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Stephen Gaukroger: Objektivität. Ein Problem und seine Karriere

Cover Stephen Gaukroger: Objektivität. Ein Problem und seine Karriere. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2017. 140 Seiten. ISBN 978-3-15-020378-1. D: 13,95 EUR, A: 14,40 EUR.
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Thema

Die „Erde ist eine Scheibe“, der „Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen“, „Menschenrechte und Aufklärung sind eine Erfindung des Westens.“ Kann man sich noch auf die Wissenschaft verlassen? Immer mehr Menschen flüchten und leben in „Echokammern“ und suchen dort die Verifizierung ihrer Vorurteile. Sie sind oft aus Angst und Überheblichkeit nicht bereit, diese einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Was ist wahr, was ist objektiv oder gibt es nur „gefühlte Wahrheiten“? Ist Wahrheit und Objektivität dasselbe? Ist alles – Moral und Wissenschaft – relativ und nur eine Frage der Perspektive? Mit Kant wurde Objektivität zum ersten Leitprinzip der Philosophie und der Wissenschaften überhaupt. Wer die rationalistische Objektivität in Frage stellt stellt die Moderne in Frage.

Objektivität ist für Stephen Gaukroger ein Ideal und eine Tugend, die im Labor wie im Studierzimmer erworben und verfeinert werden kann. Er untersucht die Genealogie des Begriffs Objektivität und seine Bedeutung in Wissenschaft und Alltag. Er zeigt, wie Objektivität seine jetzige Bedeutung erlang hat und was ihre Beziehung zur Wahrheit ist. „Objektivität ist leider kein unkomplizierter Begriff“. „Aufgrund dessen entstehen“, so Gaukroger, „unterschiedliche Erwartungen – einige davon sind vernünftig, andere nicht“ (10). Der Autor belegt seine Ausführungen nicht mit Zitaten und Fußnoten. Literaturhinweise für jedes Kapitel findet man im Anhang.

Autor

Stephen Gaukroger (*1950) ist ein britischer Philosoph der Geschichte der Philosophie und der Wissenschaftsgeschichte an den Universitäten von Sydney (1981) und Aberdeen (2003). Seine Schriften wurden in mehreren Sprachen übersetzt und erschienen, in China, Deutschland, Frankreich, Italien, Portugal, Russland, Serbien und in arabischen Ländern.

Aufbau

Die Studie besteht aus zehn Kapiteln und entspricht thematisch weitgehend den vom Rezensenten formulierten Kapitelüberschriften. Der vollständige Aufbau des Buchs findet sich auf der Verlagshomepage.

Zu 1. Einführung: Die Spielarten der Objektivität

Stephen Gaukroger beginnt seine Studie mit einem Mensch Tier Vergleich. Wie schon Helmuth Plessner attestiert er dem Menschen die Fähigkeit in ein reflexives Verhältnis zu seinen Wahrnehmungen, Überzeugungen und Meinungen zu treten. Objektivität sei „ein charakteristischer Wesenszug des Menschen, da nur Menschen die Fähigkeit zur Objektivität besitzen“. Objektivität umfasse „die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln“, und niemand habe „diese Fähigkeit jemals Tieren zugeschrieben“ (7).

Objektivität, so Gaukroger, sei erstmals in der Moderne „als eigenständiger Wert um ihrer selbst willen angestrebt“ worden: etwas, das „regelmäßig mit religiösen Überzeugungen in Kontrast gesetzt wurde.“. „Werte, die mit Objektivität verbunden“ worden seien, wie „Unparteilichkeit und das Freisein von Vorurteilen, leiten jetzt nicht nur die wissenschaftliche Forschung, sondern hielten auch in die Bereiche der Moral und Politik Einzug“ (7). Diese Entwicklung datiert Gaukroger auf den Beginn des 19. Jahrhunderts. Jetzt galt die Naturwissenschaft als „Verkörperung der Objektivität in ihrer reinsten Form“ (8).

Gaukroger unterscheidet vier Bedeutungen von Objektivität.

