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Hans-Peter Hartmann, Andrea Harms (Hrsg.): Einsamkeit – Bedeutung und klinisches Verständnis (...)

Cover Hans-Peter Hartmann, Andrea Harms (Hrsg.): Einsamkeit – Bedeutung und klinisches Verständnis aus psychoanalytischer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. 320 Seiten. ISBN 978-3-95558-209-8. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR.
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Thema

Aus der Perspektive einer spezifischen psychoanalytischen Schule – des „Wiener Kreises für Psychoanalysen und Selbstpsychologie“ – wird das Phänomen der Einsamkeit anhand von theoretischen Einordnungen, aber auch einer fokussierten Reflexion von Fallbeispielen betrachtet. Der „Wiener Kreis“ vertritt eine Position der Selbstpsychologie in Tradition von Kohut – zur Geschichte der als psychotherapeutische Ausbildungsinstitution in Österreich anerkannten Schule findet sich in dem Herausgeberband ein Beitrag von Erwin Bartosch („30 Jahre Wiener Kreis für Psychoanalyse und Selbstpsychologie“ (S. 19-27).

Aufbau

Das Buch hat zwei Hauptteile:

  1. Im ersten Teil sind die Beiträge der „4. Wiener Selbstpsychologietage“ – mit dem Oberthema Einsamkeit – aufgeführt (insgesamt elf Artikel).
  2. Im zweiten Teil finden sich acht „weitere Beiträge um Thema Einsamkeit“.

Ausgewählte Inhalte

Es würde die Rezension überfordern, alle Beiträge im Detail vorzustellen. Daher erfolgt eine subjektive Auswahl und Schwerpunktsetzung.

Einführend nimmt Sascha Schipflinger eine Begriffsdefinition und Eingrenzung vor: „Einsamkeit“ wird – im Unterschied zu „Alleinsein“ – als Isolation und Abgetrenntsein von anderen erlebt und auch noch einmal von Depression unterschieden. Depression: ist "lost of sense of relatedness", Einsamkeit hingegen: "lost of relatedness" (S. 12f). „Chronische Einsamkeit kann unmittelbar weiter bestehen, selbst wenn sich das depressive Erleben gebessert hat“ (S. 13). Nach der Betrachtung der Bezüge zwischen „Zwillingsübertragung und Einsamkeit“ wendet sich Schipflinger dann dem Bezug zwischen Sozialen Medien und Einsamkeit zu. Er konstatiert, dass „die strukturelle Qualität derart [über die digitalen sozialen Medien] vermittelter Kommunikation“ mit einer „Nichtvalidierung“ von auch verdeckten „emotionalen Erlebnisbereiche“ im Zusammenhang steht und es kommt nach dem Autor zu einer körperlosen oder „entkörperlichten“ Form „der Verbundenheit“ (S. 16). Deutlich werden hier verwischende Grenzen zwischen Schein-Eingebunden sein und Einsamkeit.

Als besonders bemerkenswert hervorzuheben sind zwei Artikelsequenzen, die von sehr offenen Schilderungen von therapeutischen Prozessen ausgehen, die dann im Folgenden von anderen Autor*Innen, ihrerseits selbstpsychologische Analytiker*Innen, kommentiert werden: Zum einen berichtet Eva Mühlegger-Busch in ihrem Kapitel „Einsamkeit und sozialer Rückzug als einzig möglicher Ausdruck von Selbstbestimmung“ (S. 80-89) von dem Fall eines Jugendlichen, der im Verlauf der Psychotherapie immer stärker in ein Einsamkeitserleben geriet, das dann auch die Therapeutin vereinnahmte. Als Spiegel dieser Einsamkeitszustände erfolgte eine immer unregelmäßigere, dann aber wieder durch E-Mailkontakte strukturierte Kommunikation. Nach einer Selbstaktivierung der Therapeutin konnte ein Behandlungsvertrag geschlossen und ein Rahmen geschaffen werden, der zu einer zunehmenden Offenheit des jungen Erwachsenen führte. Mühlegger-Busch zieht ein persönliches Resümee: „Im psychotherapeutischen Prozess ist es … eine große Herausforderung, sich einerseits emotional verfügbar zu halten und andererseits die persönliche Integrität und damit verbundene Verantwortung fortwährend zu reflektieren. Einsamkeit kann beide erfassen, im Sinne einer aus dem Prozess entstehenden isolierten Bezogenheit. Das geteilte emotionale Erleben schafft die Möglichkeit, neu vertrauensvollere Beziehungsweisen zu erleben.“ (S. 89).

Diese Fallvignette wird von Andrea Harms („Diskussion der Fallvignette von Eva Mühlegger-Busch“, S. 90-96) aus einer selbst-entwicklungspsychologischen Sicht reflektiert, das Erleben des Patienten wird in die Entwicklungsthemen der Adoleszenz eingeordnet.

