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Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz

Cover Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2017. 125 Seiten. ISBN 978-3-89684-098-1. D: 12,00 EUR, A: 12,40 EUR, CH: 17,90 sFr.
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Autor

Gerald Hüther ist Professor für Neurobiologie und leitet die Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Psychiatrischen Klinik der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Präsident der Sinn-Stiftung und Autor zahlreicher wissenschaftlicher und populärwissenschaftlicher Werke.

Aufbau

Das Buch hat vier Kapitel, wobei das Vorwort als fünftes Kapitel mit einbezogen werden muss, denn es enthält zentrale Aussagen/Thesen, die in den nachfolgenden Kapiteln aufgegriffen und vertieft werden. Aus den Über- bzw. Unterschriften der Kapitel sind zentrale Aussagen bereits ersichtlich:

  • Es geht nur gemeinsam. Auf dem Weg zu einer neuen Beziehungskultur
  • Weshalb wir Kommunen brauchen. Erfahrungsräume für den Erwerb sozialer Kompetenzen und die Herausbildung von Gemeinsinn
  • Was aus unseren Kommunen geworden ist. Aktionismus zwischen Problembewältigung und Besitzstandswahrung
  • Was aus unsere Kommunen werden könnte. Das Erfolgsmodell individualisierter Gemeinschaften
  • Community Education. Ansätze und Strategien zur Herausbildung einer Potenzialentfaltungskultur in Kommunen

Inhalt

Die zentrale These des Vorworts (und des Buches) lautet: „Was Kommunen also brauchen, um zukunftsfähig zu sein, wäre eine andere, eine für die Entfaltung der in ihren Bürgern angelegten Potenziale und der in der Kommune vorhandenen Möglichkeiten günstigere Beziehungskultur. Eine Kultur, in der jeder Einzelne spürt, dass er gebraucht wird, dass alle miteinander verbunden sind, voneinander lernen und miteinander wachsen können.“ (S. 9). Dafür ist es notwendig, eine neue (lokale) Beziehungskultur zu entwickeln jenseits der Familie. Der Titel des Buches erklärt sich so: „Kommunale Intelligenz heißt nichts weniger, als gemeinsam über sich hinauszuwachsen.“ (S. 11).

Kapitel I definiert die Kommune aufgrund geänderter gesellschaftlicher Strukturen als Sozialisations- und Erfahrungsraum: „Der geeignetste Ort aber, an dem solche Erfahrungsräume geschaffen und zur Verfügung gestellt werden können, ist nicht die Schule, sondern die Kommune.“ (S. 20). Die zweite These des Neurobiologen Hüter ist, dass sich die gesamten Erfahrungen als „Programm“ im Gehirn ablegen (besonders Kinder und Jugendliche) und damit das Denken für die Zukunft geprägt ist. Weil aber unendliches Wachstum ein Märchen ist und eine ausschließliche Leistungskultur zu keinem Wandel führt, ist eine neue Beziehungskultur anstelle von Wettbewerb notwendig. Es bedarf einer Kultur der Wertschätzung.

Kapitel II skizziert die Ausgangslage. Demnach gibt es verlorene Identitäten und kaum noch Verbindendes. Das wirkt sich besonders auf Kinder und Senioren aus, die in der Leistungs- und Wettbewerbskultur nicht mithalten können. Mit dem Beziehungsverlust geht auch ein Sinnverlust einher.

Kapitel III beschreibt Kommunen als neue Wertegemeinschaft, die zum einen zu einer neuen Beziehungskultur führt und zum anderen den Menschen ein Erfahrungs- und Entfaltungsraum ist, in dem sich alle Potenziale kreativ entfalten könne. „Kreativ sein heißt also nicht in erster Linie, Neues zu erfinden, sondern das bereits Vorhandene, aber bisher voneinander getrennte Wissen auf eine neue Weise miteinander zu verbinden.“ (S. 78).

