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Per Leo, Maximilian Steinbeis u.a.: Mit Rechten reden

Cover Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden. Ein Leitfaden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. 144 Seiten. ISBN 978-3-608-96181-2. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR.
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Thema

Die Frage nach dem richtigen Umgang mit rechtspopulistischen oder rechtsextremen Artikulationen und Provokationen beschäftigt die politischen Gegner schon solange es eine extreme Rechte gibt. In den letzten Jahren stellt aber nicht so sehr der organisierte Rechtsextremismus die zentrale Herausforderung dar, sondern der Rechtspopulismus und hier insbesondere seine Form der politischen Artikulation. Es geht um die Sprachspiele, mit denen rechtspopulistische Akteure ihre Wähler gewinnen (wie Trump bei den letzten Wahlen in den USA oder die Alternative für Deutschland (AfD) bei der Bundestagswahl 2017) und die gleichzeitig ihre politischen Gegner zu erregten und vielfach hilflosen Gegenreaktionen herausfordern. Das vorliegende Buch will jetzt nicht ein weiteres Mal die „Rechte“ – so nennen die Autoren das Spektrum, das von Rechtspopulisten bis Rechtsextremen reicht (ohne dezidiert Nazis einzuschließen) – in den Fokus stellen. Den drei Autoren geht es um das Interaktionsverhältnis zwischen den Rechten und ihren Gegnern, die sie „Nicht-Rechte“ nennen. (Auf das Setzen von Anführungszeichen z.B. bei „Rechten“ und anderen problematischen Zuschreibungen wird hier aus Gründen der Lesbarkeit weitgehend verzichtet).

Das ganze Buch ist als ein Experiment mit einem durchaus provokativen Impetus angelegt, was manchen sich auf der richtigen Seite wähnenden Engagierten gegen rechts bzw. ‚Bekämpfer‘ der Rechten gehörig gegen den Strich gehen mag. Den Autoren ist sowohl die Kritik von dieser als auch von der rechten Seite bewusst und werfen sich, argumentationslogisch geschult und keinem heiklen Thema aus dem Wege gehend, ins Getümmel der diskursiven Auseinandersetzung: „Es ist nämlich kein Buch über Rechte und auch kein Buch gegen Rechte. Zumindest nicht nur. Was immer wir an ihnen kritisieren mögen, allein dadurch, dass wir die Rechten als Teil eines gemeinsamen Problems auffassen, nehmen wir eine andere Perspektive ein als all jene, die meinen, es sei damit getan, sie zu identifizieren, zu beobachten, zu beschreiben und dann Maßnahmen zu ihrer Unterdrückung zu ergreifen. Worin unser Problem besteht, wer Verantwortung für seine Entstehung trägt und ob es lösbar erscheint, wird uns im Folgenden beschäftigen. Zum Einstieg soll die Fragestellung genügen, dass wir die Rechten aus einer dialektischen Perspektive betrachten wollen. Einer Perspektive, heißt das, die uns selbst mit einschließt.“ (S 21f)

Autoren

  • Per Leo ist Historiker und Literat. Er verfasste eine Dissertation zur Strukturanalyse weltanschaulichen Denkens (Der Wille zum Wesen. Charakterologisches Denken, Judenfeindschaft und Graphologie in Deutschland 1890 – 1940). Sein literarisches Debüt „Flut und Boden“ beschäftigt sich mit der Familiengeschichte seines Großvaters Friedrich Leo, eines früheren SS-Sturmbannführers im Rasse- und Siedlungsamt.
  • Maximilian Steinbeis ist Jurist und arbeitet als Journalist und Schriftsteller (Pascolini. Roman). Er ist Experte für internationale Verfassungsfragen und betreibt den „verfassungsblog.de“.
  • Daniel-Pascal Zorn ist promovierter Philosoph mit dem Spezialgebiet Argumentationslogik und Sachbuchautor (Einführung in die Philosophie). Er widmete sich in den letzten Jahren zunehmend der praktischen und theoretischen Auseinandersetzung mit der Neuen Rechten (Logik für Demokraten).

