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Renate Schüssler, Anke Schöning u.a. (Hrsg.): Forschendes Lernen im Praxissemester

Cover Renate Schüssler, Anke Schöning, Volker Schwier, Saskia Schicht, Johanna Gold u.a. (Hrsg.): Forschendes Lernen im Praxissemester. Zugänge, Konzepte, Erfahrungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. 336 Seiten. ISBN 978-3-7815-2142-1. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

Innerhalb der Hochschuldidaktik hat sich Forschendes Lehren und Lernen (im Folgenden abgekürzt mit: Forschendes Lernen) auch jenseits der Erziehungs- und Sozialwissenschaften als Alternative und Ergänzung zu konventionellen Lehr-Lern-Formaten etabliert. Grundidee des Forschenden Lernens ist es, dass die Studierenden selbstständig und methodengeleitet Fragestellungen bearbeiten und eine kritisch-reflexive Grundhaltung entwickeln. Wie im Lehramtsstudium der Ansatz des Forschenden Lernens in den einzelnen Unterrichtsfächern und Bundesländern mit dem Praxissemester verknüpft wird, davon handelt dieses Buch.

Entstehungshintergrund

Das Herausgeber_innenteam, das am Hochschulstandort Bielefeld beheimatet ist, veröffentlichte 2014 den Sammelband „Das Praxissemester im Lehramtsstudium: Forschen, Unterrichten, Reflektieren“, der bereits erste Anregungen für Forschendes Lernen im Praxissemester enthielt. Mit diesem Band knüpfen die Herausgeber_innen daran an und rücken den Ansatz des Forschenden Lernens in den Mittelpunkt. Sie reagieren damit auf die veränderte Ausgangslage, dass einerseits Praxissemester zum festen Bestandteil des Lehramtsstudiums geworden sind und andererseits Forschendes Lernen als didaktische Rahmung des Praxissemesters konzipiert und erprobt wird.

Aufbau

Der Sammelband gliedert sich in fünf Abschnitte.

  1. Im ersten Abschnitt geben vornehmlich Mitglieder des Herausgeber_innenteams die konzeptionellen Rahmungen von Forschendem Lernen wieder.
  2. Danach werden Beispiele aus den drei Stadtstaaten und drei Flächenländern vorgestellt, wie dort Forschendes Lernen und Praxissemester zueinander finden.
  3. Nach den länderspezifischen Zugängen wird näher auf Methoden und Anwendungskontexte für Forschenden Lernen eingegangen.
  4. Wie Forschendes Lernen im Praxissemester angemessen begleitet werden kann, ist Gegenstand des nächsten Abschnitts.
  5. Den Schluss bilden fachspezifische Zugänge zum Forschenden Lernen.

Inhalt

In vielen erziehungs- und sozialwissenschaftlichen Studiengängen, die nicht auf ein bestimmtes Berufsfeld ausgerichtet sind, sind Veranstaltungsformate, in denen Studierende eigene Forschungsaktivitäten planen und umsetzen, seit langem curricular eingebettet, wenn auch häufig im Wahlpflichtbereich. Doch gerade in Studiengängen, wo die Anschlusssysteme bereits bekannt sind und die Übergänge stärker aneinander gekoppelt sind, ist die Gefahr ungleich höher, dass subjektive Theorien der Lehrenden und Lernenden durch die Vermittlung und Aneignung „rezeptartigen Anwendungswissens“ (Fichten, S. 36) reproduziert werden. Es ist deswegen begrüßenswert, dass Anstrengungen unternommen werden, Forschendes Lernen im Lehramtsstudium strukturell zu verankern. Auch das Praxissemester scheint vor diesem Hintergrund eine gute Andockstation für Forschendes Lernen zu sein. Denn hier können schulische Handlungsroutinen und -muster beobachtet und einer kritischen Prüfung unterzogen werden.