Margarete Maria Lindner wendet sich stärker der „Einsamkeit des Therapeuten“ (S. 97-100) zu. Es wird das Entstehen der „Selbstobjekt-Gegenübertragung“ verdeutlicht, aus der ein wechselseitiges Überwältigt-Werden von Patient und Therapeutin resultiert. Durch die Distanzierung der Therapeutin gelingt es ihr „wieder lebendig zu werden“ (S. 99).

Auch Sascha Schipflinger kommentiert diese Fallvignette (S. 101-105) aus einer „intersubjektiv-assoziativen Lesart“ (S. 101) und kommt zu dem Schluss: „Es ist die Analytikerin, die sich ändern muss, damit sich etwas ändert“ (S. 101). Dabei wird die (nötige) Ambivalenz der der therapeutischen Haltung deutlich: „Das eine ist aus einer Verstrickung herauszukommen, das andere – auf einer tiefen emotionalen Bedeutungsebene – überhaupt in sie hineinzukommen“ (S. 103). Es ist also nötig sich einerseits „immer wieder empathisch am Leben des Patienten zu orientieren“ – andererseits eine Distanz dazu zu entwickeln.

Die weiteren Beiträge im zweiten Teil dieses Buches sind von Chris Jaenicke („Individuelle Lebensthemen in der therapeutischen Beziehung: zwei Schattenmänner“), Gudrun Prinz („Überwindung der Einsamkeit – sich finden kreativen psychoanalytischen Prozess“), Hans Peter Hartmann („Einsamkeit in Gegenwart von anderen“), von Christa Pauliz und Elisabeth Pellegrini („Der Wiener Kreis der Psychoanalyse und die ‚Kindertherapie‘“) sowie von Martin Kossmann („Trennendes oder Verbindendes, das binäre Geschlecht“).

Auch im zweiten Buchteil ist wiederum eine Fallvignette ausführlicher dargestellt, die dann von zwei anderen Psychoanalytiker*Innen kommentiert wird: Die Therapie von Michael Blattny („Katharina Träumt von Sand. Das Leben einer Frau zwischen Missbrauch und (Selbst-)Zerstörung“, S. 150-154) beschreibt den Prozess, „einen gemeinsamen Weg [zwischen Analytikerin und Patientin] zu finden und zu einem tiefen Verstehen der inneren Welt der Patientin, der Bezogenheit zum Analytiker und des Eingebettetseins in der Welt zu gelangen“ (S. 150). Es handelt sich um eine Patientin, die in einer Familie aufgewachsen ist, in der transgenerationale Traumatisierungen stattfanden und auch diese Patientin schwer traumatisiert war.

In der Kommentierung fokussiert Sascha Schipflinger das Beziehungsgeschehen. Dabei wird deutlich, dass die Patientin zunächst versucht ihr lebensgeschichtlich erlebtes interaktionales Geschehen auch in der Analyse zu wiederholen. Mit dem Verstehen dieser Wiederholung findet sich eine langsam zunehmende Bezogenheit zwischen den handelnden Personen. Im Rahmen dieser „Zweipersonenpsychologie“ (S. 159) vollzieht sich der empathische Dialog auch im Sinne eines gemeinsamen Erforschungsprozesses für das „Sein und Erleben der Patientin“ (S. 159).

Der weitere Kommentar von Hans Peter Hartmann zu der Falldarstellung ist ein bemerkenswerter Versuch, sich in die Patientin hineinzuversetzen und die Perspektive, aber auch unbewusste Anteile der Patientin anzusprechen, die sich in den Beziehungsinszinierungen zeigen. Dies macht Hartmann aus der Ich-Perspektive, wodurch der innere Bezug zur Patientin besonders deutlich wird. Dieses Einfühlen erfolgt sehr plastisch (z.B. „Wenn ich wütend und aggressiv ihnen [dem Therapeuten] gegenüber reagiere, dann spüre ich etwas von meiner Lebendigkeit, meiner archaischen Wut und Kampfeslust. Gleichzeitig verliere ich in diesem Moment den Kontakt“, S. 162).