Entstehungshintergrund

Nicht erst seit dem Einzug der AfD in den 19. Deutschen Bundestag besteht eine große Unsicherheit darüber, wie man mit Rechtspopulisten umgehen soll. Die Frage der öffentlichen Reaktion auf sowohl rechtsextreme als auch rechtspopulistische Akteure lässt sich in eben solchen Konjunkturen beobachten, wie Parteien, Organisationen und Bewegungen aus dem rechten Lager Erfolge aufweisen, bzw. ihnen die Gefahr zugeschrieben wird, die bundesrepublikanische Demokratie ‚aus den Angeln‘ zu heben. Die Tumulte auf der Frankfurter Buchmesse (2017) und der so artikulierte Skandal, dass auf der Frankfurter Buchmesse auch rechte Verlage ausstellen durften, machen einen wenig souveränen Umgang mit rechtspopulistischen oder gar rechtsextremen Provokationen anschaulich deutlich (vgl. u.a. Ernst Piper in „Die Welt“ vom 16.10.2017).

Was ist nun die richtige Strategie im Umgang mit inszenierten Skandalen von rechter Seite? Wie trägt die empörte und erregte Gegenreaktion von links-liberaler bzw. allgemeiner von Nicht-Rechter Seite erst zu der medialen Aufmerksamkeit der Rechten bei? Wie ist es eigentlich um das Grundrecht der Meinungsfreiheit und dessen souveräne Handhabung im Umgang mit Rechten bestellt? Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel Pascal Zorn analysieren diese Fragen nüchtern und dennoch z.T. humorvoll, indem sie sowohl die Argumentationslogiken der Rechten als auch die ihrer Gegner kritisch beleuchten und auf ihre intendierten und nicht-intendierten Wirkungen befragen. Bewusst heben sie sich von den nicht zu überhörenden und selbstgewissen Ratschlägen ab, wie man mit Rechten umzugehen habe. Vielmehr zeigen sie die Argumentationsdynamiken auf, die oftmals ihren Ausgang in rechten Provokationen haben und bereitwillig und in empörender Weise von der Gegenseite aufgenommen werden. Dabei halten die Autoren sowohl den Rechten als auch den Nicht-Rechten analytisch den ‚Spiegel der Erkenntnis‘ oder zumindest der Entlarvung vor, ohne den spielerischen Spaß des diskursiven Streites aus den Augen zu verlieren.

Aufbau

Dieses essayistisch geschriebene Experiment analytischer und praktischer Argumentationslogik umfasst 183 Seiten und wird von einer ernüchternden Erklärung eingeleitet, dass es sich nicht um einen Ratgeber handelt: „Leitfaden zum Leitfaden“. Es folgen die vier Kapitel:

  1. Der Wille zur Macht. Warum mit Rechten reden?
  2. Kritik und Selbstkritik. Wie Rechte mit uns reden.
  3. Das abenteuerliche Herz. Wie mit Rechten reden? Und
  4. Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück. Worüber mit Rechten reden?

Abgeschlossen wird das Buch mit einem sogenannten „Parley. Vorschlag eines anderen Sprachspiels“.

Inhalt

In der Anleitung zum Gebrauch des Büchleins wird klar herausgestellt, dass die Autoren als „‚rechts‘ keine eingrenzbare Menge von Überzeugungen oder Personen, sondern eine bestimmte Art des Redens“ begreifen. (S. 12) Ebenso wird hier dargelegt, dass der Leser nicht erwarten kann, dass er am Ende der Lektüre eine Anleitung hat, wie er am besten mit Rechten redet. Die Ungeduld und den pragmatischen Hilferuf nach handhabbaren Hilfsmitteln bestimmter Lesergruppen vorgreifend, formulieren sie bereits auf Seite 14-15 sogenannte 25 goldene Regeln, „die sich nach unserer Auffassung durch das Reden mit Rechten für das Leben gewinnen lassen“ (S. 14). Diese Regeln erschließen sich erst wirklich, wenn man – was auch die Autoren fordern – das ganze Buch liest.

