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Ingrid Artus, Peter Birke u.a. (Hrsg.): Sorge-Kämpfe (soziale Dienstleistungen)

Cover Ingrid Artus, Peter Birke, Stefan Kerber-Clasen, Wolfgang Menz (Hrsg.): Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. 256 Seiten. ISBN 978-3-89965-766-1. D: 22,80 EUR, A: 23,50 EUR.
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Thema

Das Ziel dieses Sammelbandes ist es, die Konflikte und Arbeitskämpfe in der erwerbsförmig organisierten Sorgearbeit zu analysieren und die Spezifika dieser Kämpfe herauszuarbeiten.

Aufbau und Inhalt

Nach einem einleitenden Kapitel geht es um die Sozial- und Erziehungsdienste, die Krankenpflege, die Altenpflege sowie persönliche Assistenz und um generalisierende Perspektiven.

Die Herausgeber_innen rahmen die dann folgenden, branchenbezogenen Beiträge, indem sie zentrale Begriffe definieren und generelle Konfliktkonstellationen herausarbeiten: die Ökonomisierung der Care Arbeit und die Krise der Reproduktion, aber auch die spezifische Problematik von Streiks in der Care Arbeit, die sie als „ambivalentes Interessenhandeln“ charakterisieren. Mit einem Streik fügen die im Bereich personenbezogener Dienstleistungen Beschäftigten, anders als die in der Produktion oder in anderen Dienstleistungen Beschäftigten, ihren jeweiligen Arbeitgebern nur einen begrenzten Schaden zu, wirklich betroffen sind vielmehr die Klient_innen, denen sich die Beschäftigten aber wiederum sehr verbunden fühlen.

Es folgen vier Beiträge zu den Sozial-und Erziehungsdiensten.

  • Stefan Kerber-Clasen analysiert die Streiks in den Sozial- und Erziehungsdiensten von 2009 und 2015 als spezifische Form gewerkschaftlicher Einflussnahme auf den Umbau des Sozialstaates. Auch wenn die materiellen Erfolge (Entgeltsteigerungen) hinter den Erwartungen der Streikenden zurückgeblieben sind, haben sie die Diskurse zum Wert ihrer Arbeit beeinflusst und sind der verbreiteten Abwertung von Sorgearbeit entgegengetreten.
  • Peter Hosse, Jessika Marie Kropp und Thomas Stieber lassen im Rahmen eines Lehrforschungsprojektes die Erzieherinnen selbst zu Wort kommen und vergleichen deren Veränderungswünsche vor und nach dem Streik.
  • Kristin Ideler setzt den Focus auf die geschlechterpolitischen Aspekte der Streiks und verweist auf innergewerkschaftliche Konfliktlinien zwischen männlich geprägter Tarifpolitik und berufsfachlich arbeitenden Kolleginnen. Sie erinnert daran, dass die Aufwertung von Frauenberufen bereits seit 1990 mit komplexen geschlechterpolitischen Kampagnen begonnen hat und schon damals mit verteilungspolitischen Fragen verknüpft war. Immer ging es um bessere Bezahlung und gleichzeitig um eine bessere Qualität der Arbeit und ihrer Bedingungen. Sie macht konkrete Vorschläge, wie 2020 die geschlechterpolitischen Anliegen in der Vorbereitung und Durchführung von Streiks besser berücksichtigt werden könnten.
  • Peter Birke, selbst betroffener Vater im Kita Streik, rät aus seinen Erfahrungen heraus dazu, die Beziehungen zwischen Streikenden und Nutzer_innen als offenes Feld zu beschreiben und lieber nach Formen der Kooperation zu suchen als automatisch von einer Unterstützung oder vom Protest der Eltern auszugehen.

Die Krankenpflege steht im Mittelpunkt der nächsten beiden Beiträge.

