.
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Thema

Die Bedeutung der Psychotraumatologie hat in den letzten Jahren immens zugenommen. Nicht nur die Folgen von Gewalt, Flucht/Vertreibung, Krieg und Terror sind stärker in das Bewusstsein gerückt, sondern der Kontext von Kindeswohl lenkt den Fokus auch stärker auf dieses Thema.

Psychische Traumata zu erkennen und zu behandeln wird in psychosozialen Berufen immer wichtiger.

Autorin und Autor

Univ.-Prof. Dr. phil. habil. Christiane Eichenberg, Dipl.-Psych., Psychotherapeutin (Psychoanalyse),
Leiterin des Instituts für Psychosomatik an der Fakultät für Medizin der Sigmund Freud Privat Universität Wien, lehrt und forscht Psychotraumatologie, E-Mental Health und Psychotherapie.

PD Dr. med. Peter Zimmermann, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, leitet das Psychotraumazentrum der Bundeswehr im Bundeswehrkrankenhaus Berlin.

Aufbau des Buches:

Das Buch enthält sechs Abschnitte. Es ist als Lehrbuch und Lernmedium konzipiert und wie die anderen Bücher aus dieser utb-Verlagsreihe sehr übersichtlich, enthält Markierungen und Hervorhebungen und am Schluss jeden Abschnittes Kontrollfragen.

Dem Titel und Anspruch des Buches entsprechend ist das 1. Kapitel mit Einführung – Epidemiologie, Prävention und Pathogenese überschrieben. Neben einer Definition und Differenzierung von Traumata wird auch auf die Wegbereiter von Traumatologie eingegangen. Pierre Janet und Sigmund Freud sind als wichtigste Pioniere zu nennen. Weiterhin geht es um die Prävention psychischer Erkrankungen nach Traumatisierungen, um Pathogenese und Verlauf trauma-induzierter Störungsbilder, um Epidemiologie und um messbare hirnorganische Befunde.

Im 2. Kapitel geht es um die Diagnostik. Dabei werden die testdiagnostischen Verfahren kurz beschrieben. Da die Ursachen von Traumata sehr unterschiedlich sein können, geht es auch um Situationstypologie. Explizit werden dabei die Themen Flüchtlinge wie auch Folter und Exil sowie besonders gefährdete Berufsgruppen (Polizei, Feuerwehr) angesprochen. Ein weiterer Aspekt sind Militäreinsätze, aber auch die Traumatisierungen in der Kindheit und andere.

Neben der therapeutischen Behandlung kommt es bei der Bewältigung von Traumata auch auf den einzelnen Menschen an, was er zu einem gelingenden Umgang mit seiner Beeinträchtigung beitragen kann. Das 3. Kapitel hat Ressourcen und Stabilisierung zum Inhalt. Dazu gibt es ein weitreichendes Spektrum, was dem einzelnen Menschen hilfreich an die Hand gegeben werden kann.

Wenn schon potentiell gefährdete Berufsgruppen (Polizei, Feuerwehr, Militär) genannt werden, dann gehören dazu auf jeden Fall die Therapeuten, die in der Traumaschädigung tätig sind. Dafür gelten bestimmte Bedingungen und Voraussetzungen, die im 4. Kapitel aufgeführt und erläutert sind.

Die Behandlung von Traumata ist komplex und verlangt nach unterschiedlichen Konzepten. Dementsprechend ist das 5. Kapitel, in dem es um spezifische Behandlungskonzepte geht, mit 47 Seiten das umfangsreichste. Neben der Akutintervention geht es um psychodynamische Verfahren, Verhaltenstherapie, Eye Movement Desensitization und Reprocessing, narrative Expositionstherapie, Trauma und Spiritualität, weitere Verfahren (z.B. künstlerisch oder körperliche orientiert), Medikamente, Komorbidität und der Einsatz von (modernen) Medien. Dabei können diese ganzen Verfahren nur skizziert werden, dass man ein Grundverständnis davon bekommt.

Das letzte, kurze 6. Kapitel thematisiert die Begutachtung von Traumafolgestörungen, insbesondere im juristischen Kontext.

Ein Anhang mit Internetadressen und ein ausführliches Literaturverzeichnis, auf das im Text immer wieder verwiesen wird, beenden das Buch.

Diskussion

Das Buch zeigt die Komplexität von Psychotraumatologie umfassend auf. Entsprechend dem Anspruch dieser utb-Verlagsreihe ist es leicht lesbar, als Nachschlagewerk nutzbar und mittels der vielen Hervorhebungen leicht erschließbar. Die Literaturverweise helfen interessierten Lesern, sich in diversen Aspekten kundiger zu machen, ebenso der Anhang mit den Internetadressen.

Die Autoren können ihre berufliche Sozialisation im klinisch-medizinischen Kontext nicht leugnen: Die Beispiele sind zwar durchweg relevant, fallen aber in der Darstellung sehr sachlich und nüchtern aus. Durch diese Knappheit wird die Komplexität der Traumafolgen nur unzureichend deutlich, wer hingegen über einschlägige berufliche Erfahrungen verfügt, kann das erahnen. So liegt der Fokus auch überwiegend auf erwachsene Menschen, Kinder werden eher kurz thematisiert.

Psychische Traumata zu erkennen und zu behandeln wird in psychosozialen Berufen immer

wichtiger – so ein Teil des Klapptextes des Buches. Das Erkennen von Traumata ist aber nicht leicht und erst recht nicht evident. Es wäre schön gewesen, wenn die Autoren dieses deutlicher dargestellt hätten, um die Sensibilität bei den psychosozialen Berufsgruppen zu erhöhen.

Weitgehend außer Acht gelassen haben die Autoren auch die Frage, was die psychosozialen Berufsgruppen ergänzend zur Traumatherapie und Ressourcenaktivierung beitragen können. Einiges findet sich in Anklängen in dem Buch, aber als Lehrbuch hätte es ein eigenes Kapitel verdient.

Fazit

Wer mit erwachsenen Menschen mit Traumatisierungen oder potentiellen Traumatisierungen arbeitet, findet hier ein gutes Kompendium, um sich einen Überblick zur Psychotraumatologie zu verschaffen. Wer beruflich seinen Fokus auf Kinder hat, wird hier weniger fündig.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 07.11.2017 zu: Christiane Eichenberg, Peter Zimmermann: Einführung Psychotraumatologie. UTB (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-8252-4762-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23564.php, Datum des Zugriffs 20.11.2017.


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