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Ute E. Jülly: Haptik wirkt! (Coaching und Training)

Cover Ute E. Jülly: Haptik wirkt! Neue Wege in Coaching und Training. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-407-36612-2. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.
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Thema

Ute E. Jülly hat eine Methode entwickelt, wie Textilien in Coaching und Training sinnvoll eingesetzt werden können. Anhand konkreter Beispiele aus ihrer Praxis zeigt sie, welche unvorhersehbaren und wirkungsvollen Ergebnisse sich aus der Nutzung unseres Tastsinns und aus der Suche nach verborgenen Mustern ergeben: „Bisweilen stoßen Coaches mit ihren Methoden an Grenzen. Der Prozess stagniert. Hier gilt es bei den Klienten tiefer liegende Muster zu erkennen. Sind diese inneren Strukturen erkannt und gelockert, können Lösungen angegangen werden. In solchen Fällen gilt: Haptik wirkt!“

Dabei nimmt die Autorin auch Bezug auf neuere Erkenntnisse der Haptik- und Gehirnforschung, die im Zusammenhang mit der Neuroplastizität zeigen, dass sich Menschen im wahrsten Sinne des Wortes an Unbekanntes herantasten können. Dabei können haptische Erfahrungen entscheidende Impulse für Lernen, sowie persönliche und berufliche Entfaltung, und Fortschritt geben.

Autorin

Ute E. Jülly lebt und arbeitet nach Verlagsangaben in Heidelberg. Seit 2004 arbeitet sie in der Personal- und Organisationsentwicklung mit Textilien. Für ihre Coachingtätigkeit hat sie eine Methode entwickelt, wie sie mit Textilien in der Personalarbeit mit und Unternehmen bzw. Organisationen intensiv arbeiten und neue Sichtweisen erschliessen kann.

Aufbau und Inhalt

Jülly spricht in ihrem ungewöhnlichen Buch sehr unterschiedliche Facetten an

  1. Nabelschnur; und Muskelfasern: Grundlagen für alles Kommende
  2. Der rote Teppich: Material, Vorbereitung, Haltung
  3. Leinen los: Textilarbeit in der Praxis, im Management, in Seminaren und Coachings
  4. Weitere Materialien und Formen, die Sie in der Textilarbeit einsetzen können
  5. Das Wirkstoffnetz: Dimensionen und Weisen der Textilien
  6. Die „Stoffkollektion“: Triptychon, Stoffanalyse, Textilformate und -management, textiler Appendix, Fragebogen, Literatur

Im ersten Kapitel legt die Autorin naturgemäß die Grundlagen für dieses – in der Form bislang noch nicht bearbeitete – Feld in Coaching und Training. Dazu setzt sie konkret vier Schwerpunkte: zunächst äußert sie grundständige Gedanken zu „Mensch und Gewebe“, zum zweiten führt sie ein in das Denken und die Sprache im Spiegel der textilen Entwicklung. Dritter Schwerpunkt ist die Bedeutung des Gehirns in diesem Zusammenhang, vornehmlich die Relevanz des Oxytocins. Den vierten Schwerpunkt bildet die Haptik insbesondere, aber auch die anderen Sinne werden unter die Lupe genommen. Dabei gelingt es der Autorin, all dies unmittelbar in den Zusammenhang von Coaching und Training zu stellen, indem die jeweiligen Hintergrundinformationen verbunden werden mit Fallbeispielen, Übungs- und Reflexionsaufgaben, sogenannten „Berührungspunkten“. Eine solche Übung kann z.B. sein, dass der/die Leser*in zur Neutralisierung des Denkens aufgefordert wird, in dem an eine bestimmte Farbe gedacht werden soll, die man/frau gar nicht mag. In einer angeleiteten Denkaufgabe kann erlernt werden, durch eine bestimmte Art und Weise des Nachdenkens über diese Farbe das eigene Denken, Fühlen „umzuprogrammieren“ (81). Beispiele für „Berührungspunkte“ wären etwa die Übung, sich vorzustellen, wie schmelzende Schokolade auf der Zunge zergeht (50) oder sich Gedanken darüber zu machen, warum man/frau bevorzugt welche Materialen trägt (26).

