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Hans-Jörg Assion, Bianca Ueberberg u.a.: Manual interkulturelle Psychoedukation für Menschen mit Migrationserfahrung

Cover Hans-Jörg Assion, Bianca Ueberberg, Tatjana Kaaz: Manual interkulturelle Psychoedukation für Menschen mit Migrationserfahrung. Online: Arbeitsmaterialien auf Türkisch und Arabisch. Schattauer (Stuttgart) 2018. 137 Seiten. ISBN 978-3-7945-3294-0. D: 54,99 EUR, A: 56,60 EUR.
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Thema

Da ein Migrationshintergrund von Patienten als negativer Faktor für Behandlungserfolg empirisch bestätigt ist, ist es dringlich, die Ursachen dafür zu bearbeiten. Hilfsangebote sollen besser auf die Patienten zugeschnitten, die Orientierung im Gesundheitssystem soll ihnen erleichtert und ein Verstehen ihrer Krankheit ermöglicht werden.

Das Manual interkulturelle Psychoedukation (PE) für Menschen mit Migrationserfahrung will diese Anforderungen einlösen. Ziel sei „ein gut informierter und ein gut instruierter Patient, der gelernt hat, durch Veränderungen seiner Einstellungen und Lebensweise auf sein Befinden aktiv einzuwirken und auftretende Beschwerden rechtzeitig und richtig einzuordnen“ (S. 2).

Menschen mit Migrationshintergrund werden laut Statistischem Bundesamt (2017) dadurch definiert, dass sie selbst oder mindestens ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen (S. 1). Die AutorInnen gehen von der Voraussetzung aus, dass Migranten eine heterogene Gruppe darstellen, die sich in Sprache, kulturellem Hintergrund und Lebenssituation voneinander und von Personen aus dem Einreiseland unterscheiden. Sie sind/ waren je spezifischen Belastungen und Krankheitsvulnerabilitäten ausgesetzt und besitzen ein spezifisches Hilfesuchverhalten. Dies müsse nicht nur der behandelnde Arzt, sondern das gesamte pflegerische und therapeutische Personal beachten und entsprechend kultursensibel arbeiten.

Autor und Autorinnen

Die drei AutorInnen arbeiten in verschiedenen Funktionen an der LWL- Klinik Dortmund. Der ärztliche Direktor der Klinik hat seinen Forschungsschwerpunkt im Bereich interkulturelle Psychiatrie und Psychotherapie, die beiden Mitautorinnen arbeiten im Bereich Wissenschaft und Forschung.

Entstehungshintergrund

Auf der Basis ihres breiten Wissens um Patienten mit Migrationshintergrund und auf der Grundlage anerkannter Manuale für PE stellen die AutorInnen ihr Manual vor, mit dem Anspruch, den oben genannten Besonderheiten psychisch erkrankter Menschen mit Migrationshintergrund gerecht zu werden. Eine Evaluation des Manuals ist in Planung.

Aufbau

Das Manual liegt im DIN A 4-Format vor. Es enthält zwei kurze und ein längeres Kapitel.

  1. Das erste Kapitel führt in das Thema Psychoedukation und Migration ein.
  2. Im anwendungsbezogenen zweiten Kapitel werden Grundlagen der PE, Rahmen- und Durchführungsbedingungen vorgestellt.
  3. Das dritte Kapitel beschreibt ausführlich fünf Module der PE für Menschen mit Migrationshintergrund. Die Module sind im Wesentlichen gleich aufgebaut. Sie machen Aussagen zu Ziel, Hintergrund, didaktischem Vorgehen, zur Didaktik der Arbeitsblätter sowie zu möglichen Problemen der Durchführung und deren Lösung. Einzelne Arbeitsblätter für die Patienten schließen sich an. Sie sind in deutscher Sprache abgefasst. Sie enthalten Übungen und multiple choice- Fragen, sowie Fragen, die in offener Form zu beantworten sind. Arbeitsblätter und Abbildungen in Türkisch und Arabisch gibt es zum download.

Das Buch schließt mit Beispielen zu den online verfügbaren Seiten sowie einer Literaturliste, die mit wenigen Ausnahmen Veröffentlichungen nach 2000 enthält.

Inhalt

PE wird als eine Didaktik erklärt, die den Wissensvorsprung der Professionellen an die Patienten weitergibt. Das Wissen wird in der Regel in einer Gruppe vermittelt. Es wird nicht vorgetragen, sondern im Dialog gemeinsam erarbeitet. Bedingungen der Teilnahme sind ein nicht zu geringes Sprachniveau, ausreichende psychische Stabilität und Motivation. Bedingungen einer positiven Wirkung der PE sind eine vertrauensvolle Beziehung zu den Therapeuten und der Gruppenmitglieder untereinander. Die Teilnehmer sind ernst zu nehmen und anzunehmen.