An Ideen und Konzepten für die lohnenswert erscheinende Kombination aus Praxisphase und Forschendem Lernen mangelt es offenbar nicht – dem Herausgeber_innenteam ist es gelungen, 40 Beiträge von insgesamt 76 Autor_innen zu gewinnen, die sich den Varianten und Rahmenbedingungen für die Umsetzung von Forschendem Lernen in unterschiedlichen Bundesländern und Disziplinen nähern. Allein die Strukturträgheit an Universität und Schule scheint vielerorts stärker als die aufgezeigten Möglichkeiten und Potenziale. So sehen Schaumburg & Saunders (S. 124) eine „spiralcurriculare Verzahnung der Bachelor- und Master-Phasen des Forschendes Lernens“ als notwendig an. Auch Naeve-Stoß & Tramm (S. 94) kommen zu dem Schluss, dass das Konzept des Forschenden Lernens im Praxissemester ohne vorherige theoretische, methodologische und methodische Grundkenntnisse und Kompetenzen nur eingeschränkt aufgeht. Sie schließen sich deswegen der Forderung an, bereits früh im Studium mit der Vermittlung solcher Kenntnisse und Kompetenzen zu beginnen (Huber 2010, S. 5, zit. nach Naeve-Stoß & Tramm, S. 89). Häufig kommen Studierende erst im Rahmen ihrer Abschlussarbeit damit in Kontakt. Insofern könnte die Verknüpfung von Praxissemester und Forschendem Lernen eine erste Übungsfläche darstellen – ähnlich wie das Unterrichten im Praxissemester für das Referendariat. Konsequenterweise müsste, wie Stoffers (S. 249) fordert, der Grundidee des Forschenden Lernens dann auch im Referendariat ein höherer Stellenwert beigemessen werden. Denn sonst kann sich der im Praxissemester gewonnene forschende Blick auf die Schulpraxis schnell wieder trüben statt weiter schärfen. Damit sich diese Schärfung überhaupt erst einstellen kann, sollte man nach Weyland & Wittmann (S. 24) und Schüssler & Schöning (S. 41) darauf verzichten, die Praxissemester mit einer zu hohen Unterrichtsverpflichtung zu versehen.

Allerdings wird die Messlatte für die Konzipierung und Umsetzung Forschenden Lernens angesichts der zum Teil erst noch schaffenden Rahmenbedingungen hoch eingehängt. „Der Anspruch an Prozesse Forschenden Lernens ist hoch“, stellen zum Beispiel Komoss & Peters (S. 98) fest. Legt man – wie auch die Herausgeber_innen (S. 9) – jenes Verständnis von Forschendem Lernen zugrunde, das sämtliche Stationen des Forschungsprozesses von der Entwicklung der Fragestellung bis zur Veröffentlichung der Forschungsergebnisse unter Beachtung wissenschaftlicher Standards umfasst (vgl. Huber 2009, S. 11), ist fraglich, wie dies unter den derzeitigen Voraussetzungen innerhalb eines Semesters bewältigt werden kann. Diese Frage stellt sich insbesondere dann, wenn so anspruchsvolle und voraussetzungsvolle Verfahren wie die Ethnografie (Kern, Rettberg) eingesetzt werden. Solche optimistischen Plädoyers nähren eher den Generalverdacht gegenüber forschungsorientierten Lehr-Lern-Formaten, dass entweder die dort zum Einsatz kommenden Methoden oder der Forschungsprozess als solcher auf unzulässige Weise verkürzt werden. Und selbst dann besteht immer noch die Gefahr, dass dadurch mehr Frustration, Überforderung und Abneigung gegen Forschung erzeugt als Begeisterung für Forschung geweckt wird.

Denn auch die Beharrungskräfte auf Seiten der Studierendenschaft sind bei der Implementierung von Forschendem Lernen im Praxissemester sicherlich nicht zu unterschätzen. In etlichen Beiträgen ist von einer geringen Akzeptanz bei den Studierenden gegenüber Forschendem Lernen die Rede. Viele Studierende empfinden Forschung als „Fremdkörper“ (Naeve-Stoß & Tramm, S. 94) und mehr als 96 % der Lehramtsstudierenden, die in Flensburg im Rahmen einer Evaluation befragt wurden, halten den Forschungsaspekt für völlig unwichtig und belastend (Großmann et al., S. 86). Auch eine Evaluation in Brandenburg (Schlumm 2011, S. 242 ff. zit. nach Weyland & Wittmann, S. 23) ergab, dass die theoretische Reflexion schulpraktischer Erfahrungen nur einen nachrangigen Stellenwert bei den Studierenden im Praxissemester genießt. Eine große Herausforderung besteht deshalb darin, „die bei vielen Studierenden bestehende Sinnhaftigkeitslücke zu überbrücken“ (Fichten, S. 37).

Fichten (S. 35) hält außerdem ernüchtert fest, dass ausgerechnet Forschendes Lernen selbst kaum wissenschaftlich evaluiert wird: „Es wird viel vermutet und wenig gewusst.“ Umso löblicher ist es, dass in einigen Beiträgen auf entsprechende Bemühungen verwiesen wird, die Anwendung von Forschendem Lernen auf Nutzen und Wirkungen hin zu untersuchen – sei es qualitativ (z.B. Komoss & Peters) oder quantitativ (z.B. Bach 2015, zit. nach Großmann et al., S. 86). Vor diesem Hintergrund ist besonders der Beitrag von Feindt & Wischer erwähnenswert. Aus den inzwischen ausdifferenzierten Zielvorstellungen, Wirkungsannahmen und Begründungszusammenhängen bezüglich Forschendem Lernen haben sie eine Reihe von zentralen Statements herausdestilliert und zu einem Reflexions- oder Evaluationsbogen zusammengestellt (Feindt & Wischer, S. 140 ff.). Diesen Bogen kann man sowohl zu Beginn eines Seminar einsetzen, um die Erwartungen der Studierenden abzufragen, als auch zur Evaluation am Ende des Seminars, um die eigene Umsetzung Forschenden Lernens zu überprüfen.