  • Ein Redetext der Streikaktivistin Ulla Hedemann beschreibt die Auseinandersetzungen im Berliner Krankenhaus Charité, der Redetext wurde von Lukas Worm und Ingrid Artus transkribiert und bearbeitet. Die Prozessbeschreibung zeigt die Anstrengungen aber auch die Erfolge in der Streikgeschichte seit 1989.
  • Im Saarland, so Wim Windisch im nächsten Beitrag, ging es um ein ähnliches Problem, einen Tarifvertrag zur Entlastung der Krankenhausbeschäftigten. In der Kampagne für diesen Tarifvertrag nutzte ver.di Facebook, Fotoaktionen und vielfältige Versammlungsformen. Durch die klare Planung und die Nutzung des Team-Delegiertenmodells kam es zu einer hohen Mobilisierung selbst von Beschäftigten in katholischen Krankenhäusern sowie zu einer breiten öffentlichen Unterstützung.
  • Veronika Knize und Jasmin Schreyer beschäftigen sich mit den speziellen Problemen spanisch sprechender Kolleg_innen im deutschen Gesundheitswesen: es geht um die „Multa“, d.h. die Verpflichtung, die Gebühren für die Sprachkurse bei vorzeitiger Beendigung des Arbeitsverhältnisses zurückzuzahlen, die Abwertung der in Spanien erworbenen Qualifikationen und die fehlende Interessenvertretung. Die Autorinnen loten die Möglichkeiten einer gewerkschaftlichen Organisation aus.

Trotz der großen Probleme im Bereich der Altenpflege gibt es hier kaum Arbeitskämpfe.

  • Iris Novak sieht die Gründe in der zerklüfteten Arbeitgeberlandschaft, vielerorts fehlendem Streikrecht, mangelhafter gewerkschaftlicher Organisation und fehlenden Interessenvertretungsstrukturen. Die inneren Konflikte der Pflegekräfte, die ihre Arbeit nicht so gut tun können, wie sie es möchten, können ihrer Meinung nach nur überwunden werden, wenn deren gesellschaftliche Ursachen begriffen werden. Als Gegenwehr bieten sich daher auch nicht nur Streiks an sondern zunächst Formen des „Nein“-Sagens gegenüber Überlastungen. Aber: nur wenn die Pflegebedürftigen ausreichend versorgt sind, haben die Pflegekräfte Spielraum für die Durchsetzung der eigenen Interessen.
  • Mark Bergfeld sieht in der verbreiteten Abwanderung aus dem Pflegebereich eine Form des kollektiven Widerstandes. In einem Porträt einer spanischen Migrantin in der privaten Pflege in Deutschland hebt er die individuellen, familiären, betrieblichen und sozialen Faktoren ihrer Migrationsgeschichte sowie die Verarbeitungsformen von Krisenerfahrungen heraus.
  • Prekär Beschäftigte in der Behindertenhilfe und ihre schwierigen Kämpfe um die Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen im Rahmen der FAU (Freie Arbeiterinnen und Arbeiter Union / Föderation lokal organisierter Basisgewerkschaften) beschreibt Heiko Maiwald. In der Frankfurter Lebenshilfe wollten sie einen Tarifvertrag durchsetzen, und auch wenn es nicht gelang, kam es doch zu Solidarisierungen mit Klient_innen und Angehörigen und Beschäftigten bei anderen Trägern. Allerdings blieben Konflikte mit der Stammbelegschaft und dem Betriebsrat auch nicht aus.

Um eine generalisierende Perspektive geht es in den letzten vier Beiträgen.

