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Michael Kirchner, Sabine Andresen u.a.: Janusz Korczaks ‚schöpferisches Nichtwissen‘ vom Kind

Cover Michael Kirchner, Sabine Andresen, Kristina Schierbaum: Janusz Korczaks ‚schöpferisches Nichtwissen‘ vom Kind. Beiträge zur Kindheitsforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-11684-2. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch stellt Korczak mit seinen forschungsmethodischen Zugängen als Kindheitsforscher dar. Beeinflusst durch die Kindheitsforschung seiner Zeit macht er im Zusammenleben mit Kindern seine ersten Erfahrungen als Pädagoge und Pädologe. Dies veranlasst ihn gleichzeitig dazu, sich durch seine Reflexionen von Teilen der zeitgenössischen Kindheitsforschung zu distanzieren und eigene auch forschungsmethodische Wege zu gehen.

Nach der Vorstellung seiner Methoden werden diese durchgehend an die Kindheitsforschung angeknüpft und diskutiert.

AutorInnen

Der Autor Dr. Michael Kirchner beschäftigt sich als einer der ersten Autoren im deutschsprachigen Raum mit Korczak und seinen Schriften und war maßgeblich an der Erarbeitung und Veröffentlichung der Sämtlichen Werke Korczaks beteiligt.

Frau Prof. Dr. Sabine Andresen ist Erziehungswissenschaftlerin und Kindheitsforscherin. Sie hat zahlreiche Publikationen zum Thema Kindheit und Jugend aus verschiedenen Perspektiven sowie mit empirischem Schwerpunkt veröffentlicht.

Frau Kristina Schierbaum war die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Projekts der Deutschen Fördergemeinschaft in dessen Rahmen das Buch entstanden ist und hat ihre Dissertation zu dem Einfluss familiärer Zusammenhänge im Leben und Werk Korczaks verfasst.

Entstehungshintergrund

Das Buch resultiert aus einem Projekt der Deutschen Fördergemeinschaft zur Individual- und Sozialpädagogik Korczaks unter der Leitung von Prof. Sabine Andresen und Dr. Michael Kirchner. Die Laufzeit des Projekts betrug zwei Jahre. Ziel des Projekts war es, die Sozial- und Individualpädagogik Korczaks im Kontext der zeitgenössischen Kinder- und Kindheitsforschungen darzustellen sowie die Grundzüge seiner Pädagogik / Pädologie zu rekonstruieren.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt neun Kapitel gegliedert, in denen unterschiedliche Facetten des Kindheitsforschers diskutiert werden.

Beginnend mit der Einleitung im ersten Kapitel und einer pointierten biographischen Darstellung (Kapitel 2) wird Korczaks Weg vom Mediziner zum Pädagogen bzw. Pädologen dargestellt.

Das dritte Kapitel befasst sich intensiv mit den sogenannten Sommerkolonien, die die erste praktische Erfahrung Korczaks mit Kindergruppen darstellten und ihn massiv prägten.

Dabei erfolgt eine ausführliche Darstellung und eine historische Kontextualisierung dieser Sommerkolonien. Diese Sommerfreizeit war für Kinder mit unterschiedlichen Bedarfen ein Beitrag zur gesundheitlichen Erholung und zeugte gleichzeitig von einer bewussten Erziehung der Kinder seitens der Eltern. Nach dem Aufzeigen des historischen und örtlichen Kontexts wird Korczaks konkrete Arbeit in den Sommerkolonien und seine Reflexionen dazu dargestellt. Anhand zahlreicher Primärzitate ist es den Autorinnen gelungen auf 34 Seiten einen klaren Eindruck zu unterschiedlichen Perspektiven der Kolonien zu vermitteln. Eingegangen wird u.a. auf die Lebensbedingungen der Kinder vor Ort, das pädagogische Umfeld, das pädagogische Personal und die Organisation der Kindergesellschaft. Immer wieder mit Bezügen zu Korczaks Originaltexten zeichnet sich am Ende des Kapitels ein klares Bild von den Sommerkolonien ab, die in anderen Sekundärwerken bisher wenig Berücksichtigung gefunden haben.