Das Grundlagenwissen des ersten Kapitels wird im zweiten Kapitel mit Praxisbeispielen aus dem Coaching kombiniert und dabei der Einsatz der praktischen Arbeit mit Geweben erläutert. Zusätzliche Hintergrundinformationen zu textilen Materialien unterfüttern die bisherigen Ausführungen. Einen wesentlichen Schwerpunkt dieses Kapitels stellen die Beschäftigung mit dem Thema „Haltung“ dar.

Wichtiges in diesem Zusammenhang entwickelt die Autorin entlang der Anfangsbuchstaben des Begriffes COACHES

  • Creativität
  • Offenheit
  • Aufmerksamkeit
  • Cooperation
  • Herzlichkeit
  • Empathie
  • Sicherheit.

In den folgenden Kapitel rückt die konkrete Praxis noch weiter in den Mittelpunkt. Es werden Touch-Laps, Repräsentations- und Reflexionskarten als Methoden eingeführt. Wichtiges Kernstück der Arbeit der Autorin mit Textilien ist das sogenannte Touch-Lab. Dieses ist Schwerpunkt des dritten Kapitels und wird in drei Varianten vorgestellt

  • Touch-Lab Typ A für ein Erwachsenenteam
  • Touch-Lab Typ C für Kinder
  • Touch-Lab im Einzelcoaching.

Des Weiteren werden Repräsentationskarten vorgestellt, dies sind selbst erstellt großformatige Gewebekarten, die in der Einzel- oder Gruppenarbeit eingesetzt werden können. Wie dies geschehen kann, dazu gibt die Autorin vielfältige Anregungen, hinterlegt mit Fallbeispielen aus ihrer Praxis.

Im Mittelpunkt des vierten Kapitels steht das sogenannte „Wirkstoffnetz“; gemeint sind damit die inhärenten Qualitäten von Textilien in Hinblick auf Selbstwirksamkeit. Die Autorin erläutert das wie folgt: „Es gibt Qualitäten, die die Einzigartigkeit von Textilien ausmachen. Gleichzeitig ist diese Qualität auch für Menschen notwendig. Das ist einer der Gründe, weshalb ich dieses Buch schreiben sollte. Diese Qualitäten wirken, lassen sich im Textil-Coaching und Training sichtbar machen und gelten grundsätzlich für menschliche Kontakte, gerade auch im beruflichen Umfeld. Sie sind wie Parameter menschlicher Beziehungen.“ (207). Gemeint sind damit konkret die folgenden Qualitäten:

  • Elastizität
  • Verbundenheit
  • Atmungsaktivität
  • Spannung und Schutz
  • Berührbarkeit
  • Absorptionsvermögen
  • Durchlässigkeit.

In Ergänzung dazu stellt sie acht Wirkungsweisen vor, die mit Textilien in Coaching- oder Trainingssettings verbunden sein können.

  • Spiegel
  • Schlüssel
  • Gedächtnis
  • Brücke
  • Generator
  • Unterstützer
  • Symbol
  • Transformator.

Aber über die Funktionen hinaus, gilt es noch weitere Dimensionen zu entdecken:

  • historische Dimensionen
  • anthropologische Dimension
  • individualgeschichtliche Dimension
  • soziale Dimension
  • ästhetische Dimension
  • spirituelle Dimension
  • theologische Dimension
  • medizinisch-heilende Dimensionen
  • technische Dimensionen
  • literarisch-poetische Dimension
  • linguistische Dimensionen
  • ökonomische Dimension.

Das abschließende fünfte Kapitel umfasst als Anhangkapitel Vorschläge für Fragebögen, „Einsatzpläne“, Übersichten über textile Metaphern etc.

Diskussion und Fazit

Ein sehr erstaunliches Buch! Die Autorin spannt unerwartete und – ich möchte fast sagen – zauberhafte, berührende Fäden zwischen ganz unterschiedlichen Themen, Zugängen und Perspektiven her. Ihre Methode, Textilien in vielfältigen Coaching. und Trainingssettings einzusetzen, stellt sie in diesem Buch praktisch und nachvollziehbar dar, ohne dabei die Bezugnahme zu aktuellen Erkenntnissen der Haptik- und Gehirnforschung außer Acht zu lassen. Unbedingte Empfehlung, auch für erfahrene Therapeut*innen, Coaches oder Trainer*innen, die gerne immer wieder neue Methoden in ihr Repertoire aufnehmen!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 10.01.2018 zu: Ute E. Jülly: Haptik wirkt! Neue Wege in Coaching und Training. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-407-36612-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23584.php, Datum des Zugriffs 21.09.2018.


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