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David Zimmermann: Traumatisierte Kinder und Jugendliche im Unterricht

Cover David Zimmermann: Traumatisierte Kinder und Jugendliche im Unterricht. Ein Praxisleitfaden für Lehrerinnen und Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 140 Seiten. ISBN 978-3-407-63011-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Folgen von Traumatisierungen können sich in vielen Lebensbereichen zeigen, das gilt auch für die Schule. Der Praxisleitfaden von David Zimmermann will Lehrer_innen aller Schularten helfen, das Erleben und Verhalten traumatisierter Schüler_innen zu verstehen und zeigt ihnen Optionen auf, wie sie schwer belastete Kinder und Jugendlichen im schulischen Alltag unterstützen können. Der Autor vermittelt traumaspezifisches Grundlagenwissen auch anhand von Praxisbeispielen und beantwortet wichtige Praxisfragen.

Autor

Prof. Dr. David Zimmermann ist Sonderpädagoge und leitet die Abteilung „Pädagogik bei psychosozialen Beeinträchtigungen“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. Gemeinsam mit zwei Kollegen leitet er das „Institut für Traumapädagogik Berlin“. Zuvor lagen seine Tätigkeitsbereiche in der Schule, in der ambulanten Familienhilfe und in der stationären Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Seine Forschungs- und Lehrschwerpunkte sind traumatisierte Kinder und Jugendliche, Flucht, psychoanalytische Pädagogik und pädagogische Professionalisierung unter besonderer Berücksichtigung des Fallverstehens.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Kapitel gegliedert.

  1. In Kapitel 1 geht David Zimmermann auf die Bedeutung pädagogischer Beziehungsarbeit ein, die im Folgenden anhand von Fallskizzen aus dem schulischen Kontext veranschaulicht wird.
  2. In Kapitel 2 stellt der Autor wichtige Perspektiven von Traumatisierung und ihre Folgen für die Schule vor.
  3. Im Anschluss daran befasst sich David Zimmermann in Kapitel 3 mit den bedeutendsten Leitgedanken der Traumapädagogik und bezieht diese auf das Arbeitsfeld Schule.
  4. In Kapitel 4 wird Fallverstehen als zentrale pädagogische Kompetenz dargestellt und diskutiert,
  5. um darauf aufbauend methodische Zugriffe abzuleiten, auf die David Zimmermann in Kapitel 5 eingeht.

Zwischen die einzelnen Kapitel setzt der Autor Fallskizzen, mit denen Fachkräfte verschiedene Konzepte aus inklusiven und intensivpädagogischen Settings vorstellen und einen Einblick in die traumasensible Arbeit geben.

Inhalt

Im ersten Kapitel verdeutlicht David Zimmermann die Bedeutung pädagogischer Beziehungsarbeit anhand von Fallvignetten aus der Schule. Auf die Schilderung der verschiedenen Fälle folgen pädagogische Überlegungen, mit denen er zentrale Paradigmen der Traumapädagogik, unter anderem die Subjektlogik, einführt, nachdem ein Verhalten immer auf einen „guten Grund“ zurückgeführt wird. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die Bedeutung pädagogischer Beziehungsarbeit darin liegt, dass traumatisierte Kinder und Jugendliche „gute“ erwachsene Bezugspersonen brauchen, um Sicherheit zu erleben und um verinnerlichte Vorstellungen von Erwachsenen zu korrigieren. Ohne eine institutionalisierte Reflexion der Beziehungsprozesse finden sich Fachkräfte schnell in ungünstigen Beziehungsmustern wieder. Lehrkräfte aller Schultypen unterrichten traumatisierte Kinder und Jugendliche und sind gefordert, sich mit hilfreichen Beziehungsangeboten und Methoden auseinanderzusetzen. David Zimmermann betont, dass er mit seinem Praxisleitfaden kein Handlungsmanual vorlegt, da das professionelle Handeln immer von den individuellen Erfordernissen ausgeht.

Im Anschluss an das erste Kapitel stellen Kevin Zech und Axel Weyrauch im ersten Praxisbeispiel dar, wie die traumapädagogischen Konzepte des „sicheren Ortes“ und des „guten Grunds“ an der Gemeinschaftsschule Wenigenjena umgesetzt werden.

