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Cindy Herold, Martin Herold: Selbstorganisiertes Lernen in Schule und Beruf

Cover Cindy Herold, Martin Herold: Selbstorganisiertes Lernen in Schule und Beruf. Gestaltung wirksamer und nachhaltiger Lernumgebungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 3., erweiterte Auflage. 309 Seiten. ISBN 978-3-407-25782-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Anliegen des Buches ist, das hier in der dritten Auflage vorgelegt wird, ist es, ein Konzept für Selbstorganisiertes Lernen (SOL) und praxiserprobte Werkzeuge vorzulegen. Auf der Basis eines systemisch-konstruktivistischen Lernverständnisses nehmen die Autor*innen für SOL eine bestimmte Phasierung des Unterrichts und ein differenziertes Rollenverständnis an. Dafür legen sie didaktisch Inputs und kooperative Lernformen vor, stellen individuelle und eigenverantwortliche Lernphasen vor, die durch Fach- und Lernberatung unterstützt werden. Die beiden Autor*innen verstehen ihr SOL-Konzept als eine wichtige Grundlage für eine zukunftsfähige, motivationsfördernde Lernumgebung, die anschlussfähig ist an aktuelle Themen wie Individualisierung, Kompetenzorientierung oder Digitalisierung.p

Autorin und Autor

Dr. Cindy Herold, Jg. 1983, leitet das SOL-Institut in Ulm und begleitet Menschen und Organisationen bei Veränderungsprozessen. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind: Unterrichts- und Schulentwicklung, Personal- und Organisationsentwicklung zur Förderung von Selbstorganisation in Schule, in Arbeitsteams und Organisationen (Verlagsangaben).

Dr. Martin Herold war Berufsschullehrer und Studiendirektor in der Schulverwaltung. Er ist Begründer des SOL-Konzepts, Geschäftsführer des SOL-Instituts und als Experte zum Thema Unterrichts- und Schulentwicklung mit SOL tätig (Verlagsangaben).

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst im Wesentlichen zwei Teile: zum einen die Grundlagen mit den beiden Schwerpunkten

  1. Selbstorganisiertes Lernen – ein interdisziplinärer Entwicklungsprozess und
  2. Das Modell des lernenden Systems.

sowie einen Praxisteil unter dem Titel „SOL in der Praxis“ mit den Kapiteln

  1. SOL als systemisch-konstruktivistisches Lernkonzept
  2. Wie Lehrer SOL lernen – das Qualifizierungskonzept
  3. Die SOL-Schulentwicklung
  4. Die SOL-Schulentwicklung als Gesundheitsprävention
  5. Selbstorganisiertes Lernen im Studium
  6. Selbstorganisiertes Lernen im Unternehmen.

Eine Zusammenfassung und ein Anhangskapitel schließen sich an.

Die Autor*innen verstehen „Lernen als einen natürlichen Anpassungsprozess von lebenden Systemen an ihre Umwelt, den diese selbst organisieren und recht erfolgreich meistern, auch wenn wir das, gemessen an anderen Kriterien, manchmal anders sehen.“ (30). Zur Herleitung von SOL, das sie systemisch-konstruktivistisch verstehen, bedienen sie sich verschiedener Modelle aus Mathematik, Chemie, Neurowissenschaft und Pädagogik, aber auch aus der Systemtheorien, dem Konstruktivismus und der fraktalen Geometrie (31). Dies führt sie zu folgendem Verständnis von SOL: „Prozesse und Strukturen in der Natur sind selbst organisiert. Auch Lernen ist ein selbstorganisierter Prozess, der gestaltbar ist, wenn die Prinzipien der natürlichen Selbstorganisation verstanden und angewandt werden. In systemisch-konstruktivistischem Licht bedeutet Lernen die Verschränkung von Perspektiven und nicht die Weitergabe von Wahrheit und gesicherten Wissen.“ (47). Die Autor*innen weisen darauf hin, dass es gilt bestimmte Prinzipien zu beachten, um bei der Selbstorganisation Chaos zu vermeiden und empfehlen 8 sogenannte SOL-Prinzipien:

  1. Verantwortung fördern
  2. Reflexionsfähigkeit fördern
  3. Kooperation ermöglichen
  4. Individuelle Verarbeitung ermöglichen
  5. Sandwich-Prinzip (Wechsel von Erarbeitungs- und Verarbeitungsphasen) einhalten
  6. Orientierung geben
  7. Erfolge sichtbar machen
  8. Bedürfnisse beachten.

Die Autor*innen heben hervor, dass SOL das Einnehmen einer bestimmten inneren Haltung seitens der Lehrenden erfordert, die davon geprägt sein sollte: „dass akzeptiert wird, dass das Lernen den natürlichen Prinzipien der Selbstorganisation fort, die Grundbedürfnisse des Schülers berücksichtigt werden müssen und ein Lehren im herkömmlichen Sinne der Wissensvermittlung nicht möglich ist, und zu wissen, dass Lehren das Gestalten von Lernanlässen und Lernumgebungen bedeutet, und darin keinen Verlust zu sehen, sondern ein Gewinn an Qualität im Lernen der Schüler und im Beruf als Lehrer.“ (98). Daraus ergibt sich folgerichtig, dass SOL nicht als Methode, sondern als Systematik verstanden wird, die dem Handeln von Lehrenden zugrunde liegt. Neben einer bestimmten Haltung ist auch ein bestimmtes Menschenbild konstitutiv und handlungsleitend.

Als Prinzipien zur Selbstorganisation beschreiben die Autor*innen:

  • Zielorientierung: Effizient überleben, d.h. mit so wenig Aufwand wie möglich
  • Selbstähnlichkeit: Energiesparend durch wiederkehrende Strukturen
  • Selbstoptimierung: Es ist nachher besser als vorher (99).

Die Autor*innen schließen konkrete Beispiele an, wie die 8 SOL-Prinzipien konkret im schulischen Alltagumgesetzt werden können, sowohl im Hinblick auf die Unterrichtsplanung, aber auch in Bezug auf die Schulentwicklung und Qualifizierung von Lehrer*innen. Es folgen zudem exemplarische Ausführungen, wie SOL im Studium und in Unternehmen angewandt werden kann.

Diskussion und Fazit

Cindy und Martin Herold haben hier sehr praxisnahes und fundiertes Buch zum Selbstorganisierten Lernen – vor allem im schulischen Kontext – vorgelegt. Der Titel „Selbstorganisiertes Lernen in Schule und Beruf“ ist insofern leicht irreführend als dass der Schwerpunkt des Buches eindeutig in der Schule verortet ist, die Kapitel SOL im Studium und im Unternehmen etwa umfassen jeweils insgesamt nur 10 Seiten, die Beispielmaterialien aus der Hochschule nur 5 Seiten. Für die Schule aber werden sehr viel hilfreiche und anwendungsorientierte Anregungen geboten und auch theoretische Hintergründe entfaltet, die eine gute systemisch-konstruktivistische Einordnung von SOL vornehmen. Es wird zusätzlich zum Buch ein Bonuskapitel von Christina Lohr mit dem Titel „Faszination Neurowissenschaften und das lernende Gehirn“ zum kostenfreien Download zur Verfügung gestellt.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 03.05.2018 zu: Cindy Herold, Martin Herold: Selbstorganisiertes Lernen in Schule und Beruf. Gestaltung wirksamer und nachhaltiger Lernumgebungen. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 3., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-407-25782-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23582.php, Datum des Zugriffs 18.08.2018.


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