Die ärztliche Diagnose hat zu klären, ob es sich um psychopathologisch oder um kulturell beeinflusstes Verhalten handelt. Es genügt den AutorInnen nach nicht, die Herkunftskultur zu kennen, sondern der kulturelle Einfluss ist bei jedem Patienten spezifisch, an seiner individuellen Biographie orientiert, zu bewerten (S. 3). Für kulturell bedingte Deutungs- und Umgangsweisen finden sich im Manual zumeist nur abstrakte Beschreibungen. Es kann u.a. sein, dass ein Patient Beschwerden in körperlichen Symptomen beschreibt, dass er äußere Gründe für Krankheiten angibt, wie das soziale Umfeld oder Geisterwesen aus einer Parallelwelt; es kann sein, dass er seiner Familie einen besonderen Stellenwert einräumt, evtl. mit der Folge, dass eine kritische Auseinandersetzung mit ihr nicht möglich ist.

  1. Im 1. Modul der PE werden die Patienten angeleitet, sich ihren Migrationsprozess bewusst zu machen.
  2. Sie erfahren anschließend, wie wichtig soziale Kontakte und Integration (Modul 2) für ihre Gesunderhaltung sind, und lernen zu klären, wie es diesbezüglich bei ihnen steht und ggfs. was verändert werden kann.
  3. Um im deutschen Gesundheitssystem (Modul 3) gezielter an Hilfe zu gelangen, erhalten Patienten konkrete Informationen zu rechtlichen Grundlagen der Inanspruchnahme von Behandlungen sowie zu Einrichtungen vor Ort.
  4. Das Modul 4 Vorsorge und Rückfallschutz zeigt die Möglichkeiten der Einflussnahme auf, die der Patient in seiner Lebensgestaltung – z.B. durch Ernährung, Schlafverhalten, Stressreduktion –, und durch Beachtung der Therapievorgaben der Professionellen hat. Vor dem Hintergrund des Vulnerabilitäts-Stress-Modells und mit der Information darüber, dass Denken, Fühlen und Handeln miteinander zusammenhängen und sich gegenseitig bedingen, entwickeln und plausibilisieren die Autoren ihren verhaltenstherapeutischen Ansatz der Veränderung.
  5. Das 5. Modul stellt PE bei fünf psychischen Erkrankungen, nämlich Depression, Schizophrenie, Angststörung, und posttraumatische Belastungsstörung sowie Sucht vor. Die Erkrankungen werden eingangs anhand zentraler Anzeichen und Belastungen erläutert. Eine Eigendiagnose soll aber nicht daraus erwachsen; wird das nicht entsprechend kommentiert, können Patienten sich aber dazu verleitet fühlen. Informationen zur Differentialdiagnostik werden nicht angeboten; sie würden die Patienten auch überfordern. Für jede der psychischen Störungen werden Schutzfaktoren benannt; der Patient soll überlegen, welche der Schutzfaktoren er besitzt. Für zuverlässige Medikamenteneinnahme bei Depression, Schizophrenie und Angst wird plädiert, medikamentöse Nebenwirkungen werden lediglich für Antipsychotika aufgeführt. Die Patienten erfahren, dass das Risiko, erneut an Schizophrenie zu erkranken, durch regelmäßige Medikamenteneinnahme um 60 % reduziert wird (S. 77 und S. 97), aber nicht, dass es eine Debatte um Medikamente und Rückfallhäufigkeit gibt.

Die in jedem Modul auszufüllenden Arbeitsblätter sind ansprechend gestaltet. Sie bauen aufeinander auf und ergeben nach und nach einen Wissensfundus. Sie sind anschaulich durch Bilder und Grafiken und fordern zum Nachdenken auf. Angehörige erhalten unter der Überschrift: „Ratsam für Angehörige wäre es, wenn …“ Hinweise zum Umgang mit ihrem psychisch kranken Familienmitglied.

Diskussion

Das Manual zielt darauf, dass Patienten einen eigenverantwortlichen Umgang mit ihrer Krankheit erreichen.