Im Kapitel IV wird „Community Education“ als Projekt und Programm entwickelt. Dabei geht es um die Wechselwirkung von Institutionen wie Schule und Kita mit der Kommune als Teil des Gemeinwesens. Daraus entwickelt sich eine innere Haltung, die sich als Für- und Miteinander umschreiben lässt. Es ist aber nicht eine Aufgabe von spezifischen Institutionen oder Funktionsträgern, sondern betrifft alle Menschen, also jeden. „Was zukunftsfähige Kommunen also brauchen, ist ein Kulturwandel, der die bisherige Art des Zusammenlebens grundsätzlich verändert: Immer mehr Mitglieder der Kommune müssten spüren, dass sie mit allen anderen auf eine tiefere Art und Weise verbunden sind, als das bisher von ihnen erlebt worden ist. Sie müssten wieder spüren, dass jedes Mitglied ihrer Kommune mit seinen besonderen Erfahrungen, seinem Wissen und seinen Fähigkeiten dazugehört und gebraucht wir, um dieses Zusammenleben zu gestalten. Und zwar so, dass die in jeder Kommune vorhandenen Entwicklungspotenziale endlich zur Entfaltung kommen können. Dass nicht nur jedes einzelne Mitglied der betreffenden Kommune wieder Lust darauf bekommt, sondern sich alle gemeinsam darum bemühen, ihre Kommune zu einem lebendigen Ort des Voneinander-Lernens und Miteinander-Gestaltens der dort vorhandenen Möglichkeiten werden zu lassen.“ (S. 113).

Diskussion

Ein Buch für eine kleine Revolution, nach dessen (anregender) Lektüre man sofort starten möchte, um ab morgen vieles anders zu machen. Es enthält auch etwas zivilen Ungehorsam, weil es auch dazu aufruft, bestehende Grenzen zu überwinden. Sofern man der Ausgangsthese (ewiges Wachstum gibt es nicht und eine Leistungskultur löst die Probleme dieser Welt nicht) folgt, ist die Argumentation plausibel, nachvollziehbar und anstiftend. Die Schwierigkeit liegt sicherlich am ehesten in der Institution Schule, die sich trotz „Schule im Aufbruch“ (vgl. die Rezension) bisher als sehr starr und unbeweglich erwiesen hat, obwohl selbst (Bildungs-) Politiker der Auffassung sind, dass es eines (grundlegenden) Wandels bedarf. Kitas und Jugendzentren und andere Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sind meistens von sich aus lokal und auf das Gemeinwesen orientiert, da gibt es sicherlich große Bereitschaft, solche Wandlungsprozesse aktiv mitzugestalten, gleiches gilt auch für Einrichtungen der Seniorenbetreuung oder andere Institutionen mit einem Fürsorgeauftrag (z.B. psychiatrische Nachsorge).

Die Umsetzung kann nur nach dem Motto „steter Tropfen höhlt den Stein“ erfolgen, indem vor Ort Verbündete/Partner gesucht werden, die im Rahmen ihrer Möglichkeiten einfach beginnen und so andere potenzielle Akteure aufmerksam werden lassen und dann hoffentlich mitmachen. Der gegenwärtige Trend zur öffentlichen Förderung von Stadtteilentwicklung bzw. Regionalförderung könnte die Umsetzung etwas beflügeln.

Das Buch ist kein übliches wissenschaftliches Werk, verzichtet auf Literaturnachweise und Register, was aber auch an keiner Stelle erforderlich ist. Es ist ein leicht lesbares Plädoyer, tendenziell auch als Streitschrift zu sehen, das sich lohnt.

Fazit

Ein Buch zum dringen notwendigen Wandel, das sich lohnt, weil es über die Appelle hinaus einen realisierbaren Weg aufzeigt. Vermutlich lässt es sich „leichter“ in ländlichen als urbanen Regionen umsetzen, aber das ist nicht entscheidend. Hoffentlich findet das Buch viele LeserInnen, aus denen sich Akteure entwickeln.

Summary

A book about necessary processes of changing in municipalities. It is need a new culture of relations between populations to recognize the capabilities of all people for developing a common future.


Rezensent
Prof. Stefan Müller-Teusler
Homepage www.uelzen.paritaetischer.de
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Zitiervorschlag
Stefan Müller-Teusler. Rezension vom 16.01.2018 zu: Gerald Hüther: Kommunale Intelligenz. Potenzialentfaltung in Städten und Gemeinden. edition Körber-Stiftung (Hamburg) 2017. ISBN 978-3-89684-098-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23596.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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