Im zweiten Kapitel vermittelt David Zimmermann für den Schulkontext relevantes traumatologisches Fachwissen. Aus der Extremerfahrung einer Traumatisierung sollten Fachkräfte jedoch nicht automatisch auf einen traumatischen Prozess schließen, denn eine wenig differenzierte Verwendung der Diagnose „Trauma“ kann zu Stigmatisierung und Stereotypisierung führen. Anschließend gibt der Autor einen Überblick über die psychiatrische und die psychoanalytische Perspektive auf Traumatisierung. Das Diagnostizieren von Traumafolgestörungen ist keine Aufgabe schulpädagogischer Fachkräfte, das Wissen um traumatypische Symptome hilft dennoch, die Erlebens- und Verhaltensmuster betroffener Schüler_innen zu verstehen. Mit der psychoanalytischen Perspektive wird der Blick auf das Unbewusste gerichtet. Viele traumatische Erlebnisse sind nicht durch Erinnern zugänglich, sondern unbewusst. Solche Erfahrungen zeigen sich im Verhalten traumatisierter Schüler_innen durch Reinszenierungen. Übertragung und Gegenübertragung sind ein weiterer relevanter Ansatz, die eine Grundlage für die pädagogische Arbeit mit traumatisierten Schüler_innen darstellen und Lehrkräfte mit hochgradig emotional aufgeladenen Interaktionen mit Schüler_innen konfrontieren können. Traumatisierte Kinder und Jugendliche haben meist langfristige oder wiederkehrende Belastungen erlebt. David Zimmermann verdeutlicht am Beispiel von in Obhut genommenen Kindern die Charakteristika des Konzepts der sequentiellen Traumatisierung sowie die Auswirkungen, die solche massiv-kumulativen Traumatisierungen auf ein Individuum haben.

Das Fallbeispiel von Monika Jütte knüpft nicht an die traumatologischen Perspektiven an, sondern geht auf die Konflikt- und Entwicklungsgeschichten traumatisierter geflüchteter Kinder und Jugendlicher und daraus folgender Implikationen für die Praxis ein.

Im dritten Kapitel geht David Zimmermann auf die Entwicklung und die Leitgedanken der Traumapädagogik ein. Diese Leitgedanken wurden bislang noch nicht für das Arbeitsfeld Schule konkretisiert. Mit diesem Buch füllt der Autor diese Lücke. Dazu geht er zunächst auf die Entstehung der Traumapädagogik ein, die ihren Ursprung nicht in der Disziplin Pädagogik hat, sondern aus dem Engagement praktisch tätiger Fachkräfte hervorgegangen ist und daher als „Graswurzeldisziplin“ bezeichnet wird. Ein wichtiges Merkmal ist ihre veränderte Haltung gegenüber schwer belasteten Kindern und Jugendlichen. Im Anschluss daran geht der Autor auf die psychoanalytische Pädagogik als theoretischen Rahmen seiner Konzeptualisierung der Traumapädagogik in der Schule ein. Ausgangspunkt der psychoanalytischen Pädagogik ist, dass gestörter emotional- sozialer Entwicklung immer eine reale Extremerfahrung zugrunde liegt. Die Beiträge der psychoanalytischen Pädagogik entwickelt er entlang der Leitgedanken der Traumapädagogik und erweitert sie um weitere Aspekte wie Kooperation mit anderen Lehrkräften.

Im darauffolgenden Fallbeispiel stellen Gerald Möhrlein und Eva-Maria Hoffart mit dem „Schulchen“ eine Kleinschule vor. Dabei handelt es sich um eine gleichberechtigte Kooperationsmaßnahme zwischen Jugendhilfe und Schule, in der sich das Schulsystem den Schüler_innen anpasst.

Mit dem vierten Kapitel vermittelt David Zimmermann ein konkretes Modell traumapädagogischen Fallverstehens, das in inklusiven als auch separierenden schulischen Zusammenhängen genutzt werden kann. Traumasensibles Handeln setzt ein Verstehen von Belastung und innerer Welt voraus. Der Autor unterstreicht, dass Fallverstehen nicht auf eine Veränderung störender Verhaltensweisen abzielt. Vielmehr steht das Erleben der Kinder und Jugendlichen im Fokus des Fallverstehens. Das vorgestellte Handlungsmodell pädagogischen Fallverstehens führt Wissen um die grundlegenden Erfahrungen und das innere Erleben traumatisierter Schüler_innen zusammen, um auf dieser Grundlage ein Bild der aktuellen Lage zu entwerfen, in der sich das Kind befindet. Auf einer weiteren Informationsebene werden eigene Emotionen der Lehrkräfte in das Fallverstehen einbezogen. Aus der Analyse dieser drei Ebenen kann ein Haltungs- und Handlungsmodell für die Praxis entwickelt werden.

Im daran anschließenden Fallbeispiel geht Christiane Pillhofer auf ein Grundschulprojekt zur Förderung der Selbstwahrnehmung für traumatisierte Kinder ein. Insbesondere das Einlassen auf die eigenen Gefühle stellt eine Herausforderung für die Kinder dar und muss durch Lehrkräfte unterstützt werden.