Um das zu erreichen ist zunächst Wissen über das Gesundheitssystem weiterzugeben. Die hierbei mitgeteilten Berufe (Psychiater, Psychologe, Neurologe, Psychosomatiker) müssen allerdings ausführlich erläutert werden, um verstanden werden zu können. Zu den manchmal mühevollen Wegen, an Hilfe zu gelangen, steht in dem Manual nichts (z.B. dass man eine Überweisung vom Hausarzt braucht, um zum Facharzt gehen zu können, dass es für Therapien Wartezeiten gibt und dass der gefundene Therapeut nicht zu einem Patienten passen könnte und deshalb dann weitergesucht werden muss). Das Arzt- Patient-Verhältnis wird insofern als ideal skizziert, als eine Begegnung auf Augenhöhe stattfinden soll. Das erfordert, dass der Patient mündig ist, kritisch gegenüber dem Arzt sein und dessen Kompetenz beurteilen kann (S. 45). Bereits für einheimische, hier sozialisierte und sprachlich souveräne Patienten ist es schwierig, das zu erreichen.

Die im Manual eingangs dargestellten Fallvignetten machen deutlich, dass für die behandelnden Professionellen ein Problem darin besteht, wenn Patienten ein Krankheitsverständnis/ eine Krankheitseinsicht und somit eine Behandlungseinsicht fehlt. PE will dem durch Erreichen von Compliance/ Adhärenz abhelfen, so als wären beide Ziele gleichwertig und nicht weiter reflexionsbedürftig. Auch das jeweils zugrundeliegende Paradigma (Gesundheitserziehung/ Gesundheitsförderung) wird nicht erläutert,

Selbsthilfe beinhaltet laut Manual auch, dass festgefahrene Gedankengänge, Einstellungen und Lebensweisen geändert werden müssen. Bei der Rezensentin entsteht anhand der Veränderungsvorschläge gelegentlich der Eindruck, als sollte der Patient sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. So wird zur Stressbewältigung unter anderem geraten: „ich sollte optimistisch sein und Freude am Leben haben“ (S. 73) oder zum Schutz vor Depression: „ich bin optimistisch und blicke positiv in die Zukunft“ (S. 88). Oder es sind zur Angstbewältigung die Gedanken so verändern, dass man der Angst nicht mehr hilflos gegenüberstehen muss (S. 104). Blickwechsel, kognitive Umstrukturierungen sowie alternative positive Aktivitäten sind zweifellos hilfreich. Sie sollten aber nicht lediglich als normativ gefordert verstanden werden. Die Patienten müssen stimmige eigene Zielvorgaben finden dürfen. Um seine Lebensweisen verändern zu können, braucht es zudem Ressourcen; die AutorInnen verstehen diese auch als noch aufzubauend. Dabei sollte den Patienten deutlich mitgeteilt werden, dass manche Ressourcen der Gesunderhaltung an materielle Voraussetzungen und Bedingungen des Sozialraums gebunden sind, die unabhängig vom Patienten selbst sind.

Fazit

Das Manual interkulturelle PE wendet sich u.a. an Mediziner, Psychologen und Sozialarbeiter, um PE für Menschen mit Migrationshintergrund stationär oder ambulant kultursensibel anleiten zu können.

Die Patienten erhalten eine strukturierte, gehaltvolle und anschaulich gemachte Orientierung im Gesundheitswesen. Zur Selbstfindung verhilft ihnen, dass sie die eigene Migration mitreflektieren können. Sie werden angeleitet, ihre Krankheit kennen und verstehen zu lernen, aber nicht dazu, eine Auseinandersetzung zwischen den mitgebrachten kulturellen und subjektiven und den hierzulande verwendeten Krankheitsvorstellungen zu führen. Stattdessen sollen die Patienten kennenlernen, wie in Deutschland Krankheit theoretisch gedacht und wie sie behandelt wird und was Patienten in diesem Rahmen selber tun können, um gesund und nicht wieder krank zu werden.

Es wird ein Konzept der interkulturellen PE vorgestellt, über dessen Umsetzung und Evaluation es noch keinen Bericht gibt. Ein Gütekriterium sieht die Referentin darin, dass die Patienten darin unterstützt werden, ggfs. auch jenseits der vorgeschlagenen Möglichkeiten der Hilfe und Selbsthilfe passende eigene Wege zu finden.


Rezensentin
Prof. Dr. Angelika Franz
Evangelische Hochschule für Soziale Arbeit Dresden
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Zitiervorschlag
Angelika Franz. Rezension vom 29.01.2018 zu: Hans-Jörg Assion, Bianca Ueberberg, Tatjana Kaaz: Manual interkulturelle Psychoedukation für Menschen mit Migrationserfahrung. Online: Arbeitsmaterialien auf Türkisch und Arabisch. Schattauer (Stuttgart) 2018. ISBN 978-3-7945-3294-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/23603.php, Datum des Zugriffs 26.05.2018.


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