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Martha Nussbaum: Zorn und Vergebung

Cover Martha Nussbaum: Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2017. 408 Seiten. ISBN 978-3-534-26884-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR.
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Das Drama von Zorn und Vergebung

Im abendländischen, anthropologischen Denken wird die Gemütslage „Zorn“ als eine Emotion bezeichnet, die auf eine individuelle oder kollektive, seelische oder körperliche Verletzung oder Zumutung reagiert und zur Vergeltung oder zur Rache auffordert. Eine zornige Tätigkeit wird meist zur Tätlichkeit, wenn der Gemütszustand nicht eingehegt oder eingebunden ist in ein Normen-, Regel- und Rechtswerk, das individuelles und gesellschaftliches Handeln bestimmt. Hinter der biblischen, nicht immer richtig verstandenen und ausgelegten Reaktion „Aug´ um Auge, Zahn um Zahn“ steckt ja die landläufige Auffassung: „Wie du mir, so ich dir!“. Im philosophischen Verhaltenskodex wird diese, auf ein mögliches, zwangsläufiges Hauen und Stechen hinauslaufende Reaktion oder Konsequenz eingefangen in den von Immanuel Kant formulierten kategorischen Imperativ, der sich im Alltagssprichwort ausdrückt als: „Was du nicht willst, das man dir tu´, das füg´ auch keinen andern zu!“. Es ist die aufgeklärte Erfahrung, auf Wut und Zorn nicht mit den gleichen Mitteln und Methoden zu reagieren, sondern verstandesgemäße Affektregulierungen einzusetzen. Im lokal- und globalgesellschaftlichen Umgang der Menschen miteinander haben sich so Mittel und Wege entwickelt, die sich ausdrücken in Vergebens- und Verzeihensformen, wie z.B. dem „gewaltlosen Widerstand“ und bei den Wahrheits- und Vertrauenskommissionen, wie sie bei kollektiven Verletzungen und Straftaten tätig und wirksam werden.

Entstehungshintergrund und Autorin

In den menschlichen Gesellschaften rumort es! Das ist keine sensationelle Neuheit! Denn im menschlichen Zusammenleben stehen immer Egoismen, Interessen und Machtansprüche Einstellungen gegenüber, die sich ethisch und religiös als Nächsten- und Menschenliebe darstellen. Es sind die Rechtssysteme, und es sind die Moralvorstell0ungen und Sittengesetze, die die Verhaltensweisen der Menschen untereinander regulieren. In Situationen in denen die gesellschaftlich und kulturell vereinbarten Normen und Werte missachtet werden, erfolgen Sanktionen, die in erster Linie den Vergeltungs- und oft auch den Rachegedanken beinhalten. Betrachten wir, auf welchen Grundlagen, Einstellungen, Strukturen, Mentalitäten und Gemeinplätzen die gesellschaftlichen Auffassungen von Zornesausbrüchen, Sühne-, Vergeltungs- und Rachegefühlen beruhen. Da ist zum einen die Erwartung, dass es, wenn mir ein Unrecht geschehen ist und ich dadurch in meiner Würde und meiner Selbstachtung beschädigt wurde, einer gesellschaftlich sanktionierten Reaktion bedarf. Zum zweiten kommt, bei einem begangenen Unrecht, Zorn über den Täter auf; und zum dritten ist Zorn ein wesentlicher Bestandteil bei der gesellschaftlichen Bekämpfung von Ungerechtigkeit.