Im ersten Kapitel (A. Der Wille zur Macht. Warum mit Rechten reden?) machen die Autoren deutlich, dass sie die zentrale Herausforderung nicht in den militanten, rückwärtsgewandten „Holocaustleugnern, Hitlerfans, Brandstiftern und Terroristen“ (S. 25) sehen; diese stellen für sie erstens nicht die Mehrheit der Rechten dar und seien zweitens gut mit den gesetzlichen und repressiven Instrumentarien in den Griff zu bekommen, nach der angelsächsischen Rechtspraxis: „Hard cases make bad law“ (S. 25). Das Spektrum ihres Interesses beginnt diesseits der offenen Verfassungsfeindschaft, „in einer Grauzone, deren Protagonisten nicht (oder nicht mehr) Teil der rechtsextremen Szene sind, aber auch nicht bereit, sich eindeutig von ihr abzugrenzen. Und sie reicht bis tief in die Mitte der Gesellschaft, in ein nach vielen Richtungen ausfransendes, jederzeit mobilisierbares, je nach Lage schnell an- und abschwellendes Milieu, in dem sich ein diffuses Unbehagen an den ‚Zuständen in unserem Land‘ bereit gemacht hat (…).“ (S. 25) Die Autoren setzen den Fokus nicht isoliert auf die Inhalte der Rechten, sondern auf deren Kommunikationsstrategien. „Nennen wir es ein Sprachspiel. Im Sinne dieses Begriffes wollen wir als ‚rechts‘ nicht in erster Linie bestimmte Inhalte bezeichnen, sondern eine Praxis, eine bestimmte Art zu reden. Solange kein Bürgerkrieg herrscht, werden wir jemanden denn einen ‚Rechten‘ nennen, wenn er auf diese Weise redet.“ (S. 28)

Als zentrales Problem der Rechten identifizieren sie „ein gewaltiges Identitätsproblem. Sie kreisen unentwegt um die Frage, was und wer sie sind – und damit merkwürdigerweise auch um die Frage, was eigentlich ‚rechts‘ an ihnen selbst ist. Und zugleich fühlen sie sich in ihrer Identität massiv bedroht.“ (S. 29) Die Rechten sehen sich deshalb in ihrer Identität bedroht, weil die Nicht-Rechten diese Art der Identitätsdefinition nicht interessiert. Und dies beweist in den Augen der Rechten wieder, dass die Nicht-Rechten vom „herrschenden System identifiziert sind, einer Ideologie, die im Namen der Gleichheit die natürlichen Unterschiede zwischen den Menschen verleugnet.“ (S. 29) Die Rechten müssen nicht erklären, worin nun dieses „Eigene“ besteht. „Es reicht, dass sie das Gefühl haben, nicht so existieren zu dürfen, wie es ihrer Natur entspräche.“ (S. 30) Interessanterweise kann nun das rechte Sprachspiel ohne eine inhaltliche Festlegung beginnen; allerdings nicht ohne die Behauptung einer Bedrohung. „Und das heißt: nicht ohne uns. Denn wer sind wir für sie? Alle, die sie in ihrer natürlichen Entfaltung behindern. Die ihnen die Anerkennung verweigern. Die sie verneinen und verstoßen. Für sie sind wir die Widersacher. Ihr aktives Gegenteil. Und darum nennen sie uns am liebsten: Linke.“ (S. 31)

Im weiteren Verlauf des Buches wird detailliert analysiert, wie dieses von den Rechten inszenierte Sprachspiel funktioniert und wie die Gegenseite darauf reaktiv in die Falle tappt. Die Autoren gehen dabei ungewöhnliche Wege, in dem sie fiktionale Beschreibungen und Traumvorstellungen heranziehen, um die Funktionsweisen dieser interaktionistischen Kommunikation und die immer mitschwingenden Reflexe sichtbar zu machen. Ausgangspunkt ist dabei eine doppelte Setzung durch die Rechten.

„Reden bedeutet immer, eine Position zu setzen, und mit ihr einen Unterschied zu anderen möglichen Positionen. Das ist unvermeidlich. Die rechte Setzung zeichnet sich demgegenüber zunächst dadurch aus, dass sie nicht nur die eigene Position von allem, was sie nicht ist, unterscheidet, sondern auch alles, was sie nicht ist, in einer einzigen Position zusammenzieht – und diese als Verneinung ihrer selbst begreift. Da dieses Schema in Reinform offensichtlich gewalttätig wäre, setzen die Rechten sich selbst nun aber nicht einfach als Rechte. Vielmehr definieren sie zudem die eigene Position als Repräsentanten von Natur und Realität. Und deren Anerkennung setzen sie als Normalität. Es ist der natürliche Zustand des Menschen, sagen sie zum Beispiel, einer gewachsenen Gemeinschaft anzugehören. Das sei eine unhintergehbare Tatsache, wer sie anerkenne, denke realistisch und normal.“ (S. 34) Diese Setzungen führen zu einem Kommunikationsdilemma. Was auch immer die Gegenseite dazu sagt, deuten sie als Angriff. Dabei muss man nicht einmal widersprechen, allein die Tatsache, dass wir nicht ihre Partei ergreifen, genügt ihnen, sich in ihrer Freund-Feind-Konstellation bestätigt zu sehen. Die Reaktion auf dieses Sprachspiel ist wie eine Zwickmühle: „Und wenn wir darauf mit Widerspruch reagieren oder sie von uns aus attackieren, verstricken wir uns in einem Spiel, in dem sie unschlagbar scheinen: Entweder wir machen sie platt, dann inszenieren sie sich als Opfer unserer Aggression. Oder wir machen sie nicht platt, dann deuten sie es als Zeichen ihrer Stärke, der Tatsache, dass sie Recht haben, und verhöhnen uns.“ (S. 34f)