Den Kern des Buches bilden nach Aussagen der AutorInnen das vierste bis sechste Kapitel. In Kapitel vier wird Korczak in die interdisziplinäre Kindheitsforschung verortet. Hier wird nochmals sehr deutlich betont, dass Korczaks Schriften bislang kaum unter dem Aspekt der (Kindheits-) Forschung wahrgenommen wurden. Dieses Forschungsdesiderat soll zumindest teilweise mit diesem vorliegenden Buch geschlossen werden, indem Korczaks sozialwissenschaftliches Denken als wichtige Basis für die Kindheitsforschung erörtert wird (Kirchner et al., 2018, S. 55).

In Korczaks Aussagen zum Kind und zur Kindheit wird anhand zahlreicher Belege eine Ordnung identifiziert, die sich in die aktuelle Kindheitsforschung überführen lässt. Zentral hierbei ist vor allem die immer wiederkehrende Problematisierung der Machtverhältnisse zwischen dem Kind und den Erwachsenen.

Im fünften Kapitel wird Janusz Korczak als Kindheitsforscher diskutiert. Dafür wird der historische Kontext erarbeitet.

Korczak beschreibt sich mit dem Begriff des „Pädologen“ selbst als jemanden, der sich der Wissenschaft vom Kind widmet und sich ganz in seinen Dienst stellt, indem das Verstehen jedes einzelnen Kindes in seiner speziellen Lebenswelt in den Fokus rückt. Dabei spielt für Korczak wie für seine ZeitgenossInnen die Beobachtung und Beschreibung von Kindern und Kindergruppen eine zentrale Rolle. Jedoch kritisiert er dabei die Beobachtung im Labor, fernab der kindlichen Lebenswelt, sondern empfiehlt diese bspw. in Internaten, so wie er sein Waisenhaus bezeichnete. Er geht noch weiter und sieht die beschreibende Beobachtung auch als Aufgabe seiner ErzieherInnen im Waisenhaus sowie auch der Eltern, mit denen er zu tun hat.

Weiterhin wird in dem Kapitel der Einfluss der Psychologie und Kinderpsychologie auf Janusz Korczak herausgearbeitet und seine Kritik an den Herangehensweisen skizziert.

Eindrucksvoll wird Korczaks forschungsmethodischer Zugang mit der Ethnologie und Ethnographie zusammengebracht und Korczak nachweislich als Begründer der Ethnologie der Kindheit genannt. Während seines Teilnehmens an der fremden Lebenswelt des Kindes beobachtet und beschreibt er alles Wahrgenommene, wovon zahlreiche Schriften und die aufgezeichneten Details zeugen. Jedoch verzichtet er auf die Festlegung einer Deutung und bleibt größtenteils auf der deskriptiven Ebene.

Im sechsten Kapitel „Experimente“ werden vier ausgewählte Phänomene vorgestellt, denen Korczak anhand von Experimenten auf den Grund gegangen ist. Diese vier Phänomene sind

  1. Soziometrische Experimente der Zu- und Abneigung,
  2. Moraltafeln,
  3. Lese-Experimente und
  4. Studien über den Schlaf.

Ausführlich beschreiben die AutorInnen den Kontext der Experimente, die Methode sowie die Ergebnisse. Auch hier werden zahlreiche Originalzitate angeführt, sodass Korczaks Schriften in einen größeren Zusammenhang gebracht werden.

Im siebten Kapitel wird Korczaks Kommunikation und Interaktion mit Kindern als ein Erkenntnis- und Handlungspotenzial für die Kindheitsforschung erörtert. Aufgrund der verfügbaren Materialfülle steht hier insbesondere die „Kleine Rundschau“ und Korczaks Radioarbeit im Fokus.