  1. Die erste Bedeutung besagt, dass ein „objektives Urteil ein solches ist, das frei von Vorurteilen und Voreingenommenheit“ sei. Diese Auffassung siedele „die Objektivität im sozialen Bereich des Alltagslebens an, im Gegensatz z.B. zum Bereich der Naturwissenschaft“ (11). Die „Vorstellung eines Freiseins von Vorurteilen und Voreingenommenheiten“ hält Gaukroger für den leistungsfähigsten allgemeinen „Begriff von Objektivität, den wir haben“.
  2. „Der zweiten Bedeutung zufolge ist ein objektives Urteil ein solches, das frei von allen Annahmen und Werten“ ist (12).
  3. Während die beiden ersten Begriffe einen gewünschten Geisteszustand beschreiben bringt Gaukroger mit dem dritten etwas anderes ins Spiel. Der dritte Begriff von Objektivität, der vor allem in den Naturwissenschaften verwenden werde, ziele „direkt darauf ab, wie wir zu unseren Ansichten oder Theorien“ gelangten. Er schreibe vor, „dass Verfahren einer bestimmten Art vorhanden sein und befolgt werden“ müssten, „wenn wir Objektivität erreichen“ wollten, „nämlich solche, die uns eine Entscheidung zwischen widerstreitenden Theorien“ ermöglichten (13). Dieser Begriff sei es an „ein Verständnis von Objektivität gebunden, das die wissenschaftliche Objektivität als allgemeines Vorbild“ auffasse und das sei „eine sehr starke Annahme“ (14). Der dritte Begriff sei von „Karl Popper verwendet“ worden. Popper habe, wie Gaukroger betont, „Objektivität und Naturwissenschaft“ gleichgesetzt und damit „die Geschichtswissenschaft als eine objektive Disziplin“ ausgeschlossen (13). Popper verweist hier auf den unterschiedlichen Charakter zwischen generalisierenden und historischen Wissenschaften. Für ihn kann es folglich keine historischen Gesetze oder wahre historischen Theorien geben, die sich überprüfen ließen (ALP 182f). Gleichwohl habe sich der Historiker bei seiner Arbeit einer vernünftigen und kritischen Methode zu bedienen. Popper plädiert für das Falsifikationsprinzip und nicht, wie in der szientistischen Vorstellung, für eine passiver Beobachtung. Die Einheit der Methode von Natur- und Sozialwissenschaften ist die kritische Prüfung. Ein „politisches, philosophisches oder geistiges System, das sich selber“ versiegele und „das sich selbst unwiderlegbar“ mache wie Marxismus, Psychoanalyse und andere Formen der Psychoanalyse, ist nach Dafürhalten Poppers „kein wissenschaftliches“, sondern ein „gefährliches“ System (OG – OU 9). Popper vertritt die These, dass all unser Wissen ein fehlbares Wissen sei und wir deshalb offen bleiben müssen für Kritik (AdS 45).
  4. Als viertes Verständnis von Objektivität nennet Stephen Gaukroger die Idee der „exakten Repräsentation“. Er hebt hervor, dass man in den „philosophischen und naturwissenschaftlichen Debatten seit dem 18. Jahrhundert“ eine Bewegung fände, die „hin zu der positiven Idee führt, dass Objektivität in einer korrekten Wiedergabe“ (17) bestehe, während die erste und dritte Bedeutung Objektivität als etwas auffasse, das „mit Begründung und nicht mit Wahrheit zu tun“ habe (16).

Eine „allgemeine Vorstellung von Objektivität“, die „den besonderen Anforderungen der Naturwissenschaft“ und denen „der Bereiche der Moral und Ästhetik entsprechen würde“ so Gaukroger, sei zwar wünschenswert, (18) aber „wahrscheinlich nicht in jeder Hinsicht“ zu erfüllen (20).

Zu 2. Ist Objektivität eine Form von Redlichkeit?