Bis hier ist noch nicht viel Neues in der Auseinandersetzung mit den Rechten zu beobachten; aber das Argumentationsfundament ist gelegt, um gerade die Nicht-Rechten nach Leo et al. mit einigen Wahrheiten zu konfrontieren, die nicht nur so manchen gegen rechts Engagierten – und nicht nur aus Antifa-Zusammenhängen – in eine reflexhafte Abwehrhaltung bringen könnte. So greifen die Autoren den Moraldiskurs auf, der oftmals von den – von ihnen so titulierten – „Linken“ als unangreifbare Position gegen rechte Thematisierungen angeführt wird. Dabei entfalten sie nicht nur aufklärend das moralische Diktum Nietzsches richtigstellend auf: ‚Wer Moral im Schilde führt, will herrschen‘, sondern zeigen, dass der Moralismus der Teil ist, „den unsere Seite zum Problem beigetragen hat.“ (S. 36) Bezugnehmend auf Odo Marquard wird der Moralismus als Form der Externalisierung „des Bösen“ einerseits und der Aufwertung der ‚Tugendwächter‘ andererseits gefasst, wobei Marquard diese Entlastung des individuellen Über-Ichs durch den Anspruch, das Gewissen für alle zu sein, sarkastisch als „Ferien vom Über-Ich“ bezeichnet hat. (S. 37) „Der oberste Grundsatz des Moralismus lautet: Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Damit ist das ‚Böse‘ zwar nicht aus der Welt, aber es soll sich nicht mehr öffentlich zeigen. In diesem Sinne markiert der Moralismus rechte Inhalte als etwas, das zwar kein Gesetz verbietet, aber dennoch nicht sein darf. (…) Sobald der Moralismus aber ‚rechtes Gedankengut‘ wittert, schlägt er Alarm. Und dies tut er auf zwei Weisen, je nachdem, in welcher Form es erscheint. Tritt es selbstbewusst und angriffslustig auf, skandalisiert er die Stärke als Gefahr, auf der er rigoros mit Ausschluss reagiert. Menschenfeindliche Ideologie dürfe nicht dadurch ‚salonfähig‘ gemacht werden, dass man sie ‚normalisiert‘ (…), darum sei es am besten, wenn sie gar nicht zu Wort käme und weiterhin ‚unsagbar‘ bliebe. Als ob Demokratie ein Salon wäre! (…) Als ob das Sagbare eine Erlaubnis bräuchte!“ (S. 37f)

Tritt nun die Rechte unbeholfen und schwach auf, wird nach Leo et al. der „Moralismus übergriffig, indem er sich seiner als erziehungsbedürftiges Mündel annimmt. Wie das geht, ließ sich gut am paternalistischen Umgang mit den sogenannten Wutbürgern beobachten, die seit dem Winter 2014 in unterschiedlichen Formationen in Dresden demonstrieren. (…) Es waren insbesondere Minister mit SPD-Parteibuch, die sich diesen Demonstranten gegenüber wie Erziehungsberechtigte aufführten. Nachdem Sigmar Gabriels indirekte Aufforderung, das ‚Pack‘ soll gefälligst dahin zurückkriechen, wo es hergekommen war, nicht fruchtete, kamen andere Taktiken zum Zuge.“ (S. 38f)

Die Autoren machen nicht nur an dieser Stelle deutlich, wie wenig die doch ursprünglich an Karl Marx dialektisch geschulte Linke nach ihrer Meinung in der Lage ist, die Wirklichkeit bzw. Wirklichkeiten in Widersprüchen wahrzunehmen und analytisch zu durchdringen, um mit vernunftbasierten Argumentationen den Rechten zu begegnen. Dabei machen sie dezidiert und in befreiender Weise klar, dass man keineswegs mit Rechten reden muss: „Wir finden nicht, dass man endlich mit Rechten reden müsste. Oder mehr mit Rechten reden. Jeder einzelne Nicht-Rechte kann es tun oder lassen.“ (S. 49)

