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Maureen Aarons, Teresa Gittens: Autismus kompensieren. Soziales Training für [...]

Cover Maureen Aarons, Teresa Gittens: Autismus kompensieren. Soziales Training für Kinder und Jugendliche ab drei Jahren. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. 116 Seiten. ISBN 978-3-407-57215-8. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR, CH: 36,00 sFr.

Originaltitel: Autism. A social skills approach for children and adolescents.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-407-25559-4 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
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Anspruch und Zielgruppe des vorgestellten Programms

Das Buch von Aarons und Gitters mit dem Untertitel "Soziales Training für Kinder und Jugendliche ab drei Jahren" hat den Anspruch, pädagogische Gruppenprogramme für autistisch behinderte Kinder vorzustellen. Die pädagogischen Programme entwickeln die Autorinnen auf der theoretischen Grundlage des kognitionspsychologischen Ansatzes von Uta Frith.

Die Zielgruppe sind Kinder mit normalen oder nur geringfügig beeinträchtigten kognitiven Fähigkeiten. Die Gruppenprogramme zielen auf eine Verbesserung der grundlegenden sozialen Behinderung der Autistischen Störung, indem sie soziale Fähigkeiten, die nicht behinderte Kinder quasi im nebenher lernen, konsequent zum Lerngegenstand machen. Das sind zum Beispiel die basalen sozialen Fähigkeiten wie Blickkontakt, sich abwechseln können, gemeinsam etwas machen, aber auch weiterentwickelte sozialen Fähigkeiten wie Erkennen von Gefühlen oder körpersprachliche Äußerungen von anderen Menschen und das Einüben angemessener Reaktionen darauf.

Was der Titel des Buches nahe legt, ist Meinung der Autorinnen. Die soziale Störung des Autismus ist durch die vorgestellten pädagogischen Programme auszugleichen, aber nicht aufzuheben. Die Qualität des Ausgleichs ist abhängig von den individuellen Bedingungen des Kindes bzw. des Jugendlichen und kann sehr unterschiedlich sein.

Aufbau des Buches

Untergliedert ist das Buch in sieben Kapitel. Das erste Kapitel - "Das Assessment " überschrieben - erläutert die Notwendigkeit der detaillierten Erfassung und Beschreibung des aktuellen sozialen Verhaltens des Kindes als Voraussetzung für jede pädagogische Intervention. Im zweiten Kapitel wird auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass jede Intervention immer auch der Unterstützung durch die Eltern bedarf, um erfolgreich zu verlaufen. Die nächsten vier Kapitel sind spezifiziert nach Altersgruppen: sie umfassen die Spanne 3 bis ca. 17 Jahre. Diesen einzelnen Kapiteln jeweils ans Ende gestellt sind praktische Vorschläge für konkrete Angebote für die jeweilige Altersgruppe. Das abschließende Kapitel 7 fasst praktische Hinweise zur Durchführung der Trainingsgruppen zusammen.

Kritik

Das Anliegen von Aarons und Gitters ist richtig und anzuerkennen, die Umsetzung ihres Anliegens ist ihnen jedoch nicht gut gelungen. Ihrer Argumentation fehlt an vielen Stellen der innere Zusammenhang. Die Beschreibung der pädagogischen Interventionen und vor allem die Begründungen für die Interventionen werden nicht entwickelt und aufeinander folgend vorgetragen, was die Nachvollziehbarkeit der Argumentation erschwert - und das Buch nicht lesefreundlich macht.

So stolpert der Leser in Kapitel 2: "Intervention mit drei- bis fünfjährigen" von der These, dass die Basis für Kommunikation in Alltagroutinen vermittelt werden soll unmittelbar hin zur Aufforderung, dem autistisch behinderten Kind das Zeigen beizubringen, denn Zeigen sei ein wichtiger Schritt zur Kommunikation - ohne jedoch darüber etwas zu erfahren, welche Bedeutung die Zeigegeste entwicklungspsychologisch hat und was Zeigen mit Sprechen zu tun hat.

Neben der fehlenden inneren Struktur finden sich auch Widersprüchlichkeiten in der Argumentation: An einer Stelle wird geschrieben, dass es in Bezug auf aggressives Verhalten "wenig nützt, einem Kind mit Autismus zu sagen, es sei unartig." Besser sei es, mit ihm zu erarbeiten, was zu seinem Ausbruch geführt haben kann. Vier Sätze später wird dazu gegenteilig empfohlen, da ein Kind mit Autismus sein Verhalten nicht reflektieren kann, ihm kurze prägnante Regeln - ohne Erklärung - zur Verfügung zu stellen.

Ärgerlich ist darüber hinaus die Tatsache, dass der inhaltliche Teil des Buches nach 70 Seiten endet. Auf den weiteren 46 Seiten finden sich Formulare und Arbeitsblätter, deren Auswahl nicht wirklich überzeugt, und - auf 28 Seiten - die Adressenliste des "Bundesverbandes Hilfe für das autistische Kind" (Ambulanzen, Wohnhäuser, Regionalverbände), die zum einen im Internet leicht zugänglich ist und zum anderen viermal jährlich in der Fachzeitschrift "autismus" veröffentlicht wird.

Fazit

Das Thema "Soziales Training für Menschen mit Autismus" als Förderansatz in der Arbeit mit autistisch behinderten Menschen bedarf unbedingter Werbung, weil es nicht in dem Maße in der pädagogischen Praxis bekannt ist wie es sein sollte. Umso bedauerlich, dass das vorliegende Buch nur am Rande dazu beiträgt, Spannung und Neugier für diesen Förderansatz zu wecken und den Leser von der Wichtigkeit dieses Ansatzes zu überzeugen.


Rezension von
Dipl.-Pädagogin Ella Sebastian-Strube
Freie Bildungsreferentin und Mitarbeiterin der Lebenshilfe Köln e.V.


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Zitiervorschlag
Ella Sebastian-Strube. Rezension vom 07.06.2005 zu: Maureen Aarons, Teresa Gittens: Autismus kompensieren. Soziales Training für Kinder und Jugendliche ab drei Jahren. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2005. ISBN 978-3-407-57215-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2357.php, Datum des Zugriffs 24.10.2021.


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