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Gunnar Eismann, Claas-Hinrich Lammers: Therapie-Tools Emotionsregulation

Cover Gunnar Eismann, Claas-Hinrich Lammers: Therapie-Tools Emotionsregulation. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 258 Seiten. ISBN 978-3-621-28517-9. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

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Thema

Lange Zeit wurden Emotionen und der Umgang damit in der Verhaltenstherapie eher stiefmütterlich behandelt. Seit einigen Jahren wird jedoch vermehrt Wert auf die therapeutische Berücksichtigung von Emotionen gelegt. Hier hat Leslie Greenberg mit der Entwicklung der emotionsfokussierten Therapie einen wesentlichen Beitrag geleistet. Weiterhin ist der verstärkte therapeutische Einbezug von Emotionen der dritten Welle der Verhaltenstherapie zu verdanken. Von Bedeutung sind dabei u.a. die Konzepte von Marsha Linehan mit der dialektisch-behavioralen Therapie. Im Vordergrund stehen dabei die Steigerung der Kompetenzen zum Umgang mit maladaptiven Emotionen und die Förderung adaptiver bzw. positiver Emotionen. In jüngeren Studien konnte die übergeordnete Rolle der Emotionsregulation bei der Ätiologie und Aufrechterhaltung verschiedener psychischer Störungen bestätigt werden.

Im vorliegenden Buch spiegelt sich die Berücksichtigung der genannten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Emotionen wider. Entsprechend lassen sich Bezüge zur klassischen Verhaltenstherapie, der kognitiven Verhaltenstherapie aber auch zu Achtsamkeit, Akzeptanz und selbstbezogenem Mitgefühl erkennen.

Autoren

Prof. Dr. med. Claas-Hinrich Lammers ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie mit Weiterbildungen in (u.a.) Verhaltenstherapie und emotionsfokussierter Therapie. Er ist Chefarzt der I. und III. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Ärztlicher Direktor an der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll in Hamburg.

Dr. med. Gunnar Eismann ist Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und tätig als leitender Oberarzt der I. Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Asklepios Klinik Nord-Ochsenzoll in Hamburg.

Entstehungshintergrund

Auf der Grundlage des Werkes „Emotionsfokussierte Methoden“ von Lammers aus dem Jahre 2015 entstand das hier vorliegende Buch. Das Buch erscheint im Rahmen der „Therapie-Tools“ im Beltz Verlag. Diese Bücherreihe bietet praxisorientierte Materialien mit Informations-, Arbeits-, und Übungsblättern, die sich unmittelbar für die Arbeit mit den Patienten einsetzen lassen.

Aufbau und Inhalt

Die Einführung liefert zunächst eine Darstellung über die inhaltliche Ausrichtung und den konzeptuellen Aufbau des Buches. Weiterhin werden die jeweiligen Kapitel überblicksartig mit mehreren Sätzen beschrieben.

  • Zunächst widmet sich das Buch der Vermittlung von fundamentalem Wissen über die Rolle von Emotionen ebenso wie Techniken zur Analyse der eigenen Emotionen inklusive einer Problem-, Mittel- und Zielanalyse (Kapitel 1-3),
  • wohingegen im späteren Verlauf eine daran ausgerichtete individualisierte Behandlung vorgesehen ist (Kapitel 4-9).

Wenn die Kapitel nicht in der vorgegebenen Reihenfolge, sondern orientiert an den für den Patienten sinnvollen Schwerpunktthemen bearbeitet werden sollen, ist dies aufgrund der nachvollziehbaren und klaren Strukturierung der Materialen ohne weiteres möglich. Mehrfach im Buch finden sich zudem Verweise auf andere Arbeitsblätter die als Grundlage oder als Weiterführung dienen. Jedem Kapitel ist eine knapp gehaltene Einführung zum Thema vorangestellt, in der wesentliche theoretische Hintergründe enthalten sind. Das Buch gliedert sich in neun Kapitel:

Kap. 1 „Psychoedukation – Emotionen“ bietet mit knapp zwanzig Arbeitsblättern zunächst verschiedene Informationen rund um das Thema Emotion. Dabei geht es um Beispiele für Emotionen, deren Informationsgehalt und körperliche Korrelate sowie die Unterscheidung von adaptiven und maladaptiven Emotionen. Weiterhin kann der Fragebogen „Meine Einstellungen zu Emotionen“ genutzt werden um dysfunktionale Annahmen in Bezug auf Emotionen zu identifizieren und eine hilfreichere Sichtweise zu entwickeln. Ergänzt wird das Kapitel um Informationen zu emotionsphobischen Vermeidungsstrategien und der Erhebung welche Strategien zur Emotionsregulation vom Patienten bisher genutzt werden.

Kap. 2 „Das emotionale Problem- und Zielprofil des Patienten“ stellt zunächst die Exploration emotionsphobischer Verhaltensweisen des Patienten in den Mittelpunkt. Die Erhebung erfolgt mittels eines Emotionstagebuches und ist im Sinne einer Verhaltensanalyse zu verstehen. Unter Bezug auf biografische Erfahrungen mit Bezugspersonen wird die lerngeschichtliche Entstehung sog. Problememotionen herausgearbeitet. Die bis dahin erhobenen Informationen münden in eine sehr umfassende emotionsbezogene Problemanalyse. Neben den frustrierten Bedürfnissen werden hier kognitive Grundannahmen und maladaptive Bewältigungsstrategien ebenso wie die daraus resultierenden negativen Konsequenzen integriert.

Hat sich die Patientin entschieden an welcher Emotion sie arbeiten möchte, werden sowohl eine konkrete Ziel- als auch eine Mittelanalyse durchgeführt.

Kap. 3 „Emotionsanalyse und Emotionsplan“ gliedert sich in die beiden genannten Teile. Die Patientin erlernt zunächst die Emotionsanalyse im Rahmen der Therapie. Dieses Instrument soll auch eigenständig von den Patientinnen eingesetzt werden können, da die Emotionsanalyse die Basis für das Verständnis der eigenen Emotionen und die Veränderungsmöglichkeiten liefert. Nach Eismann und Lammers umfasst dies die Erfassung folgender Aspekte:

  • Auslösende Situation
  • Gedanken und Bewertungen, welche den Auslösecharakter der Situation hervorrufen
  • Handlungsimpuls
  • Unterscheidung zwischen primären, sekundären und instrumentellen Emotionen
  • Bedürfnishintergrund des emotionalen Erlebens
  • Adaptivität bwz. Maladaptivität von Emotionen / Bedürfnissen

Im Emotionsplan sollen Strategien enthalten sein, die der Emotionsregulation dienen. Hierzu sind Fertigkeiten nötig, für die auf nachfolgende Kapitel des Buches verwiesen wird. Folgende Struktur wird für den Emotionsplan im Buch vorgeschlagen:

  • Nutzung von Entspannungstechniken
  • Achtsame Wahrnehmung der Problememotion
  • Akzeptanz der Problememotion
  • Aktivierung des Selbstmitgefühls
  • Durchführung der Emotionsanalyse um das adaptive Bedürfnis zu erkennen
  • Formulierung hilfreicher Gedanken
  • Anwendung von Verhaltensweisen, die die Umsetzung der adaptiven Emotion ermöglichen

Kap. 4 „Stressregulation“ stellt anhand eines Teufelskreises den Zusammenhang zwischen fehlregulierten Emotionen sowie hoher Belastung durch Stress als psychoedukatives Element her. Unter hoher Belastung und damit einhergehender Anspannung verringern sich die Möglichkeiten zur Emotionsregulation und eine Zunahme von Problememotionen führt zu einer erhöhten Anspannung. Schwerpunktmäßig konzentriert sich das Kapitel daher auf verschiedene Techniken der Stressregulation. Neben einem Fragebogen zum Stresserleben enthält das Kapitel eine Anleitung zur Atementspannung sowie eine an die dialektisch-behaviorale Therapie angelehnte Sammlung von Skills. In den folgenden Kapiteln werden Techniken zur Emotionsregulation aufgegriffen.