Allerdings sehen sie, dass Rechte und Nicht-Rechte in einem politischen Verhältnis stehen. Der Streit zwischen beiden Kontrahenten hat sich verselbstständigt und es liegt nicht in der Macht der Nicht-Rechten, ihn zu beenden. Es geht demnach nicht mehr darum, ob man mit den Rechten reden solle, „sondern allein darum, wie wir es tun.“ (S. 50) Vor 25 Jahren hätte man sie nach Leo et al. noch ignorieren können, heute stellen sie den Präsidenten der USA, und bei jeder Wahl in Europa scheint nicht die jeweilige Regierung, „sondern auch die Welt, wie wir sie kennen, auf dem Spiel zu stehen.“ (S. 50)

Leo, Steinbeis und Zorn holen im Folgenden weit aus und zeigen, wie zunächst die – von Ihnen so konstatierte – Übermacht der Linken die Rechte zu einer neuen intellektuellen und strategischen Herausforderung genötigt hat. Während die Linke nach dem Zweiten Weltkrieg – auch machtpolitisch beflügelt durch den globalen Machtblock der Sowjetunion und deren Ausstrahlung- glaubte, auf der ‚Siegerseite‘ der Geschichte zu stehen, womöglich die kulturelle Hegemonie (für immer) errungen zu haben, studierten Intellektuelle der Neuen Rechten, wie Alian De Benoist, Antonio Gramsci und die Strategien der Linken. Rechte Aktivisten adoptierten linke Bewegungs- und Protestformen, deren provokative Inszenierungen sie heute so gut anwenden, wie ihnen dies die 68er vorgemacht haben (siehe u.a. den Tumult auf der letztjährigen Frankfurter Buchmesse, einen durchaus größeren Skandal gab es bereits 1968, vgl. Die „Welt“ vom 16.10.2017).

Wenn auch holzschnittartig und pauschalisierend, aber dennoch zum Nachdenken anregend, zeigen die Autoren wie die Linke ihre analytische und strategische Stärke eingebüßt habe: „Die alte Linke hatte mit Karl Marx noch dialektisch und humanistisch gedacht. Sie kannte nicht nur die Stärken ihres Gegners, sie schätzte sie auch. (…) Die Strategie der alten Linken bestand darin, den Gegner zu bekämpfen und sich dabei dessen Stärke anzueignen. Und genau das machte sie ideologisch stark. (…) Die neue Linke konnte dagegen nur noch Nein zu ihren Feinden sagen, so wie diese zu ihr. Aus einer Bewegung zur Emanzipation der Arbeiterklasse war eine Partei von Anti-Faschisten, Anti-Imperialisten und Anti-Kapitalisten geworden. Und genau das machte sie ideologisch verwundbar. Denn der geistige Preis für den Sieg war hoch. Um sich in der Welt zu behaupten, hatte die Linke ihre beiden großen Schätze, die Dialektik und den Humanismus, geopfert. (…). Die Linke dachte im Freund-Feind-Schema. Wie die Rechte. Sie behauptete sich selbst in einer Welt von sich selbst behauptenden Völkern und Nationen. Wie die Rechte. Und dann entdeckte sie auch noch die Unterschiede zwischen den Rassen, Kulturen, Religionen und Geschlechtern, die alle um die eigene Identität kreisen. Wie die Rechte.“ (S. 52f)

Was genau mit „alter“ und „neuer Linker“ gemeint ist, muss offenbleiben. Auch wenn man hier auf die Verkürzungen eingehen müsste, macht der Versuch einer historischen Herleitung des Niedergangs „der“ Linken eindrücklich klar, dass die gegenwärtige Schwäche der (einstigen) Volkspartei SPD ein maßgeblicher Grund für die Stärke der AfD ist. Deshalb ist die nahezu tagtäglich zu beobachtende ‚Zerrüttung‘ der SPD (und darüber kann auch ein positives Mitgliedervotum zur Großen Koalition nicht hinwegtäuschen) leider nicht nur ein internes SPD-Problem, sondern dies könnte sich zu einem fundamentalen Demokratieproblem ausweiten; was in vielen europäischen Staaten schon lange zu beobachten ist.