Das fünfte und letzte Kapitel ist den Strukturen und Methoden einer Traumapädagogik in der Schule gewidmet. Zu den Strukturen gehören zum Einen räumliche Aspekte, die an die Bedürfnisse traumatisierter Schüler_innen angepasst werden können. Schulgebäude können sehr unübersichtlich sein und so zur Chronifizierung eines Traumas oder zum Auslösen von Symptomen beitragen. Sie sollten daher so gestaltet sein, dass sie bei den hochbelasteten Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von Sicherheit erzeugen. Bezogen auf didaktische Überlegungen gibt David Zimmermann die Überforderungen zu bedenken, mit denen traumatisierte Schüler_innen in Gruppensituationen konfrontiert werden. Lernmethoden, die auf Gruppenarbeit setzen, sollten daher nur dann eingesetzt werden, wenn die oder der einzelne_n Schüler_in diese komplexen Formen sozialer Interaktion aushalten kann. Zur Frage, ob es eine traumapädagogische Methodik gibt, schreibt David Zimmermann: „Traumapädagogik ist in allererster Linie immer eine Haltungspädagogik. Keine Technik, keine gute Methode kann ihre Wirksamkeit entfalten, ohne die zugewandte, vor allem aber im Hinblick auf die Subjektlogiken reflektierte Haltung der Lehrkräfte“ (S. 128).

Diskussion

Mit diesem Buch liegt ein strukturierter und verständlich geschriebener Praxisleitfaden vor, der in verschiedenen Schularten tätigen Lehrer_innen helfen kann, das Erleben und Verhalten traumatisierter Schüler_innen zu verstehen und ihnen aufzeigt, wie sie diese Kinder und Jugendlichen im schulischen Alltag unterstützen können. Er eignet sich gut für Lehrer_innen, aber auch für Studierende und Praktiker_innen anderer Professionen, die einen Einblick in traumasensible Arbeit im Arbeitsfeld Schule suchen. Die Fallbeispiele veranschaulichen, wie eine Umsetzung des traumaspezifischen Grundlagenwissen in der Praxis gelingen kann. Für die praktische Arbeit mit traumatisierten Schüler_innen will dieser Leitfaden letztlich nicht mehr als Anregungen geben. Er stellt kein Handlungsmanual dar, der Anweisungen für die Arbeit mit traumatisierten Menschen gibt, denn die eigentlichen Hilfestellungen werden immer auf die individuellen Schüler_innen zugeschnitten. Dieses Buch stellt dafür eine Wissensgrundlage bereit, die das Gelingen traumasensibler Arbeit in allen Schulformen beschreibt, aber auch die Grenzen und Risiken der Traumaarbeit mit Schüler_innen aufzeigt. Ein Thema, das David Zimmermann lediglich streift, sind Machtverhältnisse. Die betroffenen Kinder und Jugendlichen haben in aller Regel „Macht und Hierarchie als etwas Missbräuchliches erlebt […] Es ist daher von großer Bedeutung, dass diese Kinder und Jugendlichen einen transparenten verantwortungsvollen Umgang mit Hierarchien, Strukturen und Machtverhältnissen erleben“ (Positionspapier der BAG TP, S. 5). Machtverhältnisse sollten daher Teil der (Selbst-)Reflexion sein. Da alle Beteiligten Teil von Machtverhältnissen sind sollten Lehrkräfte dazu angeregt werden, das eigene Handeln zu überprüfen und ggf. zu verändern.

Fazit

David Zimmermann gibt mit seinem Buch „Traumatisierte Kinder und Jugendliche im Unterricht“ interessierten Praktiker_innen einen Praxisleitfaden an die Hand, der sowohl einen fundierten Einblick in die Psychotraumatologie, in die Grundlagen der Traumapädagogik als auch in Möglichkeiten der praktischen Umsetzung gibt. Er ist nicht nur für Praktiker_innen, sondern auch für Studierende sehr bereichernd. Für die Traumapädagogik im bislang vernachlässigten Arbeitsfeld Schule stellt dieses Buch eine wichtige und sinnvolle Weiterentwicklung dar.

Literatur

  • BAG Traumapädagogik (2011): Standards für traumapädagogische Konzepte in der stationären Kinder- und Jugendhilfe, online unter: www.bag-traumapaedagogik.de/, Stand: 10.11.2017.

Rezensentin
Christin Schörmann
Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (M.A.)
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Zitiervorschlag
Christin Schörmann. Rezension vom 03.01.2018 zu: David Zimmermann: Traumatisierte Kinder und Jugendliche im Unterricht. Ein Praxisleitfaden für Lehrerinnen und Lehrer. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-63011-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23575.php, Datum des Zugriffs 23.04.2018.


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