Die an der Universität Chicago tätige Philosophin und Rechtswissenschaftlerin Martha Nussbaum meldet sich immer wieder zu Wort, wenn es um Fragen der individuellen und kollektiven, lokalen und globalen Gerechtigkeit in der Welt geht (Martha Craven Nussbaum, Politische Emotionen. Warum Liebe für Gerechtigkeit wichtig ist, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17720.php) und Denk- und Verhaltensweisen von Menschen auf den moralischen und ethischen Prüfstand gestellt werden (Martha Nussbaum, Die neue religiöse Intoleranz. Ein Ausweg aus der Politik der Angst, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18020.php). In ihrem Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit vertritt sie die These, dass „der Zorn in normativer Hinsicht grundsätzlich immer ein Problem darstellt, egal, ob im persönlichen oder im öffentlichen Bereich“. Sie widerspricht der bekannten Begründung, dass mit der Erwartungshaltung der „Heimzahlung“ ein begangenes Unrecht vergolten oder gesühnt werden könne. Die Autorin plädiert vielmehr dafür, die Erwartungshaltungen für Entschuldigung, Besserung, Wiedergutmachung und Sühne zu verbinden mit der Verpflichtung zur Verantwortlichkeit für falsches Handeln. In den Werten Großzügigkeit, Gerechtigkeit und Wahrheit sieht sie die Maßstäbe für politisches Vertrauen.

Aufbau und Inhalt

Neben der Einleitung in die Thematik, die sie titelt als „Aus Furien werden Eumeniden“, also Wohlwollende, Gutgesinnte, Verzeihende…, gliedert die Autorin ihre Studie in weitere sechs Kapitel:

  1. „Zorn = Schwäche, Vergeltung und Herabsetzung“;
  2. „Vergebung: Eine Genealogie“;
  3. „Vertraute Beziehungen: Die Falle des Zorns“;
  4. „Der mittlere Bereich: Eingeschränkter Stoizismus“;
  5. „Der politische Bereich: Alltagsgerechtigkeit“;
  6. „Der politische Bereich: Revolutionäre Gerechtigkeit“.

Als Anhang und gewissermaßen als weiteres Denk- und Arbeitsmaterial fügt sie drei Texte hinzu.

  • In Anhang A erinnert die Autorin an die Bedeutung von Emotionen – „Emotionen und Upheavals of ThThought“.
  • Im Anhang B greift sie zum Thema „Zorn und Schuldzuweisung“ weitere einschlägige Literatur auf.
  • In Anhang C setzt sie sich mit den unterschiedlichen Arten des Zorns auseinander.

Was kann Zorn nicht alles an- und ausrichten, be- und verwirken, erzeugen, auslösen, voranbringen und zurückwerfen? Und welche Möglichkeiten, Chancen und Ergebnisse können in der Tugend „Vergebung“ stecken? Die von der Autorin zusammengetragenen Befunde und Erzählungen aus der Geschichte der Menschheit, dem philosophischem Denken, den Weltanschauungen und religiösen Visionen, den kulturellen Traditionen, von Fluch und Segen, von Implikationen, Imponderabilien und Irrungen lesen sich wie eine Fundgrube von Law and Order, von Weissagungen und Self-Fulfilling-Prophecy. Mit der Stellschraube „Zorn“ zeigen sich existentielle Fragestellungen, die über Selbstachtung, Selbstzorn und Identität nachdenken lassen, über Alltagszorn und nützliche und unnütze Aufregungen. Und siehe da: Wie beinahe unbeabsichtigt gelangen wir vom Zorn zur Würde, zur Scham und zur Gnade, nicht im Sinne einer religiösen Forderung, sondern als einen politischen Wert.

Fazit

Was also könnte die Botschaft des Eumeniden sein? Eine zieht sich wie ein roter Faden durch die Studie: Zornlosigkeit anzustreben. Dieser Rat ist allerdings auch ein Fallstrick; denn ein zorniges Verhalten und Tun hat nichts zu tun mit Stärke, Durchsetzungsfähigkeit, Männlichkeit und Rechthaben, sondern ist nur die äußere Tünche von falsch verstandener Menschlichkeit. Um sie zu entdecken und abzustreifen, dafür braucht es nicht den Zorn, sondern Werte wie „Intelligenz, Beherrschung und einen Geist der Großzügigkeit“.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.12.2017 zu: Martha Nussbaum: Zorn und Vergebung. Plädoyer für eine Kultur der Gelassenheit. Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Darmstadt) 2017. ISBN 978-3-534-26884-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23585.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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