Franz Resch stellt in seinem Beitrag („Gefährdete Entwicklungen von Selbstwert und Identität in der Adoleszenz: Selbstpsychologische und individualpsychologische Perspektiven ergänzen einander“, S. 164-177) die Verbindungen der Individualpsychologie nach Adler und der Selbstpsychologie nach Kohut dar. Dabei stellt er zunächst die gemeinsame Abgrenzung dieser psychoanalytischen Sicht gegenüber dem Freudianischen Triebkonzept heraus; es wird deutlich, dass die Orientierung der Psyche in beiden Schulen, Selbstpsychologie wie Individualpsychologie, eher teleologisch formuliert wird. Im zweiten Absatz wird im Besonderen die Intersubjektivität des Menschen, aber auch der menschlichen Entwicklung hervorgehoben. Dabei wird herausgearbeitet, dass sich sowohl Individualpsychologie als auch Selbstpsychologie auf empirische Erkenntnisse der Säuglingsforschung oder des Mentalisierungskonzepts beziehen. Damit verbunden sind dann auch die therapeutischen Prinzipien, insbesondere die aktivere Rolle des Therapeuten: „Der Analytiker [ist] in der Therapie selbst Teil des Interaktionssystem und nicht bloß Reflektionsschirm oder objektiver Monitor des Geschehens, dessen Selbstbeteiligung im Prozess der Analyse vernachlässigt werden kann“ (S. 169). Gleichfalls werden wichtige Elemente wie z.B. die Affektspiegelung benannt.

Im dritten Abschnitt stellt Resch die Bipolarität intentionaler Selbstbestrebungen – zwischen Einsamkeit und Gemeinsamkeit – ausführlicher vor; dies mündet in der Erkenntnis: „Dass das Selbst durch und durch dialektisch … aufgebaut ist“ (S. 172). Im Fazit spricht Resch von der Wahlverwandtschaft zwischen Selbst- und Individualpsychologie. Es ginge nicht darum „wie sonst üblich, aus Unterschieden unüberwindliche Gegensätze zu konstruieren, die nur der Selbstdefinition auf Kosten der anderen dienen“ (S. 175).

Weitere Artikel im zweiten Teil sind von Martina Ruf („Kann es jemals wieder so werden wie es niemals war?“) von Erwin Bartosch („Poesie und Wirklichkeit. Ein Überblick über die Theorie der Praxis im Wiener Kreis für Psychoanalyse und Selbstpsychologie“) sowie von Dieter Bürgin („Zur K-Kreation eines kooperativen Kontextes“) verfasst.

Fazit

Es handelt sich bei dem Buch um die Betrachtung des Phänomens der Einsamkeit als (möglicher) Bestandteil menschlicher Entwicklung, aber auch menschlichen Seins und entsprechender seelischen Erkrankungen. Dieses wird aus einer spezifischen Psychoanalytischen Schule aus praktischer wie theoretischer Sicht untersucht; die Beiträge sind dabei auf unterschiedlichem theoretischem Niveau. Überzeugend sind die Bezüge zu einer reflektierten Praxis – und hier sind besonders die offenen Falldarstellungen und Kommentierungen hervorzuheben. Deutlich wird, dass die Selbstpsychologie und auch die Individualpsychologie (siehe Beitrag von Resch) im Kern das (tiefe) Verstehen des anderen zum Gegenstand hat. Es geht nicht um hierarchisches Deuten oder das Vorgeben von Programmen. Es geht um reflektierte, im klassischen Sinn analytische, Beziehungsgestaltung und Bezogenheit. Psychotherapie bzw. Analyse wird als ko-konstruktiver Prozess gesehen. Diese – theoretisch auch begründbare – Haltung wird vielfach deutlich.

Das Buch ist nicht nur für Anhänger*innen der Selbstpsychologie empfehlenswert. Es kann auch für Auszubildende und Praktiker*innen in anderen Therapieverfahren hilfreich sein.


Rezensent
Prof. Dr. Klaus Fröhlich-Gildhoff
Hauptamtlicher Dozent für Klinische Psychologie und Entwicklungspsychologie an der EH Freiburg. Approbation als Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Abgeschlossene Ausbildungen in Psychoanalyse (DGIP, DGPT), Personzentrierter Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen (GwG), Gesprächspsychotherapie (GwG). 20 Jahre Tätigkeit als niedergelassener Psychotherapeut und als Geschäftsführer eines Jugendhilfeträgers (AKGG). Supervisor bzw. Dozent/Ausbilder bei verschiedenen Psychotherapie-Ausbildungsstätten. Gemeinsam mit Prof. Dr. Dörte Weltzien Leiter des Zentrums für Kinder- und Jugendforschung an der EH Freiburg; Forschung im Bereich Jugendhilfe, Pädagogik der Kindheit, Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen.
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Zitiervorschlag
Klaus Fröhlich-Gildhoff. Rezension vom 17.01.2018 zu: Hans-Peter Hartmann, Andrea Harms (Hrsg.): Einsamkeit – Bedeutung und klinisches Verständnis aus psychoanalytischer Sicht. Brandes & Apsel (Frankfurt) 2017. ISBN 978-3-95558-209-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23601.php, Datum des Zugriffs 15.08.2018.


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