In Kapitel 2 beginnt Gaukroger „mit einer Betrachtung der Behauptung, dass ein allgemeines Merkmal von Objektivität“, darin bestehe, „dass sie eine Form intellektueller Redlichkeit“ (21) sei. So sei im 18. Jahrhundert „die Verbindung von Objektivität und intellektueller Redlichkeit fest begründet“ und „von französischen Denkern zur Verteidigung der Wissenschaft und zur Verunglimpfung der Religion verwendet“ worden (27).

Popper habe hingegen vorgeschlagen, dass „das Ziel wissenschaftlicher Forschung nicht in dem Versuch besteht, die eigenen Theorien zu bestätigen oder (27) zu verifizieren, sondern sie zu widerlegen: Das sei die wahre Form intellektueller Redlichkeit“ (29). Gaukroger hat seine Zweifel, ob Poppers Methode „überhaupt möglich“ ist? Denn als Galilei seine „Theorie im frühen 17. Jahrhundert“ vorgeschlagen habe, „schien sie nicht nur durch einen, sondern gleich durch vier Belege direkt falsifiziert zu werden“ (29). Man kann hier mit Helmut Seiffert anmerken, dass die Falsifizierbarkeit „eine rein logische Angelegenheit“ ist, und „nichts zu tun hat mit der Frage, ob eine vorgeschlagene experimentelle Falsifikation als solche anerkannt wird oder nicht“ (82).

Zu 3. Zeigt nicht die Wissenschaft, dass es gar keine Objektivität gibt?

In Kapitel 3 untersucht Gaukroger nun„Entwicklungen in der Naturwissenschaft, die manchmal als Beweis dafür betrachtet werden, dass alles relativ zum Beobachter ist und dass Objektivität folglich unmöglich ist“ (21). Die Relativitätstheorie untergrabe jedoch „nicht die Objektivität in der Wissenschaft“. Auch die Quantenmechanik bringe „keine Konsequenzen für die allgemeine Frage nach der Objektivität“ (42).

Zu 4. Ist nicht jede Wahrnehmung und alles Verstehen relativ?

In den Kapiteln 4 und 5 analysiert Gaukroger die „Verbindungen zwischen dem Freisein von Vorurteilen oder Voreingenommenheiten und dem Versuch, jegliche Annahmen aus unserem schlussfolgernden Denken zu beseitigen“ (21). „Eine objektive Theorie“ sei jedoch kein „Blick von nirgendwo“. Sie sage „uns nicht, dass der Gegenstand an sich erscheint, wenn wir alle Beobachtungsbedingungen“ entfernten (53). Was „wir sehen und beurteilen“, hänge von „verschiedenen Interpretationen unserer Wahrnehmung und unseres Denkens ab, mit denen wir unsere Beobachtungen“ verknüpften (53).

Zu 5. Wie steht es um unsere begriffliche Strukturierung der Welt?

Gaukroger untersucht drei Fälle der Strukturierung der Welt.

  1. Kant habe dargelegt, (54) „dass die Welt, die wir in der Wahrnehmung und im Denken erfassen, vom Geist konstruiert“ werde. Darüber hinaus könnten „wir nach Kants Ansicht die Welt nicht so erkennen, wie sie an sich ist“ (55).
  2. Der zweite Fall bestehe in „der Behauptung, dass unterschiedliche Kultur- und Sprachgruppen die Welt unterschiedlich“ strukturierten (53). Der Tatbestand, dass „Sprachen und Kulturen verschiedene Wörter für Dinge und feine Unterscheidungen enthalten, die in anderen Sprachen fehlen oder quer dazu liegen“, ziehe „keine relativistischen Konsequenzen nach sich“ (60).
  3. Der dritte Fall gehe von der „Strukturierung der Wahrnehmung zu einer theoretischen Beschreibung der Welt über“, wie sie in den „verschiedenen Wissenschaften angeboten“ werde (53).

