socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Natalie Werner, Janine Trunk: Operante Verfahren

Cover Natalie Werner, Janine Trunk: Operante Verfahren. Techniken der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. 252 Seiten. ISBN 978-3-621-28434-9. 29,95 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autorinnen

Prof. Dr. Natalie S. Werner ist Psychologin und Professorin an der privaten Hochschule Döpfner in Köln mit dem Schwerpunkt Klinische und Biologische Psychologie.

Prof. Dr. Janine Trunk ist Psychologin und ebenfalls Professorin an der privaten Hochschule Döpfner in Köln mit dem Schwerpunkt Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie.

Detaillierte Autoreninformation im Buch fehlen, die Internetpräsenz der Autorinnen weist auf eine ausgewiesene Professionalität im Bereich der Klinischen Psychologie, Psychotherapie, Verhaltenstherapie in Forschung, Hochschullehre und Praxis.

Thema

Ziel der Publikation mit dem Titel „Operante Verfahren“ ist eine grundlagenorientierte Darstellung des Operanten Paradigmas in der therapeutischen Praxis. Die Autorinnen berichten einleitend von einer wahrgenommenen Geringschätzung des lerntheoretischen Reiz-Reaktions-Modells und seines therapeutischen Einsatzes im Vergleich zu Methoden der Kognitiven Verhaltenstherapie. Deshalb möchten sie mit der Publikation den Stellenwert Operanter Verfahren für eine Reihe von Störungsbereichen explizit herausstellen und in die Variationsbreite des Einsatzes Operanter Methoden im Rahmen multimodaler Behandlungen einführen. Das Buch ist in der von Dr. Peter Neudeck herausgegebenen Reihe Techniken der Verhaltenstherapie im Beltz-Verlag erschienen.

Aufbau

Die Publikation gliedert sich in zwei Teile.

Teil 1 Grundlagen (50 Seiten) befasst sich in fünf Kapiteln mit dem Operanten Konditionieren in Theorie und therapeutischer Praxis.

Teil 2 Operante Verfahren im Rahmen komplexer Therapieansätze (160 Seiten) gliedert sich in vier Kapitel, ein kurzes Kapitel 6 zur Verhaltensdiagnostik und drei umfangreiche Kapitel 7 bis 9 zur Verhaltenstherapie von Essstörungen, zu Schmerzstörungen und zu Störungen von Kindern und Jugendlichen.

Der Anhang mit einem 10seitigen Materialteil (u.a. Prüfungsfragen, Verlauf einer Gruppentherapie bei Essstörungen, Beispiel eines Verhaltensvertrags) enthält auch Hinweise zu Downloads (u.a. Kapitel 2, kurzer Film über SORCK-Modell). Die PDF-Version des Buchs steht nach dem Erwerb des Buchs über einen Download-Code zur Verfügung.

Zu Teil 1 Grundlagen

Kapitel 1 „Theoretische Grundlagen“ beschreibt Verstärkung, Bestrafung und Extinktion als Methoden zum Verhaltensaufbau bzw. Verhaltensabbau und unterscheidet grundlegend Verstärkerarten sowie Verstärkerpläne.

Kapitel 2 „Therapeutische Verfahren“ übersetzt die Grundlagen zum Operanten Konditionieren in die praktische Anwendung im breiten Spektrum psychischer Störungen. Besondere Erwähnung finden Techniken wie Shaping, Chaining, Response-Cost, Time-Out, Stimuluskontrolle, Selbstverstärkung und Selbstbestrafung im Rahmen von Selbstmanagement.

Kapitel 3 „Kontingenzmanagement“ stellt die Kontrolle von Konsequenzen mittels Token-Systemen, den Einsatz von Kontingenzverträgen und Mediatoren dar.

Kapitel 4 „Biofeedback“ gibt einen Überblick über die in der Verhaltenstherapie genutzte Selbstmanagement-Methode.

Kapitel 5 „Indikation und Kontraindikation“ sammelt stichwortartig auf einer Seite das breite Spektrum von Indikationsbereichen für operante Verfahren.

Zu Teil 2 Operante Verfahrenim Rahmen komplexer Therapieansätze

Kapitel 6 „Praktische Voraussetzungen und Diagnostik“ beschreibt Aspekte der Verhaltensanalyse, der Bedingungsanalyse (SORCK-Modell an Beispielen) und der Zielanalyse zu Beginn eines therapeutischen Prozesses.

Kapitel 7 „Beim Aufbau neuen Essverhaltens“ stellt die verhaltenstherapeutische Behandlung der beiden Essstörungen Anorexie und Adipositas / Binge-Eating dar. Multimodale Therapieformen bei Essstörungen werden durch diagnostisches und therapeutisches Material und durch längere Passagen konkret beschriebener Therapieverläufe veranschaulicht. Dabei werden immer wieder die Operanten Methoden fokussiert, deren Stellenwert abschließend zusammengefasst wird.

Kapitel 8 „Bei chronischem Schmerz“ fokussiert eine Operante Schmerztherapie, die den Abbau von Schmerzverhalten mit dem Aufbau von körperlichen und sozialen Aktivitäten verbindet. Die Analyse operanter Mechanismen bei chronischem Schmerz ist an sich bedeutsam, besonders aber wenn ein Krankheitsgewinn dominiert.

Kapitel 9 „In der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien“ bespricht Operante Verfahren bei Regulationsstörungen sowie bei den externalisierenden Störungen ADHS und Störungen des Sozialverhaltens. Hierbei finden unterschiedliche therapeutische Settings und ein Kontingenzmanagement in Institutionen und Elternhaus eine facettenreiche Darstellung.