Kap. 5 „Emotionsregulation durch Achtsamkeit, Akzeptanz und Selbstmitgefühl“ gehört vermutlich aufgrund der Wichtigkeit für die Emotionsregulation zu den umfassendsten des Buches. Mit dem Ziel problematische Emotionen wahrnehmen zu lernen und den Kampf gegen emotionsvermeidendes Verhalten aufzugeben, teilt sich dieses Kapitel in die drei in der Überschrift genannten Teilaspekte. Die Arbeitsmaterialien zur Achtsamkeit umfassen das Erlernen innerer und äußerer Achtsamkeit und die Erarbeitung eigener Achtsamkeitsübungen. Zur Steigerung der Emotionsakzeptanz werden u.a. das Konzept der radikalen Akzeptanz für maladaptive Emotionen und die Akzeptanz für adaptive Emotionen eingeführt. Um das Selbstmitgefühl zu steigern, liegen Informations- und Arbeitsblätter vor unter deren Zuhilfenahme die Abwertung der eigenen Person verringert und eine Steigerung des Selbstmitgefühls erzielt werden soll.

Kap. 6 „Emotionsregulation durch Kognitionen“ liefert auf der Basis der psychoedukativen Vermittlung möglicher Zusammenhänge zwischen Emotionen und Kognitionen mehrere Arbeitsblätter zu geläufigen Techniken der kognitiven Verhaltenstherapie. Hier wird insbesondere verdeutlicht, wie Kognitionen zu veränderten Emotionen führen können und wie bestimmte Emotionen in der Folge Kognitionen auslösen oder verändern können. Dementsprechend umfassen die dargestellten Maßnahmen zum einen die Herausarbeitung automatischer Gedanken und immanenter Denkfehler sowie deren Disputation und Umbewertung. In diesem Rahmen wird auch der Exploration zugrundeliegender Grundannahmen viel Raum gegeben. Die Einführung des ABCDE-Schemas ermöglicht die Berücksichtigung der Rolle emotionsauslösender Kognitionen. Das Kapitel schließt mit der Vermittlung von Techniken zur experienziellen Aktivierung positiver Emotionen.

Kap. 7 „Emotionsregulation durch Verhaltensänderung“ trägt dem Umstand Rechnung, dass im Rahmen der Therapie auch adaptive Verhaltensweisen vermittelt werden sollen die eine Bedürfnisbefriedigung versprechen. Daher gliedern sich die Arbeitsmaterialien hierzu in drei Bereiche auf: Der Psychoedukation zu dysfunktionalem Bewältigungsverhalten, möglichen Strategien der Unterbrechung dieses Verhaltens und dem Aufbau langfristig wirkungsvoller Techniken für bedürfnisbezogene Verhaltensweisen. So soll ein Verhaltensrepertoire aufgebaut werden, welches durch Annäherungsziele geprägt ist.

Kap. 8 „Emotionsregulation durch Aktivierung adaptiver Emotionen“ bietet zunächst ein Arbeitsblatt, welches die Therapeutin als Anleitung nutzen kann sich unter Nutzung der Emotionsanalyse auf die Suche nach der adaptiven Emotion der Patientin zu begeben. Diese sollen u.a. durch Rollenspiele oder Verhaltensexperimente bei der Patientin aktiviert werden. Um die Aktivierung von adaptiven Emotionen auch zukünftig zu fördern, schließt das Kapitel mit Anleitungen zur bewussten Aktivierung positiver Erinnerungen oder der Imagination positiver innerer Bilder.