„Probleme“ entstünden „dann, wenn es nicht um die unterschiedliche Aufgliederung der Welt zu verschiedenen Zwecken, sondern um alternative und miteinander konkurrierende Weisen der Aufgliederung derselben Welt“ gehe. Die Beispiele „stammten hier aus der Wissenschaftsgeschichte“, insbesondere von dem Ansatz, der in Thomas Kuhns „Struktur wissenschaftlicher Revolutionen“(1962) (65) entwickelt worden sei. Nach Gaukrogers Überzeugung, habe sich am Fall Gelileis gezeigt, dass Poppers Methode „nicht immer ein vielversprechender Weg“ sei. „Zusätzliche Komplexitäten“ alarmierten uns, „die Tatsache im Auge zu behalten, dass Objektivität auf sehr verschiedene Weise kontextabhängig sein“ könne (71).

Zu 6. Ist eine objektive Repräsentation der Dinge möglich?

Im Hinblick auf die Erkenntnis, müsse man zwischen Rechtfertigung und Wahrheit unterscheiden. Objektivität gehöre „zur Rechtfertigung, nicht zur Wahrheit“ (72). Um die Wahrheit einer Theorie festzustellen, könnten wir „nicht mehr tun, als festzustellen, worin ihre Rechtfertigung“ bestehe. Wahrheit spiele hier „keine Rolle“: Die Rechtfertigung leiste die „gesamte Arbeit“ und scheine der einzige „Leitfaden dafür zu sein, welche Theorien wir bevorzugen sollten“ (76).

Gaukroger fragt nun, ob es „noch eine andere Möglichkeit, sich Objektivität vorzustellen“ gibt, eine, die „Rechtfertigungsfragen umgeht und sich stattdessen auf das konzentriert, was als das positive Ziel von Objektivität gelten mag, nämlich eine getreue Repräsentation der Welt?“ (72) Tatsächlich fänden wir „seit dem 18. Jahrhundert eine Bewegung. zu der positiven Idee, dass Objektivität in angemessener Repräsentation“ bestehe (78). Gaukroger verweist auf das Buch „Objektivität“von Lorraine Daston und Peter Galison, die untersuchten, wie Vorstellungen wissenschaftlicher Objektivität, verstanden als getreue Repräsentation, sich in den letzten zwei Jahrhunderten entwickelt haben.

Für Gaukroger gibt es „nicht nur Grade der Objektivität“, sondern Objektivität sei „auch etwas, das man lernen und durch praktische Übungen verbessern“ könne. Die „Ausbildung im Labor“ stelle „genau ein solches Mittel zur Verbesserung in den experimentellen Disziplinen dar“ (84). „Während Wahrheit absolut“ sei und „keine Grade“ habe, habe „Objektivität nur Grade“. Die „Vorstellung einer absoluten Objektivität sei eine falsche Vorstellung, die dadurch nahegelegt“ werde, dass „man sie sich als einen Blick von nirgendwo“ vorstelle. Objektivität werde „nicht im Grenzfall zur Wahrheit“ (87). Objektivität sei „etwas Profaneres als »die Suche nach Wahrheit«, und ihr Wert“ liege im „Gegensatz zur »Suche nach der Wahrheit« gerade in dieser Profanität“ (87).

Zu 7. Objektivität im Bereich der Zahlen?

Eine Möglichkeit, dies zu erreichen, bestehe darin, „alle wissenschaftlichen Theorien in eine mathematische Form zu übersetzen“ (89). Die positivistische „Vorstellung von Objektivität als etwas, das keine Urteile umfasst“ ist, nach Gaukrogers Überzeugung, falsch (92). Die „Reduktion auf rohe Zahlen“ habe „Ähnlichkeit mit der Auffassung, dass die objektivsten Beobachtungen“ diejenigen seien, „die aller Urteile entledigt und entblößt worden sind“ (93). Nicht selten werde „die Quantifizierung“ zu „einem Werkzeug für das Mikromanagement“, „zu einer Form von Kontrolle, die einen vollständigen Verzicht auf Verantwortung“ gestatte (96).

Zu 8. Kann die Untersuchung menschlichen Verhaltens objektiv sein?

In den letzten drei Kapiteln untersucht Gaukroger, „worin Objektivität in den Human- oder Sozialwissenschaften, in der Ethik und in der Ästhetik bestehen könnte“ (21).