  • Fabienne Décieux fragt, wie sich ausgehend von den Widersprüchen zwischen den Ansprüchen auf gute Arbeit und den gegebenen Rahmenbedingungen kollektives Handeln entwickeln kann: an zwei Beispielen aus Polen und Österreich erläutert sie Aktionsformen wie öffentliche Proteste und spektakuläre Aktionen, die zu den Ansprüchen der Sorge Arbeitenden an die eigene Arbeit passen.
  • In ähnlicher Weise sehen Karina Becker, Yalcin Kutlu und Stefan Schmalz im Berufsethos der Care Arbeitenden eine Ressource für ihre Handlungsfähigkeit. Allerdings braucht es eine innovative, passgenaue Strategie der Gewerkschaften, um diese Ressource zu nutzen. Mit dem Bezug auf die Qualität der öffentlichen Güter, die die Care Arbeitenden herstellen, lassen sich auch Allianzen mit Klient_innen und deren Angehörigen schmieden.
  • Wolfgang Menz schlägt in seinem theoretischen Beitrag das Konzept der Legitimation vor, das er als anschlussfähig zur feministischen Care Arbeitsforschung und zur gewerkschaftlichen Mobilisierungsforschung kennzeichnet.
  • Heiner Dribbusch gibt einen Überblick über die quantitativen und qualitativen Entwicklungen der Streikbewegungen im Dienstleistungssektor seit der Nachkriegszeit.

Diskussion

Die 21 Autor_innen (8 weiblich, 13 männlich), überwiegend Hochschulangehörige aus den Jahrgängen 1981-1990, verweisen darauf, dass sie selbst als Eltern, Angehörige, (ehemals) Beschäftigte, Gewerkschafter_innen oder in anderen Netzwerken engagiert in diese Kämpfe involviert waren. Die Beiträge sind anregend und lesen sich zum Teil spannend. Sie bieten Einblicke in die Verschiedenheit der Branchen, zeigen aber auch deren Gemeinsamkeit auf.

Sie bieten zahlreiche Perspektiven auf die Arbeitskämpfe im Care Bereich: theoretische Analysen, quantitative und qualitative Beschreibungen, Erfahrungsberichte und Prozessbeschreibungen. Im Blick sind „traditionelle“ Streiks, aber auch Gewerkschaften, die nicht dem DGB angehören, prekär Beschäftigte und solche mit einem Migrationshintergrund. Es klingt durch, dass es noch einiger Anstrengungen bedarf, um der Tatsache gerecht zu werden, dass es sich hier um die Frauenbranchen handelt, in denen personenbezogene Dienstleistungen erbracht werden. Die Erkenntnisse und Strategien aus den traditionell männlichen Streikbewegungen scheinen hier weniger zu greifen. Ob die Zunahme der Konflikte im Care Bereich nun als Feminisierung des Arbeitskampfes zu bezeichnen ist oder was es bedeutet, dass Geschlechterverhältnisse in den Arbeitskämpfen thematisiert werden, bleibt weitgehend offen. Deutlich wird aber, dass für die Arbeitskämpfe im Care Bereich neue Strategien entwickelt werden müssen, um der Besonderheit dieses Bereiches, (nicht der Besonderheit eines Geschlechts) gerecht zu werden. Alternative und partizipatorische Formen sind bereits entwickelt, müssen aber vertieft genutzt werden.

Fazit

Von Care-Arbeit ist jede® mehr oder weniger betroffen, und die Arbeitsbedingungen in diesem Bereich wirken sich auf viele aus, auf die Betreuten und Klient_innen, sowie die Angehörigen. So gibt es kaum eine Gruppe in der Gesellschaft, die eine hohe Qualität der personenbezogenen Dienstleistungen nicht interessieren sollte. Dieses Lese-Buch vermittelt einen guten Einblick und viele Denkanstöße, und bietet Ansätze zur solidarischen Unterstützung der Care-Arbeitenden.


Rezensentin
Dr. Barbara Stiegler
Bis zu ihrer Pensionierung Leiterin des Arbeitsbereiches Frauen- und Geschlechterforschung
Friedrich Ebert Stiftung, Abteilung Wirtschafts- und Sozialpolitik
Homepage www.stiegler-barbara.de
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Zitiervorschlag
Barbara Stiegler. Rezension vom 19.03.2018 zu: Ingrid Artus, Peter Birke, Stefan Kerber-Clasen, Wolfgang Menz (Hrsg.): Sorge-Kämpfe. Auseinandersetzungen um Arbeit in sozialen Dienstleistungen. VSA-Verlag (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-89965-766-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23586.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


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