Diskussion

Leserinnen und Leser werden in Teil 1 in die Grundlagen und allgemein in die therapeutischen Anwendungen der Operanten Verfahren eingeführt. Dies gelingt in der Prägnanz und in einer didaktischen Aufbereitung, die es unkundigen Leserinnen und Lesern erlaubt (z.B. im Rahmen eines sozialwissenschaftlichen Studiums) sich einen Überblick über das Thema zu verschaffen. Der deutlich umfangreichere Teil 2 zeugt von der hohen Expertise der Autorinnen in den akzentuierten Anwendungsfeldern Essstörungen, Schmerzstörungen, Regulationsstörungen und externalisierende Störungen im Kindes- und Jugendalter. In der gesamten Publikation wird deutlich, dass die Autorinnen gleichermaßen Theoretikerinnen und Praktikerinnen sind: Es gelingt ihnen zum einen die jeweiligen Anwendungsbereiche als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung auszuweisen, indem sie sich auf eine Fülle von Forschungsbefunden beziehen. Zum anderen machen sie das konkrete therapeutische Vorgehen durch (echte) Fallbeispiele, Ausschnitte aus therapeutischen Gesprächen, Selbstbeobachtungsverfahren, Therapiekontrakten und anderen Materialien aus der Therapie sowie durch den Einbezug auch seltener Settings (z.B. ADHS-Camps) besonders überzeugend.

Die Versiertheit, der flüssige Schreibstil der Autorinnen, eine Lebendigkeit in der Darstellung, verbunden mit einer gewissen Ignoranz, sich an die hochstrukturierte Vorgaben fachwissenschaftlicher Texte zu halten, ist möglicherweise der Grund dafür, dass beim Lesen eine Sogwirkung entsteht, die für wissenschaftliche Publikationen nicht zwangsläufig typisch ist.

Für die Leitidee des Buchs, Operante Verfahren in seiner Anwendung zu demonstrieren, sind die Darstellungen in Kapitel 6 zu Essstörungen und in Kapitel 7 Schmerzstörungen möglicherweise aber zu ausführlich. Mit dem Fokus auf die Störung treten bei der kenntnisreichen Darstellung des gesamten verhaltenstherapeutischen Methodenrepertoires die Operante Verfahren nicht mehr so deutlich hervor, wie es der Buchtitel suggeriert. Vor allem für in der Verhaltenstherapie wenig bewanderte Leserinnen und Leser wäre eine kurze Einführung in die Lerngesetze und in die historische Entwicklung der Verhaltenstherapie hilfreich gewesen, um später die in den Anwendungsbereichen beschriebene Verfahrensgruppen (z.B. auf der Grundlage des Klassischen Konditionierens und eindeutig der kognitiven Verhaltenstherapie zuzuordnende Methoden) besser einordnen zu können.

Leserinnen und Leser, für die Strukturierung wichtig ist, könnten die redaktionelle Seite der Publikation kritisieren. Der Buchtitel mit dem Untertitel suggeriert ein Grundlagenwerk, obgleich es sich eindeutig um eine Publikation mit einem exponierten Anwendungsbezug in einem interessanten, aber dennoch umrissenen Spektrum psychischer Störungen handelt. Des Weiteren finden sich extrem unterschiedliche Kapitelumfänge (zwischen kaum über einer Seite bei Kapitel 5 und 54 Seiten bei Kapitel 9). Die anwendungsbezogenen Kapitel sind nicht vergleichbar gegliedert, was eine inhaltliche Orientierung erschwert. Die Reihe „Techniken der Verhaltenstherapie“ wirbt unter anderem mit einer klaren Struktur – die Fülle an grau unterlegten Hervorhebungen mit unterschiedlichsten Inhalten (Fallbeispiel, Übersicht, Merke, Tabellen) und zahllose fett gesetzte Zwischenüberschriften und Zeilenanfänge überstrukturieren den Text und geraten immer wieder auch mit dem Inhalt in Konflikt (z.B. wenn in Kapitel 2 die Beispiele hervortreten, die Beschreibung der Technik aber nicht).

Fazit

Die Publikation „Operante Methoden“ von Werner und Trunk in der Beltz-Reihe „Techniken der Verhaltenstherapie“ stellt die theoretischen Grundlagen Operanter Verfahren in Bezug zur Anwendung bei Essstörungen, Schmerzstörungen, frühkindlichen Regulationsstörungen und externalisierenden Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen. Die Publikation verbindet solides theoretisches Forschungswissen mit einer durch viele Fallbeispiele und Therapiebausteine verbundenen praxisbezogenen Darstellung. Die Schrift ist engagiert und lesefreundlich verfasst, allerdings könnten redaktionelle Verbesserungen (z.B. Kapitelgliederung und Binnenstruktur bzw. Layout des Textes) die Passung zwischen Inhalt und Form verbessern.

Die Publikation ist zu empfehlen für Studierende der Psychologie, Pädagogik und der Sozialen Arbeit, die sich im Themenfeld bilden wollen. Für (angehende) Psychotherapeutinnen und -therapeuten wird für ein umrissenes Spektrum an psychischen Störungen erprobte Praxis transparent.


Rezensentin
Prof. Dr. Veronika Verbeek
Dipl.-Psychologin, Psychologische Psychotherapeutin, Fach- und Hochschullehrerin
Homepage www.hs-koblenz.de/profile/verbeek/
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Veronika Verbeek anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Veronika Verbeek. Rezension vom 15.12.2017 zu: Natalie Werner, Janine Trunk: Operante Verfahren. Techniken der Verhaltenstherapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2017. ISBN 978-3-621-28434-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23598.php, Datum des Zugriffs 21.01.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!