„Ähnlich, wie mathematische, physikalische, astronomische und (vielleicht) auch ökonomische Theorien in der Lage“ seien, „einen neutralen und umfassenden Gesichtspunkt anzubieten“, könnten anthropologische Theorien etwas bieten, das „nicht die westliche Kultur“ widerspiegele, sondern sie übersteige. Gaukroger nennt sie „universalistische Theorien“. Das „würde bedeuten“, „dass wissenschaftliche Erklärungen immer allgemeiner Natur“ seien und „dass es keine kontextbezogenen Erklärungen“ gebe. Das sei „jedoch eine fragwürdige Annahme“ (107).

Die von ihm untersuchten Fälle zeigen seiner Überzeugung nach „die Notwendigkeit, bewusst Urteile zu fällen, anstatt sich blind auf einen Erklärungsmodus zu verlassen, der unabhängig vom Kontext als »wissenschaftlich« oder »objektiv« bestimmt“ worden sei (109). Um menschliches Verhalten zu interpretieren müsse man „zwischen einer angemessenen Interpretation des Verhaltens und seiner angemessenen Erklärung“ unterscheiden. Man könne, so Gaukroger, darauf bestehen, dass Objektivität es erfordere, „die Werte der Beteiligten anzunehmen“ (109).

Giambattista Vico (1668- 1744) und Wilhelm Dilthey (1833-1911), hätten „geltend gemacht, dass die Natur- und die Humanwissenschaften sich in dieser Hinsicht grundsätzlich voneinander unterscheiden“ (109). Für Gaukroger sei es „äußerst zweifelhaft, ob einer dieser Ansätze“ allein die »richtige Antwort« liefere (110). Die Frage laute nun, „ob man etwas Allgemeineres anbieten“ könne, das „mit dem Begriff der Objektivität korreliert“ (111).

Zu 9. Kann es Objektivität in der Ethik geben?

Für Gaukroger gibt es „moralische Kernwerte“, die „nicht relativ“ sind. Sie seien „objektiv“, „vor allem in Form der universellen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen“ (1948). Wenn wir „die Vorstellung“ akzeptierten, dass „es grundlegende moralische Werte“ gebe, dann könnten wir die Suche nach „einem festen Inhalt der Moral“ aufgeben und sich „Moral im Sinne von Verhaltensregeln“ vorstellen. Das sei „die Hoffnung Kants und der Utilitaristen und von John Rawls´ Theorie der Gerechtigkeit“. (120)

Schluss

In einer allgemeinen Charakterisierung von Objektivität begann Gaukroger damit, „sie als etwas zu beschreiben, das von uns verlangt, einen Schritt von unseren Wahrnehmungen, Überzeugungen und Meinungen zurückzutreten, auf diese zu reflektieren und sie einer bestimmten Art von Prüfung und Beurteilung zu unterziehen“ (130). Wenn wir es erreichen wollten, „dass Menschen objektivere Urteile im Hinblick auf z.B. politische, gesellschaftliche, wirtschaftliche und religiöse Fragen fällen“, sei vor allem das Bildungssystem gefragt. Objektivität sei „nicht bloß eine Tugend des Verstandes.“ Vielmehr sei Objektivität „etwas, von dem wir lernen, wie es zu erreichen ist.“ Da sie „kontextabhängig“ sei, „lernen wir, sie auf kontextabhängige Weise zu erreichen.“ Sie sei „keine Struktur, die sich auf alles in gleicher Weise anwenden“ lasse (131).

Fazit

Ausgangspunkt dieser Studie ist ein Kernbegriff der neuzeitlichen Wissenschaft. Nach Stephen Gaukroger ist es nicht Wahrheit, sondern Objektivität. Erzeichnet die Entstehung dieses nicht einfachen Begriffs in der Wissenschaft vom späten 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart nach. Was den Methodenstreit betrifft bezweifelt er, ob jeweils nur einer dieser Methoden den „richtigen“ Ansatz liefert. Unvernünftig ist für ihn die Vorstellung oder Erwartung von einer absoluten Objektivität als „Blick von nirgendwo“, vor allem wenn Objektivität mit Quantifizierung gleichgesetzt wird. Objektivität erfordere nicht die Tilgung des Selbst. Vielmehr sei sie ein Merkmal von Urteilen, die wir über die Welt fällen. Vernünftig sei die Vorstellung von gradueller Objektivität und von Objektivität als einer bestimmten Form der Forschung, die auf objektiven Verfahren beruht. Das Freisein von Vorurteilen ist nach Gaukroger, der leistungsfähigste Begriff von Objektivität, den wir haben. Kontextunabhängigen universellen Erklärungen erteilt er wie auch dem Relativismus in den Wissenschaften und der Ethik eine Absage.