Kap. 9 „Emotionsregulation durch Ressourcenaktivierung“ verweist zunächst auf die große Bedeutung der Ressourcenaktivierung für die Handlungsmotivation der Patientin und die Rolle in der therapeutischen Beziehung. Die Arbeitsblätter widmen sich nach einer anfänglichen Psychoedukation über Ressourcen einer individuellen Ressourcenanalyse. Dies wird durch bisher erfolgreich durchgeführte Strategien zur Krisenbewältigung verdeutlicht. Das ausschließliche für Therapeutinnen vorgesehene Arbeitsblatt „Reaktionsbereitschaftsanalyse“ ermöglicht es der Therapeutin zu protokollieren, welche Reaktion die Patientin auf die Aktivierung von Ressourcen im therapeutischen Kontext gezeigt hat. So kann eine Anpassung an die Patientin erfolgen.

Diskussion

Das vorliegende Buch bietet sehr umfassende Materialien zur Förderung der Emotionsregulation im therapeutischen Kontext. Dabei überzeugt vor allem die große Flexibilität des Buches: Die Arbeitsblätter aus den verschiedenen Kapiteln lassen sich je nach den Anforderungen der aktuellen Therapiesituation gezielt auswählen. Gleichzeitig verhindert jedoch die Übersichtlichkeit des Buches, dass der rote Faden in der Emotionsarbeit verloren geht. Ein weiterer sehr positiver Aspekt ist der transdiagnostische Ansatz des Buches. Durch die störungsübergreifende Nutzbarkeit der Arbeitsblätter, lässt sich das Buch nahezu universell in unterschiedlichste Therapieverläufe integrieren.

Gerade der Bezug auf die klassische Verhaltenstherapie, sowie Techniken die der zweiten als auch der dritten Welle der Verhaltenstherapie zuzuordnen sind, machen eine weitere Stärke des Buches aus. Allerdings stellt dies auch gewisse Anforderungen an die Nutzer des Buches. Eine entsprechende Vorbildung scheint zwingend nötig, da Konzepte aus verschiedenen Epochen der Verhaltenstherapie die Grundlage für die dargestellten Techniken bilden. Profitieren werden von diesem Buch insbesondere Psychotherapeuten mit absolvierter therapeutischer Weiterbildung und Berufserfahrung. Das Buch ist bedingt auch für therapeutische Anfänger geeignet, stellt diese aber vermutlich mitunter vor Herausforderungen. In dieser Hinsicht wären an mancher Stelle etwas ausführlichere Literaturangaben wünschenswert gewesen. Sind bereits Grundkenntnisse vorhanden ist das Buch jedoch ein äußerst gut geeigneter Begleiter um die Fertigkeiten der Emotionsregulation bei Patientinnen gezielt auszubauen.

Fazit

Das Arbeitsbuch Emotionsregulation von Eismann und Lammers aus der Reihe Therapie-Tools bietet eine sehr gute Basis um die Fertigkeiten von Patientinnen zu fördern um zu einer adaptiven und bedürfnisorientierten Emotionsregulation zu gelangen. Dies umfasst eine grundlegende Psychoedukation zur Rolle von Emotionen inklusive des Erlernens einer Emotionsanalyse und daraus für die Patientin abzuleitenden Strategien der Emotionsregulation. Dabei bezieht das Buch die gängigen Konzepte und Techniken der Verhaltenstherapie mit ein. Der Bezug auf unterschiedliche verhaltenstherapeutische Konzepte stellt eine große Stärke des Buches dar. Vom Nutzer verlangt dies allerdings ein entsprechendes Vorwissen oder den Willen zur Einarbeitung.

Insgesamt ist das Buch von Eismann und Lammers für Psychotherapeuten aufgrund seiner inhaltlichen Breite, Individualisierbarkeit in der Therapie und sehr hohen Praktikabilität eine äußerst empfehlenswerte Materialsammlung wenn es um die Bearbeitung maladaptiver Emotionen geht.


Rezensent
Dr. rer. medic. Tobias Weigl
Psychologischer Psychotherapeut, Hochschuldozent Hochschule Fresenius, Psychology School
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Zitiervorschlag
Tobias Weigl. Rezension vom 09.02.2018 zu: Gunnar Eismann, Claas-Hinrich Lammers: Therapie-Tools Emotionsregulation. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28517-9. Mit E-Book inside und Arbeitsmaterial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23590.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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