Die „Kleine Rundschau“ wird hier als Kartographie der Gefühls- und Lebenswelt von Kindern herangeführt. Insbesondere in den ersten zwei Jahrgängen werden die Aussagen der Kinder von Korczak pädagogisch kommentiert. So erhält Korczak einen Einblick in die Gefühlswelt als auch in den Alltag der Kinder. Gleichzeitig greift Korczak ihm wichtige Themen auf, wie Hygieneverhalten, Bildungspolitik, Gewalt- oder Diskriminierungserfahrungen, mit denen er nicht nur die Kinder zu erreichen versucht, sondern auch die hinter den Kindern stehenden Erwachsenen und damit die unterschiedlichen teils tabuisierenden Thematiken in die Öffentlichkeit trägt.

Auch die Radiosendungen dienen dazu, mehr über das Kind und die Dinge, die es beschäftigen, zu erfahren.

Ein weiteres Augenmerk wird in dem Kapitel auf das Gespräch in unterschiedlichen Konstellationen gelegt (Kind-Kind, ErzieherIn-Kind, ErzieherIn-Kinder, Kind-ErzieherIn, ErzieherIn-ErzieherIn). All diese Gespräche finden innerhalb einer responsiven Dimension statt. Aus Korczaks Beobachtungen formulieren die AutorInnen sehr interessante Grundsätze seines pädagogischen Denkens und Handelns, die als Konsequenz für das pädagogische Handeln zu lesen sind.

Diskussion

Im deutschsprachigen Raum gibt es spätestens seit 1972, dem Jahr, in dem Korczak posthum den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhalten hat, zahlreiche Bücher zu der Person Janusz Korczak, seines tragischen Todes sowie seiner Pädagogik. Ein Blick auf die Rezeptionsgeschichte macht allerdings deutlich, dass sich die Sekundärliteratur immer wieder aufeinander bezieht und „neue“ z.B. sozial- und gesellschaftskritische Aspekte seiner Schriften vernachlässigt werden.

Umso mehr eröffnet das vorliegende Buch eine bisher kaum diskutierte Perspektive. Janusz Korczak wird in herausragender Weise sehr nah an den Originalquellen als Kindheitsforscher dargestellt und anhand von forschungsmethodischen Zugängen belegt. Gerade die gegenwärtige Relevanz von Instrumenten der Beobachtungs- und Entwicklungsdokumentation in (kindheits-)pädagogischen Kontexten zeigt auf, wie aktuell Korczaks Zugänge und seine Praxis waren.

Mit diesem Buch wird ein Forschungsdesiderat thematisiert und soweit im Rahmen des Projekts machbar, geschlossen. Damit stellt das Buch einen sehr wertvollen Beitrag zur Kindheitsforschung dar und sollte von (angehenden) KindheitsforscherInnen und PädagogInnen nicht ungeachtet bleiben.

Fazit

Korczaks schöpferisches Nichtwissen „Ich weiß nicht“ macht seine neugierige und offene Grundhaltung gegenüber dem Kind deutlich. Er „weiß nicht“, möchte aber wissen und entwickelt in diesem schöpferischen Moment die Motivation zum Beobachten, Beschreiben, Nachdenken und Experimentieren. Als Kinderarzt, Pädologe, Pädagoge und Forscher beobachtet Korczak das Kind in seiner (der Korczak fremden) Lebenswelt, möchte es kennenlernen und verstehen.

Das vorliegende Buch stellt ausgewählte Methoden Korczaks vor, die er für das Verstehen des Kindes genutzt hat. Sie werden beschrieben, im historischen Kontext besprochen und mit Originalquellen belegt.

Für Menschen, die sich sowohl theoretisch als auch praktisch mit Kindern und Kindheiten auseinandersetzen, sowie für „Korczakianer“ ist dieses Buch eine Pflichtlektüre.


Rezensentin
Agata Skalska
Kindheitspädagogin M.A. Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Agata Skalska. Rezension vom 04.04.2018 zu: Michael Kirchner, Sabine Andresen, Kristina Schierbaum: Janusz Korczaks ‚schöpferisches Nichtwissen‘ vom Kind. Beiträge zur Kindheitsforschung. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2017. ISBN 978-3-658-11684-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23594.php, Datum des Zugriffs 16.07.2018.


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