Leo, Steinbeis und Zorn belassen es nicht nur bei dieser Krisenbeschreibung, sondern versuchen – auch unter Zuhilfenahme einer surreal anmutenden Erzählung bzw. Theaterinszenierung –, die unauflösliche Verwiesenheit von Rechten und Linken bzw. nicht- rechtem Lager ebenso anschaulich zu illustrieren, wie der analytisch verkürzte Blick der Linken auf die rechte Herausforderung. Nach ihrer Einschätzung habe die Linke ihre analytische Vernunft zugunsten eines Moraldiskurses geopfert.

Warum diese ganze Herleitung? Einerseits machen die Autoren so deutlich, dass bei der Auseinandersetzung mit der Rechten sowohl keine linken Dogmen und Denkschablonen als auch kein moralischer Rigorismus – sei er antirassistischer Ausprägung oder welcher Art auch immer – weiterhelfen, denn es kommt – wie sie später zeigen – auf eine kritisch nüchterne Analyse und eine Argumentationslogik an, die auch die Folgen des eigenen Handelns mit einbezieht und sich den Fragen sowie den Problemen stellt, die Rechten aufgreifen.

Aber es wird andererseits auch noch ein persönlich-subjektiver Grund sichtbar, der die drei Autoren dazu bewegt, die Linke bzw. konkret ihre linken Freunde nicht als die richtigen Ratgeber in der Auseinandersetzung mit dem Rechtspopulismus heranzuziehen: „Die Ziele der Linken waren immer schon richtig, so wie ihr Hang zur Selbstgerechtigkeit immer schon fatal war. Wir sind nicht-linke Humanisten und nicht-linke Dialektiker. Darum liegt uns die Linke am Herzen. Und darum macht es uns so fassungslos, dass sie ihr einst so überlegenes Denken durch moralischen Eifer ersetzt hat – von dem wir uns haben einlullen lassen.“ (S. 76)

Im Folgenden nehmen nun die Autoren den Diskurs der Rechten gekonnt auseinander. Sie zeigen, wie der Opferdiskurs zelebriert und von der Gegenseite immer wieder reflexartig bestätigt wird. Auch wenn die surreale Textform – sie bedienen sich eines angeblichen Informanten aus der rechten Szene und einer Traumsequenz – zunächst irritieren mag. Durch diesen Entfremdungseffekt soll der Zugang zum rechten „Mythos vom ewigen, unerlösten Opfer“ (S. 87) in irritierender Weise erzielt werden. Analytisch versiert sezieren sie rechte Setzungen, wie beispielsweise die Freund-Feind-Dichotomie von Carl Schmitt oder die Identitätskonstruktionen der Rechten. Sie legen die zirkulären Argumentationskonstruktionen ebenso offen, wie die bornierte und verengte Weltsicht der Rechten und die verkürzten von Empörung oder gar Angst getriebenen Gegenstrategien der Linken.

Im vierten Kapitel D „Zwei Schritte vorwärts, ein Schritt zurück. Worüber mit Rechten reden?“ machen die Autoren dann u.a. deutlich, dass man den von den Rechten angesprochenen Problemen bzw. Behauptungen nicht ausweichen, sondern sie aufgreifen und zum Gegenstand vernunftbasierter Argumentation machen sollte.

Diskussion

Das locker flockig und punktuell forsch frech geschriebene Buch richtet sich nicht nur an einen wissenschaftlichen Leserkreis, obwohl die drei von der „Zankstelle“ (Stephan Lessenich in der FAZ vom 22.11.2017) mit ihrer profunden Belesenheit und Eloquenz deutlich machen, dass sie geradezu den intellektuellen Streit suchen. Es ist denn auch mehr eine Streitschrift als ein Leitfaden. Wer klare Anleitungen zum kommunikativen Umgang mit den Rechten sucht, kann sicherlich etwas mit den 25 Goldenen Regeln anfangen, die aber auch schon anderweitig formuliert wurden (zumindest z.T.). Will man allerdings etwas über die kommunikativen Interaktionsdynamiken von Rechten und Nicht-Rechten, über die Schwierigkeiten der Auflösung der Kommunikationsdilemma sowie die ermüdenden wechselseitigen Polemiken lernen, sollte man das Buch lesen.