Nicht nachvollziehbar ist Gaukrogers Skepsis gegenüber Karl Poppers kritischer Methode. Besonders dann nicht, wenn man Gaukrogers Urteil, Objektivität sei „keine Struktur, die sich auf alles in gleicher Weise anwenden“ lasse, auf Popper anwendet. Etwas anderes als die Methode der vernünftigen Kritik haben wir nicht. Die Idee der Objektivität wird von Popper, anders als Gaukroger,  mit dem „sozialen Aspekt der Methode“ eng verbunden, also mit dem Umstand, dass die Objektivität der Zusammenarbeit vieler Wissenschaftler entspringt. Nur insofern eine öffentliche und freie Kritik möglich ist, kann es objektive Wissenschaft geben. Die „Unparteilichkeit des individuellen Wissenschaftlers ist, sofern sie existiert, nicht, wie Gaukroger meint, die Quelle, sondern das Ergebnis dieser sozial oder institutionell organisierten Objektivität der Wissenschaft“ (OGF II, 270).

Menschen, die Objektivität mit Wahrheit gleichsetzen und glauben, dass das Ziel der Wissenschaft die Entdeckung „der Wahrheit“ ist, sollten dieses Buch lesen. Auch diejenigen, die davon überzeugt sind, dass es keine Objektivität gibt und alles relativ ist. Wer nach Bestätigung seiner Meinung sucht und in seiner Blase bleiben möchte, für den kann das Buch zu einer kopernikanischen Wende der Denkungsart führen. Manche Politiker, Manager und Verwaltungsbeamte, die glauben, die Rechtfertigung für ihre Entscheidungen allein in Zahlen und Statistiken zu finden, können hinzulernen. Das Buch richtet sich auch an alle, die sich für den schwer fassbaren, aber gleichwohl wissenschaftshistorisch wie wissenschaftstheoretisch zentralen Begriff der Objektivität interessieren – und dafür, was es heißt, mit wissenschaftlichem Blick auf die Welt zu schauen. Der Essay ist mehr als eine Einführung in den Begriff, sondern legt auch die Grundlage für erfolgreiches wissenschaftliches Arbeiten. 

Literatur

  • Popper, Karl R., Auf der Suche nach einer besseren Welt, München, 1991.
  • Popper, Karl R., Offene Gesellschaft – Offenes Universum, München, 1992.
  • Popper, Karl R., Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, München 1980.
  • Popper, Karl R., Alles Leben ist Problemlösen, München 1997.
  • Seiffert, Helmut und Radnitzky, Gerard, Handlexikon zur Wissenschaftstheorie, München1994.

Rezensent
Dr. phil. Bruno Heidlberger
Studienrat (Philosophie, Politik, Geschichte), Mitarbeiter am Institut für Tiefenpsychologie Gruppendynamik und Gruppentherapie in Berlin, Lehrbeauftragter an der MHB Berlin-Brandenburg
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Zweitdruckort – „Aufklärung und Kritik“, voraussichtlich Heft 3 oder 4/2018, Zeitschrift für freies Denken und humanistische Philosophie. Herausgegeben von der Gesellschaft für kritische Philosophie Nürnberg.


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Zitiervorschlag
Bruno Heidlberger. Rezension vom 08.01.2018 zu: Stephen Gaukroger: Objektivität. Ein Problem und seine Karriere. Philipp Reclam jun. Verlag GmbH (Stuttgart) 2017. ISBN 978-3-15-020378-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23588.php, Datum des Zugriffs 22.04.2018.


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