Diskussion

In vielen Beiträgen des Sammelbands wird darauf hingewiesen, dass nicht das Forschungsergebnis, sondern der Forschungsprozess und die dabei einzunehmende forschende Grundhaltung beim Forschenden Lernen im Vordergrund steht (z.B. Schöning et al., S. 67; Schüssler & Schöning, S. 40). Angesichts der Pionierarbeit, die im Praxissemester hinsichtlich Forschungsmethoden und Forschungspraxis vielfach im Lehramtsstudium noch geleistet werden muss, ist diese Schwerpunktsetzung sicherlich sinnvoll. Fichten (S. 33) insistiert aber zu Recht darauf, dass man bei aller Prozessorientierung nicht das Produkt aus den Augen verlieren sollte, denn gerade aus der Erarbeitung und schriftlichen Fixierung eines belastbaren und anschlussfähigen Forschungsergebnisses gehen wichtige Impulse für die Selbstwirksamkeit der Studierenden hervor. Und nur so können über persönliche Transferleistungen hinaus auch Voraussetzungen für die überfälligen strukturellen und didaktischen Veränderungsprozesse in Schule geschaffen werden.

Der Sammelband hätte git mit einem Abschnitt abgerundet werden können, in dem gelungene studentische Forschungsprojekte in Praxissemestern veröffentlicht werden. Welche konkreten Inhalte und Methoden, Erfahrungen und Ergebnisse angewendet bzw. erarbeitet werden, wird – wenn überhaupt – nur kurz beschrieben (z.B. Clemens et al., S. 323 ff.; Fast et al., S. 319; Holler-Nowitzki & Miller, S. 196 ff.; Rheingans & Heberle, S. 306 ff.; Störtländer & Koch, S. 204). Auch dem Thema Evaluation hätte man durchaus mehr Raum schenken oder zumindest mit konzeptionellen Überlegungen berücksichtigen können, wenn anscheinend noch nicht genügend evidenzbasierte Erkenntnisse über Gelingensbedingungen für Forschendes Lernen im Praxissemester vorliegen. Was man als Leser_in aber auf jeden Fall vermisst, ist ein Abschlusskapitel, in dem die aufgezeigten Umsetzungsmöglichkeiten und -restriktionen für Forschendes Lernen noch einmal gebündelt und pointiert dargelegt werden.

Fazit

In vielen Lehramtsstudiengängen wird seit einiger Zeit der Ansatz des Forschenden Lernens mit Praxisphasen während des Studiums verknüpft. Dahinter steht die Absicht, dass die angehenden Lehrkräfte bereits vor dem Referendariat praktische Erfahrungen in Schulen machen sollen. Indem diese Praxisphase durch Forschendes Lernen begleitet wird, soll vermieden werden, dass Studierende die routinisierte Handlungspraxis in Schule unreflektiert adaptieren oder sich bei Unterrichtsgestaltung allein von ihren eigenen subjektiven Präkonzepten leiten lassen. Insofern ist darin ein Versuch einer weiteren Professionalisierung des Lehrer_innenberufs zu sehen. Die Konzepte, die in diesem Sammelband bezüglich des Einsatzes Forschenden Lernens im Praxissemester zusammengetragen werden, stellen eine große Chance dar, „Theorie und Praxis aufeinander zu beziehen“ (Fichten, S. 35) und eine wichtige Reflexionsschleife in der Lehrer_innenausbildung zu platzieren. Dass dazu noch an anderen organisationsstrukturellen und -kulturellen Stellschrauben in Schule und Hochschule gedreht werden muss, machen einige Beiträge des Sammelbands deutlich. Bis die angehenden Lehrer_innen die forschende Grundhaltung als Teil ihres Professionsverständnisses entwickeln und akzeptieren, dürfte zwar noch ein langer Weg sein (Kleine & Castelli, S. 297). Aber aus der Verknüpfung von Forschendem Lernen mit Praxisphasen im Studium könnten wichtige, prozessbeschleunigende Impulse hervorgehen. Diesen Grundoptimismus zu vermitteln, ist dem Sammelband gelungen.


Rezensent
Henning van den Brink
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fakultät Handel und Soziale Arbeit
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Zitiervorschlag
Henning van den Brink. Rezension vom 05.03.2018 zu: Renate Schüssler, Anke Schöning, Volker Schwier, Saskia Schicht, Johanna Gold u.a. (Hrsg.): Forschendes Lernen im Praxissemester. Zugänge, Konzepte, Erfahrungen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2017. ISBN 978-3-7815-2142-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23600.php, Datum des Zugriffs 21.06.2018.


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