Allerdings verbleibt das Buch bei allem intellektuellen Anspruch nach überprüfbaren Kriterien doch nicht selten auf einer sehr allgemeinen Ebene. Auch hier wird mit Pauschalisierungen gearbeitet: Wer sind „die Rechten“ und wer ist das „wir“, „die Nicht-Rechten“? Wer sind „die Linken“? Wer soll konkret mit wem reden? Linke Intellektuelle mit rechten Intellektuellen? Linke Politiker mit rechten Politikern? Sollen Akteure in der politischen Bildung mit Wählern der AfD oder deren Funktionären reden? Und wenn, dann wie?

Wenn es den Autoren um die konkrete kommunikative Auseinandersetzung gehen sollte, müssten sie doch etwas über das Setting und die jeweiligen Kommunikationspartner sagen. (Dies würde übrigens dann auch den Untertitel „Ein Leitfaden“ rechtfertigen). Mit einem Jugendlichen, der sich rechtspopulistischen Welterklärungen zuwendet, redet eine Sozialarbeiterin doch anders als ein Akteur der politischen Bildung mit Gewerkschaftsangehörigen oder Anhängern der AfD etc. Eigenartigerweise werden diese konkretisierten Rollenzuweisungen und die Frage des Settings umgangen, bzw. erst am Schluss angedeutet. Auch ist nicht klar, wer was von wem in der kommunikativen Auseinandersetzung lernen soll. Offen bleibt dabei, wie diese Lernprozesse bzw. das geschickte, ‚richtige‘ Argumentieren organisiert werden sollen. Auch wird bei aller berechtigter Kritik am Moralismus aus Kreisen insbesondere ‚links-alternativer‘ Milieus nicht deutlich, von welcher normativen Warte aus die drei Autoren argumentieren.
Bilanzierend sind der analytische Teil und die Beschreibung der Kommunikationskonstellationen wirklich überzeugend, aber worauf das Buch letztendlich hinaus will, was es bei wem konkret anregen will, bleibt offen. Wohl auch deshalb kippt das Buch gerade zum Schluss vollends ins spaßig Skurrile.

Vieles wird einem an diesem Buch irritieren und manches auch ärgern, aber dies gehört zu einer Streitschrift bzw. zur politischen Publizistik dazu. Allerdings hätte man sich auch für dieses Format mehr Belege und Nachweise gewünscht. Es ist auch nicht immer notwendig, die eigene intellektuelle Performanz dem Leser vor Augen zu führen, will man wirklich ein breiteres Publikum im Sinne der Autoren zu einer nüchternen, vernunftbasierten und argumentationslogisch geschulten Auseinandersetzung animieren, bzw. Wege dazu aufzeichnen. Ein gewisser Hang zur Selbstdarstellung, an etlichen Stellen auch gepaart mit Überheblichkeit, konterkariert leider dieses den Autoren wohl auch am Herzen liegende wichtige Anliegen. Oder wollten die drei mit ihrer Freude an spritzigen Formulierungen nur „Unfug machen“ und „albern sein“, wie sie auf Seite 177 anklingen lassen? Oder wollen sie „eingehegt (…) streiten“ (S. 183) – oder sich doch nur um eine Einladung zu einer Talkshow bewerben?

Fazit

Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel Pascal Zorn haben ein provokatives Buch zur Auseinandersetzung mit der bzw. den Rechten vorgelegt. Es ist kein wissenschaftliches Fachbuch, sondern ein essayistisch verfasstes Experiment, in dem die Schwierigkeiten und Möglichkeiten der kommunikativen Auseinandersetzung mit der bzw. den Rechten kenntnisreich und wortgewaltig ausgelotet werden. Dabei weichen sie auch vor heiklen oder tabuisierten Fragen nicht zurück. Sie zeigen die blinden Flecken auf, die in der Auseinandersetzung mit den Rechten zu beobachten sind und machen deutlich, dass moralische Empörung ebenso wenig weiterhilft wie die – wie auch immer bewerkstelligte – Exklusion aus der öffentlichen Debatte.


Rezensent
Prof. Dr. Heinz Lynen von Berg
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Zitiervorschlag
Heinz Lynen von Berg. Rezension vom 12.03.2018 zu: Per Leo, Maximilian Steinbeis, Daniel-Pascal Zorn: Mit Rechten reden. Ein Leitfaden. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-608-96181-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23581.php, Datum des Zugriffs 22.09.2018.


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